von Münchner Löwe | Juli 26, 2026 | Allgemein
Jetzt ist es also offiziell. Jürgen Klopp wird die Fußball-Nationalmannschaft betreuen. Ein äußerst zuversichtlicher Mann stellte sich am Freitag im Frankfurter DFB-Campus vor; voller Tatendrang und wie es scheint auch voller Kraft und Energie. Die vergangenen anderthalb Jahre als Head of global Soccer bei Red Bull und dazu als Magenta-WM-Experte scheinen nicht allzu zehrend gewesen sein. Apropos Rote Bullen, wo er noch unter Vertrag stand. Das Thema scheint elegant gelöst zu sein: 1 Million Euro überweist der DFB an die Stiftung Wings for Live, die sich für gelähmte Menschen einsetzt (bekannt durch einen jährlich stattfindenden Wettbewerb an mehreren Orten gleichzeitig), außerdem soll es bis 2030 drei Länderspiele in der Red-Bull-Stadt Leipzig geben.
Klopp verbreitete Aufbruchstimmung. Was er will? Das ganze Land wieder begeistern für Fußball, wenn möglich sogar ändern. In drei Städten, Mainz, Dortmund und Liverpool sei ihm das gelungen. An mangelnder Unterstützung soll es nicht fehlen. Kloppo durfte sein Wunschteam an Assistenz zusammenstellen. Nicht nur seine langjährigen Co-Trainer Peter Krawietz und Pepijn Lijnders verstärken das Team, sondern auch Sven Bender, einst beim BVB einer seiner Lieblingsspieler. Als großer Stratege dient zudem sein Intimus Marc Kosicke, dem er seit Jahrzehnten in allen relevanten Dingen auch jenseits des Fußballs vertraut. Der DFB nickte alle Personalien und Vorstellungen ab, Alternaltiven zu Klopp hat er er auch nicht zur Hand.
Eines darf man gewiss sein: Jürgen Klopp wird sich reinknien. Auch wenn sein Job offiziell erst am 15. August beginnt, er wird jetzt schonh mit der Sichtung von Profis beginnen. 55 Spieler habe er erst mal unter Beobachtung, berichtete er. Und im Gegensatz zum eher reisefaulen Vorgänger Julian Nagelsmann werde er sehr viel unterwegs sein: nicht nur in den Bundesligastadien, sondern überall auf der Welt, „wo unsere Jungs unterwegs sind“. Eines habe er sich auf jeden Fall vorgenommen. Die Leute sollen Spaß an den Spielen haben und zufrieden nach Hause gehen.
Klopps merkwürdige Wutrede
Alles paletti also? Jürgen Klopp wäre nicht Jürgen Klopp, würde er nicht anecken! Das Fett bekamen die anwesenden Medien ab (und zwar bevor die überhaupt tätig wurden). „Wenn ihr mich euch danebenbenehmt, bin ich weg!“ Nein, eine Stimme reiche nicht. „Aber auch wenn der DFB findet, dass es scheiße ist, bin ich weg.“ Ohne Abfindung, wie er betonte (erstaunlich genug).
Diese maßlose Kritik und vor allem dieser raue Ton, der ohne Not gesetzt wurde, erzürnen mich; vor allem, weil sie vermeintlich völlig ansatzlos und unbegründet quasi aus dem Nichts kam. Wohl kein Bundestrainer seit Franz Beckenbauer 1984 hat dermaßen fast unbegrenzten Vorschusslorbeer erfahren. Vor allem ist er der Held der Boulevard-Presse, die schon seit Dortmunder Zeiten von einem Bundestrainer Klopp träumen. Offenbar hat er aber mitbekommen, wie mit seinem Vorgänger Julian Nagelsmann umgesprungen wurde. Einer seiner schärfsten Kritiker war: Jürgen Klopp. der bei Magenta sehr schnell sehr große Lust verbreitete, wie sehr ihn (Kloppo) dieser Job reizen würde. Kurz gesagt: Klopp hat vor einem wie Jürgen Klopp Angst.
Die Philippika rührt auch von einem seltsamen Verständnis des Journalisten-Berufs. Auch wenn man es oft nicht glauben will, es gilt bei vielen immer noch der Leitsatz von Hanns-Joachim Friedrichs, der Journalisten und Reporter davor warnt, sich mit einer Sache gemein zu machen, auch mit einer guten.
Völlig in Ordnung finde ich es allerdings, dass sich Klopp Einmischungen oder besonders tiefes Graben in sein Privatleben, zumal er selbst dieses praktisch völlig unter Verschluss bleibt.
Trotzdem Aufbruchstimmung
Trotz dieses leichten Misstons (den ich jetzt auch nicht überbewerten will): die positive Grundstimmung überwiegt, zumal an der Kloppschen Fußball-Expertise kaum seriöse Zweifel bestehen. Vor allem die Hoffnung, dass Klopp und die Seinen auch den arg verbrämten DFB durchschütteln, was vielleicht sogar zu einer Demission des komplett überforderten Verbands-Chef Bernd Neuendorf führt. Ich darf ja wohl noch träumen!
Wie schnell dann der Erfolg eintritt (wie auch immer der zu definieren ist), muss man sehen. Wunderdinge kann Klopp nicht bewirken, zumal er sich die Spieler nicht backen (oder auch nur einkaufen kann). Schon gar nicht bei seiner Länderspiel-Premiere am 25. September in Amsterdam gegen Holland.
von Münchner Löwe | Juli 21, 2026 | Allgemein, Fußball, Radsport, Rugby, Tennis
Die letzte Tour-Woche, deutsche Finals in Hannover und tatsächlich schon wieder Fußball-Champions-League, wenn gleich „nur“ Qualifikation.
Pogacar ohne Gegner – oder?
Die Tour de France ist in der letzten Woche vor dem Ziel am Sonntag in Paris. Doch schon heute ist ein klarer Anwärter aufs Podest wegen eines Sturzes ausgeschieden. Bei einer sehr tückischen Abfahrt im Zeitfahren rutschte Florian Lipowitz in einer engen Kurve mit dem Hinterrad weg, er schlitterte mit der Schulter gegen eine nicht abgesicherte Bordsteinkante und konnte nicht weiterfahren. Stattdessen wurde er mit dem Krankenwagen abtransportiert.
Für mich ein absolutes Unding: zum einen so eine gefährliche Abfahrt in das Einzel-Zeitfahren einzubauen und diese zum anderen nicht im Geringsten zu schützen. Ein Sturz war fast naheliegend und offenbar von den sensationslüsternen Organisatoren fast schon eingepreist. Auch der klar Führende Tadej Pogacar hatte an dieser Stelle seine Mühe, obwohl der Slowene nicht das Letzte riskiert haben dürfte.
Pogacar dürfte nach Rang 2 hinter Remco Evenepoel, aber nur 28 Sekunden Zeitverlust auf den absoluten Spezialisten im Kampf gegen die Uhr, der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen sein bei 4:32 Minuten Vorsprung auf den Belgier. Auch wenn die anstehenden Alpenetappen unter anderem mit zweimal Alpe d’Huez kein Zuckerschlecken werden. Evenepoel hat beste Chancen auf Rang 2, es wäre seine mit Abstand beste Tour-Platzierung in Paris. Allerdings fehlt ihm mit Lipowitz ein sehr wichtiger Helfer in den Bergen, der Rest des Red-Bull-Hansgrohe-Team ist dort kein Faktor. Mal schauen, ob er über die ganz hohen Berge auch gut rüberkommt, das war in den vergangene jahren sien Problem.
Sehr spannend wird der Kampf um Platz 3 (nach dem Ausfall von Lipowitz und zuvor Jonas Vingegaard). Der Mexikaner Isaac del Toro und der Franzose Paul Seixas kämpfen nicht nur um den Podestplatz, sondern auch ums Weiße Trikot es besten Nachwuchsfahrers (bei der Tour sind das alle Profis unter 25 jahren).
Deutsche Titel im Hunderterpack
Ab Donnerstag ist es wieder soweit. In gleich 23 Sportarten kämpfen Athletinnen und Athleten um deutsche Meistertitel. Neben Traditions-Sportarten wie Schwimmen, Bogensport und Turnen, die schon öfter in den sogenannten deutschen Finals dabei waren, kämpfen erstmals auch solche aus Jiu Jitsu und Rapid Surfen, aber auch Beachvolleyball und Wasserball um Meisterehren. Die Wettbewerbe sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt, für diejenigen, die sich nicht extra nach Hannover aufmachen (ich gehe mal davon aus, dass keiner meiner Leser dort wohnt …), bietet die ARD zahlreiche Live-Streams an.
Mein persönlicher Liebling: die 3×3-Basketballer und das Rugby-7-Turnier (jeweils Frauen und Männer), auch wenn hier die Nationalspieler wegen der nahen Europameisterschaft unabkömmlich sein werden.
Extrawurscht der Leichtathleten – aus Gründen!
Auch diese kämpfen dieses Wochenende um Titel und Platzierungen. Allerdings nicht in Hannover, sondern in Bochum-Wattenscheid, im altehrwürdigen Stadion an der Lohrheide, wo in den 80er-Jahren auch die Bundesliga-Kicker von Wattenscheid 09 spielten (heute Regionalliga).
Der Grund für den Sonderweg ist profan: Nach dem Umbau des Niedersachsenstadions in eine reine Fußball-Arena (für die WM 2006!) gibt es dort keine wettkampftaugliches Leichtathletik-Stadion. Der Zuschauer daheim wird nix merken, auch hier ist das Fernsehen live dabei, wahrscheinlich sogar besonders ausführlich, wie es sich für die olympische Kernsportart gehört.
Sturms erster Schritt zur Königsklasse
Sturm Graz gegen Hearts of Midliothian – so lautet aus meiner austriaphiler Sicht der Schlager der 2. Qualifikationsrunde (Di., 20:30, ORF1). Beide Teams wurden in der nationalen Meisterschaft Zweiter, die Hearts verpassten herzzerreißend in fast letzter Minute mit einer Niederlage beim direkten Konkurrenten Celtic Glasgow den Titel. Sowohl Österreicher als auch Schotten waren ja bei der WM dabei, beide Teams schieden früh aus. Inwieweit Spieler fehlen, vemag ich nicht zu sagen, noch weniger weiß ich über die Form: Aber gerade die Hearts haben im Sommer einen erheblichen Aderlass erlitten, die besten Profis haben sich davongemacht.
Ansonsten sticht noch die Partie FC Thun gegen Dinamo Zagreb heraus (Di., 20 Uhr/SRF), immerhin der Schweizer Meister (ohne Meistercoach Lustrinelli, der in Richtung 1. FC Union nach Berlin entschwand) gegen den Titelträger Kroatiens.
Insgesamt sind vier Qualifikationsrunden zu überstehen, bevor die Geldtöpfe der Königsklasse anvisiert werden können. In der 3. Runde greift dann auch der österreichische Titelträger LASK ein.
Und sonst?
- Formel 1: Letzter Lauf vor der einmonatigen Sommerpause in Budapest (Sonntag, 15 Uhr). WM-Leader Kimi Antonelli im Mercedes muss sich de stärker werdenden Konkurrenz der Ferraris und von max Verstappen (Red Bull) erwehren.
- Tennis: Traditionelle Sandplatzturniere der Männer in Kitzbühel (unter anderem mit Bublik, Vacherot, Struff und Altmaier) und Estoril (Rublew, Darderi, Wawrinka). Die Frauen messen sich in Hamburg (Olyinikova, Kalinina, Korpatsch) und Prag (Bouskova, Krejikova, Tagger).
Das Gros der Spielerinnen und Spieler hat sich bereits nach Nordamerika aufgemacht, wo ab nächste Woche die Sommer-Hartplatz-Saison mit dem Höhepunkt US Open (ab 31. August) ansteht.
von Münchner Löwe | Juli 20, 2026 | Allgemein
Der Albtraum nahm bei mir kurz vor der Geisterstunde Gestalt an, spätestens in der Verlängerung. Diese widerwärtige Argentinien-Truppe würde sich ins Elfmeterschießen mogeln, wo sie dann triumphieren und Weltmeister werden würde. Widerwärtig deshalb, weil die Südamerikaner nur foulten und bissen und kratzten und traten und nachtraten und provozierten und protestierten und reklamierten. Ekelerregend. Das hatte mit Fußball nix zu tun, sondern glich eher einer Straßenschlacht in Buenos Aires oder Rosario. Dass ein Dauer-Fouler und -Aufwiegler wie Leandro Paredes zum Zeitpunkt des Schlusspfiffs noch auf dem Spielfeld stand: unglaublich angesichts seiner serienweise Sauereien! Vielleicht ist er ja eine sehr netter Mensch, als Fußballer widert er mich an.
Und dann die Erlösung. Gegen 10 Argentinier, weil Enzo Fernandez nach einem üblen Tritt tatsächlich vom Platz flog (und die Stirn hatte, lautstark zu jammern und protestieren). Endlich das Tor des eingewechselten Ferran Torres, dessen satter Schuss nach Kopfball-Ablage aus kurzer Entfernung endlich an Schlussmann Emiliano Martinez vorbeiplatziert war. Martinez, meine Albtraum-Nemesis, mein potenzieller Elfmeter-Töter im Elferschießen wie im Finale 2022 gegen Frankreich (nach einem zuvor allerdings begeisternden WM-Endspiel). Es war der 20. Schuss der Spanier, der zwölfte aufs Tor (zuvor gefühlt alle direkt auf Martinez). Die Argentinier hatten bis dato an „Offensive“ zu verzeichnen: nicht ein Schuss, nicht mal ein Abschluss. Expected Goals: 0,00 Prozent! Also nix, nada, niente. Furchterregend. Wären Argentinier Künstler gewesen, das Publikum hätte die Elf gnadenlos von der Bühne gebuht!
Und dann? Nach dem Rückstand? Plötzlich spielte Argentinien Fußball, begeisternden und auch gefährlichen Angriffsfußball. Angeleitet vom endlich erblühenden Lionel Messi, dem bis dahin unsichtbaren Spaziergänger. Argentinien drängte die stolzen und so ballsicheren Spanier nach hinten, attackierte, kombinierte, dominierte, spielte Chancen heraus (Simeone MUSS treffen). Der Ausgleich lag in der Luft, jeder Spanier hing in den Seilen – bis zur Erlösung, als Schiedsrichter Vincic die Partie endlich mit fünf Minuten Nachspielzeit abpfiff.
Danach ging die Treterei und Rangelei munter weiter, mittendrin mein besonderer Freund Paredes, der nach einer Würgattacke gegen Gavi endlich das verdiente Rot sah. Auch Trainer Lionel Scaloni war kein guter Verlierer. Der nur seine angeblich so heroischen Spieler heraushob und es nicht fertigbrachte, den Spaniern zum Triumph zu gratulieren (das zusammengebissene „bessere Mannschaft“ kann beim besten Willen als ernsthafte Ehrerbietung gewertet werden.
Dass der Sieg der Spanier verdient war, wird wohl niemand bestreiten; auch nicht Menschen, denen Argentinien und deren Einwohner sympathisch sind und ihnen den Triumph von Herzen gegönnt hätten. Spanien hat sich über das gesamte Turnier als die beste mannschaft erwiesen. Die Iberer gerieten allenfalls im Viertelfinale gegen Belgien in Verlegenheit nach dem Ausgleich, dem einzigen Gegentreffer im gesamten Turnier. Das Team verfügt vielleicht nicht über den absolut überragenden Offensivmann, zumal der junge Außenstürmer Lamine Yamal wie Nico Williams weit hinter seiner Top-Form zurückblieb. Dafür stellt es herausragende Defensivkräfte. Den sensationellen Innenverteidiger Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und bester Jungprofi der WM, dem ich eine große Zukunft prophezeie; den unermüdlichen Marc Cucurella, weltbester auf der linken Außenbahn; und schließlich Rodri, der unnachahmliche Balleroberer und -Verteiler im defensiven Mittelfeld, der völlig zu Recht zum besten Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. Wie ich schon vor der Partie schrieb: Es gibt keine Schwachstelle, und vor allem spielen die 11 Jungs auf dem Feld blendend zusammen.
Katastrophaler Rasen
Die Umstände rund um die Partie waren eines WM-Finals unwürdig. Da war zum einen der Rasen: zu holprig zu stumpf, zu trocken; der Ball rollte nicht richtig, ein furchtbarer Acker. Normalerweise spielen die NFL-Footballer der New York Jets und New York Giants im MetLife Stadium, und auch hier ist die Spielfläche berüchtigt und für die eine oder andere schwere Verletzung verantwortlich. Man hat so vieles bei dieser WM bewerkstelligt, aber einen gut bespielbaren Rasen fürs wichtigste Spiel in einem Vierjahres-Turnus, das konnte und wollte man offensichtlich nicht schaffen.
Es drängte sich ohnehin das Gefühl auf, dass dieses (End)Spiel eigentlich nur störte. Vor der Partie ein ewig langer Music Act, meist nur per Playback vorgetragen (hier zitiere ich nur Berichte, angeschaut habe ich mir das Elend nicht). Dann die erbärmliche Halbzeit-Show. Man wollte so was Ähnliches wie beim Super Bowl präsentieren, aber es war nur ein katastrophaler Abklatsch. Statt einem oder bestenfalls zwei Künstlern zu geben (wie beim Super Bowl üblich), waren es gleich 7 Acts, zusammengestellt ohne Sinn und Verstand. Und deshalb wurde die seit mehr als 100 Jahren festgeschriebene Pausenzeit von 15 Minuten handstreichartig fast verdoppelt? Das passt zum fußball-hassenden Gianni Infantino, der das Ganze veranlasst hat.
von Münchner Löwe | Juli 16, 2026 | Allgemein
Zwei bemerkenswerte Halbfinali haben wir gesehen; mit überraschenden, allerdings nicht sensationellen Siegern. Heraus kommt ein WM-Endspiel zwischen Argentinien und Spanien, das es in dieser Konstellation seit 60 Jahren nicht mehr in einem Pflichtspiel gegeben hat.
Frankreich – Spanien 0:2
„Wenn Spanien das Mittelfeld beherrscht, wir es schwer für Frankreichs Starstürmer“, habe ich in meiner Vorschau sinngemäß geschrieben. Genau das ist eingetreten, wobei ich nie und nimmer gedacht hätte, dass Mbappé und Co. dermaßen chancenlos und buchstäblich ohne Torchancen bleiben würde.
Wass für eine unglaublich tolle (Mannschafts)Leistung der Spanier. Elf perfekt eingestellte und top ausgebildete Spieler machten den Franzosen die Partie zur Qual, die Unterlegenheit war trotz nahezu gleichwertigen Ballbesitz teilweise grotesk. Wo auch immer ein Franzose den Ball erhielt, zwei oder gar drei Iberer warteten schon, um ihm das Spielgerät wieder abzunehmen.
Spätestens nach der Führung durch den glasklar berechtigten Elfmeter war klar, dass das für die Equipe tricolore an diesem Nachmittag in der überdachten Dallas-Arena ein fast aussichtsloses Unterfangen werden würde. Phänomenal der zweite Treffer durch Pedro Porro nach perfektem Doppelpass.
Die Besten der Sieger
Marc Cucurella und Dani Olmo: Es ist immer schwer, bei einer tollen Teamleistung einzelne Spieler herauszuheben. Aber gerade was Marc Cucurella auf der linken Abwehrseite veranstaltet (schon das gesamte Turnier), sucht im Weltfußball seinesgleichen. Defensiv mit (fairer) Zweikampfstärke ohnehin, aber auch offensiv schaltete er sich immer wieder ein, auch wenn ihm da nicht alles gelang.
Der deutsche Fußball-Fan hasst ja Cucurella nach dessem vermeintlichen, aber nicht geahndeten Handspiel im Stuttgarter EM-Viertelfinale. Die groteske Abneigung hat sich noch immer nicht gelegt (siehe die abwertenden Kommentare in entsprechenden Portalen). So ist es mir geradezu ein Bedürfnis, diesen grandiosen Kicker zu würdigen.
Dani Olmo wiederum ist der unumstrittene Chef der Offensive. Mit so vielen tollen und erstaunlichen Ideen (die brillante Vorarbeit zum 2:0). Umso wichtiger, weil die ansonsten überragenden Außenstürmer Yamal und Nico Williams nicht in absoluter Top-Form sind (wobei ein Yamal sich toll gesteigert hat und großartige Aktionen hatte).
Und dann natürlich Rodri: der beste Balleroberer im defensiven Mittelfeld. Will also sagen: Auch Spanien hat nicht nur ein überragendes Kollektiv, sondern alles überragende Einzelkönner.
Die französischen Starspieler
Kylian Mbappé stemmte sich wenigstens gegen die Niederlage, blieb aber mit seinen Aktionen glücklos. Regelrecht erschüttert war ich über die schwache Leistung von Michael Olise und auch Ousmane Dembélé. Olise habe ich während deer gesamten Spielzeit beim FC Bayern nicht einmal so schwach gesehen: ohne Esprit, ohne Kraft, ohne Willen. Gerade der Kräfteverschleiß deutete sich schon in den vergangenen K.o.Spielen an.
England – Argentinien 1:2
Die erste Halbzeit war nicht anzusehen und hatte mit Fußball wenig zu tun. Sehr viele Fouls, Nickligkeiten über Nickligkeiten, meist initiiert (aber beileibe nicht ausschließlich) von den Südamerikanern, die genau eines im Sinn hatten: Es möge nicht Fußball gespielt werden. Der amerikanische Schiri ließ das zu, verzichtete lange auf Gelbe Karten, die dem Treiben (vielleicht!) ein Ende bereitet hätten.
Mehr als entschädigt wurden die Fußballfans von der mitreißenden 2. Halbzeit. Ausgerechnet der Führungstreffer der Engländer durch Gordon (55.) nach einem brillantem Konter änderte alles. Plötzlich besannen sich die Argentinier aufs Fußballspielen. Trainer Lionel Scaloni wechselte echte Könner wie Rodrigo De Paul, Nico Gonzalez und Lautaro Martinez ein und holte die schlimmsten Treter und Provokateure Simeone und Paredes vom Platz. Der Weltmeister entwickelte enormen Druck, auch weil die Engländer sich komplett aufs Verteidigen der knappen Führung beschränkten und sich viel zu weit zurückdrängen ließen. Entlastungsangriffe blieben nahezu aus, auch weil Trainer Thomas Tuchel nur noch kopfballstarke Innenverteidiger einwechselte, die das Flankengewitter des Gegners unschädlich machen sollten. Offensivkräfte waren kaum noch auf dem Feld, Torschütze Gordon und Declan Rice mussten runter.
Ich habe getitelt „das Tor, das England lähmte“. In der Tat habe ich sehr wenige Fußballspiele gesehen, wo ein Treffer der eigenen Mannschaft so wenig gutgetan hat wie das von Gordon dem englischen Team. Sicher fehlte auch die Kraft, geschuldet unter anderem der extrem zehrenden Partie vor einer Woche in der Höhe von Mexiko-Stadt, als die Engländer 30 Minuten in Unterzahl agieren mussten. Aber das Sich-Einigeln und irgendwie den Vorsprung über die Zeit retten, das war der Tuchel-Fußball bei dieser WM.
Und gegen Argentinien konnte das einfach nicht gutgehen, weil das offensiv schlicht ein ganz anderes Kaliber darstellt als etwa das einfallslose Mexiko. Die scharfen und großartig getimten Flanken und namentlich von Messi brachten stets größte Gefahr. Zunächst rettete Schlussmann Jordan Pickford sensationell gegen Alexis MacAllisters Kopfball, Minuten später stand der Pfosten im Weg (wieder nach Kopfball McAllisters). Doch die Angriffe wurden immer gefährlicher, und in der 86. Minute war es dann soweit. Messi bediente Enzo Fernandez, und der Spezialist für Fernschüsse (schon das Siegstor in der Zwischenrunde gegen die Kap Verden) überwand Pickford aus 20 Metern. Ob der gar nicht sooo platzierte, aber technisch brillant abgefeuerte Schuss unhaltbar für den Torwart war, der recht spät reagierte? Schwer zu sagen, zumal gefühlt ein Dutzend Spieler vor der Nase herumwuselten und eventuell die Sicht nahmen.
Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen in Atlanta, fest in argentinischer Hand. Und als es weitergeht, wird schnell klar, dass die Südamerikaner gegen die waidwunden Engländer noch in der regulären Spielzeit die Entscheidung suchen würden. Mac Allister zieht ab – erneut Pfosten. Aber Messi erwischt den Abpraller, geht an der rechten Seite am hüftsteifen O’Reilly vorbei und seine Maßflanke verwandelt der erstaunlich freistehende (wo waren all die Innenverteidiger?) Lautaro Martinez zum 2:1 – die Entscheidung.
Erneut ist England gegen Argentinien geschlagen – nach den epischen Thrillern 1998 in Frankreich und 1986 im Azteka.
Wie zum Hohn müssen die Three Lions am Samstag zum Spiel im Platz 3 ran, gegen die ebeso zutiefst enttäuschten Franzosen. Tags darauf dann vor den Toren New Yorks das große Finale. Eine nähere Vorschau wird kommen.
Bester der Argentinier
Lionel Messi: Ja, langweilig. Aber in der 2. Halbzeit sahen wir den besten Messi in diesem Turnier, obwohl er selbst keine Treffer erzielt hatte. Da leistete er sich kaum Kunstpausen, seine unfassbare Ballfertigkeit und schlauen Ideen stürzten die Engländer von einer Verlegenheit in die nächste. Die großartigen Flanken und Zuspiele taten letztlich das Entscheidende (Vorarbeit zu beiden Treffern). Und sogar wenn er nicht am Ball war, strahlte er in „seiner“ Zone etwa 20, 25 Meter eine extreme potenzielle Gefahr aus und „fesselte“ Abwehrkräfte, die woanders fehlten.
Die Stars der Engländer
Jude Bellingham: eine einzige Enttäuschung. Kaum eine gelungene Aktion brachte der Real-Star zustande. Zwar ließ ihn Tuchel als einen der wenigen englischen Offensiv-Kräfte auf dem Feld, dort setzte er aber überhaupt keien Akzente.
Harry Kane: Ebenfalls ohne nennenswerte Offensiv-Aktion, vom schönen Pass aus de eigenen Hälfte vor dem Führungstreffer abgesehen. Im Offensiv-Feuerwerk der Argentinier stand er als Verteidiger seinen Mann mit starken Kopfball-Befreiuungen.
von Münchner Löwe | Juli 14, 2026 | Allgemein
Da sage noch einer, dass die Fußball-Weltrangliste erratisch zusammengewürfelt ist nach nicht nachvollziehbaren Kriterien (so wie ich es wiederholt tue). Die Top 4 jedenfalls sind im Halbfinale unter sich, auch weil die FIFA in einem erstaunlichen Anflug von Weisheit eine Setzung vorgenommen hat. Sprich: Sie hat die Gruppen so gelegt, dass Frankreich, Spanien, England und Argentinien nicht aufeinandertreffen konnten, wenn sie denn ihre Gruppe als Erste abschließen (was allen Vieren mehr oder weniger souverän gelungen ist). Mir persönlich gefällt dieses Setzen sehr, es gibt aber auch Gegenstimmen, beispielsweise in der SZ. Ich sage nur (jenseits von subjektiven Vorlieben): Ich finde es gut, dass wir jetzt im Halbfinale zwei absolute Top-Begegnungen erwarten dürfen; ob es dann auch Top-Spiele werden, bleibt dann abzuwarten
Frankreich – Spanien
Di., 21.00 in Dallas (ZDF und Magenta sowie ORF 1 und SRF)
Die Partie findet in Dallas statt, Spielbeginn 14 Uhr Ortszeit. Die texanische Hitze ist allerdings kein Problem, denn das Stadion ist voll überdacht und voll klimatisiert. Das letzte Aufeinandertreffen war ein wildes 5:4 der Spanier im Halbfinale der Nations League 2025. 4:0 und 5:1 führten die Spanier, ehe die Franzosen noch auf 4:5 herankamen, ehe ihnen die Zeit ausging. Auch ein Jahr zuvor im EM-Halbfinale hatten die Spanier mit 2.1 das bessere Ende für sich.
Was das fürs heutige Halbfinale bedeutet? Nichts, nada, rien. Denn gerade die Franzosen sind ein ganz anderes Team. Eines, das endlich seine Angriffs-Power auch auszunutzen geruht und sein Heil in der (kontrollierten) Offensive sucht. Die Spanier verlassen sich dagegen weiter auf ihre tolle Deckungsarbeit und ihr hervorragendes Kombinationsspiel.
Die Stars
Kylian Mbappé: Für mich bisher der Spieler des Turniers. Der selbst Chancen kreieren kann und auch selbst vollenden. Der auch die vortrefflichsten Zuarbeiter hat, vor allem Michael Olise, der allerdings in den vergangenen Partien gegen Paraguay und Marokko nicht mehr ganz so auffällig agierte. Mbappé hat wieder das Selbstvertrauen, lässt sich auch durch einen ziemlich erbärmlich vergebenen Elfmeter nicht aus dem Konzept bringen. Und wenn er an die Kette gelegt wird, dann ist da auch noch ein gewisser Ousmane Dembélé, der amtierende Weltfußballer.
Bei den Spaniern sehe ich nicht den herausragenden Einzelspieler. Lamine Yamal war für diese Rolle vorgesehen: Der 18-jährige Außenspieler spielt auch gut, mannschaftsdienlich, aber nicht überragend. Zumindest nicht so überragend und mit so tollen Treffern, wie wir ihn schon im spanischen Dress und beim FC Barcelona gesehen haben.
Wenns nicht so abgedroschen klingen würde: Der Star der Spanier ist die Mannschaft, herausheben würde ich dennoch einen Dani Olmo, ein Mann mit so vielen schlauen Einfällen. Und auch wenn vorne Mikel Oyarzabel nicht ganz so auffällig spielt wie die Stürmerstars Kane und Haaland und Co., aus den Augen darf ihn niemand verlieren.
Die Verteidiger
Wirklich geprüft wurden die französischen Abwehrspieler bisher noch nicht, egal ob Dayot Upamecano innen oder Lucas Digne außen. Für mich wirkt der Abwehrverbund nicht hundertprozent sicher, das ist eher ein Gefühl, als dass ich es belegen könnte. Aber wann immer sich gegnerische Mannschaften nach vorne aufgemacht hatten (was selten genug vorkam), es kam Gefahr auf.
Ich bin wirklich sehr gespannt, wie Digne und auch Kounde mit den bärenstarken Außenstürmern Yamal und vielleicht sogar Nico Williams zurechtkommen.
Die Spanier haben den vielleicht besten Innenverteidiger des Turniers in ihren Reihen. Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und dennoch strahlt der Jungspund des FC Barcelona eine Ruhe und Abgeklärtheit und Klasse aus wie ein schlachtenerprobter Haudegen. Marc Cucurella ist der beste Linksverteidiger des Turniers, wobei „Verteidiger“ angesichts seine Dauer-Vorstöße eine sehr unzureichende Bezeichnung ist.
Die Torhüter
Mike Maignan blieb zuletzt nahezu ohne Beschäftigung. Er verfügt über glänzende Reflexe, wirkt aber im Herauslaufen nicht immer souverän.
Unai Simon würde ich stärker einschätzen. Für viele ist ja schon überraschend, dass der unfassbar gute David Raya vom FC Arsenal nicht die Nummer 1 ist. Simon von Athletic Bilbao genießt das uneingeschränkte Vertrauen von Trainer de la Fuente.
X-Faktoren
Die Bankspieler:
Das sind die Spanier vielleicht noch breiter aufgestellt als die Franzosen, auf extrem hohem Niveau. Die Franzosen haben ihr A-Team, allenfalls die Frage ob Doué oder Barcola als vierte Offensivkraft aufgestellt wird, ist strittig.
Die Spanier haben sehr viel nachzulegen, gerade auch offensiv. An erster Stelle natürlich Mikel Merino, der Super-Joker. Nur jeweils fünf Minuten brauchte er gegen Portugal und Belgien, ehe er als Einwechselspieler das jeweilige Siegtor erzielte. Wenn Nico Williams als Linksaußen in die Partie kommen sollte, ist das ein weiterer sehr schwer zu stoppender Gefahrenherd.
Defensives Mittelfeld
Die Schaltstation: Es gilt die gegnerischen Angriffe abzufangen und seinerseits Offensiv-Aktionen zu innitiieren. Vielleicht der größte Vorteil der Spanier, denn Rodri ist mit der Beste auf dieser Position und mittlerweile auch wieder gut in Form. Bei den Franzosen fällt Rabiot dem gegenüber doch leicht ab.
🧠 Frankreich
Ich sehe die Equipe tricolore hauchzart vorn. Kleinigkeiten werden entscheiden (ich hoffe sehr, dass es keine Fehler der Unparteiischen sind). Mbappé wird den Unterschied ausmachen, doch wehe, das spanische Mittelfeld bekommt die Hand aufs Geschehen.
England – Argentinien
Mittwoch, 21 Uhr in Atlanta, ARD und Magenta sowie ServusTV und SRF
England gegen Argentinien, wer von den Älteren erinnert sich nicht an das WM-Viertelfinale 1986 im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt mit Hauptdarsteller Diego Maradona. Zuerst die Hand Gottes, dann das tollste Solo der WM-Geschichte. Am Ende stand es 2:1 für Argentinien, und eine Woche später waren die Südamerikaner Weltmeister.
Wenn die Neutralen das schon nicht vergessen, dann natürlich erst recht nicht die Beteiligten. Die Engländer fiebern dem Duell förmlich entgegen, Veteranen aus dem Falklandkrieg melden sich zu Wort. Kühlen Kopf zu bewahren und sich der aktuellen Aufgabe zu stellen, ist also gar nicht so einfach. Wenn es einer kann, dann doch der eher technokratische deutsche Trainer Thomas Tuchel!? Der das Spiel damals als Zwölfjähriger verfolgte (ich geh mal davon aus, dass er das tat). Und die Engländer haben ja schon eine Azteka-Nemesis überwunden, nämlich als sie im Achtelfinale in eben dieser Spielstätte den fulminanten 3:2-Erfolg über Gastgeber Mexiko bewerkstelligten.
Die Argentinier sind die letzten Nicht-Europäer im Feld. Von allen Halbfinalisten geben sie mir die meisten Rätsel auf, was ihr Leistungsvermögen betrifft. Einerseits Zittereien gegen die afrikanischen no names (nona) Kap Verden und Ägypten, und auch der Auftritt im Viertelfinale gegen die Schweiz offenbarte Schwächen. Ändererseits: Wenn sie denn gefordert waren, dann waren sie zur Stelle. Das Powerplay gegen Ägypten bei 0:2-Rückstand, den sie in ein 3:2 verwandelten, war faszinierend und sollte jedem eine Warnung sein, der dieses Team unterschätzen will.
Die Stars
Bei England sind es zwei, auf die sich alles konzentriert: Harry Kane und Jude Bellingham. zwei absolute Unterschiedsspieler. Hier der Torjäger des FC Bayern mit dem vielleicht besten Torschuss im Weltfußball, dort der eher filigrane, enorm ideenreiche Bellingham von Real Madrid. Wo er eine recht lausige Saison hinter sich hat und sich unter anderem mit dem inzwischen gefeuerten Xabi Alonso zerstritt.
Als Tuchel die Mannschaft und auch Bellingham kritisierte, trotz seiner jeweils zwei Tore gegen Mexiko und Norwegen, da schlug Bellingham zurück, stellte die Kompetenz von Tuchel in Frage (naja, so schlimm war es nicht, aber er sagte sinngemäß, der Trainer habe auf so hohem Niveau nie gespielt).
Im Zweifel werden die Wogen sich glätten. Dann hat England ein veritables Offensiv-Duo, das auch den Argentiniern viel Ärger machen könnte.
Bei den Argentiniern dreht sich natürlich alles um Lionel Messi. Ein Faszinosum. Der 39-Jährige rennt kaum, er kämpft kaum, er verteidigt kaum, oft steht er fast teilnahmslos herum. Stehgeiger nennen die Österreicher so einen Künstler. Doch wenn Messi am Ball ist, dann kann jederzeit Magisches geschehen. Nicht nur bei den Frei- und Eckstößen, die er so gefährlich wie kaum ein Zweiter zu treten weiß. Auch während des Spiels kann er jederzeit den Unterschied ausmachen. Wenn er etwa 25 Meter vorm Tor am Ball ist, herrscht allergrößte Gefahr. Die erste Pflicht der Engländer lautet also: Messi also erst gar nicht an den Ball kommen lassen.
Acht Tore hat Lionel Messi mittlerweile erzielt, nur bei der vermeintlich einfachsten Übung, dem Elfmeter versagt er („Messi“ und „versagen“, ich kann so etwas kaum schreiben). Zweimal trat er an, einmal schoss er daneben, einmal in die Hände des gegnerischen Torwarts.
Die Verteidigung
Im Mexiko-Spiel, als die Engländer nur noch zu zehnt waren, konnten sich die Engländer auf ihre Verteidger verlassen, die alle allerdings auch recht einfallslosen Angriffe der Gastgeber unschädlich machten. Im Mittelpunkt stand da zum Beispiel der eingewechselte Burn, der alle Bälle wegköpfte, die da in den Strafraum flogen. Auch den Norwegern gelang es gegen England nicht, ihren Starstürmer Erling Haaland einzubinden. Wie es allerdings aussieht, wenn der Gegner mit Tempo agiert, muss sich noch herausstellen.
Die Argentinier verteidigen hart, überhart monieren manche, und die eher laxe Spielleitung der Schiedsrichter kommt dem entgegen. Wirklich sicher wirken sie allerdings nicht, obwohl sie sich seit Jahren kennenwie die insgesamt fünf Gegentreffer in den drei K.o-Spielen zeigen (mit Abstand die meisten aller Halbfinalisten).
Im defensiven Mittelfeld sehe ich klare Vorteile für England, vielleicht sogar die spielentscheidenden. Während ein Paredes auf Argentiniens Seite zwar efensiv ordentliche Arbeit verrichtet, ist Elliot Anderson der Shooting Star der Three Lions. Ein Laufwunder (14,81 Kilometer gegen England in Miamis schwüler Hitze), sehr stark im Bälle erobern, mit denen er dann auch etwas Vernünftiges anzufangen weiß. Vor der WM wechselte er für sagenhafte 136 Millionen Euro von Nottingham Forest zu Manchester City, wo er der designierte Nachfolger von Rodri ist (den ich vorher so gelobt habe).
Die Torhüter
England und die Torhüter – ein Kapitel für sich. Jordan Pickford sehe ich als solide im besten Sinne des Wortes an, kein Hexer zwischen den Pfosten, keiner, der die „Unhaltbaren“ reihenweise entschärft, aber auch kein stetiger Unglücksrabe, der sich die Bälle selbst reinwirft. Überkritische Experten kreiden ihm das Zaubertor des Norwegers Schjelderup an (auch wegen seiner „nur“ 1,85 Meter Körpergröße), da würde ich allerdings nicht unbedingt mitgehen.
Emiliano Martinez hat Pickford vieles voraus, auf jeden Fall 10 Zentimeter Körpergröße. Vor allem ist er schon Weltmeister. Er hatte 2022 gehörigen Anteil daran, als er im WM-Finale zunächst mit einer fast unwirklichen Parade in letzter Minute ein fast sicheres Gegentor und die Niederlage verhinderte (Frankreichs Kolo Muani träumt heute noch davon) und dann auch im Elfmeterschießen den letztlich entscheidenden Versuch von Kingsley Coman entschärfte (leider file er durch einen verachtenden Jubel extrem negativ auf). Martinez ist wie Pickford ein Spezialist für Elfmeterschießen. Im WM-Viertelfinale 2022 wehrte er gegen Holland sogar zwei Schüsse ab, und bei der Copa 2021 setzte er sich im Halbfinale gegen Kolumbiens als Elfmeterkiller durch.
X-Faktoren
Argentiniens Weltmeister: Wie es aussieht werden gleich neun Spieler, die im WM-Finale 2022 begannen, auch am Mittwoch in der Startelf stehen, und auch die Auswechselspieler Lautaro Martinez und Otamendi waren in Katar schon dabei. Erfahrung für heikle Spiele haben sie also genug, fragt sich halt, ob sie auch genug Kraft und Energie aufwenden können. Wie schnell das dann geht mit einem positiven Erlebnis, hzeigte im Viertelfinale Julian Alvarez. Der Stürmer von Atlético Madrid spielte ein lausiges Turnier, und entschied die Partie mit einem sagenhaften Tor.
Die Kraft: Sowohl Argentinien als auch England brauchten im Viertelfinale eine Verlängerung zum Weiterkommen. Gerade die Argenitnier wirkten zeitweise gegen die Schweiz sehr müde. Sogar ihre Überzahl in der Verlängerung konnten sie kaum zu vernünftigen Angriffe nutzen.
🧠 England
Vieles spricht fürs Tuchel-Team. Und doch: Argentinien muss erst mal bezwungen werden. Keine Mannschaft ist außerdem dermaßen gut eingespielt – und kein anderes Team würde dermaßen ergeben und aufopferungsvoll versuchen, ihren nicht kämpfenden Starspieler zu kompensieren. Wie kein anderer Halbfinalist hangelte der Titelverteidiger schon am Abgrund, und zog sich doch immer wieder mit eigener Kraft heraus. Bösartige Kritiker behaupten allerdings auch, dass kein Team so sehr die Hilfe der Schiedsrichter in Anspruch genommen hat. Die pfiffen schon reichlich Argentinien-freundlich, um es in aller Vorsicht zu formulieren.
Geistesblitze der Argentinier sind immer drin, von Messi, von Àlvarez, von Lautaro Martinez; außerdem unfassbar gefährliche Standards, die man nicht alle vermeiden kann. De Engländer müssten mehr Frische in die Wagschale werfen können, und Standards können sie auch. Und sie haben Harry Kane, meinen potenziellen Matchwinner. Hier zuerst gelesen.
von Münchner Löwe | Juli 13, 2026 | Allgemein
Es war ein faszinierendes Wimbledon-Finale, sicher nicht das Beste alle Zeiten oder auch nur dieses Jahrzehnts, aber doch eines der Besseren, Interessanteren, Spannenderen, eines, an das man sich auch noch in Jahren erinnern wird. Hier Jannik Sinner, der Titelverteidiger, die Nummer 1 der Welt. Der Italiener, der dieses Tennisjahr beherrscht (5 Masters-Turniersiege), aber ausgerechnet bei den beiden bisherigen Grand-Slams in Melbourne und Paris geschwächelt hatte.
Dort Alexander Zverev. Vor einem Jahr gebeutelt vom Erstrunden-Aus und nachfolgendem Seelenstriptease. Der ebenfalls ein faszinierendes Tennisjahr hinter sich hat mit dem Höhepunkt des French-Open-Triumphes in Paris vor gut einem Monat. Als ihm aber die ewigen Kritiker vorwarfen, ja wirklich vorwarfen!, er habe ja nur gewonnen, weil Sinner vorher ausgeschieden war und der andere überragende Mann auf der Tour, Carlos Alcáraz, wegen einer Handverletzung gar nicht dabei war.
Jetzt hatte das Schicksal Sinner und Zverev ins Wimbledon-Finale geführt, erneut in Abwesenheit des hand-verletzten Alcáraz; beide mehr (Zverev) oder weniger (vor allem anfangs: Sinner) souverän. Sinner galt als leichter Favorit: wegen des überzeugenden Halbfinalerfolgs gegen den ewigen und alterslosen Novak Djokovic, vor allem aber wegen des unglaublich anmutenden direkten Vergleichs. Die letzten neun Duelle mit Zverev hatte allesamt der Südtiroler für sich entscheiden, allein fünf in diesem Jahr – und jedes Mal war Zverev absolut chancenlos geblieben.
Es entwickelte sich eine vom jeweiligen Aufschläger dominierte Partie. Der erste Satz ging in den Tiebreak, den Zverev gewann. Der zweite Durchgang ging ebenfalls ohne Aufschlagverlust in den Tiebreak – und diesmal hatte Sinner das bessere Ende für sich. Vielleicht die Vorentscheidung beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Zverev hatte einen der raren Breakbälle, doch als er den Stop von Sinner erlaufen wollte, rutschte er aus und schlug aufs Knie. Er verlor nicht nur den Punkt, sondern kurze Zeit später auch das Spiel und danach auch den eigenen Aufschlag. „Ich konnte nicht mich nicht mehr ganz so abdrücken beim Service, deshalb fehlte es an Geschwindigkeit“, bekannte er hinterher. Ansonsten habe er sich aber problemlos bewegen können.
Ähnlich der 4. Durchgang. Ein Break genügte Sinner letztlich zum Triumph. Obwohl Zverev wirklich alles versuchte. Beim Stand von 4:5, 30:30 aus seiner Sicht vielleicht der Ballwechsel der Partie. Zverev dominierte, und gegen jeden anderen Spieler hätte er mit Gewissheit den Punkt gemacht. Aber Sinner vermag Bälle auszugraben wie kein Zweiter, und wie kein Zweiter kann er bei der geringsten Möglichkeit in den Angriffsmodus umschalten. Er gewann also den Punkt, das Spiel und das insgesamt hochklassige Match. Zverev war ganz nah, so nah wie vielleicht in keinem der andere Duelle (unter anderem eine Art Hinrichtung im Australian-Open-Finale 2025). Er hatte sich diesmal nichts vorzuwerfen. „Er wird besser und besser“, konstatierte auch Sinner. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern zeugt von tiefem und ehrlichem Respekt. Auch dem größten Zverev-Kritiker müsste aufgefallen sein, dass der Hamburger in den vergangenen zwölf Monaten sein Spiel wesentlich verbessert hat, dass er viel aggressiver agiert und viel näher an der Grundlinie steht.
Tschechinnen-Finale an Noskova
Den Sieg bei den Frauen holte sich Linda Noskova, die in einem inner-tschechischen Duell in drei Sätzen gegen Karolina Muchova erfolgreich war. Eine verrückte Partie. Insgesamt fünf Matchbälle vergab Noskova im zweiten Satz, ehe sie ihn mit 5:7 abgeben musste. Die 21-Jährige verschwand zur Toilettenpause, und kehrt zurück, als sei nichts geschehen. Ihr gelang sofort das Break zum 2:0, und diesen Vorsprung transportierte sie bis zum Triumph. Den sie mit einem krachenden Aufschlag sicherte. Die eigentlich untröstliche Muchova zeigte bei der Siegerehrung Humor. „Meine Ex-Freundin“, rief sie in Richtung Noskova; jeder weiß, wie gut sich die beiden verstehen, die ja auch schon einige Doppel miteinander bestritten hatten.
Damit setzt sich eine erstaunliche Serie fort. Im zehnten Jahr hintereinander gab es auf dem Heiligen Rasen einen Premierensieg. Also zehn verschiedene Triumphatorinnen, die vorher noch nie in Wimbledon erfolgreich waren. Darunter gleich vier Tschechinnen: Petra Kvitona, Marketa Vondrousova, Barbora Krejcikova und eben Linda Noskova. Mich würde wenig wundern, wenn die hochbegabte Karolina Muchova im Juli 2027 die Serie auf 11 Jahre und fünf Tschechinnen ausbauen würde.
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