von Münchner Löwe | Mai 3, 2026 | Nachruf
Trauer ist natürlich ein großes Wort, weil ich den Italiener nie persönlich kennengelernt habe. Aber bei jedem Fernsehauftritt, bei jedem Interview verbreitete er eine so große Freundlichkeit, so viel Lebensfreunde, so viel Freundlichkeit, dass es mir weh ums Herz wird, dass Alessandro Zanardi schon mit 59 Jahren von uns gegangen.
Der großen Öffentlichkeit bekannt geworden ist der in Bologna geborene Zanardi nicht durch seine überschaubar erfolgreiche Formel-1-karriere, sondern durch einen schrecklichen Unfall am Lausitzring 2001 in einem Rennen der damaligen ChampCar-Serie. Er lag in Führung, absolvierte einen turnusmäßigen Boxenstopp, doch bei der Rückkehr geriet er auf einen Grünstreifen und ins Schleudern und verlor die Kontrolle. Mit 300 Stundenkilometern raste der Kanadier Alexandre Tragiardi im rechten Winkel in Zanardis Fahrzeug und zerfetzte dieses in 2 Teile. Zanardi wurden beide Beine abgerissen, er verlor extrem viel Blut, aber die Ärzte retteten ihn das Leben. Es gibt bei Youtube mehrere Videos von diesem Crash, ich erspare mir und Euch den Link dazu.
„Ich bin jetzt ein halber Deutscher“, scherzte er, angesprochen auf die vielen Blutkonserven. Ein typischer Zanardi, der trotz des Verlustes der Beine nie den Lebensmut und nie seinen Humor verlor. 2003 kehrte er auf den Lausitzring zurück, fuhr in einem umgebauten Fahrzeug die 13 Runden zu Ende, die ihm zwei Jahre zuvor zum Sieg gefehlt hatten. Die Zuschauer erhoben sich von den Sitzen und applaudierten ihm. Aus den Boxen röhrte David Bowies „Heroes“. Wer live vor Ort oder wie ich am Fernseher dabei war, wird es kaum vergessen.
Auch wenn danach Alex Zanardi immer wieder in umgebauten Rennautos Rennen bestritt und sogar ein Rennen der Toruenwagen-WM gewann – das reichte ihm nicht. Er wurde zum fanatischen und extrem erfolgreichen Handbiker. Bei den Paralympics in London und Rio gewann er viermal Gold und zweimal Silber, er eroberte 12 Titel bei Weltmeisterschaften. Was er tat, das tat er gründlich, auch das war eine seiner Lebensweisheiten.
Ein weiterer schwerer Unfall beendete 2020 auch diese Karriere. Mit seinem Handbike kollidierte er bei einer Trainingsfahrt mit einem Lastwagen und schwebte mit schweren Kopfverletzungen tagelang in Lebensgefahr. Seitdem lebte er abgeschirmt und in Ruhe (Zanardi und Ruhe – ein Widerspruch an sich. Am Samstag ist er im Kreise seiner Lieben friedlich eingeschlafen. Damit wird es nichts aus seinem eigentlichen Lebenstraum. Das Zitat sagt viel aus über einen wunderbaren Sportler und noch tolleren Menschen, der für viele ein Vorbild war, wie er mit Rückschlägen umgegangen ist.
Vielleicht der erste Mensch auf dem Mars zu sein. Irgendetwas Einfaches halt.“
von Münchner Löwe | März 31, 2026 | Fußball, Nachruf
Nur 2 Jahre war Karsten Wettberg Cheftrainer bei 1860 München, doch kein Löwen-Fan, der zwischen 1990 und 1992 schon dabei war, wird diese Zeit je vergessen. Den knapp verpassten Aufstieg in die 2. Liga 1990, die ungeschlagene Saison 90/91 samt Aufstieg, und das jähe Erwachen samt Rausschmiss, der allerdings den Abstieg nicht vermeiden konnte.
Das sind ja nur die kargen Fakten. Unvergessen bleiben 2 epochale Spiele. Wie das am 11. Mai 1990, ein Freitagabend, vor 30.000 Zuschauern im völlig verregneten Grünwalder im Aufstiegsendspiel gegen Schweinfurt 05. Das Auf und Ab der Gefühle der 90+ Minuten im Dauerregen, 2 tobende Trainer an der Seitenlinie: hier Wettberg, der Löwenfan von Kindesbeinen an, der 1965 mit nach Wembley zum Europapokal-Endspiel gegen West Ham mitgereist war; auf der anderen Seite ein gewisser Werner Lorant, damals schon extrem bärbeißig. Die Löwen brauchten einen Sieg, es wurde ein 3:3, auch weil für Schweinfurt ein gewisser Bernhard Winkler die Sechzig-Abwehr vor unlösbare Probleme stellte und 2 Tore erzielte. Das Remis war zuwenig, um die Schweinfurter noch von Platz 1 zu verdrängen, und natürlich herrschte extreme Enttäuschung bei den Anhängern. Aber kein Vorwurf an Trainer oder Spieler, nirgends. Danach zog es mich (wie wahrscheinlich jeden Fan) in eine Kneipe mit einem Referendars-Kollegen, das Bier floss mindestens so stark wie zuvor der Regen (an alle, die auf mich aufpassen! Das ist fast 36 Jahre her!). Irgendwie kam ich heim …
Wer weiß, wozu diese Enttäuschung gut war. Denn es folgte die märchenhafte Saison der Löwen ohne jede Niederlage. Da der Bayernliga-Meister damals noch in eine Aufstiegsrunde ging, nutzte das wenig. Doch Wunder über Wunder, auch dort reüssierten die Löwen, sodass es im Juni zu einem nächsten Aufstiegs-Endspiel kam. Wieder im Grünwalder, diesmal gegen Borussia Neunkirchen. Wieder prasselte der Regen, wieder echauffierte sich Wettberg an der Außenlinie; unter anderem drosch er einen unschuldigen Regenschirm zu Glump. Diesmal war das Glück und Können mit den Löwen, und sie gewannen mit 2:1. Die begeisterten Fans stürmten den Rasen und zogen Wettberg im Wortsinne bis auf die Unterhose aus. Heute wahrscheinlich undenkbar, aber Wettberg gab tatsächlich praktisch im Adamsgewand dem Bayerischen Rundfunk ein Interview, live und in Farbe im Fernsehen war der eher schmächtige Wettberg zu bewundern. Bei der Aufstiegsfeier tags darauf im Münchner Rathaus erhob OB Christian Ude den wieder formell bekleideten Karsten Wettberg zum „König von Giesing“. Wirklich niemand, der ihm widersprochen hätte.
In der 2. Liga stießen die Löwen dann schnell auf die Realität, und die hieß Abstiegskampf. Branchenüblich wurde der Trainer, also Wettberg gefeuert (trotz Königs-Status), aber auch mit dem Nachfolger Edi Stöhr (ich musste nachschauen) stiegen die Löwen ab. Wettberg kritisierte während und nach seiner Zeit die Vereinsspitze, erhielt von der damaligen Präsidentin Lilo Knecht sogar Platzverbot fürs Vereinsgelände. Angeblich wurde dieses offiziell nie aufgehoben, sogar als er Vizepräsident des Clubs wurde und dort ein- und ausging.
Jetzt ist Karsten Wettberg im Alter von 84 Jahren gestorben und im Löwen-Himmel. Auf einer Wolke wird er sich mit seinem Nach-Nachfolger Werner Lorant unterhalten, der vor einem Jahr von uns gegangen ist. Jener Lorant, der 1992 die Löwen als Cheftrainer übernahm, den gewissen Bernhard Winkler nach München lotste und den Club 2000 fast bis in die Champions League führte samt Derbysiegen gegen die Bayern. Lorants Erfolge mögen größer und strahlender als die von Wettberg gewesen sein, aber dieser hat wie kaum ein anderer in jetzt mehr als 50 Jahren Fan-Dasein mein Löwen-Herz erobert. Möge er in Frieden ruhen. Danke, Karsten Wettberg!
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