von Münchner Löwe | Juli 22, 2026 | Fußball, Nachruf
Erstmals wirklich mit Bedacht gesehen habe ich Kevin Keegan 1977. Damals im Dress des mit Stars (Clemence!, Hughes! McDermott!) gespickten FC Liverpool im Europapokal-Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Römer Olympiastadion. Für einen Briten nach meiner mir überbrachten Vorstellung (damals bewegte Bilder aus England zu sehen, war fast unmöglich) war er klein, dafür sehr schnell und trickreich und gewitzt. Ein Tor ist ihm zwar nicht gelungen, aber er hatte sehr starke Momente (gerade gegen den noch kleineren Berti Vogts) und holte den entscheidenden Elfmeter heraus, als ihn deutsche Nationalverteidiger rüde von den Beinen holte. Phil Neal verwandelte zum 3:1-Endstand.
https://www.youtube.com/watch?v=eHMS0dZAsQ8
„Mighty Mouse“ nannten sie Kevin Keegan damals schon auf der Insel: Weil er zwar mit 1,70 Metern regelrecht schmächtig war neben all den Abwehrriesen, aber diese eher hölzernen Kerle dennoch beherrschte. Der damalige HSV-Präsident Peter Krohn hatte (neben reichlich skurrilen Einfällen wie Elefanten im Stadion und rosa Trikots) die sensationelle Idee, diesen wirbelnden Engländer mit dem Lockenkopf und der charmanten Ausstrahlung in die Bundesliga zu holen. Eine echte Sensation, denn Keegan war zu diesem Zeitpunkt der beste und auffälligste Spieler des besten Teams in England: Mit dem FC Liverpool holte er von 1972 bis ’77 insgesamt drei Meistertitel, zweimal den UEFA-Pokal und eben 1977 den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League.
Es war ja ein echtes Wunder, dass Keegan den Weg nach Deutschland fand. Er hätte viel lukrativere Angebote aus Italien oder Spanien annehmen können, wo Lire und Pesetas viel reichlicher flossen als die Mark. Aber das sportliche Potenzial des HSV (immerhin amtierender Europacup-Sieger der Pokalsieger) in der damals so starken Bundesliga reizte mehr als noch mehr Geld, ebenso der Charme der Hafenstadt. Und hatten nicht Liverpool und Hamburg eine gemeinsame Vergangenheit, weil die Beatles in der Hansestadt ihre ersten fulminanten Auftritte hatten?
Also ein echter Coup von Krohn, und alle gewannen. Kevin Keegan avancierte nach kleineren Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling nicht nur der HSV-Fans, sondern von ganz Fußball-Deutschland. Sportlich ohnehin über alle Zweifel erhaben, eroberte er die Massen, wurde zum ersten Pop-Star der Liga, die zu dieser Zeit erst ganz langsam über die Fußball-Blase hinaus die Massen begeisterte. Er wurde zum Traum aller Schwiegermütter, plötzlich verzeichneten die Standesämter erstaunlich viele „Kevins“ – sehr, sehr lange, bevor ein gleichnamiges Kerlchen im Film „Allein zu Haus“ war. Sogar die Hitparade stürmte Keegan: „Head over Heals in Love“ (produziert vom sagenhaften (nona) Pop-Schreiber Chris Norman) – seht selbst die ganz große Kunst im „Musikladen“ von Manfred Sexauer, damals das Um und Auf der Pop-Musik im deutschen Fernsehen.
https://www.youtube.com/watch?v=yJdW7-MnXtc
Sehr viel berauschender war dann doch sein Fußballspiel. Die Verteidiger verzweifelten regelrecht, wenn sie es mit der Spiel- und Dribbelkunst der mächtigen Maus zu tun bekamen; die zudem sehr mannschaftsdienlich agierte und richtig kämpfen konnte – und zwar in jedem verdammten Spiel. Spätestens, als 1978 der grandiose Branko Zebec das Traineramt übernahm und Günter Netzer den Manager-Posten, wurde der HSV zum ernsthaften Konkurrenten der damaligen Platzhirsche Gladbach, Bayern und Köln. Mit deutschen Abwehr-Haudegen wie „Eiche“ Nogly und Manni Kaltz, mit Elfmeter-Töter Rudi Kargus im Tor, mit Zuträgern wie Casper Memering, dem jungen Felix Magath im Mittelfeld und natürlich dem Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. Dazwischen wuselte und zauberte Kevin Keegan, der Künstler, der Ball-Virtuose: der endlich Abwechslung, ja Farbe ins Bundesliga-Einerlei brachte.1979 holten die Hamburger völlig verdient den Titel, überschattet wurde die Meisterfeier im Volksparkstadion am letzten Spieltag allerdings von der Stadion-Katastrophe, als sich insgesamt 70 Menschen beim Stürmen des Spielfelds zum Teil schwer verletzten.
1980 kamen die Hamburger ins Europapokal-Finale unter anderem nach einem unglaublichen 5:1 gegen Real Madrid; diesmal endete das Endspiel allerdings für Keegan nicht erfolgreich wie in Rom, und seine englischen Landsleute von Nottingham Forest behielten die Oberhand.
Nur drei Jahre blieb Keegan in der Bundesliga, und doch hat er bei jedem, der damals das Geschehen verfolgte, bleibenden Eindruck hinterlassen (das zeigen die unendlich vielen Trauerbezeugungen auch aus meinem Freundeskreis). Zweimal in dieser Zeit wurde er Fußballer Europas. Er hatte dann noch ordentliche Jahre wieder in der Premier League, die damals noch schnöde First Division geheißen hatte. Nur mit der Nationalmannschaft war ihm kein größerer Erfolg beschieden, seine Landsleute waren zu diesem Zeitpunkt schlicht zu schwach. Ein WM-Halbfinale fü England wie gerade in Amerika? Schlicht undenkbar.
Nach Ende seiner Fußballer-Karriere verschwand Keegan erst mal aus der Öffentlichkeit. Erst 1992 tauchte er wieder auf, als er das Traineramt bei Newcastle United übernahm; die Magpies führte er 1996 zur sensationellen Vize-Meisterschaft. Danach warf er trotz bestehenden Vertrags hin („zu viel Stress“). 1999 wurde Keegan noch englischer Nationalcoach, doch schon nach zwei Jahren war Schluss, ohne dass er dort bleibende Spuren hinterlassen hätte (die Deutschen werden das nach einem 1:5 im Jahr 2000 im Münchner Olympiastadion vielleicht anders sehen.
Am Montag ist Kevin Keegan gestorben, nur 75 Jahre wurde er alt. Der Tod kam nicht überraschend, denn erst im Januar hatte er „unheilbaren Magenkrebs“ öffentlich gemacht. Zurück bleiben bei mir und sehr vielen Fußball-Fans unauslöschliche Bilder eines wunderbaren Fußball-Virtuosen und eines tollen, ungemein sympathischen Menschen.
Machs gut da oben, liebe mighty mouse Kevin Keegan!
von Münchner Löwe | Mai 3, 2026 | Nachruf
Trauer ist natürlich ein großes Wort, weil ich den Italiener nie persönlich kennengelernt habe. Aber bei jedem Fernsehauftritt, bei jedem Interview verbreitete er eine so große Freundlichkeit, so viel Lebensfreunde, so viel Freundlichkeit, dass es mir weh ums Herz wird, dass Alessandro Zanardi schon mit 59 Jahren von uns gegangen.
Der großen Öffentlichkeit bekannt geworden ist der in Bologna geborene Zanardi nicht durch seine überschaubar erfolgreiche Formel-1-karriere, sondern durch einen schrecklichen Unfall am Lausitzring 2001 in einem Rennen der damaligen ChampCar-Serie. Er lag in Führung, absolvierte einen turnusmäßigen Boxenstopp, doch bei der Rückkehr geriet er auf einen Grünstreifen und ins Schleudern und verlor die Kontrolle. Mit 300 Stundenkilometern raste der Kanadier Alexandre Tragiardi im rechten Winkel in Zanardis Fahrzeug und zerfetzte dieses in 2 Teile. Zanardi wurden beide Beine abgerissen, er verlor extrem viel Blut, aber die Ärzte retteten ihn das Leben. Es gibt bei Youtube mehrere Videos von diesem Crash, ich erspare mir und Euch den Link dazu.
„Ich bin jetzt ein halber Deutscher“, scherzte er, angesprochen auf die vielen Blutkonserven. Ein typischer Zanardi, der trotz des Verlustes der Beine nie den Lebensmut und nie seinen Humor verlor. 2003 kehrte er auf den Lausitzring zurück, fuhr in einem umgebauten Fahrzeug die 13 Runden zu Ende, die ihm zwei Jahre zuvor zum Sieg gefehlt hatten. Die Zuschauer erhoben sich von den Sitzen und applaudierten ihm. Aus den Boxen röhrte David Bowies „Heroes“. Wer live vor Ort oder wie ich am Fernseher dabei war, wird es kaum vergessen.
Auch wenn danach Alex Zanardi immer wieder in umgebauten Rennautos Rennen bestritt und sogar ein Rennen der Toruenwagen-WM gewann – das reichte ihm nicht. Er wurde zum fanatischen und extrem erfolgreichen Handbiker. Bei den Paralympics in London und Rio gewann er viermal Gold und zweimal Silber, er eroberte 12 Titel bei Weltmeisterschaften. Was er tat, das tat er gründlich, auch das war eine seiner Lebensweisheiten.
Ein weiterer schwerer Unfall beendete 2020 auch diese Karriere. Mit seinem Handbike kollidierte er bei einer Trainingsfahrt mit einem Lastwagen und schwebte mit schweren Kopfverletzungen tagelang in Lebensgefahr. Seitdem lebte er abgeschirmt und in Ruhe (Zanardi und Ruhe – ein Widerspruch an sich. Am Samstag ist er im Kreise seiner Lieben friedlich eingeschlafen. Damit wird es nichts aus seinem eigentlichen Lebenstraum. Das Zitat sagt viel aus über einen wunderbaren Sportler und noch tolleren Menschen, der für viele ein Vorbild war, wie er mit Rückschlägen umgegangen ist.
Vielleicht der erste Mensch auf dem Mars zu sein. Irgendetwas Einfaches halt.“
von Münchner Löwe | März 31, 2026 | Fußball, Nachruf
Nur 2 Jahre war Karsten Wettberg Cheftrainer bei 1860 München, doch kein Löwen-Fan, der zwischen 1990 und 1992 schon dabei war, wird diese Zeit je vergessen. Den knapp verpassten Aufstieg in die 2. Liga 1990, die ungeschlagene Saison 90/91 samt Aufstieg, und das jähe Erwachen samt Rausschmiss, der allerdings den Abstieg nicht vermeiden konnte.
Das sind ja nur die kargen Fakten. Unvergessen bleiben 2 epochale Spiele. Wie das am 11. Mai 1990, ein Freitagabend, vor 30.000 Zuschauern im völlig verregneten Grünwalder im Aufstiegsendspiel gegen Schweinfurt 05. Das Auf und Ab der Gefühle der 90+ Minuten im Dauerregen, 2 tobende Trainer an der Seitenlinie: hier Wettberg, der Löwenfan von Kindesbeinen an, der 1965 mit nach Wembley zum Europapokal-Endspiel gegen West Ham mitgereist war; auf der anderen Seite ein gewisser Werner Lorant, damals schon extrem bärbeißig. Die Löwen brauchten einen Sieg, es wurde ein 3:3, auch weil für Schweinfurt ein gewisser Bernhard Winkler die Sechzig-Abwehr vor unlösbare Probleme stellte und 2 Tore erzielte. Das Remis war zuwenig, um die Schweinfurter noch von Platz 1 zu verdrängen, und natürlich herrschte extreme Enttäuschung bei den Anhängern. Aber kein Vorwurf an Trainer oder Spieler, nirgends. Danach zog es mich (wie wahrscheinlich jeden Fan) in eine Kneipe mit einem Referendars-Kollegen, das Bier floss mindestens so stark wie zuvor der Regen (an alle, die auf mich aufpassen! Das ist fast 36 Jahre her!). Irgendwie kam ich heim …
Wer weiß, wozu diese Enttäuschung gut war. Denn es folgte die märchenhafte Saison der Löwen ohne jede Niederlage. Da der Bayernliga-Meister damals noch in eine Aufstiegsrunde ging, nutzte das wenig. Doch Wunder über Wunder, auch dort reüssierten die Löwen, sodass es im Juni zu einem nächsten Aufstiegs-Endspiel kam. Wieder im Grünwalder, diesmal gegen Borussia Neunkirchen. Wieder prasselte der Regen, wieder echauffierte sich Wettberg an der Außenlinie; unter anderem drosch er einen unschuldigen Regenschirm zu Glump. Diesmal war das Glück und Können mit den Löwen, und sie gewannen mit 2:1. Die begeisterten Fans stürmten den Rasen und zogen Wettberg im Wortsinne bis auf die Unterhose aus. Heute wahrscheinlich undenkbar, aber Wettberg gab tatsächlich praktisch im Adamsgewand dem Bayerischen Rundfunk ein Interview, live und in Farbe im Fernsehen war der eher schmächtige Wettberg zu bewundern. Bei der Aufstiegsfeier tags darauf im Münchner Rathaus erhob OB Christian Ude den wieder formell bekleideten Karsten Wettberg zum „König von Giesing“. Wirklich niemand, der ihm widersprochen hätte.
In der 2. Liga stießen die Löwen dann schnell auf die Realität, und die hieß Abstiegskampf. Branchenüblich wurde der Trainer, also Wettberg gefeuert (trotz Königs-Status), aber auch mit dem Nachfolger Edi Stöhr (ich musste nachschauen) stiegen die Löwen ab. Wettberg kritisierte während und nach seiner Zeit die Vereinsspitze, erhielt von der damaligen Präsidentin Lilo Knecht sogar Platzverbot fürs Vereinsgelände. Angeblich wurde dieses offiziell nie aufgehoben, sogar als er Vizepräsident des Clubs wurde und dort ein- und ausging.
Jetzt ist Karsten Wettberg im Alter von 84 Jahren gestorben und im Löwen-Himmel. Auf einer Wolke wird er sich mit seinem Nach-Nachfolger Werner Lorant unterhalten, der vor einem Jahr von uns gegangen ist. Jener Lorant, der 1992 die Löwen als Cheftrainer übernahm, den gewissen Bernhard Winkler nach München lotste und den Club 2000 fast bis in die Champions League führte samt Derbysiegen gegen die Bayern. Lorants Erfolge mögen größer und strahlender als die von Wettberg gewesen sein, aber dieser hat wie kaum ein anderer in jetzt mehr als 50 Jahren Fan-Dasein mein Löwen-Herz erobert. Möge er in Frieden ruhen. Danke, Karsten Wettberg!
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