Das wird die Woche, die wird

Nach der gerade abgelaufenen Superwoche (morgen dazu ein langer Beitrag) ist das Programm ab heute doch relativ überschaubar. Die Reitersleute suchen in Aachen noch diverse Weltmeister, am Wochenende kommt es zur 1. Pokalrunde mit durchaus attraktiven Begegnungen. Dazu das Tennis-Masters in Cincinnati.

 

Die berühmte Soers im Blickpunkt

 

Die Aachener Soers gilt bei den Springreitern als der Heilige Gral. Ein Stadion extra für den Pferdesport mit 40.000 begeisterten wie fachkundigen Zuschauern, die jeden Ritt geradezu in sich aufsaugen und nicht nur die deutschen Pferd/Reiter-Paare feiern. Die Springprüfungen sind Höhepunkt jeder Reiter-WM (nix für ungut, Vielseitigkeit, Dressur und Voltigieren). Die besten Teams werden am Mittwoch und Donnerstag ermittelt und der beste Einzelreiter am Sonntag. Leider schon länger nicht mehr in einem Vierer-Turnier, als jeder Starter nicht nur mit seinem eigenem Pferd, sondern auch mit denen der drei Konkurrenten den Parcours meistern musste. Die Deutschen gehören sowohl im Team als auch im Einzel zu den Favoriten, obs dann wirklich zum Titel reich, bleibt abzuwarten.
Sehr stark dürften die deutschen Dressur-SpezialistInnen auftrumpfen. Isabell Werth hat weiter ein Spitzenpferd (Wendy), mit dem sie in der Kür Bronze hinter der unerreichbaren Olympiasiegerin Charlotte Fry (Glamourdale) und Caritne Laudrup-Dufour (Mount St. John Freestyle) Bronze eroberte und ihre 14. WM-Medaille holte. Von Mittwoch bis Freitag werden noch Mannschafts- und Einzelmedaillen im Grand Prix Special verteilt. Der Unterschied zur Freien Kür: Hier gibt es ein festes Programm mit genau geregelten Prüfungen für Pferd und Reiter, geritten wird ohne Musik. Und trotzdem dürften die gleichen Frauen vorn sein. Sach ich jetzt einfach mal

 

Masters als Generalprobe

 

Offiziell ist das Tennis-Turnier von Cincinnati das 7. Masters (von insgesamt 9) des Jahres. Inoffiziell die letzte Formüberprüfung vor den US Open, die am 30. August beginnen. Bei den Männern fehlen wie schon in Montreal mit Jannik Sinner und Carlos Alcáraz die beiden besten Profis. Sinner hat nach seinem Wimbledonsieg kein Turnier mehr bestritten, aber viel schlimmer steht es um Alcáraz. Wegen der Handverletzung fehlt er seit Mai, seinen ursprünglich für Cinci geplanten Start hat er abgesagt. Ob er in New York antreten kann, erscheint mittlerweile sehr fraglich.

Die ersten Runden haben die Topspieler schon absolviert, und mit Ben Shelton hat es schon einen Mit-Favoriten erwischt. Der gerade gekürte Turniersieger von Montreal musste sich dem Portugiesen Faria beugen. Ebenfalls schon raus ist Novak Djokovic, der sich während der Partie gegen Tirante übergeben musste. Die Top 2, Zverev und Auger-Alliasime sind dagegen noch im Rennen.

Bei den Frauen sind die ganz großen Überraschungen bisher ausgeblieben (das ist bei diesem auch in der Spitze unbeständigen Feld allerdings schon eine Überraschung). Gespannt bin ich auf die Toronto-Siegerin Iga Swiatek, die in Kanada endlich wieder zu alter Form gefunden hat.

 

Wem gelingt die Cup-Sensation?

 

Die 1. Runde des DFB-Pokals ab Freitag garantiert Überraschungen. Nur welchen der 18 Erstligisten es erwischt, das ist halt die Frage. Gefährdet scheint mir vor allem der VfB Stuttgart bei Hansa Rostock (Freitag, 20:30), auch weil die Drittligisten (wie die Zweitligisten) schon 2 Spieltage absolviert haben, während die Bundesligisten den Saison-Auftakt absolvieren, echte Wettkampf-Praxis also fehlt. Weitere besonders heikle Aufgaben stehen demnach dem FC Augsburg (Samstag beim Zweitligisten FC Energie Cottbus), Bayer Leverkusen (Samstag be Wehen Wiesbaden, das im vergangenm jahr die Bayern am Rade einer Niederlage hatte) und die Elversberg (beim Regionalligisten MSV Duisburg).

Meine Löwen empfangen am Samstag (18 Uhr) im Grünwalder Stadion Holstein Kiel, eine Überraschung ist erwünscht.

Die Auftaktpartien von Bayern München und Borussia Dortmund finden zu einem späeren Zeitpunkt statt: Der Meister und Vizemeister bestreiten am Samstag den Supercup (20:30 im Westfalenstadion)

 

Und sonst?

 

  • Fußball: Die Premier league beginnt am Samstag. Klarer Favorit ist Titelverteidiger FC Arsenal. Die Londoner scheinennnoch stärker und gefestigter als in der vergangenen Saison. Das 3:0 im Community Shield (englischer Supercup) am Samstag beeindruckte Fans und Experten. Näheres zur PL am Ende der Woche in einer gesonderten Vorschau.
  • Champions League: Hinspiele der 4. und letzten Qualifikationsrunde am Dienstag und Mittwoch. Wer diese übersteht, hat die Geldtöpfe sinder erreicht, die Verlierer sind zum Trost in der Europa League. Von den insgesamt 7 Partien sticht für mich die Partie zwichen Celtic Glasow und dem LASK ins Auge (Mittwoch im Celtic Park), also der schottische gegen den österreichischen Meister. Ein echtes Duell der Außenseiter werden die beiden Partien zwischen Beer Sheva (Israel) und Sabah (Aserbaidschan) sein.
  • Leichtathletik: Nach der EM ist vor der Diamond League. Ein erlesenes Feld wartet am Donnerstag in Lausanne auf, wenn Europameister auf die besten Athleten aus aller Welt treffen, respektive sich in einer Revanche mit knapp geschlagenen platzierten messen. Besdondere Aufmerksamkeit genießt natürlich die Schweizer 800-Meter-Meisterin Audrey Werro, auch wenn die Britin Odgkinsonoffenbar nicht am Start ist. Die Bahn in Lausanne ist ziemlich schnell, das Wetter muss halt mitspielen.
  • Golf: Schon die 2. Runde der Fedex-Ausscheidung in den USA. Startberechtigt bei den BMW Championships in St. Louis ab Donnerstag sind nur noch 70 Profis, nur 50 erreichen die nächste Runde.
  • Radsport: Die Vuelta beginnt am Samstag, nämlich mit einem 8-Kilometer-Zeitfahren in Monaco. Ziel wird nach 21 Etappen Granada im Süden des Landes sein, im zweifel nahe der Alhambra. Die Spanien-Rundfahrt ist die dritte der drei großen, dreiwöchigen Rundfahrten, hat aber längst nicht die gleiche Bedeutung wie die Tour de France und auch nicht die des Giro. Das könnte sich dieses jahr ändern, weil Tadej pogacar am Start sein wird. Denn der Vuelta-Sieg fehlt noch in de überreichen Sammlung des Slowenen. Alles andere als ein überlegener Erfolg wäre eine faustdicke Überraschung, einer der Konkurrenten wird der österreichische Giro-zweite Felix Gall sein, der für die Frankreich-Rundfahrt aussetzte (aussetzen mussteI.
    Typisch sind die sehr schwierigen Bergetappen mit extrem steilen Anstiegen, die Landschaft in Spanien kommt allerdings längst nicht so spektakulär und abwechlungsreich daher wie die in Frankreich.

Das war die Woche, die war

Ein fantastischer Bodensee-Urlaub mit Traumwetter (fast schon zu heiß) liegt hinter mir. Allerdings führt der See so wenig Wasser wie noch nie, und alles ist sehr ausgetrocknet. Ich hab gelesen, dass der Bodensee in 20.000 Jahren versandet sein wird (man bekommt eine Ahnung, warum). Da wir sehr liebe Gäste hatten, habe ich das Sportgeschehen nur rudimentär verfolgt. Letztlich ist nur sehr wenig hängengeblieben. Dem Machtkampf FIFA-Präsident Gianni Infantino vs UEFA werde ich im Laufe der Woche noch ein paar Sonderzeilen widmen (großer Seufzer).

 

Demi Vollering Siegerin einer spannenden Tour

 

Alles ist bei den Frauen ein bisschen kleiner als beim Radspektakel der Männer. Nur gut eine Woche statt drei, 9 Etappen statt 21. Nicht zuletzt auch das Preisgeld: Der Tour-Sieger streicht 500.000 Euro ein, die Tour-Siegerin 50.000. Aber Jahr für Jahr steigt das Interesse an der Tour de France femmes. An der Strecke, bei den Einschaltquoten, auch wenn die ARD nicht jede Etappe im linearen Programm zeigte. Doch Eurosport Deutschland meldete zum Teil sogar mehr Zuschauer, als das bei den Männern der Fall war.

Warum? Weil die Frauen-Tour Spannung verspricht und auch hält – in diesem Jahr in der Tat bis zur letzten Bergwertung. Ganz anders also als bei der Pogacar-Triumphfahrt, als der Slowene bereits nach der ersten Woche als Gesamtsieger praktisch feststand. Bei den Frauen wechselte das Gelbe Trikot der Gesamtführenden hin und her. Nach der Königinnen-Etappe am Donnerstag hoch zum legendenumrankten Mont Ventoux sah noch die Polin Kasia Niewiadoma wie die Siegerin aus, als sie der Konkurrenz in einer beeindruckenden Solofahrt enteilt war. Doch die Holländerin Demi Vollering gab sich keineswegs geschlagen. Am „kahlen Berg“ hielt sie dank eines großartigen letzten Kilometers den Rückstand im Grenzen und auf den letzten beiden Teilstücken am Wochenenden in den Seealpen rund um Nizza schlug dann ihre Stunde.

Am Samstag übernahm die 29-Jährige das Gelbe Trikot, nur 8 Sekunden vor Niewiadoma, und dieses mittlerweile auch im Frauenradsport begehrteste Kleidungsstück verteidigte sie auch auf dem letzten Teilstück. Am letzten Anstieg trat die Holländerin unwiderstehlich an, distanzierte alle Konkurrentinnen und sicherte sich nicht nur den Etappensieg, sondern auch den Triumph in der Gesamtwertung, zum zweiten Mal nach 2023. Kasia Niewiadoma, Siegerin 2024, blieb nur der 2. Rang.

Das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin sicherte sich Antonia Niedermaier. Die 23-jährige Rosenheimerin wehrte auf dem letzten Teilstück alle Angriffe der Konkurrenz ab und beendete ihre erste Tour auf dem 4. Gesamtplatz. Diese Leistung ist umso höher einzuschätzen, da Niedermaier nicht auf eigene Rechnung fuhr, sondern im deutschen Team  Canyon-SRAM als Edelhelferin für  Niewiadoma eingeplant war; sich also oft in den Wind stellen musste und dabei Kräfte verbrauchte, die eine Mannschaftskapitänin im Windschatten schonen kann. Begonnen hatte sie ihre sportliche Karriere als Skibergsteigerin, erst 2022 sattelte sie im Wortsinn um. Erfolge stellten sich früh ein, und Experten und vor allem auch ihre Teamführung trauen Antonia Niedermaier in den kommenden Jahren durchaus einen Toursieg zu. Deutsche Radfans dürfen nun Wetten abschließen, wer zuerst die Tour gewinnt (nona): Antonia Niedermaier oder Florian Lipowitz. Der Vorteil der Bayerin: eine Überfahrerin wie bei den Männern Tadej Pogacar gibt es bei den Frauen nicht – trotz Vollering und Niewiadoma.

 

Munterer Saisonstieg im Unterhaus

 

In einem waren sich die Experten vor dem Start der 2. Fußball-Bundesliga einig. Es kann praktisch alles passieren. Zwar gilt Absteiger VfL Wolfsburg dank des mit Abstand höchsten Budgets und einer groß angelegten Einkaufstour als klarer Favorit, aber das Unterhaus hat seine Tücken, wie die Niederrsachsen schon am 1. Spieltag feststellen mussten, als sie zu Hause gegen den 1. FC Kaiserslautern nicht über ein 0:0 hinauskamen. Wenn ich die prognose wagen darf: ein Durchmarsch wird auch den Wolfsburgern nicht gelingen, sie müssen froh sein, wenn der Wiederaufstieg überhaupt gelingt.

Es war ein durchaus munterer Auftakt, einer mit Überraschungen. Die wahrscheinlich größte gelang Aufsteiger Energie Cottbus, der im heimischen Stadion der Freundschaft Hannover 96 mit 3:1 Toren bezwang. Ich selbst hab die Partie nicht verfolgt (der heiße Bodensee), aber das Ergebnis entsprach offenbar absolut nicht dem Spielverlauf. Die 96er schafften mal wieder einen unglublichen Chancen-Wucher (der sie in der vergangenen Saison den Aufstieg kostete), scheiterten auch mit den besten Einschuss-Möglichkeiten am überragenden Schlussmann Marcel Lotka, der gleich acht zum Teil grandiose Paraden zeigte. Ich bin auf das weitere Abschneiden der Lausitzer sehr gespannt, zu denen ich ja seit meiner Zeit in Frankfurt (Oder) ein besonderes Verhältnis habe, weil ich sie mehr als ein Jahrzehnt aus beruflichen Gründen intensiv „betreut“ habe.

Bei Weitem nicht so gut ging es den anderen Ost-Clubs: Der 1. FC Magdeburg (1:6 gegen Braunschweig) und Dynamo Dresden (0:3 beim 1. FC Nürnberg) finden sich gleich am Tabellenende wieder. Panik sollte hier wie dort allerdings niemand schieben, genauso wenig wie die siegreichen Teams in allzugroße Euphorie verfallen dürften.

 

Und sonst?

 

  • 3. Liga: Erfolgreicher Saisonstart für den Jahn Regensburg, der bei Victoria Köln gleich mit 5:2 gewann. Erstaunlicher Doppeltorschütze: Adrian Fein, der zum allerersten Mal in seiner Profi-Karriere gleich zweimal traf (und noch einen Assist gab). Den Werdegang des mittlerweile 27-Jährigen verfolge ich tatsächlich seit seiner Kindheit, denn er ist der Sohn eines meiner besten Freund (der es als Löwen-Fan für gut befand, dass der damals 11-jährige Adrian zum FC Bayern wechselte und dort die gesamte Ausbildung absolvierte).
  • Golf: Sehr verspätet (der Bodensee) möchte ich Esther Henseleit rühmen. Die Deutsche wurde am vorvergangenen Sonntag bei den British Open Zweite. Erst im Stechen musste sich die Silbermedaillengewinnerin von Paris der Japanerin Shiho Kuwaki beugen. Als Trost bleiben ihr eine Million Dollar Preisgeld und der inoffizielle Titel „Schlag des Turniers“: der unfassbare Monsterputt am 18. Loch der Schlussrunde, mit dem sie das Stechen erreichte.https://www.n-tv.de/sport/mediathek/videos/sport/Henseleit-begeistert-mit-Monster-Putt-und-verpasst-Titel-dramatisch-id31151494.html

 

 

Infantinos prompter Rückzieher, aber das Vertrauen ist zerstört

Diese Übernahme-Fantasie hat sich dann doch schnell erledigt. Nicht einmal eine Woche, nachdem Gianni Infantinos Plan, Teile der WM-Rechte an eine Investoren-Gesellschaft im Dunstkreis von Donald Trump zu verhökern, folgte der Rückzieher. Zu stark die Kritik: nicht nur die UEFA, die mit einem Boykott aller FIFA-Turniere drohte, solange dieser Plan nicht komplett abgeräumt werde, sondern auch von anderen Kontinental-Verbänden aus Nordamerika und Asien.

Infantino zog also gestern Nacht die Notbremse, erklärte das Unternehmen für beendet. Er bedauere die Unstimmigkeiten, er habe nur zum Wohle des Fußballs gehandelt. Das Ziel der Fifa sei es, stets zu vereinen und zu verbessern, sagte Infantino weiter. „Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt.“

 

Da sprach ein gescheiterter Herrscher, aber nicht aus Überzeugung, sondern allein, um den Schaden, den er angerichtet hat, zu minimieren. Den Schaden, den er persönlich erleiden könnte. Denn zumindest die UEFA will jetzt Blut sehen, Infantinos Blut. Das ohnehin schon angeknackste Verhältnis zwischen dem wichtigsten Kontinentalverband und der Infantino-FIFA ist jetzt komplett zerrüttet. Jetzt hat der umtriebige Schweizer aus Sicht der Verbände alles erträgliche Maß überschritten, sämtliches Vertrauen ist verspielt.

Es war ja nicht nur der aberwitzige Plan an sich von Infantino, die WM-Rechte zu verscherbeln. Sondern vor allem auch die Art und Weise, die extrem sauer aufstieß: nämlich die übelsten Hinterzimmer-Deals ohne irgendwelche konkreten Rechte und Pflichten, aber auch ohne jegliches Einbeziehen der wichtigsten Gremien. Das Ganze kam am Montag ja nur durch eine Indiskretion heraus. Offenbar wollte Infantino den Entscheidern (also den 211 FIFA-Verbänden noch weniger Zeit geben. Die 20 Millionen, die jedem Verband bei einem Ja zustehen würden, sollten jedwede rationale überlegung ausschalten. Platt gesagt: Infantino rechnete schlicht damit, dass viele Funktionärskollegen mindestens so skrupellos und geldgierig wären wie er, ganz falsch liegt er mit dieser Annahme wahrscheinlich gar nicht. Aber nicht nur für ihn kam die harsche und unwiderrufliche Reaktion samt Boykott-Androhung überraschend.

 

Infantinos Zukunft sehr unsicher

 

Es ist gerade schwer vorstellbar, wie Infantino selbst auch nur ein einigermaßen normales Verhältnis mit dem europäischen Verband wiederherstellen will. Zu harsch die Kritik, und bei einigen, die bisher mit der Faust in der Tasche jede noch so große Sauerei Infantinos (der Friedenspreis für Trump fällt mir gerade ein) mitgemacht haben, knallt jetzt der ganze Frust ungefiltert heraus. Die UEFA warf Infantino vor, einen schäbigen und undurchsichtigen Deal eingefädelt zu haben. Dass dieser gescheitert sei, sei zwar ein Sieg für den gesamten Fußball. „Aber das darf nicht das Ende sein.“

Da der machtbesessene Infantino aus freien Stücken nicht abdanken wird, muss er eben abgewählt werden. Im März 2027 steht die Wahl zum FIFA-Präsidenten an. Noch immer kann sich Infantino im Normalfall auf sehr viele kleinere Verbände verlassen, deren Top-Funktionäre Geldgeschenken sehr zugetan sind. Um den Schweizer wirklich abzuwählen, braucht es jetzt einen starken Kandidaten (eine Kandidatin wäre leider in vielen Ländern immer noch nicht vorstellbar). Wenn die UEFA sich geschlossen auf einen geeigneten Mann einigen könnte (vielleicht ein Ex-Profi, der überall Sympathien gewonnen hat?), der auch für andere Kontinententalverbände wählbar ist, dann könnte tatsäclich das bis vor zwei Wochen Undenkbare geschehen: dass Infantino bald nicht mehr FIFA-Präsident ist. Dessen Widerstandfähigkeit darf aber niemand unterschätzen.

Die UEFA antwortet radikal auf die Erpressung!

Was für eine Gegenmaßnahme der UEFA!

Einstimmig haben die 55 Verbände am Donnerstag beschlossen, dass jedes FIFA-Turnier boykottiert wird, solange das Vorhaben der Veräußerung der WM-Rechte an Investoren auch nur „im Raum steht!“. Es wird verlangt: ein klares, unwiderlegbares und unwiderrufliches VERSPRECHEN seitens der FIFA (sprich: Infantino und seinen Mitstreitern), dass diese Pläne beerdigt werden. Kein Lavieren, kein Schaunmermal, auch kein Feilschen um mehr Anteile, sondern ein Junktim: Wir, die europäischen Länder, machen bei allen FIFA-Turnieren nur noch mit, wenn dieses Szenario weg ist – und zwar für alle Zeiten. Das gilt ab sofort, also schon für die U-20-WM der Frauen ab 5. September in Polen.

Ich hätte eine derartig klare und scharfe und unzweideutige Reaktion tatsächlich nicht erwartet; mein Vertrauen gerade auch in die europäischen (nationalen) Verband-Funktionäre ist sehr klein. Von der man auch nicht mehr so ohne Weiteres wieder runterkommt. Das ist auch als eindeutiger Fehde-Handschuh gegen Infantino selbst zu verstehen und als Selbstkritik, viel zu lange den Untrieben des mafiösen FIFA-Bosses zugeschaut zu haben. Zwischen den zeilen steht ebenso als Signal für die anderen Kontinental-Verbände: mit diesem Menschen wollen wir im Prinzip überhaupt nichts mehr zu tun haben

Ich gehe schwer davon aus, dass diese radikale Reaktion auch mit den Club-Vertretern und auch Spieler-Vertretern abgesprochen war (die von so einem Boykott am ehesten betroffen wären).

Infantinos schamloser Griff nach der Macht

Ich hatte ja sehr gehofft, nach dieser Weltmeisterschaft für ein paar Monate nichts von Gianni Infantino hören würde. Dass der FIFA-Boss höchstzufrieden in seinem FIFA-Schloss in Zürich oder Dubai oder sonstwo die Milliarden zählen würde, die dieses merkwürdige Fußball-Turnier in Nordamerika dem Weltverband beschert hat.

Eine trügerische Hoffnung, denn diese Woche platzte der Schweizer mit einem schamlosen Deal in die Vorbereitung für die neue Saison. Danach soll die Weltmeisterschaft an Investoren verkauft werden. Nicht vollständig, aber doch zu einem Viertel, die Rede ist von 20 bis 30 Prozent. Als Verkaufspreis stehen 20 Milliarden Dollar im Raum. Eine Riesensumme, die sich angesichts der unglaublichen Gewinne bei einer WM schnell amoritsieren dürfte.

Mit einem Interessenten sind die Verhandlungen schon sehr weit gediehen. Es heißt, die Regierung von US-Präsident Donald Trump sei bezüglich des Plans konsultiert worden, die Investmentbank JP Morgan wickele den Prozess ab. Infantino, der laut Statuten nur bis 2031 FIFA-Präsident bleiben darf, könnte anschließend Kommissar der neuen Organisation werden. Dann könnte sich sein Jahresgehalt verzehnfachen. Roger Goodell, der Commissioner der NFL, verdient gut 60 Millionen Dollar per anno. Der Unterschied: Goodell ist Angestellter der NFL, er muss das umsetzen, was die Owner mehrheitlich beschließen.

 

Erpressung mit Geldgeschenken

 

Infantino wäre nicht der mafiöse FIFA-Boss, würde er den Verbänden nicht die Pistorle auf die Brust setzen. Diese nämlich müssen bis September die Pläne absegnen, mit der einfachen Mehrheit bei einer Abstimmung der 211 Mitgliedsverbände. Damit sie das tun, werden sie mit Geld geködert, sehr viel Geld. Nach konservativen Berechnungen würden sie 5 Millionen Euro pro Jahr kassieren statt bisher etwa 2 Millionen. Das mag bei einem Riesenverband wie den DFB nicht die ganz große Summe sein, wohl aber für Winz-Verbände wie Vanuatu oder Fiji (nix für ungut). Die nach den one-country-one-vote-Regularien der FIFA aber die gleiche Stimmgewalt haben. Eine weitere Sauerei: Laut Infantino sollen nur die Verbände kassieren, die mit „Ja“ stimmen (offenbar ist keine geheime Wahl geplant).

Es droht also nicht anderes als der Total-Ausverkauf des Fußballs, falls denn eine Steigerung überhaupt noch möglich ist. Denn auch wenn die Investoren angeblich keinen direkten Einfluss auf die WMs haben dürfen (neben den Männern auch die der Frauen und die Club-WM), ihre rein finanziellen Interessen finden natürlich trotzdem Gehör, was Austragungsort und Modus betrifft. Und so schwirren schon die Szenarien von der WM alle 2 Jahre (natürlich mit dann 64 Teams), gerne auch mit weiteren werbe-freundlichen Regeländerungen, das hat ja schon bei der „Trinkpause“ prima geklappt.

 

Die UEFA schäumt

 

Die erste Reaktion des europäischen Verbandes war: glatte Ablehnung, ja Verurteilung der Pläne. Damit sei eine „rote Grenze“ überschritten, heißt es in einer Stellungnahme. Für Donnerstag  ist eine Dringlichkeitssitzung aller Verbände anberaumt. Einziges Thema: nicht mit uns. Und Europa hat ein sehr scharfes Verteidigungsschwert: den Austritt aus der FIFA, zumindest den Boykott der WM. Eine WM ohne europäische Länder wäre wirtschaftlich sinnlos, weil sportlich wertlos. Denn sogar wenn es ein Turnier ohne Europa geben würde, die Clubs müssten dann die Profis aus Afrika, Amerika und Asien nicht abstellen (wenn sich die UEFA vorher aus dem Weltverband abgekoppelt hat). Vielleicht könnten sie sogar Spieler für eine oder zwei Saisons sperren, wenn sie trotzdem teilnehmen. ja, das klingt drastisch, aber eine andere Sprache versteht der mafiöse Infantino nicht!

Um die Pläne von vornherein abzusägen (oder wenigstens abzumindern) wäre es heute schon sehr günstig, wenn eine breite Mehrheit sich klar dagegen aussprechen würde. Natürlich mit allen sehr weitreichenden Konsequenzen, die ein FIFA-Austritt oder Boykott mit sich bringen würde. Der eine oder andere Verbandhat schon leichte Sympathie für den Total-Ausverkauf bekundet (Tschechien ist mir zu Ohren gekommen). Dagegen hat sogar der Infantino-hörige Bernd Neuendorf den Plänen eine klare Absage erteilt.

Kritik gibt es aber nicht nur aus Europa, sondern auch aus Asien und sogar Nordamerika. Hier wird aber eher das Procedere angegriffen, nämllich dass Infantino und ein paar Getreue die quasi im stillen Kämmerlein so weit haben gediehen lassen.

 

Ich will nicht sagen, das die Zukunft des Fußballs auf dem Spiel ist, er ist sehr resistent. Aber ich erwarte heute eine ganz klares UEFA-Zeichen. Damit die Irrsinns-Pläne des Gianni Infantino und der Trump-Mafia möglichst schnell wieder verschwinden.

 

 

Ich trauere um Kevin Keegan

Erstmals wirklich mit Bedacht gesehen habe ich Kevin Keegan 1977. Damals im Dress des mit Stars (Clemence!, Hughes! McDermott!) gespickten FC Liverpool im Europapokal-Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Römer Olympiastadion. Für einen Briten nach meiner mir überbrachten Vorstellung (damals bewegte Bilder aus England zu sehen, war fast unmöglich) war er klein, dafür sehr schnell und trickreich und gewitzt. Ein Tor ist ihm zwar nicht gelungen, aber er hatte sehr starke Momente (gerade gegen den noch kleineren Berti Vogts) und holte den entscheidenden Elfmeter heraus, als ihn deutsche Nationalverteidiger rüde von den Beinen holte. Phil Neal verwandelte zum 3:1-Endstand.

https://www.youtube.com/watch?v=eHMS0dZAsQ8

„Mighty Mouse“ nannten sie Kevin Keegan damals schon auf der Insel: Weil er zwar mit 1,70 Metern regelrecht schmächtig war neben all den Abwehrriesen, aber diese eher hölzernen Kerle dennoch beherrschte. Der damalige HSV-Präsident Peter Krohn hatte (neben reichlich skurrilen Einfällen wie Elefanten im Stadion und rosa Trikots) die sensationelle Idee, diesen wirbelnden Engländer mit dem Lockenkopf und der charmanten Ausstrahlung in die Bundesliga zu holen. Eine echte Sensation, denn Keegan war zu diesem Zeitpunkt der beste und auffälligste Spieler des besten Teams in England: Mit dem FC Liverpool holte er von 1972 bis ’77  insgesamt drei Meistertitel, zweimal den UEFA-Pokal und eben 1977 den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League.

Es war ja ein echtes Wunder, dass Keegan den Weg nach Deutschland fand. Er hätte viel lukrativere Angebote aus Italien oder Spanien annehmen können, wo Lire und Pesetas viel reichlicher flossen als die Mark. Aber das sportliche Potenzial des HSV (immerhin amtierender Europacup-Sieger der Pokalsieger) in der damals so starken Bundesliga reizte mehr als noch mehr Geld, ebenso der Charme der Hafenstadt. Und hatten nicht Liverpool und Hamburg eine gemeinsame Vergangenheit, weil die Beatles in der Hansestadt ihre ersten fulminanten Auftritte hatten?

Also ein echter Coup von Krohn, und alle gewannen. Kevin Keegan avancierte nach kleineren Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling nicht nur der HSV-Fans, sondern von ganz Fußball-Deutschland. Sportlich ohnehin über alle Zweifel erhaben, eroberte er die Massen, wurde zum ersten Pop-Star der Liga, die zu dieser Zeit erst ganz langsam über die Fußball-Blase hinaus die Massen begeisterte. Er wurde zum Traum aller Schwiegermütter, plötzlich verzeichneten die Standesämter erstaunlich viele „Kevins“ – sehr, sehr lange, bevor ein gleichnamiges Kerlchen im Film „Allein zu Haus“ war. Sogar die Hitparade stürmte Keegan: „Head over Heals in Love“ (produziert vom sagenhaften (nona) Pop-Schreiber Chris Norman) – seht selbst die ganz große Kunst im „Musikladen“ von Manfred Sexauer, damals das Um und Auf der Pop-Musik im deutschen Fernsehen.

https://www.youtube.com/watch?v=yJdW7-MnXtc

Sehr viel berauschender war dann doch sein Fußballspiel. Die  Verteidiger verzweifelten regelrecht, wenn sie es mit der Spiel- und Dribbelkunst der mächtigen Maus zu tun bekamen; die zudem sehr mannschaftsdienlich agierte und richtig kämpfen konnte – und zwar in jedem verdammten Spiel. Spätestens, als 1978 der grandiose Branko Zebec das Traineramt übernahm und Günter Netzer den Manager-Posten, wurde der HSV zum ernsthaften Konkurrenten der damaligen Platzhirsche Gladbach, Bayern und Köln. Mit deutschen Abwehr-Haudegen wie „Eiche“ Nogly und Manni Kaltz, mit Elfmeter-Töter Rudi Kargus im Tor, mit Zuträgern wie Casper Memering, dem jungen Felix Magath im Mittelfeld und natürlich dem Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. Dazwischen wuselte und zauberte Kevin Keegan, der Künstler, der Ball-Virtuose: der endlich Abwechslung, ja Farbe ins Bundesliga-Einerlei brachte.1979 holten die Hamburger völlig verdient den Titel, überschattet wurde die Meisterfeier im Volksparkstadion am letzten Spieltag allerdings von der Stadion-Katastrophe, als sich insgesamt 70 Menschen beim Stürmen des Spielfelds zum Teil schwer verletzten.
1980 kamen die Hamburger ins Europapokal-Finale unter anderem nach einem unglaublichen 5:1 gegen Real Madrid; diesmal endete das Endspiel allerdings für Keegan nicht erfolgreich wie in Rom, und seine englischen Landsleute von Nottingham Forest behielten die Oberhand.

Nur drei Jahre blieb Keegan in der Bundesliga, und doch hat er bei jedem, der damals das Geschehen verfolgte, bleibenden Eindruck hinterlassen (das zeigen die unendlich vielen Trauerbezeugungen auch aus meinem Freundeskreis). Zweimal in dieser Zeit wurde er Fußballer Europas. Er hatte dann noch ordentliche Jahre wieder in der Premier League, die damals noch schnöde First Division geheißen hatte. Nur mit der Nationalmannschaft war ihm kein größerer Erfolg beschieden, seine Landsleute waren zu diesem Zeitpunkt schlicht zu schwach. Ein WM-Halbfinale fü England wie gerade in Amerika? Schlicht undenkbar.

Nach Ende seiner Fußballer-Karriere verschwand Keegan erst mal aus der Öffentlichkeit. Erst 1992 tauchte er wieder auf, als er das Traineramt bei Newcastle United übernahm; die Magpies führte er 1996 zur sensationellen Vize-Meisterschaft. Danach warf er trotz bestehenden Vertrags hin („zu viel Stress“). 1999 wurde Keegan noch englischer Nationalcoach, doch schon nach zwei Jahren war Schluss, ohne dass er dort bleibende Spuren hinterlassen hätte (die Deutschen werden das nach einem 1:5 im Jahr 2000 im Münchner Olympiastadion vielleicht anders sehen.

Am Montag ist Kevin Keegan gestorben, nur 75 Jahre wurde er alt. Der Tod kam nicht überraschend, denn erst im Januar hatte  er „unheilbaren Magenkrebs“ öffentlich gemacht. Zurück bleiben bei mir und sehr vielen Fußball-Fans unauslöschliche Bilder eines wunderbaren Fußball-Virtuosen und eines tollen, ungemein sympathischen Menschen.

Machs gut da oben, liebe mighty mouse Kevin Keegan!