von Münchner Löwe | Sep. 14, 2026 | Tennis
Besser geht’s nicht. Finale der US Open auf dem größten Center Court der Welt, der mit knapp 24.000 Zuschauern restlos gefüllt war. Auf der anderen Seite mit Ben Shelton der umjubelte Lokalmatador, der in diesem Turnier so begeisternden Tennis gezeigt hat, insbesondere bei seinen Siegen gegen Carlos Alcáraz und Landsmann Frances Tiafoe. Den Aufschlag-Weltrekordler (zumindest für ATP Tour). Und was macht der Hamburger? Entzauberte den US Boy nach allen Regeln der Kunst.
Von Beginn an diktierte Zverev die Partie, nahm Shelton gleich den Aufschlag ab und transportierte das Break sicher zum Satzgewinn. Im zweiten Durchgang musste der Tiebreak entscheiden, und hier zeigte Zverev schlicht und ergreifend das best vorstellbare Tennis und deklassierte Shelton beim 7:2.
Noch nicht einmal vom Rückschlag im 3. Durchgang ließ sich Zverev durcheinanderbringen, als er mit einer leichten Unkonzertiertheit das Service zum 5:7 und Satzverlust abgab. Laut Statistiker war ihm das zuvor bei 50 Aufschlagspielen gegen Shelton nicht passiert.
Die Zuschauer eskalierten, witterten noch mal eine Chance für ihren Landsmann Shelton. Der doch als erster US Amerikaner seit 2003 den Männertitel wieder für die USA holen sollte. Doch Shelton war mit der Situation überfordert gegen den fast gleichmütigen Zverev. Sofort gab er den Aufschlag im 4. Satz ab (trotz 30:0-Führung), das Momentum war wieder dahin. Und Zverev ließ sich die Chance nicht entgehen. So fokussiert war er auf jeden einzelnen Punkt, dass er gar nicht merkte, als er den Matchball verwandelt hatte. Erst als ihm die Schiedsrichterin signalisierte, das das Spiel vorbei sei, brach der Jubel aus ihm heraus.
Besser gehts nicht! Oder etwa doch? Denn kaum war die Siegerehrung beendet, meldeten sich die Bedenkenträger. Zverev habe ja nur gewonnen, weil Jannik Sinner nicht dabei gewesen war (wegen einer Knieverletzung) und Alcaraz nach seiner Handverletzung noch nicht hundertprozentig fit gewesen sei. Das mag stimmen (oder auch nicht), ist aber völlig belanglos. Man kann nur den Gegner bezwingen, der auf der anderen Seite des Platzes steht. Und Zverev bezwang in New York eben alle Sieben, die auf der anderen Seite des Platzes standen. Schwer genug ist so ein Parforceritt, und viel hätte ja auch nicht gefehlt und Zverev wäre in der ersten oder zweiten Runde bei seinen Fünfsatz-Thrillern gescheitert. Er wankte zwar gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys, fiel aber nicht. Und genau das unterschied ihn von all den chancenreichen Mitbewerbern wie Fils und Auger-Alliasime und Medwedew und Fritz, die bei ihren Niederlagen gegen Außenseiter eben im entscheidenden Moment nicht zulegen konnten wie Zverev.
Der Deutsche weiß selbst seine Leistung einzuordnen. „Zurzeit bin ich der beste Spieler der Welt. Das war ich nicht, als Sinner fit war.“ Über ein potenzielles Finalduell mit Sinner zu spekulieren, führt allerdings zu gar nichts, zumal jede Partie ohnehin erst mal gespielt werden muss.
Bleiben wir also bei den unumstößlichen Fakten: Zverev, dem trotz Olympiatriumphes und zweier WM-Titel lange nachgesagt wurde, bei den Grand Slams nie gewinnen zu können, hat ein geradezu märchenhaftes Jahr bei diesen ganz großen Turnieren hinter sich: Halbfinale Melbourne (nur denkbar unglücklich gescheitert an späteren Sieger Alcáraz), Sieg Paris, Finale Wimbledon (recht chancenlos gegen Sinner) und jetzt Sieg New York. Macht 25:2 Matchsiege, das ist zum Beispiel ein besseres jahr als es ein Boris Becker je hatte. Noch sieht ihn die Weltrangliste als Nummer 2 hinter Sinner, aber in der Jahreswertung hat er bereits einen gewaltigen Vorsprung auf den Italiener. Von dem niemand weiß, in welcher Verfassung er die restlichen Turniere des Jahres bestreiten kann. Sehr wahrscheinlich also, dass Alexander Zverev dieses unfassbar erfolgreiche 2026 als bester Tennisspieler der Welt abschließen wird, um etwas weiter in die Zukunft zu blicken.
Ich habe jetzt gelesen, dass Alexander Zverev unbedingt Deutschlands Sportler des Jahres werden muss. Diese Ehrung ist in der Tat sehr wahrscheinlich. Ich allerdings würde dafür den Schwimmer Johannes Liebmann präferieren. Dessen unfassbarer Weltrekord über 1500 Meter Freistilstellt in der ganz persönlichen Löwen-Wertung sogar einen Alexander Zverev in den Schatten.
Rybakinas Triumphzug
Seit ziemlich genau 50 Jahren schaue ich jetzt Tennis, auch Frauen-Tennis. Doch was Besseres als Lena Rybakina der 3. Satz im Finale der US Open gegen eine keineswegs schwache Aryna Sabalenka hat meines Erachtens noch nie eine Spielerin fabriziert. Eine sehr steile These, ich weiß, aber ich begründe mal: Toller Aufschlag, knallharte Grundschläge und sogar tödliche (ja ja, die Tennissprache …) Volleys. All das im vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres. Falls also die geringsten Zweifel bestanden, ob Lena Rybakina tatsächlich eine verdiente Nummer 1 der Welt ist (als die sie die heutige Weltrangliste ausspuckt), dann sind diese Zweifel verflogen. Hoffentlich auch bei Sabalenka, die bei der Siegerehrung nur mit zusammengebissenen Zähnen der Kontrahentin ein „well deserved“ rauspresste, ansonsten leider mal wieder eher darüber schwadronierte, was sie selbst alles falsch gemacht habe. Man kann jetzt philosphieren, ob Sabalenka eher eine sehr schlechte oder sehr enttäuschte Verliererin war.
Der Triumph der Kasachin Rybakina ist umso höher einzuschätzen, weil sie vor dem Turnier angeschlagen war nach einer recht komplizierten Fußverletzung und sie wahrscheinlich selbst nicht wusste, woran sie ist. Doch schnell war klar, dass die Pause ihrer Form keineswegs abträglich war – vielleicht sogar im Gegenteil, weil sie pausieren musste. Denn keine Spielerin war frischer und agiler. Wenn sie aber gut zum Ball steht, dann wird es für jede Gegnerin schwer bis unmöglich dagegenzuhalten.
Sabalenka, die Titelverteidigerin und amtierende Nummer 1, tat ihr bestes. Nur noch ein Raunen ging durch die Ränge, wenn sich die Kasachin Rybakina und die Weißrussin Sabalenka die Bälle um die Ohren knallten. Beide hatten ja schon im Januar das Finale der Australian Open bestritten (ebenfalls mit dem besseren Ende für Rybakina). Beide waren ab April in ein Formtief gefallen mit jeweils erstaunlichen Niederlagen unter anderem in Paris und Wimbledon. Jetzt zeigten die beiden, dass sie die zwei besten Tennis-Frauen der Welt sind, trotz der Amerikanerinnen Gauff und Pegula, trotz Iga Swiatek und wie sie alle heißen.
Ein Trost für die Konkurrenz: So gut wie im 3. Satz wird auch eine Lena Rybakina nicht jeden Abend spielen.
von Münchner Löwe | Sep. 6, 2026 | Tennis
Diesmal war der New Yorker Nachtarbeiter Alexander Zverev mit seiner Drittrundenpartie gegen den Chilenen Tabilo schon um etwas 1 Uhr Ortzeit fertig, nach nur knapp 2 Stunden und 30 Minuten, ein echter Spaziergang im Vergleich zu den beiden Fünfsatz-Thrillern bis weit nach 2 Uhr nachts gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys. Noch immer bin ich nicht vollständig überzeugt von der Form des Hamburgers, der im 2. Durchgang 2 Satzbälle abwehren musste (da half ihm Tabilo kräftig), aber das Wichtigste: Er beißt sich durch und gewinnt seine Partien; ganz im Gegensatz zu den Top-Leuten in seiner Tableau-Hälfte, die sich allesamt schon verabschiedet haben. So erwischte es in der 3. Runde den von mir hochgewetteten Taylor Fritz (nach 2:0-Satzführung gegen Fernando Cerundolo) und Franco Cobolli (French-Open-Finalist gegen Zverev), der am baumlangen Belgier Alexander Blockx scheiterte
Zverevs Weg ins Finale scheint fast vorgezeichnet, denn der nominell stärkste Profi, der das noch verhindern könnte, ist der junge Amerikaner Learner Tien als Nummer 14 gesetzt. Jetzt allerdings bekommt es Zverev erst mal mit Luciano Darderi zu tun (Nummer 21). Der Italiener hinterließ bei seinen bisherigen Auftritten in New York einen vorzüglichen Eindruck und hat Zverev bereits besiegt – im Halbfinale beim Masters-Turnier in Rom, allerdings auf Sand.
Alcáraz weiter ohne Satzverlust
Ganz nach Plan läuft es für den Titelverteidiger: Carlos Alcáraz gewann auch gegen Wu ohne große Mühe und ist im Turnier weiter ohne Satzverlust. Und das, obwohl er weiterhin bestenfalls mit 90 Prozent Härte aufschlägt, offenbar dem angeschlagenen Handgelenk geschuldet. Ansonsgten zeigt er allerdings schon wieder großes Tennis, gerade auch bei wichtigen Bällen. In dessen Hälfte allerdings sind noch einige Brocken und vor allem eine gefährliche amerikanische Fraktion versammelt: Heute kommt es im Achtelfinale zum Duell mit Tommy Paul, sollte Alcáraz siegen, würde wahrscheinlich der extrem aufschlagstarke Ben Shelton warten (oder doch der aus tiefen Tälern wieder auferstandene Grieche Stefanos Tsitsipas?). Außerdem sind auch noch die beiden US Boys Francis Tiafoe und Alex Mikkelsen im Rennen. Ich vermag immer noch nicht einzuschätzen, ob sich der Nachteil des Aufschlags bei Alcáraz gegen einen Top-Mann wie Paul oder spätestens Shelton nicht doch einmal entscheidend negativ auswirkt. Denn das Gene Alcáraz macht Dinge, die nur Alcáraz kann.
Achtelfinal-Tableau
Zverev – Darderi (Montag)
Gea – van de Zandschulp
Katschanow – Tien
Cerundolo – Blockx
Medwedew – Tiafoe (Sonntag)
Michelsen – Etcheverry
Shelton – Tsitsipas
Alcaraz – Paul
Favoritinnen mit souveränen Siegen
Auch in der 3. Runde gaben sich die Top-Spielerinnen keine Blöße. Von den nominell besten acht Frauen ist nur Wimbledon-Finalistin Karolina Muchova nicht mehr dabei, die an Emma Navarro scheiterte. Alle anderen landeten mehr (Sabalenka, Rybakina) oder weniger (Noskova) souveräne Siege. Und doch: Ob der Durchmarsch der Besten auch im Achtelfinale anhält, da gibt es doch noch ein paar Fragezeichen, denn einige sehr gefährliche Außenseiterinnen sind ebenfalls noch im Rennen
Jovic gegen Eala – ein Duell der Zukunft
An erster Stelle nenne ich da Iva Jovic. In einem begeisternden Match gewann die junge Amerikanerin gegen die aufstrebende Philippinin Alexandra Eala nach gut 3 Stunden mit 7:5, 3:6, 7:5. Für mich die bisher beste und aufregendste Partie des gesamten Turniers, auch weil die fantastische Kulisse im Arthur-Ashe-Stadium dazu betrug. Denn die Fans waren aufgeteilt in zwei fast gleichstarke Blöcke (Eala hat in ihrem Land und dem ganzen Kontinent eine wahre Tennis-Begeisterung ausgelöst). Sie sahen spektakuläre Ballwechsel und eine Partie, die bis zum verwandelten matchball in beide Richtungen hätte sich neigen können. Nachdem Jovic gesiegt hatte gab es eine innige Umarmung: Ich glaube, dass wir hier ein Duell der Zukunft gesehen haben. Zumal beide Spielerinnen noch längst nicht am Zenith ihres Könnens angelangt sind (ich denke an den jeweils verbesserungswürdigen Aufschlag).
Für Jovic setzt sich die Reise fort, und selbst ihre favorisierte Landsfrau Coco Gauff muss im Achtelfinale nicht das Ende der Fahnenstange sein.
Ähnliches gilt für die zweimalige US-Open-Siegerin Naomi Osaka (vs Lena Rybakina) und mein persönliches dark horse Sofia Cirstea (vs Jessica Pegula).
Bermerkenswertes Comeback der Olympiasiegerin
Schwere Zeiten hat Qinwen Zheng hinter sich. Die Chinesin fiel aufgrund von zahlreichen Verletzungen und einer bis dato schrecklichen Saison (negativer Höhepunkt: Aus in der 1. Qualifikationsrunde für Toronto gegen eine gewisse Lanlana Taraduree aus Thailand) bis auf Rang 121 der Weltrangliste zurück. Doch jetzt hat die Chinesin offenbar (fast) zurück zu alter Form gefunden, die ihr immerhin den Olympiasieg 2024 in Paris einbrachte. In New York erweist Zheng (oder doch Qinwen?) als Comeback-Königin. In der 3. Runde schaffte sie jetzt das Kunststück und holte gegen Madison Keys im 3. Satz einen 0:5 (!)-Rückstand auf, wobei sie einen Matchball abwehrte. Schon in den Runden zuvor war sie gegen das 16-jährige Top-Talent Kristina Liutowa und die extrem lästige Yulia Putintzewa über die volle Distanz gegangen. Allerdings wird das Achtelfinale gegen die wiedererstarkte Iga Swiatek (für mich die Turnier-Favoritin, sic!) eine ganz andere Hausnummer werden.
Achtelfinal-Tableau
Sabalenka – Townsend (Sonntag)
Noskova – Kostyuk
Pegula – Cirstea
Kalinskaya – Navarro
Andreewa – Potapova (Montag)
Gauff – Jovic
Swiatek – Qinwen Zheng
Rybakina – Osaka
von Münchner Löwe | Juli 13, 2026 | Allgemein
Es war ein faszinierendes Wimbledon-Finale, sicher nicht das Beste alle Zeiten oder auch nur dieses Jahrzehnts, aber doch eines der Besseren, Interessanteren, Spannenderen, eines, an das man sich auch noch in Jahren erinnern wird. Hier Jannik Sinner, der Titelverteidiger, die Nummer 1 der Welt. Der Italiener, der dieses Tennisjahr beherrscht (5 Masters-Turniersiege), aber ausgerechnet bei den beiden bisherigen Grand-Slams in Melbourne und Paris geschwächelt hatte.
Dort Alexander Zverev. Vor einem Jahr gebeutelt vom Erstrunden-Aus und nachfolgendem Seelenstriptease. Der ebenfalls ein faszinierendes Tennisjahr hinter sich hat mit dem Höhepunkt des French-Open-Triumphes in Paris vor gut einem Monat. Als ihm aber die ewigen Kritiker vorwarfen, ja wirklich vorwarfen!, er habe ja nur gewonnen, weil Sinner vorher ausgeschieden war und der andere überragende Mann auf der Tour, Carlos Alcáraz, wegen einer Handverletzung gar nicht dabei war.
Jetzt hatte das Schicksal Sinner und Zverev ins Wimbledon-Finale geführt, erneut in Abwesenheit des hand-verletzten Alcáraz; beide mehr (Zverev) oder weniger (vor allem anfangs: Sinner) souverän. Sinner galt als leichter Favorit: wegen des überzeugenden Halbfinalerfolgs gegen den ewigen und alterslosen Novak Djokovic, vor allem aber wegen des unglaublich anmutenden direkten Vergleichs. Die letzten neun Duelle mit Zverev hatte allesamt der Südtiroler für sich entscheiden, allein fünf in diesem Jahr – und jedes Mal war Zverev absolut chancenlos geblieben.
Es entwickelte sich eine vom jeweiligen Aufschläger dominierte Partie. Der erste Satz ging in den Tiebreak, den Zverev gewann. Der zweite Durchgang ging ebenfalls ohne Aufschlagverlust in den Tiebreak – und diesmal hatte Sinner das bessere Ende für sich. Vielleicht die Vorentscheidung beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Zverev hatte einen der raren Breakbälle, doch als er den Stop von Sinner erlaufen wollte, rutschte er aus und schlug aufs Knie. Er verlor nicht nur den Punkt, sondern kurze Zeit später auch das Spiel und danach auch den eigenen Aufschlag. „Ich konnte nicht mich nicht mehr ganz so abdrücken beim Service, deshalb fehlte es an Geschwindigkeit“, bekannte er hinterher. Ansonsten habe er sich aber problemlos bewegen können.
Ähnlich der 4. Durchgang. Ein Break genügte Sinner letztlich zum Triumph. Obwohl Zverev wirklich alles versuchte. Beim Stand von 4:5, 30:30 aus seiner Sicht vielleicht der Ballwechsel der Partie. Zverev dominierte, und gegen jeden anderen Spieler hätte er mit Gewissheit den Punkt gemacht. Aber Sinner vermag Bälle auszugraben wie kein Zweiter, und wie kein Zweiter kann er bei der geringsten Möglichkeit in den Angriffsmodus umschalten. Er gewann also den Punkt, das Spiel und das insgesamt hochklassige Match. Zverev war ganz nah, so nah wie vielleicht in keinem der andere Duelle (unter anderem eine Art Hinrichtung im Australian-Open-Finale 2025). Er hatte sich diesmal nichts vorzuwerfen. „Er wird besser und besser“, konstatierte auch Sinner. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern zeugt von tiefem und ehrlichem Respekt. Auch dem größten Zverev-Kritiker müsste aufgefallen sein, dass der Hamburger in den vergangenen zwölf Monaten sein Spiel wesentlich verbessert hat, dass er viel aggressiver agiert und viel näher an der Grundlinie steht.
Tschechinnen-Finale an Noskova
Den Sieg bei den Frauen holte sich Linda Noskova, die in einem inner-tschechischen Duell in drei Sätzen gegen Karolina Muchova erfolgreich war. Eine verrückte Partie. Insgesamt fünf Matchbälle vergab Noskova im zweiten Satz, ehe sie ihn mit 5:7 abgeben musste. Die 21-Jährige verschwand zur Toilettenpause, und kehrt zurück, als sei nichts geschehen. Ihr gelang sofort das Break zum 2:0, und diesen Vorsprung transportierte sie bis zum Triumph. Den sie mit einem krachenden Aufschlag sicherte. Die eigentlich untröstliche Muchova zeigte bei der Siegerehrung Humor. „Meine Ex-Freundin“, rief sie in Richtung Noskova; jeder weiß, wie gut sich die beiden verstehen, die ja auch schon einige Doppel miteinander bestritten hatten.
Damit setzt sich eine erstaunliche Serie fort. Im zehnten Jahr hintereinander gab es auf dem Heiligen Rasen einen Premierensieg. Also zehn verschiedene Triumphatorinnen, die vorher noch nie in Wimbledon erfolgreich waren. Darunter gleich vier Tschechinnen: Petra Kvitona, Marketa Vondrousova, Barbora Krejcikova und eben Linda Noskova. Mich würde wenig wundern, wenn die hochbegabte Karolina Muchova im Juli 2027 die Serie auf 11 Jahre und fünf Tschechinnen ausbauen würde.
von Münchner Löwe | Juni 8, 2026 | Tennis
Vor knapp einem Jahr stand Alexander Zverev am Tiefpunkt seiner Karriere, vielleicht sogar seines Lebens. Nach einem deprimierenden Erstrundenaus in Wimbledon offenbarte er die Abgründe seiner Seele. Er habe an nichts mehr Freude, nichts mache mehr Spaß, offenbarte er nach der Niederlage gegen Arthur Rinderknech. Jetzt, ein Jahr später, stand er ergriffen und glücklich bei der Siegerehrung in Paris. Mit dem Triumph bei den French Open hat er seine ohnehin schon tolle Karriere mit dem ersten Grand-Slam-Erfolg veredelt. „Wir haben gewonnen“, befand er – und meinte sich und sein Team, seine Familie mit Vater Alexander (griesgrämig wie eh und je auf der Tribüne), Bruder Mischa, seine Lebensgefährtin Sophia (nicht live vor Ort in Paris), den Hund und nicht zuletzt seinen besten Freund auf der Tour, den Brasilianer Fernando Melo.
Es waren berauschende, enorm souveräne 2 Wochen Tennis, die Zverev zeigte. Während die Männer-Konkurrenz so aufregend wie selten zuvor war mit unfassbaren 5-Satz-Thrillern, unglaublichen Comebacksiegen nach 0:2-Satzrückstand, cruiste Zverev nahezu unangefochten durchs Turnier. Auf dem Weg ins Finale gab der Hamburger gerade mal 2 Sätze ab, eher aus Unkonzentriertheit, denn aus Schwäche. Im Finale wurde er vom erstaunlichen Flavio Cobolli zwar über 5 Sätze gefordert, doch im entscheidenden 5. Durchgang zeigte er sein bestes Tennis; der große Triumph vor Augen hatte ihn desmal eher beflügelt denn lahmgelegt wie teilweise in den bisherigen 3 Grandslam-Finals. Nach dem Matchball legte er sich wie so viele Triumphatoren vor ihm der Länge nach hin, er konnte dann die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Nichts kann diesen Triumph trüben. Auch die Tatsache, dass er auf seinem Erfolgsweg weder Carlos Alcáraz noch Jannik Sinner geschlagen hat (überhaupt keinen Top-10-Spieler), tut dem Triumph nicht den geringsten Abbruch. Eine alte Sportweisheit besagt: Wer nicht dabei ist wie der handgelenks-geplagte Alcáraz, kann nicht gewinnen. Und wer früh ausscheidet wie Hitze-Opfer Sinner, ist halt raus.
„Zverev macht die Karriere rund“, habe ich getitelt. Vielleicht liege ich völlig falsch. Vielleicht nimmt gerade die Grandslam-Karriere erst so richtig Schwung auf nach dem ersten Triumph bei einem der ganz großen Turniere. Zverev ist ja erst 29 jahre alt, sein Tennis ist so gut wie noch nie. Endlich steht er bei Ballwechseln nicht mehr meterweit hinter der Grundlinie (meistens jedenfalls), das war das Auffälligste in den Pariser Tagen und auch schon in den Wochen zuvor. Es war augenscheinlich, wie souverän er nach Jannik Sinners frühem Hitze-Aus mit der Favoritenrolle umgegangen ist, die ihm allseits zugeschoben wurde. Aus gutem Grund zugeschoben, denn Zverev hatte bisher ein fantastisches Jahr, nur stand halt dieser Jannik Sinner des Öfteren im Weg. Schon bei den Australian Open hatte er den Erfolg im Halbfinale gegen Alcáraz vor Augen; damals spielten die Nerven noch einen Streich, jetzt war er mit sich und der Welt im Reinen. Er wusste, dass er sich auf sein Tennis verlassen kann: auf seinen extrem effektiven Aufschlag und seine mörderische Rückhand. Und endlich auch auf seine Nerven. In den 2 Wochen verfiel er nur ganz selten in den klagenden, weinerlichen Zverev, der sich oft selbst im Weg stand.
Die Zukunft scheint golden samt weiterer Grand-Slam-Triumphe. Schon jetzt muss Zverev niemanden mehr etwas beweisen. Er hat etwas geschafft, was Boris Becker in seiner ruhmreichen Karriere nie gelungen ist: den Sieg beim härtesten Sandplatz-Turnier der Welt – als erster Deutscher in der Open era. Das kann ihm niemand mehr wegnehmen, und das dürfte ihm helfen, auch über vielleicht wieder schlechtere Tennistage hinwegzuhelfen. So schlimm wie vor knapp einem Jahr in Wimbledon wird es höchstwahrscheinlich zumindest sportlich nicht mehr werden.
von Münchner Löwe | Mai 30, 2026 | Tennis
Plötzlich steht die Tür zum ersten Grand-Slam-Titel weit offen. Plötzlich gilt Alexander Zverev als der große Favorit auf den Triumph bei den French Open, und damit würde der beste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker und Michael Stich in dern 90er-Jahren seine überaus erfolgreiche Karriere krönen.
Denn der in diesem Jahr Unbesiegbare Jannik Sinner ist raus aus dem Turnier (und der andere vermeintlich unbezwingbare Top-Mann Carlos Alcáraz fehlt wegen einer Handverletzung). Besiegt von einem Kontrahenten, gegen den der Italiener kein Mittel hat. Das Wetter, besser: die ungewöhnliche Hitze, die Paris in der ersten Turnierwoche heimgesucht hat. Dass der rothaarige und hellhäutige Sinner mit hohen Temperaturen seine Schwierigkeiten hat, ist schon länger bekannt; spätestens seit seinem Zweitrunden-Drama in Melbourne im Januar, als ihn nur glückliche Umstände, ein gnädiger Schiedsrichter und ein plötzlich zugezogenes Dach vor einem frühen Aus bewahrten.
Am Donnerstag half ihm niemand, auch nicht die zunehmend verzweifelte Entourage auf der Tribüne. Er musste seinen Kampf allein ausfechten und er vorlor ihn auf fast tragische Weise. Mit 2:0 Sätzen und 5:1 hatte Sinner gegen den zähen Argentinier Juan Manuel Cerundolo geführt, ein winziges Game fehlte also noch zu einem eher lockeren Dreisatzsieg trotz brütender Hitze in Roland Garros mit Temperaturen weit über 30 Grad. Und dann? Der Komplett-Zusammenbruch. Sinner hielt sich nur noch mühsam auf dem Beinen, und Cerundolo kannte kein Erbarmen, holte Spiel für Spiel auf, sicherte sich den 3. Satz noch mit 7:5 und die folgenden Durchgänge jeweils mit 6:1. „Ich habe mich schon am Morgen schlecht gefühlt. Die Hitze war nicht der Grund“, behauptete Sinner, der sich nicht auf die Umstände herausreden wollte. Aber jetzt weiß jeder: Der unangreifbare Italiener hat eine riesige Schwachstelle.
Mit der Nummer 1 ist also der Top-Favorit aus dem Turnier, und da gestern auch der Rekord-Champion Novak Djokovic in einem sagenhaften Fünfsatz-Thriller (allein darüber könnte ich seitenlang schreiben) gegen den aufstrebenden Brasilianer Joao Fonseca die Segel streichen musste, scheint der Weg frei für Zverev. Kein einziger Grand-Slam-Sieger ist mehr im Rennen, so früh im Turnier hat es das seit der Open Ära (1968) noch nie bei einem Grand Slam gegeben, wie die offizielle Website der French Open schreibt. Überhaupt ist in diesem durchs Extrem-Wetter beeinflussten Turnier neben Zverev ist nur noch ein weiterer Top-10-Spieler im Rennen: der Kanadier Felix Auger-Alliasime, für Heldentaten in Paris wahrlich nicht bekannt.
Zverev selbst kam bisher sehr gut durchs Turnier, musste nur einen Satz abgeben gestern Abend gegen den Lokalmatadoren Quentin Halys und hat enorm Kräfte sparen können, auch weil er zweimal in der nicht mehr so heißen Nacht-Session spielen durfte. Geht es nach Papierform und den Wettanbietern, ist er nun der klare Favorit; die Quote ist auf 2,35 gefallen. Aber der Kopf muss mitspielen, mehr denn je gilt: Runde für Runde angehen, und die werden kompliziert genug, denn jetzt wittert quasi jeder im Feld die einmalige Grand-Slam-Chance, die durch „Sincaraz“ auf Jahre verbaut schien. Und das Wetter hat die nächste Pointe bereit. Ab morgen sinken die Temperaturen dramatisch, es wird regnerisch und kühl, und damit wird der Sport ein ganz anderer, die Bälle schwerer, die Plätze langsamer. Was Zverev wiederum gar nicht entgegenkommt, denn der Hamburger liebt die Hitze (Hamburger liebt Hitze: ein Treppenwitz für sich), die jetzt aber verschwindet. Bevor „wir“ also schon den ersten Grand-Slam-Triumph eines deutschen Mannes im Einzel feiern seit Boris Beckers Triumph in Melbourne 1996, sind noch 4 sehr komplizierte Spiele zu bewältigen, das erste am Sonntag gegen den erstaunlichen holländischen Lucky Loser Jesper de Jong.
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