Das war die Woche, die war

Die Show der Gabby Williams

 

Spiel 7 in Best-of-7-Serien, erst recht im Finale, da werden Sporthelden geboren. Und Sportheldinnen. Wie die Basketballspielerin Gabby Williams von den Golden State Valkyries: Die ihr Team eben in diesem 7. Spiel, besser gesagt in der 2. Halbzeit dieser Partie, fast im Alleingang zum Sieg gegen Atlanta Dream und damit zum ersten Titel der Teamgeschichte führte.

28 Punkte gelangen der überragenden französischen Vizeweltmeisterin allein in der 2. Hälfte. Noch nie in der Play-off-Geschichte der WNBA hat einer Spielerin in einer Halbzeit so viele Punkte erzielt. Dabei war ihr im ersten Durchgang so gut wie nichts gelungen, 2 magere Pünktchen standen da auf der Habenseite, weswegen die Valkyries in der ausverkauften Halle in San Francisco mit 24:30 zurücklag. Weil auf der anderen Seite Jordin Canada endlich aufdrehte. Endlich, weil die Spielmacherin bis dato in der Serie nicht so zur Geltung kam. Gleich 13 Punkte legte sie auf, allerdings kam im zweiten Durchgang nur noch ein Dreier hinzu.

Es waren die 20 Minuten der Gabby Williams, die jetzt ihre körperliche und spielerische Überlegenheit gnadenlos ins Feld führte. Und ihr Händchen aus der Ferne bewies. 4 von 6 Dreier fanden das Ziel, außerdem verwandelte sie alle 6 Freiwürfe. Auch in der Verteidigung leistete sie ihren Beitrag mit 2 Blocks und 1 Steal. Auch wenn im Basketball nie eine einzige Spielerin gewinnen kann, ohne Williams wäre es nie im Leben etwas mit dem Sieg der Valkyries geworden. Ihren 28 Punkten in der 2. halbzeit standen nur 16 Zähler der Mannschaftskolleginnen gegenüber. Die wiederum im ersten Durchgang den Rückstand in Grenzen hielten, als Williams sich noch zurückhielt (netter Euphemismus).

 

Titel in der 2. Saison

 

Erst zur Saison 2025 waren die Valkyries zur WNBA dazugestoßen. Schon im 2. Jahr der Titel, so früh wie noch nie im US Sport. Es gibt Mannschaften, die warten schon Jahrzehnte darauf, und gerade in den ersten Jahren hagelt es Niederlagen zu hauf. Die Valkyries setzten auf Internationalität. Begonnen bei der japanischen Trainerin Natalie Nakase.

Natürlich ist dass in der WNBA leichter möglich, gerade in Zeiten, in denen sich ihrneue Dimensionen eröffnen. Frauen-Basketball hat sich voll etabliert, die Hallen in den Play-offs waren sehr gut gefüllt bis ausverkauft, die Stimmung auf den Rängen so leidenschaftlich wie noch nie. Endlich vedienen die Frauen auch ordentliches Geld, natürlich weit entfernt von den unfassbaren 50-Millionen+-Verträgen der NBA-Männer, aber wahrscheinlich so viel wie in keiner anderen Frauen-Liga. Durchschnittlich verdient eine NBA-Spielerin knapp 600.000 Dollar, die Stars der Szene erhalten bis zu 1,5 Millionen, die Tendenz ist stark steigend.

Sagte ich voll etabliert? Dann muss ich das einschränken. Unzumutbar für beide Teams war zumindest, dass sie ztu Spiel 6 in Atlanta schon um 12:30 Uhr Ortszeit (an einem Donnerstag) atreten mussten, weil die Halle am Abend von den Atlanta-Hawks-Männern belegt war. Die ihre Partie aber immerhin um eine Stunde nach hinten rückten, sodass die Doppelbelegung überhaupt möglich war. Viele WNBA-Tams kooperieren mittlerweile offiziell mit dem NBA-Team der Stadt. Wie die Valkyries in San Francisco mit den Warriors.

 

Kimi Antonelli jüngster Weltmeister

 

Es war nur noch eine Formsache, aber als der Titel auch rechnerisch nicht mehr zu nehmen war, öffneten sich bei Kimi Antonelli alle Schleusen. Noch während der Auslaufrunde nach seinem dritten Platz in Mexiko heulte der Italiener hemmungslos, und das sollte den ganzen Abend fortdauern. „Ich habe viel zu viel geweint“, bekannte der mit 20 Jahren jüngte Formel-1-Weltmeister aller Zeiten.

So mancher Italiener wird auch die eine oder andere Träne verdrückt haben. Die motorsport-verrückten Tifosi warteten ja eine Ewigkeit auf einen einheimischen Weltmeister, genauer seit 1953 (Ascari). Zwar trösten sie sich mit Ferrari, aber gerade der Schumi-glanz der Nuller-Jahreist eben auch schon etwas verblasst. Der letzte Titel für die Scuderia datiert auch schon aus dem Jahr 2007, als Kimi Raikkönen triumphierte.

Jetzt also der italienische Kimi (laut der Mama hat die Namensgebung nichts mit dem schweigsamen Finnen zu tun). Mit einer für einen 20-Jahren furcheinflößenden Abgeklärtheit fuhr er rasend schnell und nahezu fehlerlos durch die Saison, legte gerade in der ersten Hälfte mit einem Erfolg nach dem anderen den Grundstein zum Titel. Dabei profitierte er sicher auch vom überlegenen Mercedes, aber gerade wie er den höher eingeschätzten Team-Kollegen George Russell in die Grenzen wies, das nötigte jedem in der Branche allerhöchsten Respekt ab. Auf den Schultern des Mexiko-Siegers Max Verstappen (vierfacher Weltmeister) und Lewis Hamilton (siebenmal Chmapion, davon sechsmal mit Mercedes) wurde er durchs Fahrerlage getragen – ehrliche Ehrerbietung. Aber gerade wer den überehrgeizigen Verstappen kennt weiß, dass dieser sich 2027 nicht kampflos ergeben lassen will. Der Red Bull, zu Beginn des Jahres noch absolut nicht konkurrenzfähig, ist zurzeit das Maß aller Dinge, wie der dritte Sieg des Holländers in den vergangenen vier Rennen beweist.

 

Zverev die Nummer 1

 

Seit Montag ist es offiziell. Da spuckte der Computer Alexander Zverev als neue Nummer 1 de Welt aus. Möglich machte dies ein schnöder Zweitrunden–Erfolg gegen den Holländer Tallon Griekspor in Wien, mit dem er den zurzeit pausierenden Jannik Sinner vorzeitig überflügelte (es war seit Wochen klar, dass Zverev den Italiener spätenstens zum Jahresende ablösen würde). Mit einem Turniersieg allerdings konnte Zverev seine historische Woche nicht krönen. Im Halbfinale unterlag er dem Australier Alex de Minuar im Tiebreak des 3. Satzes. Allzu traurig schien der hamburger nicht zu sein.

Vielleicht war es ihm sogar ganz recht, dass aus dem anvisierten Traumfinale gegen Carlos Alcáraz nichts werden würde. Der Spanier gewann das Finale klar gegen De Minaur und zeigte sich in Bestform. Da hätte es Zverev sehr schwer gehabt, und eine klare Niederlage hätte die eh zermürbenden Diskussionen neu entfacht. Diskussionen, ob Zverev eine „verdiente“ Nummer 1 sei, weil Sinner und auch Alcáraz sehr lange verletzungsbedingt fehlten und fehlen. Alcáraz selbst brach eine Lanze für Zverev. „Beim Tennis geht es nicht nur darum, den Platz zu betreten und an diesem einen Tag sein bestes Tennis zu spielen. Es geht auch um die Konstanz, die man während des gesamten Jahres zeigt.“

 

Und sonst?

 

  • Bundesliga: Remis im Spitzenspiel. 2:2 trennten sich der FC Bayern und Borussia Dortmund. Die Bayern vergaben zahlreiche Chancen (so traf Harry Kane mit einem Elfmeter absurderweise nur die Latte). Das rächte sich, als kurz vor Schluss Flavio Silva mit einem platzierten Flachschuss Jonas Urbig im Bayern-Tor überwand.
  • England: Der FC Arsenal hat eine betrübliche Serie beendet. Das 1:0 beim FC Livberpool war der erste Sieg der Londoner an der Anfield Road seit 14 Jahren. Der deutsche Nationalspieler Kai havertz traf schon in der 16. Minute nach einer herausragenden Kombination. Arsenal führt die Premier League mit 3 Punkten auf Manchester City an, das zuhause gegen Brghton mit 0:1 verlor.
  • Tennis: Turniersiege feierten Harriet Dart in Guangzhou (Finalsieg über Lilli Tagger), Diana Shnaider in Tokio (Leyla Fernandez) und Valentin Vacherot (Jiri Lehecka). Jan-Lennard Struff zeigte erneut ein starkes Turnier, bezwang im Viertelfinale Novak Djokovic, unterlag aber im Halbfinale ganz knapp gegen Lehecka und vegab dabei im 2. Satz einen Matchball.
    Das österreichische Doppel Lukas Miedler/Neil Oberleitner feierte in Wien einen umjubelten Heimsieg.
  • Basketball: Zwei Niederlagen für den FC Bayern in der Euroleague: Dem knappen 84:88 zu Hause gegen den FC Barcelona folte am Donnerstag ein deprimierend deutliches 73:103 bei Roter Stern Belgrad. In der BBL setzte es dann am Sonntag mit 67:69 die erste Saisonpleite. Eine Woche zum Vergessen.

Das wird die Woche, die wird

Für mich am spannendsten sind die Play-offs in der MLB und WNBA, mit denen ich mich aber in gesonderten Texten beschäftigen werde. Ansonsten kehrt am Wochenende der Liga-Fußball zurück. Und Alexander Zverev kann beim Turnier in Schanghai weiteren Boden auf den verletzungsbedingt pausierenden Jannik Sinner gutmachen

 

Hält Dortmunds Tabellenführung?

 

4 Spiele, 4 Siege, so lautet die zumindest zahlenmäßig optimale Ausbeute des BVB zum Saisonstart. Als einiges Bundesliga-Team beklagt die Truppe noch keinen Punktverlust. Schon am Freitag treffen die Dortmunder zu Hause auf Werder Bremen, eine durchaus machbare Aufgabe. Komplizierter hats da schon der Titelverteidiger. Der FC Bayern spielt am Samstag beim FC Augsburg: jenem Team also, das den Münchner in der vergangenen Spielzeit die einzige Niederlage zufügte (allerdings war das in der Münchner Arena).
Nominelle Top-Paarung des 5. Spieltags ist die Begegnung RB Leipzig vs Eintreacht Frankurt (Sa., 18:30), vom Tabellenstand mittelmäßiger könnte es kaum sein (Neunter gegen Zehnter).

 

Zverevs Aufholjagd setzt sich in Schanghai fort

 

Nach 2 Grand-Slam-Siegen hat der Tennis-Profi für 2026 noch ein klares Ziel: Platz 1 in der Weltrangliste. Beim Masters in Schanhai kann der Hamburger diesem Ziel ein erhebliches Stück näherkommen, da der Noch-Inhaber Jannik Sinner wegen seiner Knieverletzung weiter pausieren muss. Ganz einholen kann Zverev den italiener in China allerdings noch nicht, aber der Machtwechsel dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, denn in der Jahreswertung führt Zverev schon mit 810 Punkten.
Zverev ist in Schanghai als Nummer 1 gesetzt, bekommt es zum Auftakt mit einem Qualifikanten oder Lucky Loser zu tun. Außer Sinner ist die gesamte Welt-Elite in Schanghai am Start.

Zuvor werden aber bis Dienstag noch die Turniersieger in Peking und Tokio ermittelt. Das Finale in Tokio bestreiten carlos Alcáraz und Jiri Lehecka, jenes in Peking Alex De Minaur gegen Novak Djokovic oder Daniil Medwedew. Djokovic eliminierte gestern im Viertelfinale Zverev, das Turnier in der chinesischen Hauptstydt liegt dem Altmeister aus Serbien extrem, und dort lieben ihn die Zuschauer.

 

Und sonst?

 

  • Internationale Ligen, England: Im Schatten des Finanz-Skandals um Manchester City (offenbar ein Betrug in Höhe von 1 Milliarde Euro) und dem Warten auf die angemessene Bestrafung versucht die Premier League die Saison-Fortführung. Besagtes City grüßt als verlustpunktfreier Tabellenführer. Die Partie am Sonntag beim FC Liverpool (17:30) wird allerdings ein echter Prüfstein.
    Spanien: Der FC Barcelona kennt sich mit Finanz-Trickereien (bisher allesamt ungeahndet) bestens aus (Schulden in Höhe von weit mehr als 1 Milliarde Euro). Ubeeindruckt zieht Barca schon früh in der Saison fast einsam seine Kreise und fasziniert durch herrlichen Angriffs-Fußball. Mir fehlt die Fantasie, dass ausgerechnet Rayo Vallecano im Camp Nou zum Stolperstein wird (Sa., 18:30). Zumindest von Namen her  schwieriger hats da schon Real Madrd zu Hause gegen Real Villarreal.
  • Tennis: Die Frauen bestreiten ein erstklassig besetztes Turnier in Peking. Allerdings sind die zwei Top-Gesetzten Lena Rybakina und Aryna Sabalenka schon vor dem Achtelfinale ausgeschieden. Zumindest nominell „best of the rest“ ist Coco Gauff (Nummer 3) vor French-Open-Siegerin Mirra Andreewa (4), doch das Feld ist zurzeit extrem unbeständig, sodass Vorhersagen nahezu unmöglich erscheinen.
  • Formel 1: Nach Malaysia ist vor Singapur. Im Stadtstaat bestreitet die Königsklasse am Sonntag ihr nächstes Rennen. Kimi Antonelli hat weiter einen beruhigenden Vorsprung von 86 Punkten auf Mercedes-Teamgefährte George Russell.
  • Basketball: Nur ein Spieltag in dieser Woche in der Euroleague. Der FC Bayern empfängt am Donnerstag (20 uhr) Virtus Bologna. Schon am Samstag (16 Uhr) folgt für die Münchner in der BBL der Auftritt bei den Niners Chemnitz.
  • Motorrad: WM-Läufe in allen Klassen am Wochenende in Mandalika/Indonesien. In de MotoGP füjrt Jorge Martin (333 Punkte) vor seinem spanischen Landsmann Marc Marquez (301). Wie immer stehen am Samstag ein Sprint und am Sonntag das klassische Rennen auf dem Programm.

Alexander Zverev macht sein Meisterstück

Besser geht’s nicht. Finale der US Open auf dem größten Center Court der Welt, der mit knapp 24.000 Zuschauern restlos gefüllt war. Auf der anderen Seite mit Ben Shelton der umjubelte Lokalmatador, der in diesem Turnier so begeisternden Tennis gezeigt hat, insbesondere bei seinen Siegen gegen Carlos Alcáraz und Landsmann Frances Tiafoe. Den Aufschlag-Weltrekordler (zumindest für ATP Tour). Und was macht der Hamburger? Entzauberte den US Boy nach allen Regeln der Kunst.
Von Beginn an diktierte Zverev die Partie, nahm Shelton gleich den Aufschlag ab und transportierte das Break sicher zum Satzgewinn. Im zweiten Durchgang musste der Tiebreak entscheiden, und hier zeigte Zverev schlicht und ergreifend das best vorstellbare Tennis und deklassierte Shelton beim 7:2.
Noch nicht einmal vom Rückschlag im 3. Durchgang ließ sich Zverev durcheinanderbringen, als er mit einer leichten Unkonzertiertheit das Service zum 5:7 und Satzverlust abgab. Laut Statistiker war ihm das zuvor bei 50 Aufschlagspielen gegen Shelton nicht passiert.
Die Zuschauer eskalierten, witterten noch mal eine Chance für ihren Landsmann Shelton. Der doch als erster US Amerikaner seit 2003 den Männertitel wieder für die USA holen sollte. Doch Shelton war mit der Situation überfordert gegen den fast gleichmütigen Zverev. Sofort gab er den Aufschlag im 4. Satz ab (trotz 30:0-Führung), das Momentum war wieder dahin. Und Zverev ließ sich die Chance nicht entgehen. So fokussiert war er auf jeden einzelnen Punkt, dass er gar nicht merkte, als er den Matchball verwandelt hatte. Erst als ihm die Schiedsrichterin signalisierte, das das Spiel vorbei sei, brach der Jubel aus ihm heraus.

Besser gehts nicht! Oder etwa doch? Denn kaum war die Siegerehrung beendet, meldeten sich die Bedenkenträger. Zverev habe ja nur gewonnen, weil Jannik Sinner nicht dabei gewesen war (wegen einer Knieverletzung) und Alcaraz nach seiner Handverletzung noch nicht hundertprozentig fit gewesen sei. Das mag stimmen (oder auch nicht), ist aber völlig belanglos. Man kann nur den Gegner bezwingen, der auf der anderen Seite des Platzes steht. Und Zverev bezwang in New York eben alle Sieben, die auf der anderen Seite des Platzes standen. Schwer genug ist so ein Parforceritt, und viel hätte ja auch nicht gefehlt und Zverev wäre in der ersten oder zweiten Runde bei seinen Fünfsatz-Thrillern gescheitert. Er wankte zwar gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys, fiel aber nicht. Und genau das unterschied ihn von all den chancenreichen Mitbewerbern wie Fils und Auger-Alliasime und Medwedew und Fritz, die bei ihren Niederlagen gegen Außenseiter eben im entscheidenden Moment nicht zulegen konnten wie Zverev.

Der Deutsche weiß selbst seine Leistung einzuordnen. „Zurzeit bin ich der beste Spieler der Welt. Das war ich nicht, als Sinner fit war.“ Über ein potenzielles Finalduell mit Sinner zu spekulieren, führt allerdings zu gar nichts, zumal jede Partie ohnehin erst mal gespielt werden muss.

Bleiben wir also  bei den unumstößlichen Fakten: Zverev, dem trotz Olympiatriumphes und zweier WM-Titel lange nachgesagt wurde, bei den Grand Slams nie gewinnen zu können, hat ein geradezu märchenhaftes Jahr bei diesen ganz großen Turnieren hinter sich: Halbfinale Melbourne (nur denkbar unglücklich gescheitert an späteren Sieger Alcáraz), Sieg Paris, Finale Wimbledon (recht chancenlos gegen Sinner) und jetzt Sieg New York. Macht 25:2 Matchsiege, das ist zum Beispiel ein besseres jahr als es ein Boris Becker je hatte. Noch sieht ihn die Weltrangliste als Nummer 2 hinter Sinner, aber in der Jahreswertung hat er bereits einen gewaltigen Vorsprung auf den Italiener. Von dem niemand weiß, in welcher Verfassung er die restlichen Turniere des Jahres bestreiten kann. Sehr wahrscheinlich also, dass Alexander Zverev dieses unfassbar erfolgreiche 2026 als bester Tennisspieler der Welt abschließen wird, um etwas weiter in die Zukunft zu blicken.

Ich habe jetzt gelesen, dass Alexander Zverev unbedingt Deutschlands Sportler des Jahres werden muss. Diese Ehrung ist in der Tat sehr wahrscheinlich. Ich allerdings würde dafür den Schwimmer Johannes Liebmann präferieren. Dessen unfassbarer Weltrekord über 1500 Meter Freistilstellt in der ganz persönlichen Löwen-Wertung sogar einen Alexander Zverev in den Schatten.

 

Rybakinas Triumphzug

 

Seit ziemlich genau 50 Jahren schaue ich jetzt Tennis, auch Frauen-Tennis. Doch was Besseres als Lena Rybakina der 3. Satz im Finale der US Open gegen eine keineswegs schwache Aryna Sabalenka hat meines Erachtens noch nie eine Spielerin fabriziert. Eine sehr steile These, ich weiß, aber ich begründe mal:  Toller Aufschlag, knallharte Grundschläge und sogar tödliche (ja ja, die Tennissprache …) Volleys. All das im vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres. Falls also die geringsten Zweifel bestanden, ob Lena Rybakina tatsächlich eine verdiente Nummer 1 der Welt ist (als die sie die heutige Weltrangliste ausspuckt), dann sind diese Zweifel verflogen. Hoffentlich auch bei Sabalenka, die bei der Siegerehrung nur mit zusammengebissenen Zähnen der Kontrahentin ein „well deserved“ rauspresste, ansonsten leider mal wieder eher darüber schwadronierte, was sie selbst alles falsch gemacht habe. Man kann jetzt philosphieren, ob Sabalenka eher eine sehr schlechte oder sehr enttäuschte Verliererin war.

Der Triumph der Kasachin Rybakina ist umso höher einzuschätzen, weil sie vor dem Turnier angeschlagen war nach einer recht komplizierten Fußverletzung und sie wahrscheinlich selbst nicht wusste, woran sie ist. Doch schnell war klar, dass die Pause ihrer Form keineswegs abträglich war – vielleicht sogar im Gegenteil, weil sie pausieren musste. Denn keine Spielerin war frischer und agiler. Wenn sie aber gut zum Ball steht, dann wird es für jede Gegnerin schwer bis unmöglich dagegenzuhalten.
Sabalenka, die Titelverteidigerin und amtierende Nummer 1, tat ihr bestes. Nur noch ein Raunen ging durch die Ränge, wenn sich die Kasachin Rybakina und die Weißrussin Sabalenka die Bälle um die Ohren knallten. Beide hatten ja schon im Januar das Finale der Australian Open bestritten (ebenfalls mit dem besseren Ende für Rybakina). Beide waren ab April in ein Formtief gefallen mit jeweils erstaunlichen Niederlagen unter anderem in Paris und Wimbledon. Jetzt zeigten die beiden, dass sie die zwei besten Tennis-Frauen der Welt sind, trotz der Amerikanerinnen Gauff und Pegula, trotz Iga Swiatek und wie sie alle heißen.

Ein Trost für die Konkurrenz: So gut wie im 3. Satz wird auch eine Lena Rybakina nicht jeden Abend spielen.

Zverev siegt weiter – die Konkurrenz strauchelt

Diesmal war der New Yorker Nachtarbeiter Alexander Zverev mit seiner Drittrundenpartie gegen den Chilenen Tabilo schon um etwas 1 Uhr Ortzeit fertig, nach nur knapp 2 Stunden und 30 Minuten, ein echter Spaziergang im Vergleich zu den beiden Fünfsatz-Thrillern bis weit nach 2 Uhr nachts gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys. Noch immer bin ich nicht vollständig überzeugt von der Form des Hamburgers, der im 2. Durchgang 2 Satzbälle abwehren musste (da half ihm Tabilo kräftig), aber das Wichtigste: Er beißt sich durch und gewinnt seine Partien; ganz im Gegensatz zu den Top-Leuten in seiner Tableau-Hälfte, die sich allesamt schon verabschiedet haben. So erwischte es in der 3. Runde den von mir hochgewetteten Taylor Fritz (nach 2:0-Satzführung gegen Fernando Cerundolo) und Franco Cobolli (French-Open-Finalist gegen Zverev), der am baumlangen Belgier Alexander Blockx scheiterte

Zverevs Weg ins Finale scheint fast vorgezeichnet, denn der nominell stärkste Profi, der das noch verhindern könnte, ist der junge Amerikaner Learner Tien als Nummer 14 gesetzt. Jetzt allerdings bekommt es Zverev erst mal mit Luciano Darderi zu tun (Nummer 21). Der Italiener hinterließ bei seinen bisherigen Auftritten in New York einen vorzüglichen Eindruck und hat Zverev bereits besiegt – im Halbfinale beim Masters-Turnier in Rom, allerdings auf Sand.

 

Alcáraz weiter ohne Satzverlust

 

Ganz nach Plan läuft es für den Titelverteidiger: Carlos Alcáraz gewann auch gegen Wu ohne große Mühe und ist im Turnier weiter ohne Satzverlust. Und das, obwohl er weiterhin bestenfalls mit 90 Prozent Härte aufschlägt, offenbar dem angeschlagenen Handgelenk geschuldet. Ansonsgten zeigt er allerdings schon wieder großes Tennis, gerade auch bei wichtigen Bällen. In dessen Hälfte allerdings sind noch einige Brocken und vor allem eine gefährliche  amerikanische Fraktion versammelt: Heute kommt es im Achtelfinale zum Duell mit Tommy Paul, sollte Alcáraz siegen, würde wahrscheinlich der extrem aufschlagstarke Ben Shelton warten (oder doch der aus tiefen Tälern wieder auferstandene Grieche Stefanos Tsitsipas?). Außerdem sind auch noch die beiden US Boys Francis Tiafoe und Alex Mikkelsen im Rennen. Ich vermag immer noch nicht einzuschätzen, ob sich der Nachteil des Aufschlags bei Alcáraz gegen einen Top-Mann wie Paul oder spätestens Shelton nicht doch einmal entscheidend negativ auswirkt. Denn das Gene Alcáraz macht Dinge, die nur Alcáraz kann.

 

Achtelfinal-Tableau 

Zverev – Darderi (Montag)
Gea – van de Zandschulp
Katschanow – Tien
Cerundolo – Blockx

Medwedew – Tiafoe (Sonntag)
Michelsen – Etcheverry
Shelton – Tsitsipas
Alcaraz – Paul

 

Favoritinnen mit souveränen Siegen

 

Auch in der 3. Runde gaben sich die Top-Spielerinnen keine Blöße. Von den nominell besten acht Frauen ist nur Wimbledon-Finalistin Karolina Muchova nicht mehr dabei, die an Emma Navarro scheiterte. Alle anderen landeten mehr (Sabalenka, Rybakina) oder weniger (Noskova) souveräne Siege. Und doch: Ob der Durchmarsch der Besten auch im Achtelfinale anhält, da gibt es doch noch ein paar Fragezeichen, denn einige sehr gefährliche Außenseiterinnen sind ebenfalls noch im Rennen

 

Jovic gegen Eala – ein Duell der Zukunft

 

An erster Stelle nenne ich da Iva Jovic. In einem begeisternden Match gewann die junge Amerikanerin gegen die aufstrebende Philippinin Alexandra Eala nach gut 3 Stunden mit 7:5, 3:6, 7:5. Für mich die bisher beste und aufregendste Partie des gesamten Turniers, auch weil die fantastische Kulisse im Arthur-Ashe-Stadium dazu betrug. Denn die Fans waren aufgeteilt in zwei fast gleichstarke Blöcke (Eala hat in ihrem Land und dem ganzen Kontinent eine wahre Tennis-Begeisterung ausgelöst). Sie sahen spektakuläre Ballwechsel und eine Partie, die bis zum verwandelten matchball in beide Richtungen hätte sich neigen können. Nachdem Jovic gesiegt hatte gab es eine innige Umarmung: Ich glaube, dass wir hier ein Duell der Zukunft gesehen haben. Zumal beide Spielerinnen noch längst nicht am Zenith ihres Könnens angelangt sind (ich denke an den jeweils verbesserungswürdigen Aufschlag).
Für Jovic setzt sich die Reise fort, und selbst ihre favorisierte Landsfrau Coco Gauff muss im Achtelfinale nicht das Ende der Fahnenstange sein.
Ähnliches gilt für die zweimalige US-Open-Siegerin Naomi Osaka (vs Lena Rybakina) und mein persönliches dark horse Sofia Cirstea (vs Jessica Pegula).

 

Bermerkenswertes Comeback der Olympiasiegerin

 

Schwere Zeiten hat Qinwen Zheng hinter sich. Die Chinesin fiel aufgrund von zahlreichen Verletzungen und einer bis dato schrecklichen Saison (negativer Höhepunkt: Aus in der 1. Qualifikationsrunde für Toronto gegen eine gewisse Lanlana Taraduree aus Thailand) bis auf Rang 121 der Weltrangliste zurück. Doch jetzt hat die Chinesin offenbar (fast) zurück zu alter Form gefunden, die ihr immerhin den Olympiasieg 2024 in Paris einbrachte. In New York erweist Zheng (oder doch Qinwen?) als Comeback-Königin. In der 3. Runde schaffte sie jetzt das Kunststück und holte gegen Madison Keys im 3. Satz einen 0:5 (!)-Rückstand auf, wobei sie einen Matchball abwehrte. Schon in den Runden zuvor war sie gegen das 16-jährige Top-Talent Kristina Liutowa und die extrem lästige Yulia Putintzewa über die volle Distanz gegangen. Allerdings wird das Achtelfinale gegen die wiedererstarkte Iga Swiatek (für mich die Turnier-Favoritin, sic!) eine ganz andere Hausnummer werden.

 

Achtelfinal-Tableau

Sabalenka – Townsend (Sonntag)
Noskova – Kostyuk
Pegula – Cirstea
Kalinskaya – Navarro

Andreewa – Potapova (Montag)
Gauff – Jovic
Swiatek – Qinwen Zheng
Rybakina – Osaka

 

 

 

 

Alexander Zverev – ganz nah dran und doch chancenlos

Es war ein faszinierendes Wimbledon-Finale, sicher nicht das Beste alle Zeiten oder auch nur dieses Jahrzehnts, aber doch eines der Besseren, Interessanteren, Spannenderen, eines, an das man sich auch noch in Jahren erinnern wird. Hier Jannik Sinner, der Titelverteidiger, die Nummer 1 der Welt. Der Italiener, der dieses Tennisjahr beherrscht (5 Masters-Turniersiege), aber ausgerechnet bei den beiden bisherigen Grand-Slams in Melbourne und Paris geschwächelt hatte.
Dort Alexander Zverev. Vor einem Jahr gebeutelt vom Erstrunden-Aus und nachfolgendem Seelenstriptease. Der ebenfalls ein faszinierendes Tennisjahr hinter sich hat mit dem Höhepunkt des French-Open-Triumphes in Paris vor gut einem Monat. Als ihm aber die ewigen Kritiker vorwarfen, ja wirklich vorwarfen!, er habe ja nur gewonnen, weil Sinner vorher ausgeschieden war und der andere überragende Mann auf der Tour, Carlos Alcáraz, wegen einer Handverletzung gar nicht dabei war.
Jetzt hatte das Schicksal Sinner und Zverev ins Wimbledon-Finale geführt, erneut in Abwesenheit des hand-verletzten Alcáraz; beide mehr (Zverev) oder weniger (vor allem anfangs: Sinner) souverän. Sinner galt als leichter Favorit: wegen des überzeugenden Halbfinalerfolgs gegen den ewigen und alterslosen Novak Djokovic, vor allem aber wegen des unglaublich anmutenden direkten Vergleichs. Die letzten neun Duelle mit Zverev hatte allesamt der Südtiroler für sich entscheiden, allein fünf in diesem Jahr – und jedes Mal war Zverev absolut chancenlos geblieben.

Es entwickelte sich eine vom jeweiligen Aufschläger dominierte Partie. Der erste Satz ging in den Tiebreak, den Zverev gewann. Der zweite Durchgang ging ebenfalls ohne Aufschlagverlust in den Tiebreak – und diesmal hatte Sinner das bessere Ende für sich. Vielleicht die Vorentscheidung beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Zverev hatte einen der raren Breakbälle, doch als er den Stop von Sinner erlaufen wollte, rutschte er aus und schlug aufs Knie. Er verlor nicht nur den Punkt, sondern kurze Zeit später auch das Spiel und danach auch den eigenen Aufschlag. „Ich konnte nicht mich nicht mehr ganz so abdrücken beim Service, deshalb fehlte es an Geschwindigkeit“, bekannte er hinterher. Ansonsten habe er sich aber problemlos bewegen können.

Ähnlich der 4. Durchgang. Ein Break genügte Sinner letztlich zum Triumph. Obwohl Zverev wirklich alles versuchte. Beim Stand von 4:5, 30:30 aus seiner Sicht vielleicht der Ballwechsel der Partie. Zverev dominierte, und gegen jeden anderen Spieler hätte er mit Gewissheit den Punkt gemacht. Aber Sinner vermag Bälle auszugraben wie kein Zweiter, und wie kein Zweiter kann er bei der geringsten Möglichkeit in den Angriffsmodus umschalten. Er gewann also den Punkt, das Spiel  und das insgesamt hochklassige Match. Zverev war ganz nah, so nah wie vielleicht in keinem der andere Duelle (unter anderem eine Art Hinrichtung im Australian-Open-Finale 2025). Er hatte sich diesmal nichts vorzuwerfen. „Er wird besser und besser“, konstatierte auch Sinner. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern zeugt von tiefem und ehrlichem Respekt. Auch dem größten Zverev-Kritiker müsste aufgefallen sein, dass der Hamburger in den vergangenen zwölf Monaten sein Spiel wesentlich verbessert hat, dass er viel aggressiver agiert und viel näher an der Grundlinie steht.

 

Tschechinnen-Finale an Noskova

 

Den Sieg bei den Frauen holte sich Linda Noskova, die in einem inner-tschechischen Duell in drei Sätzen gegen Karolina Muchova erfolgreich war. Eine verrückte Partie. Insgesamt fünf Matchbälle vergab Noskova im zweiten Satz, ehe sie ihn mit 5:7 abgeben musste. Die 21-Jährige verschwand zur Toilettenpause, und kehrt zurück, als sei nichts geschehen. Ihr gelang sofort das Break zum 2:0, und diesen Vorsprung transportierte sie bis zum Triumph. Den sie mit einem krachenden Aufschlag sicherte. Die eigentlich untröstliche Muchova zeigte bei der Siegerehrung Humor. „Meine Ex-Freundin“, rief sie in Richtung Noskova; jeder weiß, wie gut sich die beiden verstehen, die ja auch schon einige Doppel miteinander bestritten hatten.

Damit setzt sich eine erstaunliche Serie fort. Im zehnten Jahr hintereinander gab es auf dem Heiligen Rasen einen Premierensieg. Also zehn verschiedene Triumphatorinnen, die vorher noch nie in Wimbledon erfolgreich waren. Darunter gleich vier Tschechinnen: Petra Kvitona, Marketa Vondrousova, Barbora Krejcikova und eben Linda Noskova. Mich würde wenig wundern, wenn die hochbegabte Karolina Muchova im Juli 2027 die Serie auf 11 Jahre und fünf Tschechinnen ausbauen würde.