von Münchner Löwe | Juli 20, 2025 | Fußball
Die Viertelfinali der Fußball-EM der Frauen sind gespielt, mit zum Teil bemerkenswerten Partien mit allem, was diese Sportart so faszinierend und (je nach Ansicht) wunderbar oder grauenhaft macht.
Ein Sieg der Leidenschaft und des Herzblutes
Ein Kapitel für sich schrieb die Partie Deutschland gegen Frankreich, die uns in längst vergangen geglaubte Zeiten zurückbrachte. Schon die Vorzeichen waren klar: Hier ein teilweise begeistendes Team von les Bleues, dort eine Mannschaft, die nach einem mehr als ernüchternden 1:4 in der Vorrunde gegen Schweden die Wunden leckte. Und spätestens nach dem vorsätzlichem Haareziehen von Kathrin Hendrich gegen eine französische Spielerin samt Rot und (recht glücklich) verwandeltem Elfmeter in der 13. Minute schienen alle Messen doch gesungen. Wer jetzt übrigens meint, Haareziehen sei typisch Frau, den verweise ich gerne auf eine Szene von vor einer Woche, als im Finale der Club-WM Joao Neves (PSG) Chelsea-Spieler Marc Cucuralla das gleiche Delikt beging. https://www.ran.de/sports/fussball/klub-wm/videos/fifa-klub-wm-cucurella-im-fokus-neves-sieht-rot-nach-haare-ziehen
Was dem langhaarigen Spanier nicht zum ersten Mal passierte.
Deutsche und Aufgeben?, denktste! Denn sie besannen sich wie zu besten Zeiten auf die deutschen Tugenden (die Dauer-Motzki Matthias Sammer schon vergessen glaubt) und lieferten einen tollen Kampf bis über die Schmerzgrenze hinaus. Eine schöne Ecken-Variante brachte das 1:1 durch Sjoeke Nüsken, und die Verteidigung wehrte alle Angriffe der Französinnen mit riesigem Herzen ab. Wobei es ihnen die bemerkenswert einfallslosen Gegnerinnen auch recht einfach machten. Glück kam hinzu bei zwei Abseitstreffern der Equipe tricolore (eines davon haarscharf). Auf der anderen Seite scheiterte Nüsken mit einem ganz schwachen Elfmeter und prolongierte die Serie von absurd schwachen Versuchen vom Punkte bei diesem Turnier.
Also Verlängerung, immer noch 10 gegen 11. Die gefährlichste Szene der Französinnen entschärfte die deutsche Schlussfrau Ann-Katrin Berger mit einer Monsterparade, als sie eine veunglückte Kopfball-Abwehr von Janina Minge von der Linie kratzte: sicher der beste Save des Turniers und vielleicht einer der besten in der EM-Geschichte (Männlein und Weiblein).
https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/weltklasse-parade-berger-verhindert-dfb-rueckstand,fussball-frauen-em-berger-parade-100.html
Mit etwas Glück (eine Französin traf in der Schlussminute der Verlängerung nur die Oberkante der Querlatte, an die Berger den Ball guckte) retteten sich die Deutschinnen ins Elfmeterschießen, und dort avancierte Berger endgültig zur Matchwinnerin. Nicht nur hielt sie 2 Versuche, sondern sie traf auch selbst vom Punkt, als sie selbstbewusst als 5. Schützin antrat und eiskalt verwandelte. Offen bleibt nur, ob ihr die auf einer Trinkflasche aufgemalten Hinweise halfen (Wer dachte da nicht an Jens Lehmanns Zettel 2006 gegen Argentinien, der im Fußball-Museum ausgestellt ist). Und wie es sich für ein deutsches Team im Elfmeterschießen gehört, waren die Schützinnen fast unfehlbar. Sechs verwandelten souverän, nur die extra dafür eingewechslte Sara Däbritz wollte es zu gut machen und zielte etwas zu hoch. Die französische Torhüterin jedenfalls berührte keinen Ball (außer, wenn sie ihn aus dem Tornetz holte).
So viele Parallelen zu den 1980ern und vor allem zur Nacht von Sevilla 1982, als die deutschen Männer sich gegen eine vermeintlich übermächtige Equipe Tricolore durchsetzten. Wieder diese unfassbare Leidenschaft, eine glänzenden Torfrau (die allerdings nicht der Gegnerin die Zähne ausschlug wie einst Toni Schumacher Patrick Battiston. Wobei: Haareziehen ist auch nicht die feine Art).
Apropos Haareziehen: Ich hatte riesiges Vegnügen in einem anderen Blog die Partie zu verfolgen, wo alle denkbaren und undenkbaren Haarwortspiele gemacht wurden. Mir persönlich fiel sofort „Asterix der Gallier“ ein, als der gefangenengenommene Miraculix den Römern statt des Zaubertranks ein Haarwuchsmittel braute (samt tausend Sprüchen über Haare).
Zurück zum Spocht: Die Deutschinnen treffen am Mittwoch auf den klaren Favoriten Spanien. Tags zuvor duellieren sich England und Italien
Elfmeterschießen aus Absurdistan
Und damit bin ich bei der 2. bemerkenswerten Viertelfinal-Partie, genauer gesagt, dem Elfmeterschießen zwischen England und Schweden, das nach dem 2:2 nach Verlängerung (die Schwedinnen hatten schon 2:0 geführt) nötig wurde. Ich kann es nicht anders sagen: Ein schlimmeres Duell vom Punkt habe ich noch nie gesehen. Nicht nur, dass nur 5 von insgesamt 14 Schüssen erfolgreich waren, sondern viel mehr die (Entschuldigung!) mehr als dilettantische Art, wie zahlreiche Versuche derart schwach in die Hände der gegnerischen Torfrau geschoben wurde, kaum dass der Ball die Torlinie erreicht hätte, ließ mich mehr und mehr staunend und (ich gebe es zu) laut lachend zurück. Zur tragischen Heldin avancierte die schwedische Torfrau Jennifer Falk: Die hielt zwar vier Elfer, versagte aber selbst vom Punkt, als sie den Ball bei ihrem Versuch, der das Match zu Gunsten Sverige entschieden hätte) weit übers Tor drosch.
Am Ende durften also die Engländerinnen jubeln trotz ihrer England-typischen 4 Fehlversuche im Elferschießen.
Viertelfinale
Norwegen – Italien 1:2
Das entscheidende Tor erzielte die Squadra Azzurra eine Minute vor Schluss
Schweden – England 5:4 n. E.
Spanien – Schweiz 2:0
Lange wehrte sich die Gastgeberinnen gegen übermächtige Ibererinnen, doch zwei fein herausgespielte Treffer entschieden das Spiel zugunsten der Spanierinnen um die brillanten Bonmati und Putellas
Frankreich – Deutschland 6:7 n. E.
Halbfinale
Di., 21:00: England – Italien in Genf/ZDF und DAZN
England ist Titelverteidiger und hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Italien steht zum ersten Mal seit 28 Jahren in einem EM-Halbfinale
Mi., 21:00: Spanien – Deutschland in Zürich/ARD und DAZN
Bei Olympia 2024 setzte sich das deutsche Team im Spiel um Platz 3 mit 1:0 durch
von Münchner Löwe | Juli 2, 2024 | EM, Fußball
Achtelfinale, Tag III
Ein toll klingendes Spiel, das endlos erscheint und mein Favorit, der ein Elferschießen braucht. Und immer wieder die Frage an mich und jeden Fußball-Fan, warum man sich das antut …
Frankreich – Belgien 1:0
Theoretischverheißt diese Paarung ein ausgesprochenes Fußball-Schmankerl. Doch all diejenigen, die sich die Vorrundenpartien dieser beiden Teams angeschaut haben, wird nicht überrascht sein über dieses sehr ereignislose Spiel. Beide Trainer schwören auf die Defensive, der eine weniger (Frankreichs Deschamps), der andere mehr (Belgiens Tedesco). Und das, und deshalb kann ich meinen Ärger nicht verhehlen, trotz erwiesener Offensivkunst und -Power, die die vorhandenen Spieler schon so oft gezeigt haben. Nur sind die Mbappes, die de Bruynes, die Lukakus und die Thurams, zur Disziplin gezwungen. Esprit und Spielfreude ist offebar bei Todesstrafe verboten.
Heraus kommt dann so ein Spiel, wie wir es gestern gesehen haben. Die Franzosen mit sehr kontrollierter Offensive, jedes Risiko scheuend, die Belgier in einem gut funktionierenden Defensiv-Verbund. De Bruyne als Antreiber wie bei ManCity? – da sei Tedesco vor. Also de Bruyne so defensiv wie noch nie, und auch das kann er. Doch ob es ihm wirklich Spaß macht, wage ich sehr zu bezweifeln.
Und doch hatten die Belgier ihre Chancen, die aber der treffliche Maignan im Franzosentor vereitelte. Auf der anderen Seite kam Koon Casteels gar nicht in die Verlegenheit, sein Können zu zeigen, denn die Franzosen verfehlten bei ihren Schüssen mit bemerkenswerter Konsequent das Ziel, schossen fast 20 Schüsse daneben und auch drüber, sodass die NFL-Scouts sich fleißig Notizen gemacht haben dürften, ob nicht einer als Kicker für die Footballer geeignet wäre. In dieser Disziplin ist allerdings der Engländer Kevin Trippier unübertroffen … https://www.kicker.de/freistehend-in-die-wolken-trippiers-fehlschuss-von-der-strafraumgrenze-1035499/video
Es passt zum Spiel, dass ein abgefälschter Schuss der Franzosen das Spiel entschied, wobei die UEFA gemeinerweise das Tor noch als Eigentreffer wertet. Dem immer mehr leidenden Fans blieb somit eine Velängerung erspart, obwohl die vielleicht, siehe Spiel 2, vielleicht sogar ganz vergnüglich geworden wäre.
So steht die Bilanz zwei eigentlich extrem guter Offensivreihen.
Frankreich: 4 Spiele, 3 erzielte Treffer 2 Eigentore, ein Elmer),
Belgien: 4 Spiele, 2 Tore (3 Partien ohne Treffer)
Noch fragen? Das „Mann des Spiels“ und „Stark in der Niederlage“ Geschreibsel erspare ich mir.
Ausblick des Sieger
Jetzt geht es für „Les Bleus“ gegen Portugal, und das dürfte wenigstens ein bisschen munterer werden, weil die Portugiesen (hoffentlich) mehr wagen. Das muss man, um die sichere Abwehr der tricolore zu knacken. Trainer Didier Deschamps wird bestimmt keinen Champagner-Fußball ausrufen, der Erfolg gibt ihm ja recht. Diskussionen interessieren nicht, siehe England …
Und die Verlierer?
Die Goldene Generation ist in die Jahre gekommen. Der ewige Geheimfavorit vergangener Großturniere blieb ohne Titel. Und so sehr ich das Aus der Belgier manchmal bedauert habe, weil sie so wunderbar gespielt haben, so wenig tue ich es diesmal, weil sie so wenig wunderbar gespielt haben. Zurück bleiben tragische Figuren wie Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku, aber auch viele gute Spieler, die ihr (Angriffs)-Können nicht zeigen durften (Jeremy Doku). Womit ich beim Trainer wäre. Domenico Tedesco wählte die Sicherheits-Variante, zwang seine „roten Teufel“ in ein Korsett, das nicht zu ihnen passte. Wahrlich nicht überraschend, wenn man seine bisherigen Trainer-Stationen verfolgt hat. Dabei hatte Tedesco sogar noch das Glück, dass nicht eine Torwart-Diskussion aufkam, weil er freiwillig auf einen der weltweit Besten seines Fachs (Courtois) verzichtete. Castells machte seine Sache gut, wurde aber auch nicht geprüft wg der fehlschießenden Franzosen. Tedesco hat noch einen Vertrag bis 2026, der Verband will daran festhalten. On verra.
Portugal – Slowenien 3:0 n. E.
3:0 – das ist ein normales und für viele auch erwartetes Ergebnis. 3:0 nach Elfmeterschießen ist ein Vekehrsunfall, bedeutet hier die erste Nullnummer, die eine Nation in einem EURO-Endturnier fabriziert hat. Der Schweiz gelang dieses „Kunststück“ bei der WM 2006 ebenfalls im Achtelfinale gegen die Ukraine.
Insgesamt fand ich dieses Spiel unterhaltsamer (weit weg von unterhaltsam). Wegen der technischen Beschlagenheit der Portugiesen. Allerdings auch wenig zielführend, weil sie am Ende immer ihren Cristiano Ronaldo suchen. der ist zwar noch immer gut, aber halt nicht mehr so gut wie in besten Zeiten. Das merkte man an seinen Abschlüssen, aber vor alle an den von ihm verpassten Flanken, weil er nicht mehr so hoch springen kann und vor allem das richtige Timing verletzt hat.
Und da sind noch seine Freistöße. Alles, was auch nur ansatzweise in Tornähe ist, wird selbstredend zu seiner Sache, egal welche Könner da sonst noch herumstehen. Die Erfolgs-Aussichten sind geleich null. Jemand hat sich den Spaß gemacht, all seine Versuche bei EM-Turnieren zusammenzuzählen: 45-mal, probierte er es danach, kein mal traf er. Nicht dass die Schüsse haarsträubend schlecht wäre – im Gegenteil. Im Gegensatz zu vielen anderen in diesem Turnier schießt er nicht sinnlos in die Mauer, sondern an ihr vorbei, nur leider knapp übers Tor oder in die Hände des Torwarts.
Und dann wurde Cristiano Ronaldo doch noch zum Hauptdarsteller. In der 105. Minute gab es Elfmeter (für mich sehr zweifelhaft, weil der Portugiese in die Verteidigung schlicht hereinrannte und zu Fall kam), und natürlich schritt CR7 zur Tat. Wie immer mimte er den Pistolero – und fand im glänzend reagierenden Jan Oblak seinen Meister. Darauf weinte er bittere Tränen; die einen litten da mit, andere verhöhnten ihn.
Im Elferschießen zeigte er Ronaldo dann, was in ihm steckt: Er trat zum ersten versuch an, und diesmal verwandelte er, genau wie Bruno Fernanes und Bernardo Silva. Drei Slowenen scheiterten allesamt an Diogo Costa. Wenigstens gibt es zumindest hier nicht den einzig „Schuldigen“. Zuvor allerdings hatte der Leipziger Sesko die Chance aller Chancen, als er nach einem Ausrutscher von Oldie Pepeallein aufs Tor zusteuerte, allerdings an Costa scheiterte.
Mann des Spiels
Diogo Costa: 24 Jahre alt ist der Torwart des FC Porto erst alt, doch er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, vefügt über tolle Reflexe und stählernde Nerven. Drei gehaltene Elfmeter, und auch im Spiel immer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde.
Stark trotz der Niederlage
Jan Oblak: Gehört schon seit Langem zu den besten Torhütern weltweit. Doch zum Titel reicht es halt meist nicht, bei Atlético genauso wenig mit mit Slowenien. Insgesamt passt es zu seiner Karriere, wie die Faust aufs Auge, dass Slowenien ohne Niederlage nach regulärer Spielzeit, aber auch ohne Sieg das Turnier verlassen muss.
Ausblick des Siegers
Ich habe die Portugiesen vor dem Turnier als Europameister getippt, und weiter kann dieser Tipp aufgehen. Wenn es denn gelingt, den Faktor Ronaldo effektiver einzubringen. Torgefährlich ist er weiterhin, aber muss wirklich jeder Ball letztlich auf ihn gehen. Das wirkt mir zu vorhersehbar. Geradezu grotesk ist es bei den Freistößen. Jeder weiß, das Ronaldo schießt, da wirken die Spieler um ihn herum, die eine Variante andeuten, zu der es doch niemals kommt, schlicht absurd. Wie man einen in die Jahre gekommenen Ausnahmespielen gut einbindet, zeigen gerade die Weltmeister aus Argentinien bei der Copa in den USA. Ich traue den Portugiesen also durchaus einen Sieg auch gegen Frankreich zu.
Und die Verlierer?
Die Slowenen zeigten, dass sie schwer zu bezwingen sind. Mit Oblak und Sesko verfügen sie über zwei absolute Klassespieler, der Rest bildet ein gutes, allerdings nicht aufsehen-erregendes Kollektiv. Das Achtelfinale war das erklärte Ziel, mehr war einfach nicht drin.
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