Alexander Zverev macht sein Meisterstück

Besser geht’s nicht. Finale der US Open auf dem größten Center Court der Welt, der mit knapp 24.000 Zuschauern restlos gefüllt war. Auf der anderen Seite mit Ben Shelton der umjubelte Lokalmatador, der in diesem Turnier so begeisternden Tennis gezeigt hat, insbesondere bei seinen Siegen gegen Carlos Alcáraz und Landsmann Frances Tiafoe. Den Aufschlag-Weltrekordler (zumindest für ATP Tour). Und was macht der Hamburger? Entzauberte den US Boy nach allen Regeln der Kunst.
Von Beginn an diktierte Zverev die Partie, nahm Shelton gleich den Aufschlag ab und transportierte das Break sicher zum Satzgewinn. Im zweiten Durchgang musste der Tiebreak entscheiden, und hier zeigte Zverev schlicht und ergreifend das best vorstellbare Tennis und deklassierte Shelton beim 7:2.
Noch nicht einmal vom Rückschlag im 3. Durchgang ließ sich Zverev durcheinanderbringen, als er mit einer leichten Unkonzertiertheit das Service zum 5:7 und Satzverlust abgab. Laut Statistiker war ihm das zuvor bei 50 Aufschlagspielen gegen Shelton nicht passiert.
Die Zuschauer eskalierten, witterten noch mal eine Chance für ihren Landsmann Shelton. Der doch als erster US Amerikaner seit 2003 den Männertitel wieder für die USA holen sollte. Doch Shelton war mit der Situation überfordert gegen den fast gleichmütigen Zverev. Sofort gab er den Aufschlag im 4. Satz ab (trotz 30:0-Führung), das Momentum war wieder dahin. Und Zverev ließ sich die Chance nicht entgehen. So fokussiert war er auf jeden einzelnen Punkt, dass er gar nicht merkte, als er den Matchball verwandelt hatte. Erst als ihm die Schiedsrichterin signalisierte, das das Spiel vorbei sei, brach der Jubel aus ihm heraus.

Besser gehts nicht! Oder etwa doch? Denn kaum war die Siegerehrung beendet, meldeten sich die Bedenkenträger. Zverev habe ja nur gewonnen, weil Jannik Sinner nicht dabei gewesen war (wegen einer Knieverletzung) und Alcaraz nach seiner Handverletzung noch nicht hundertprozentig fit gewesen sei. Das mag stimmen (oder auch nicht), ist aber völlig belanglos. Man kann nur den Gegner bezwingen, der auf der anderen Seite des Platzes steht. Und Zverev bezwang in New York eben alle Sieben, die auf der anderen Seite des Platzes standen. Schwer genug ist so ein Parforceritt, und viel hätte ja auch nicht gefehlt und Zverev wäre in der ersten oder zweiten Runde bei seinen Fünfsatz-Thrillern gescheitert. Er wankte zwar gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys, fiel aber nicht. Und genau das unterschied ihn von all den chancenreichen Mitbewerbern wie Fils und Auger-Alliasime und Medwedew und Fritz, die bei ihren Niederlagen gegen Außenseiter eben im entscheidenden Moment nicht zulegen konnten wie Zverev.

Der Deutsche weiß selbst seine Leistung einzuordnen. „Zurzeit bin ich der beste Spieler der Welt. Das war ich nicht, als Sinner fit war.“ Über ein potenzielles Finalduell mit Sinner zu spekulieren, führt allerdings zu gar nichts, zumal jede Partie ohnehin erst mal gespielt werden muss.

Bleiben wir also  bei den unumstößlichen Fakten: Zverev, dem trotz Olympiatriumphes und zweier WM-Titel lange nachgesagt wurde, bei den Grand Slams nie gewinnen zu können, hat ein geradezu märchenhaftes Jahr bei diesen ganz großen Turnieren hinter sich: Halbfinale Melbourne (nur denkbar unglücklich gescheitert an späteren Sieger Alcáraz), Sieg Paris, Finale Wimbledon (recht chancenlos gegen Sinner) und jetzt Sieg New York. Macht 25:2 Matchsiege, das ist zum Beispiel ein besseres jahr als es ein Boris Becker je hatte. Noch sieht ihn die Weltrangliste als Nummer 2 hinter Sinner, aber in der Jahreswertung hat er bereits einen gewaltigen Vorsprung auf den Italiener. Von dem niemand weiß, in welcher Verfassung er die restlichen Turniere des Jahres bestreiten kann. Sehr wahrscheinlich also, dass Alexander Zverev dieses unfassbar erfolgreiche 2026 als bester Tennisspieler der Welt abschließen wird, um etwas weiter in die Zukunft zu blicken.

Ich habe jetzt gelesen, dass Alexander Zverev unbedingt Deutschlands Sportler des Jahres werden muss. Diese Ehrung ist in der Tat sehr wahrscheinlich. Ich allerdings würde dafür den Schwimmer Johannes Liebmann präferieren. Dessen unfassbarer Weltrekord über 1500 Meter Freistilstellt in der ganz persönlichen Löwen-Wertung sogar einen Alexander Zverev in den Schatten.

 

Rybakinas Triumphzug

 

Seit ziemlich genau 50 Jahren schaue ich jetzt Tennis, auch Frauen-Tennis. Doch was Besseres als Lena Rybakina der 3. Satz im Finale der US Open gegen eine keineswegs schwache Aryna Sabalenka hat meines Erachtens noch nie eine Spielerin fabriziert. Eine sehr steile These, ich weiß, aber ich begründe mal:  Toller Aufschlag, knallharte Grundschläge und sogar tödliche (ja ja, die Tennissprache …) Volleys. All das im vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres. Falls also die geringsten Zweifel bestanden, ob Lena Rybakina tatsächlich eine verdiente Nummer 1 der Welt ist (als die sie die heutige Weltrangliste ausspuckt), dann sind diese Zweifel verflogen. Hoffentlich auch bei Sabalenka, die bei der Siegerehrung nur mit zusammengebissenen Zähnen der Kontrahentin ein „well deserved“ rauspresste, ansonsten leider mal wieder eher darüber schwadronierte, was sie selbst alles falsch gemacht habe. Man kann jetzt philosphieren, ob Sabalenka eher eine sehr schlechte oder sehr enttäuschte Verliererin war.

Der Triumph der Kasachin Rybakina ist umso höher einzuschätzen, weil sie vor dem Turnier angeschlagen war nach einer recht komplizierten Fußverletzung und sie wahrscheinlich selbst nicht wusste, woran sie ist. Doch schnell war klar, dass die Pause ihrer Form keineswegs abträglich war – vielleicht sogar im Gegenteil, weil sie pausieren musste. Denn keine Spielerin war frischer und agiler. Wenn sie aber gut zum Ball steht, dann wird es für jede Gegnerin schwer bis unmöglich dagegenzuhalten.
Sabalenka, die Titelverteidigerin und amtierende Nummer 1, tat ihr bestes. Nur noch ein Raunen ging durch die Ränge, wenn sich die Kasachin Rybakina und die Weißrussin Sabalenka die Bälle um die Ohren knallten. Beide hatten ja schon im Januar das Finale der Australian Open bestritten (ebenfalls mit dem besseren Ende für Rybakina). Beide waren ab April in ein Formtief gefallen mit jeweils erstaunlichen Niederlagen unter anderem in Paris und Wimbledon. Jetzt zeigten die beiden, dass sie die zwei besten Tennis-Frauen der Welt sind, trotz der Amerikanerinnen Gauff und Pegula, trotz Iga Swiatek und wie sie alle heißen.

Ein Trost für die Konkurrenz: So gut wie im 3. Satz wird auch eine Lena Rybakina nicht jeden Abend spielen.

Alles, was Tennis ausmacht

Zwei Amerikaner auf Mission Titel und die Szene des Jahres

 

Was für ein Tennis-Tag, was für Dramen. Mittendrin die Amerikaner, die endlich seit 2003 (Andy Roddick) den Einzel-Titel bei den US Open erringen wollen. Zunächst das inner-US-Duell Alex Mikkelsen gegen Frances Tiafoe. Mehr als zweieinhalb Sätze dominierte der Außenseiter Mikkelsen die Partie, glänzte mit schnörkellosem, aber fast fehlerfreiem Tennis, das dem so kamptstarken Tiafoe die Luft zum Atmen raubte. Beim Stand von 7:5, 6:3 und 5:4 schlug er aufs Match auf, doch wie so viele Tennisspieler und vor allem auch Tennisspielerinnen verlor er die Nerven. Plötzlich zitterte die Hand, die zuvor so souverän auch die schwierigsten Schläge ausgeführt hatte. Tiafoe, der nie aufgab, witterte die Chance, holte sich nicht nur das Break zum 5:5, sondern kurze Zeit später auch den Durchgang zum 7:5.
Nachdem Tiafoe sich auch den 4. Satz sicherte, musste der 5. Satz entscheiden, und hier kulminierte die Spannung im sogenannten Matchtiebreak. Den gewinnt, der als erster 10 Punkte erreicht hat. Tiafoe erwies sich als der Bessere (der Glücklichere), und im Moment des Triumphes zeigte er seine ganze Größe. Mikkelsen nämlikch überwältigten die Gefühle. Eine Ewigkeit weinte er in den Armen seines Kontrahenten. Unvergessliche Bilder, die niemanden kalt lassen können; die wieder einmal zeigen, wie toll Sport sein kann, wenn die Beteiligten fair bleiben, wenn sie den Gegner achten. Der gegenseitige Respekt war schon während der gesamten Partie zu bemerken, jetzt merkte jeder mehr als 23.000 begeisterten Zuschauer und an den Fernsehgeräten im vollbesetzten Artur-Ashe-Stadium. Das waren Freunde. Wenn Sport und das Leben immer so fair wären, es wäre so viel einfacher auf der Welt (großer und pathetischer Seufzer).

Und doch war dieses großartiege Duell nur der Vorgeschmack auf das bisher vielleicht beste Tennismatch des Jahres mit so vielen Absurdidäten: Ben Shelton gegen Carlos Alcáraz. Hier der so auschlagsstarke Amerikaner, dort der spanische Titelverteidiger bei seinem Turnier-Comeback nach mehr als vier Monaten, bei dem er in den 4 partien zuvor nicht einen Satz abgegeben hatte. Die Vorzeichen waren allerdings ungewöhnlich, denn das Spektakel begann erst kurz nach 23 Uhr Ortszeit. Was dann die beiden im ersten Satz an Tennis-Feuerwerk und -Kunst ablieferten voller Traumschläge und begeisternder Ballwechsel, haben wir in diesem Jahr (und auch sonst sehr selten) nicht gesehen. Nach 62 Minuten sicherte sich Alcáraz den ersten Satz.
Doch gerade der Spanier konnte dieses Nieveau nicht halten. Geradezu vorgeführt wurde er in den folgenden beiden Durchgängen, die Shelton mit seinem grandiosen Aufschlag, aber auch tollen Grundschlägen dominierte. Da waren einige der 23.000 Zuschauer allerdings schon nach Hause gegangen. New York mag die Stadt sein, die niemals schläft, aber viele ihrer Einwohner brauchen doch zumindest ein paar Stunden in ihrem Bett, um für den nächsten Arbeitstag gewappnet zu sein.
Die die geblieben waren (es waren immer noch weit über 10.000 Menschen) sahen im vierten Satz, warum Alcáraz im Moment vielleicht der begabteste Tennisspieler ist. Obwohl er wegen seiner Handverletzung sicher nicht mit 100 Prozent aufschlagen kann, dominierte er seine Aufschlagspiele mit seinen faszinierendenen und fanstasievollen Grundschlägen und ließ den nur etwas nachlassenden Shelton nicht die geringste Chance.
Es musste also auch hier der fünfte Satz entscheiden. Shelton brachte dabei seine Aufschlagsspiele locker durch, Alcáraz nur mit Mühe, wobei ihm Shelton mit inigen dummen Fehlern half. Die Diskrepanz beim Service war unverkannbar, hier der Ami mit bis zu 150 Meilen pro Stunden, dort der Spanier mit meist nicht einmal 120. Trotzdem fanden sich die beiden Profis ebenfalls im Matchtiebreak wieder, mittlerweile war es in New York weit nach 3 Uhr morgens; die Ränge hatten sich weiter gelichtet, und die Spieler standen bereits mehr als 4 Stunden auf dem Platz. Bis zum 6:6 war auch der Decider völlig ausgeglichen, ehe ein eher überflüssiger Fehler von Alcáraz dem Amerikaner den entscheidenden Vorteil gab. Kurze Zeit später verwandelte er seinen zweiten Matchball und durfte den vielleicht wichtigsten Sieg seiner Karriere feiern. Alc#araz erwies sich als großer Verlierer. Als er die Arena verließ, da umspielte ein Lächeln seine Lippen. So erleichtert war er, dass er nach diese langen Pause wieder mit den Besten der Besten mithalten kann. Und das zeichen an die Tennis-Welt war eindeutig: Mit Alcáraz ist in zukunft wieder zu rechnen

Am Freitag kommt es aber zum inneramerikanischen Halbfinal-Showdown. Tiafoe gegen Shelton, eine Vorhersage scheint fast unmöglich

Die beiden anderen Viertelfinali fielen gestern doch gewaltig ab. Die Sieger Karen Katschanow (gegen Alexander Blockx) und Alexander Zverev (gegen Boric van de Zandschulp) hatten wenig Mühe. Katschanow profitierte im 3. Durchgang gar von der Aufgabe seines belgischen Kontrahenten, der nach seinen Kraftakten in den Runden zuvor schlicht nicht mehr konnte und aufgeben musste. Zverev wiederum war für Überraschungsmann van de Zandschulp eine Nummer zu groß, und er ist auch im Halbfinale gegen den Russen klarer Favorit.

 

Top-Frauen unter sich

 

Das hat es seit 2009 (Wimbledon) nicht mehr in einem Grand-Slam-Turnier gegeben. Die besten Vier der Setzliste stehen auch im Halbfinale. In denen treffen nun Aryna Sabalenka und Jessica Pegula sowie Lena Rybakina und Coco Gauff aufeinander. Wer den Titel letztlich gewinnt, vermag ich nicht zu prognostizieren, aber eines steht jetzt schon fest: Rybakina wird unabhängig von Turnierausgang die neue Nummer 1 der Welt, sie wird ab Montag als dann 51. Spielerin die Rangliste anführen.

 

Frauen, Halbfinale

 

Fr., 01:00:       Sabalenka (Weißrussland) – Pegula (USA)
anschließend: Rybakina (Kasachstan) – Gauff (USA)

Zweimal also USA gegen Osteuropa, zweimal dürften also die Sympathien im Stadion klar verteilt sein. Mich würde allerdings wenig wundern, wenn sich dennoch die (noch) Weltranglistenerste Sabalenka und ihre Nachfolgerin Rybakina durchsetzen würden. Wenn die Weißrussin und die Kasachin jeweils ihre Nerven trotz der feindlichen Atmosphäre im Griff behalten.

 

Männer, Halbfinale (Freitag, Nacht auf Samstag, die Partien sind noch nicht angesetzt)

 

Shelton (USA) – Tiafoe (USA)
Zverev (Deutchland) – Katschanow (Russland)

 

Im US-Duell sehe ich keinen klaren Favoriten. Shelton ist der etwas begabtere Spieler, hat mit Sicherheit den besseren Aufschlag. Aber den Kämpfer Tiafoe darf niemand zu keinem Zeitpunkt abschreiben, das hat er gerade bei diesem Turnier scho des öfteren bewiesen.

Zverev ist auch gegen Katschanow der klare Favorit. Er würde mit einem Sieg zum dritten Mal in Folge in ein Grand-Slam-Finale einziehen (Sieg gegen Cobolli in Paris, Niederlage gegen Sinner in Wimbledon).

 

 

 

 

 

De unglaubliche Carlos Alcáraz

Er spielt, als sei er nie weggewesen. Allenfalls sein noch zurückhaltender Aufschlag erinnert daran, dass Carlos Alcáraz gut 4 Monate wegen einer Handgelenks-Verletzung gefehlt hat. Ansonsten ist sein Spiel wieder ohne Fehl und Tadel, sehr facettenreich und wunderbar anzusehen. Das musste zuletzt der völlig chancenlose Tommy Paul zur Kentnisnehmen, der im Achtelfinale eine Lehrstunde erhielt. Das ließ sogar die fanatischen US-Fans verstummen, die früh einsehen mussten, dass noch so viel Geschrei für ihren Landsmann nichts bringen würde.

Unfassbar, wie souverän Alcáraz ins Viertelfinale der US Open gestürmt ist. Vier Siege ohne Satzverlust, das hat von den besten Acht außer ihm nur der US-Amerikanische Außenseiter Alex Mikkelsen geschafft. Die härteste Prüfung wartet indes heute nacht, wenn Alcáraz auf den nächsten US Boy trifft. Ben Shelton hat seine Anfangs-Nervosität bei seinem heimturnier abgelegt, überzeugte ebenfalls mit überzeugenden Auftritten, zuletzt im Achtelfinale gegen den chancenlosen Rückkehrer Stefanos Tsitsipas.

Die Amerikaner trumpfen ohnehin auf in New York, wo sie seit 2003 auf einen heimsieg im Männer-Einzel warten. Neben Shelton stehen auch Francis Tiafoe und eben Mikkelsen im Viertelfinale, allein Alcáraz steht wenigstens einem US-amerikanischen Finalteilnemer im Weg. Eine unüberwindliche Hürde? Wir werden sehen.

In der anderen Tableau-Hälfte scheint Alexander Zverev mittlerweile ungefährdet. Der italiener Luciano Darderi hatte jedenfalls im Achtelfinale nicht den Funken einer Chance und unterlag klar in 3 Sätzen. Zverevs Aufschlag funktioniert bestens: Gegen Darderi hatte er insgesamt nur einen Breakball gegen sich, beim Stand von 5:2 im ersten Satz, als die Konzentration ganz kurz nachgelassen hatte.
Der Weg ins Finale scheint für den von Spiel zu Spiel sich steigernden Hamburger vorgezeichnet – bei aller Wertschätzung der Kontrahenten. Gegen Holländer Botic van de Zandschulp ist er klarer Favorit, ebenso in einem möglichen Halbfinale gegen den Sieger des Überraschungs-Viertelfinales Alexander Blockx gegen Karen Katschanow, der sich im Achtelfinale in einer extrem stimmungsvollen partie gegen den jungen Ami Learner Tien in 5 Sätzen durchsetzte.

Viertelfinale

Zverev – van Zandschulp (Mittwoch)
Blockx – Kataschanow

Tiafoe – Mikkelsen (Dienstag)
Alcaraz – Shelton

Qinwen Zheng überrascht weiter

 

Wieder erwies sich die Chinesin als Comeback-Königin, als sie im 1. Satz einen 0:5 gegen Iga Swiatek wettmachte. Zweimal in Folge einen derartigen Rückstand aufzuholen (vorher im 3. Durchgang gegen madison Keys), dieses Kunststück gelingt ganz selten (ich konnte nicht eruieren, wann zuletzt). Punkt für Punkt habe sie gespielt, berichtete die Chinesin, die wegen einer Ellenbogenverletzung in diesem Jahr bis auf Rang 121 zurückgefallen war. Vieles an ihrer Spielweise erinnerte an den Sommer 2024, als Qinwen in Paris auf dem legendären Center Court von Roland Garros die Goldmedaille gewann.
Ob sie trotz ihrer tollen Form ihren Siegeszug in New York fortsetzen kann, ist dennoch zweifelhaft. Nächste Gegnerin ist Lena Rybakina, die ihren Spielen ebenfalls einen. bärenstarken Eindruck hinterließ. Gestern nacht im Achtelfinale ließ sie auch der zweifachen US-Open-Siegerin Naomi Osaka beim 6:1, 6:3 keine Chance. Sollte Rybakina auch gegen Zheng siegen, wäre auch rechnerisch sicher, dass sie nach dem New Yorker Turnier als neue Weltranglistenerste aufscheinen würde.

Sie würde dann Aryna Sabalenka ablösen. Und das, obwohl die Weißrussin selbst das beste Tennis seit knapp einem halben Jahr spielt, als sie beim Sunshine-Doppel in Indian Wells und Miami jeweils triumphierte. Jetzt kommt es zum Duell der Titelverteidigerin mit der Wimbledonsiegerin Linda Noskova. Die Tschechin wäre um ein haar Opfer der eigenen Nerven geworden, als sie gegen Marta Kostyuk erst ihren 6. Matchball nutzen konnte.

Auch bei den Frauen haben gleich drei US-Amerikanerinnen das Viertelfinale erreicht. Aber allein Coco Gauff traue ich letztlich den Turniersieg zu (angesichts meiner Tipp-Künste bei Männern und Frauen solltet ihr also alles Geld auf Pegula oder Navarro setzen …). Gauff verwies ihre eerst 19-jährige Landsfrau Iva Jovic in einem extrem aufgeladenen Spiel in ihre Schranken und siegt fast mühelos gegen die sehr nervöse Kontrahentin mit 6:1 und 6:4

 

Viertelfinale

Sabalenka – Noskova (Dienstag)
Pegula – Navarro

Gauff – Andreewa (Mittwoch)
Rybakina – Qinwen Zheng

Zverev siegt weiter – die Konkurrenz strauchelt

Diesmal war der New Yorker Nachtarbeiter Alexander Zverev mit seiner Drittrundenpartie gegen den Chilenen Tabilo schon um etwas 1 Uhr Ortzeit fertig, nach nur knapp 2 Stunden und 30 Minuten, ein echter Spaziergang im Vergleich zu den beiden Fünfsatz-Thrillern bis weit nach 2 Uhr nachts gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys. Noch immer bin ich nicht vollständig überzeugt von der Form des Hamburgers, der im 2. Durchgang 2 Satzbälle abwehren musste (da half ihm Tabilo kräftig), aber das Wichtigste: Er beißt sich durch und gewinnt seine Partien; ganz im Gegensatz zu den Top-Leuten in seiner Tableau-Hälfte, die sich allesamt schon verabschiedet haben. So erwischte es in der 3. Runde den von mir hochgewetteten Taylor Fritz (nach 2:0-Satzführung gegen Fernando Cerundolo) und Franco Cobolli (French-Open-Finalist gegen Zverev), der am baumlangen Belgier Alexander Blockx scheiterte

Zverevs Weg ins Finale scheint fast vorgezeichnet, denn der nominell stärkste Profi, der das noch verhindern könnte, ist der junge Amerikaner Learner Tien als Nummer 14 gesetzt. Jetzt allerdings bekommt es Zverev erst mal mit Luciano Darderi zu tun (Nummer 21). Der Italiener hinterließ bei seinen bisherigen Auftritten in New York einen vorzüglichen Eindruck und hat Zverev bereits besiegt – im Halbfinale beim Masters-Turnier in Rom, allerdings auf Sand.

 

Alcáraz weiter ohne Satzverlust

 

Ganz nach Plan läuft es für den Titelverteidiger: Carlos Alcáraz gewann auch gegen Wu ohne große Mühe und ist im Turnier weiter ohne Satzverlust. Und das, obwohl er weiterhin bestenfalls mit 90 Prozent Härte aufschlägt, offenbar dem angeschlagenen Handgelenk geschuldet. Ansonsgten zeigt er allerdings schon wieder großes Tennis, gerade auch bei wichtigen Bällen. In dessen Hälfte allerdings sind noch einige Brocken und vor allem eine gefährliche  amerikanische Fraktion versammelt: Heute kommt es im Achtelfinale zum Duell mit Tommy Paul, sollte Alcáraz siegen, würde wahrscheinlich der extrem aufschlagstarke Ben Shelton warten (oder doch der aus tiefen Tälern wieder auferstandene Grieche Stefanos Tsitsipas?). Außerdem sind auch noch die beiden US Boys Francis Tiafoe und Alex Mikkelsen im Rennen. Ich vermag immer noch nicht einzuschätzen, ob sich der Nachteil des Aufschlags bei Alcáraz gegen einen Top-Mann wie Paul oder spätestens Shelton nicht doch einmal entscheidend negativ auswirkt. Denn das Gene Alcáraz macht Dinge, die nur Alcáraz kann.

 

Achtelfinal-Tableau 

Zverev – Darderi (Montag)
Gea – van de Zandschulp
Katschanow – Tien
Cerundolo – Blockx

Medwedew – Tiafoe (Sonntag)
Michelsen – Etcheverry
Shelton – Tsitsipas
Alcaraz – Paul

 

Favoritinnen mit souveränen Siegen

 

Auch in der 3. Runde gaben sich die Top-Spielerinnen keine Blöße. Von den nominell besten acht Frauen ist nur Wimbledon-Finalistin Karolina Muchova nicht mehr dabei, die an Emma Navarro scheiterte. Alle anderen landeten mehr (Sabalenka, Rybakina) oder weniger (Noskova) souveräne Siege. Und doch: Ob der Durchmarsch der Besten auch im Achtelfinale anhält, da gibt es doch noch ein paar Fragezeichen, denn einige sehr gefährliche Außenseiterinnen sind ebenfalls noch im Rennen

 

Jovic gegen Eala – ein Duell der Zukunft

 

An erster Stelle nenne ich da Iva Jovic. In einem begeisternden Match gewann die junge Amerikanerin gegen die aufstrebende Philippinin Alexandra Eala nach gut 3 Stunden mit 7:5, 3:6, 7:5. Für mich die bisher beste und aufregendste Partie des gesamten Turniers, auch weil die fantastische Kulisse im Arthur-Ashe-Stadium dazu betrug. Denn die Fans waren aufgeteilt in zwei fast gleichstarke Blöcke (Eala hat in ihrem Land und dem ganzen Kontinent eine wahre Tennis-Begeisterung ausgelöst). Sie sahen spektakuläre Ballwechsel und eine Partie, die bis zum verwandelten matchball in beide Richtungen hätte sich neigen können. Nachdem Jovic gesiegt hatte gab es eine innige Umarmung: Ich glaube, dass wir hier ein Duell der Zukunft gesehen haben. Zumal beide Spielerinnen noch längst nicht am Zenith ihres Könnens angelangt sind (ich denke an den jeweils verbesserungswürdigen Aufschlag).
Für Jovic setzt sich die Reise fort, und selbst ihre favorisierte Landsfrau Coco Gauff muss im Achtelfinale nicht das Ende der Fahnenstange sein.
Ähnliches gilt für die zweimalige US-Open-Siegerin Naomi Osaka (vs Lena Rybakina) und mein persönliches dark horse Sofia Cirstea (vs Jessica Pegula).

 

Bermerkenswertes Comeback der Olympiasiegerin

 

Schwere Zeiten hat Qinwen Zheng hinter sich. Die Chinesin fiel aufgrund von zahlreichen Verletzungen und einer bis dato schrecklichen Saison (negativer Höhepunkt: Aus in der 1. Qualifikationsrunde für Toronto gegen eine gewisse Lanlana Taraduree aus Thailand) bis auf Rang 121 der Weltrangliste zurück. Doch jetzt hat die Chinesin offenbar (fast) zurück zu alter Form gefunden, die ihr immerhin den Olympiasieg 2024 in Paris einbrachte. In New York erweist Zheng (oder doch Qinwen?) als Comeback-Königin. In der 3. Runde schaffte sie jetzt das Kunststück und holte gegen Madison Keys im 3. Satz einen 0:5 (!)-Rückstand auf, wobei sie einen Matchball abwehrte. Schon in den Runden zuvor war sie gegen das 16-jährige Top-Talent Kristina Liutowa und die extrem lästige Yulia Putintzewa über die volle Distanz gegangen. Allerdings wird das Achtelfinale gegen die wiedererstarkte Iga Swiatek (für mich die Turnier-Favoritin, sic!) eine ganz andere Hausnummer werden.

 

Achtelfinal-Tableau

Sabalenka – Townsend (Sonntag)
Noskova – Kostyuk
Pegula – Cirstea
Kalinskaya – Navarro

Andreewa – Potapova (Montag)
Gauff – Jovic
Swiatek – Qinwen Zheng
Rybakina – Osaka

 

 

 

 

Wawrinka und Monfils -Abschied von 2 ganz Großen

Die ersten zwei Runden im Einzel bei den US Open sind absolviert. Während bei den Frauen alles nach Plan läuft und die Top-Gesetzten nahezu geschlossen in die 3. Runde marschierten, hat sich dass Feld bei den Männern schon merklich reduziert

 

Frenetischer Beifall für Wawrinka und Monfils

 

Sehr viel Wehmut ist jetzt schon dabei dabei, wenn ich diese Zeilen schreibe. Denn Stanislav Wawrinka und Gael Monfils waren nicht nur höchst erfolgreiche Profis (Wawrinka mehr, Monfils etwas weniger). Vor allem  begeisterten sie die Fans auf der ganzen Welt mit fantastischem und unglaublich ästhetischem Tennis. Beide mit einer herrlichen einhändigen Rückhand gesegnet, aber ich trete Monfils sicher nicht zu nahe, wenn (nicht nur) ich konstatiere: Eine schönere einhändige Rückhand als die von Stan the Man hat es bei den Männern noch nie gegeben, allenfalls die von Justine Henin (nona).

Jetzt hatten der Schweizer und der Franzose ihr letztes Spiel bei einem Grand-Slam-Turnier. Die Niederlagen gegen Matteo Berrettini und Learner Tien gerieten aber fast zur Nebensache: Wichtig war, dass sie noch einmal ihr Können zeigen durften, dass sie Abschied nehmen durften von der ganz großen (Grand-Slam-)Bühne. Über die Video-Wand liefen noch mal die besten Szenen, von ihren Erfolgen. Von denen Wawrinka mehr hatte, schaffte doch das Kunststück, dass er trotz der Großen 3 Federer, Nadal und Djokovic gleich dreimal bei Grand Slams triumphierte, unter anderem in New Y>ork 2016. Ein solcher Erfolg blieb Monfils verwehrt, auch wegen zahlreicher Verletzungen, die eine noch größere Karriere verhinderten. Dennoch war er aufgrund seiner spektakulären Spielweise überall Publikumsliebling. Auch die New Yorker drückten ihm gestern Nacht die Daumen, obwohl er gegen ihren Landsmann Tien antrat. Der wiederum wäre der Letzte, der ihnen das übel genommen hätte.

Die beiden werden das Jahr bei kleineren Turnieren ausklingen lassen, der Schweizer Wawrinka etwa zu Hause in Basel. Monfils wiederum hat in New York noch gar nicht fertig, denn seine ukrainische Ehefrau Lena Svitolina ist noch chancenreich im Rennen. Da wird er schon heute Nacht auf der Tribüne die Daumen drücken.

 

Aderlass bei den Top-Männern

 

Das Feld der Weltranglisten-Spitze hat sich schon spürbar gelichtet. So mussten von den Top 8 Felix Auger-Alliasime (3), Novak Djokovic (4) und Alex De Minaur (6) die Segel streichen; ebenso Lorenzo Musetti (13), Arthur Fils (10/gegen Stefan Tsitsipas) und der US-Boy Brandon Nakashima (16), der zuvor bei den Masters-Turnieren in Montreal und Cincinnati so aufgetrumpft hatte. Jetzt fand er in seinem Landsmann Alex Mikkelsen seinen Meister.
Wieder mal ein (Gesundheits)Drama legte Djokovic hin. In seiner Erstrundenpartie gegen den soliden Argentinier Navone kämpfte er mehr mit seiner Fitness denn mit dem Kontrahenten. Übergeben musste er sich auf dem Platz, am Ende hatte der Serbe überhaupt keine Kraft mehr. Es war das erste Erstrundenaus bei einem Grand Slam seit 2006 (!), damals in Melbourne. In New York ist ihm ein derartiges Missgeschick überhaupt noch nicht passiert.
Die körperliche Qualen, die ihn laut eigener Aussage regelmäßig bei anstrengenden Partien befallen: sind sie vielleicht deutliches Zeichen, dass der 24-malige Grand-Slam-Sieger es endlich sein lassen sollte? Der Djoker verneinte das, sein Fernziel sind die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Dem objektiven Betrachter fehlt angesichts der Bilder vom Center Court in New York die Fantasie, wie er bis dahin durchhalten will. Andrerseits: Es ist Djokovic, und der ist dann am Besten wenn alle gegen ihn sind …

 

Fragezeichen hinter Zverev und Alcáraz

 

Die beiden Top-Gesetzten sind noch im Turnier, aber die Auftritte waren alles andere als souverän. Zverev mutiert zum wahrscheinlich härtesten (und bestbezahlten) Nachtarbeiter in New York. In zwei aufreibenden Night Sessions auf dem Arthur Ashe brauchte er jeweils 5 Sätze, ehe er die keineswegs hochbegabten Lorenzo Sonego und Quentin Halys (nix für ungut) aus dem Turnier nahm. Es war zweimal weit nach Mitternacht, als Zverev ddie Matchbälle verwandelte.
Carlos Alcáraz hatte zwar gegen Safiullin und Faria weit weniger Mühe, und doch bin ich hier fast noch skeptischer. Der Spanier ist sichtlich noch nicht fit; wie auch nach mehr als 4 Monaten Pause wegen der Handverletzung? Sein Spiel ist teilweise immer noch brillant, aber er schlägt bei Weitem schwächer auf als jeder in der Männer-Konkurrenz (wahrscheinlich gibts auch ein paar Frauen, die zurzeit über ein härteres Service verfügen). Die Frage, die nur Alcáraz beantworten kann (und nicht wird). Kann er es nicht besser oder hält er den Aufschlag bewusst zurück und hofft, dass die anderen Fähigkeiten genügen? Eines sollte sich jeder Zweifler (also auch ich selbst) vergegenwärtigen: Der Spanier ist seit jetzt 16 Grand-Slam-Partien ohne Niederlage und in New York Titelverteidiger. Nough said …

 

Die Amis kommen

 

Vorn allen Spielern, die ich näher verfolgt habe (recht viele, aber bei Weitem nicht alle …), machte Taylor Fritz mit zwei äußerst souveränen Siegen den besten Eindruck. Auch seine Landsmänner Ben Shelton (nach Anfangsschwierigkeiten) und Francis Tiafoe scheinen die Atmosphäre zu genießen, wo die Fans so hoffen, dass sie mal wieder einen heimischen Turniererfolg bei den Männern sehen dürfen. Mein Tipp vor der Männer-Konkurrenz lautete: Taylor Fritz. Daran hat sich erst mal nichts geändert.

 

Favoritinnen souverän

 

15 der 16 Top-gesetzten Spielerinnen haben die 3. Runde erreicht. Allein Belinda Benic musste sich der Außenseiterin Julia Putintzewa geschlagen geben, die schon länger den zweifelhaften Ruf als einer der unangenehmsten Kontrahentinnen im Feld genießt. Ansonsten. Mehr oder weniger klare Siege der Sabalenkas, Rybakinas und Gauffs. Die alle noch ohne Satzverlust sind, auch wenn Coco Gauff gestern Nacht gegen Paula Badosa im 2. Durchgang einige Mühe hatte und erst im Tiebreak von einer unerklärlichen und plötzlich auftretenden Aufschlagsschwäche der Kontrahentin profitierte.

 

Taggers Talentprobe

 

Drei Sätze brauchte die letztjährige Finalistin Amanda Anisimova – und zwar gegen eine erst 18-jährige Spielerin, die in den nächsten Jahren viel Aufsehen erregen dürfte: Lilli Tagger gab jedenfalls mehr als eine Kostprobe von ihrem Können ab, die unseren österreichischen Nachbarn viel Hoffnung gibt. Letztlich  war Anisimova ungefährdet, aber es braucht nicht viel Fantasie, um das gewaltige Potenzial der 1,85 Meter großen und dementsprechend aufschlagstarken Tagger zu erkennen. Die als eine der ganz wenigen im Spitzentennis noch eine einhändige Rückhand wagt (nicht vganz wo schön wie die von Stan …). Die große Frage: Wird das künftig ihre Waffe oder Angriffsfläche sein?

Aber das ist Zukunftsmusik: Die Gegenwart in New York verspricht ausgeglichenes Spitzentennis. Die Auftritte der Top-Profis lassen in den nächsten Tagen aufregende und offene Partien gegeneinander erwarten. Leider ohne deutsche Beteiligung: Als Letzte verabschiedeten sich gestern Eva Lys (eher chancenlos gegen Mirra Andreewa) und Tatjana Maria (eher unnötig gegen Bartunkova) aus dem Wettbewerb.

US Open ohne Titelfavoriten

Seit Sonntag laufen die US Open. Ich kann mich nicht erinnern, dass sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern so viele FavoritInnen auf den Titel gegeben hat. Zumindest ist weder hier noch dort auch nur ansatzweise jemand ersichtlich, der unschlagbar erscheint. Das Motto der kommenden 2 Tennis-Wochen lautet also: Alles kann, nichts muss.

 

Sinners Absage macht das Männer-Feld völlig offen

 

Den Wimbledon-Sieger und dominierende Profi der Saison (5 Masters-Triumphe hintereinander) plagen immer noch Hüftbeschwerden, so dass er schweren Herzens die Teilnahme für das New Yorker Spektakel absagen musste. Wer letztlich die Siegestrophäe in die Luft stemmen darf – zumindest ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ein gutes Dutzend Profis kommt für den Titel ein Frage, aber hinter jedem Namen steht eben auch ein gewaltiges Fragezeichen. Ich versuche eine Einordnung.

 

Die Etablierten aus Europa

 

An erster Stelle sei Alexander Zverev genannt. Erstmals geht er als Nummer 1 der Setzliste in ein Grand-Slam-Turnier. Aber der Hardcourt-Sommer in Amerika lief wahrlich nicht nach Wunsch für den French-Open-Sieger, der sowohl in Montreal als auch in Cincinnati empfindliche Niederlagen hinnehmen musste. Ob er zu alter Stärke zurückfindet (noch gar nicht so lange her), ist eine der offenen Fragen.

Normalerweise wäre Carlos Alcáraz der natürliche Favorit. Wäre da nicht der leider gewichtige Umstand, dass der Spanier wegen einer offenbar gar nicht so unkomplizierten Handverletzung seit mehr als vier Monaten kein offizielles Tennis-Match bestritten hat. Eigentlich ein völliges Ding der Unmöglichkeit, dass der Titelverteidiger nach einer so langen Pause auch nur annähernd in Bestform sein kann; niemand weiß, wie sein Körper die Anstrengungen von Best-of-5-Partien bei Hitze und Luftfeuchtigkeit verkraftet. Andererseits ist das Tennis-Talent des Carlos Alcáraz schier unendlich.

Daniil Medwedew schließlich gehört neben dem bereits ausgeschiedenen Novak Djokovic und eben Alcáraz zu den Profis, die in New York schon triumphiert haben. Aber für den Russen gilt noch viel mehr als vür Zverev, dass er nach einem verheißungsvollen Frühjahr derzeit eher auf Formsuche ist.

 

Die US Boys, die sind doch dran, oder?

 

Zumindest in der Theorie spricht nichts gegen einen Heimsieg: Gleich ein halbes Dutzend US-Spieler wollen die ewig lange Serie (kein Triumph seit 2003/Andy Roddick) beenden. Die größten Hoffnungen dürfen sich zweifellos Taylor Fritz (Finalist 2025) und Ben Shelton (Sieger beim Vorbereitungs-Turnier in Montreal) machen. Aber auch Francis Tiafoe, Brandon Nakashima und sogar Leander Tien und Tommy Paul haben bei den Vorbereitungsturnieren ihre Klasse gezeigt. Die große Frage ist: Halten die Nerven, wenn der Heimsieg lockt und die Schlagzeilen immer größer werden?

 

Die jungen Wilden

 

Da fallen mir vor allem Jakub Mensik aus Tschechien und Arthur Fils aus Frankreich ein. Fils siegte beim Masters in Cincinnati und zeigte aufregendes Tennis. Wenn er gesund bleibt, muss ihn erst jemand schlagen, doch das Problem ist halt seine Gesundheit, die ihm schon so Strich durch die Rechnung machte. Der aufschlagstarke Mensik agiert vielleicht noch beeindruckender und dominanter, aber ob er sieben Best-of-5-Partien konstant durchhält, wage ich fast zu bezweifeln. Bleibt noch die große Unbekannte Rafael Jodar. Der junge Spanier ist binnen einen Jahres bis in die Top Ten gestürmt, allerdings noch ohne den ganz großen Turniersieg. kann da wirklich Flushing Meadows eine Premiere sein?

 

Ich hab jetzt sehr viele Namen genannt, aber die Liste ist noch nicht vollständig: Die Kanadier hoffen auf Felix Auger-Alliasime, die Tschechen auf Jiri Lehecka, die Sinner-losen Italiener auf Musetti, Darderi und Cobolli.

Die Wettbüros sehen tatsächlich Carlos Alcáraz als Favoriten vor Alexander Zverev, eine Einschätzung, die ich allerdings nicht teile.

 

Ich sag jetzt einfach Coco Gauff

 

(Fast) genauso verworren ist die Lage bei den Frauen. Die Titelverteidigerin und Nummer 1 der Setzliste Aryna Sabalenkaie ist in einem grauenhaften Formtief, das aber eher ein Ergebnis-Tief ist; weil sie Partien, die sie locker gewinnen müsste, schlicht nicht nach Hause bringt. Wenn sich das legt („Ich will wieder einfacher spielen“), dann muss mit der Weißrussin schnell wieder zu rechnen sein, denn keine verfügt über derartig kraftvolle Grundschläge (unterlegt mit grauenhatem Gestöhne).
Lena Rybakina, die Nummer 2, ergeht es ähnlich. Zudem ist die Kasachin angeschlagen, das Bein bereitete ihr Schmerzen, aber die Auftaktspiele scheinen machbar.

In Kanada (Iga Swiatek) und Cinci (Coco Gauff) haben sich wiederum 2 Spielerinnen in den Vordergrund geschoben, die ein eher missglücktes erstes Halbjahr hatten. Swiatek plagte fast chronische Unlust, Gauff kämpfte mit ihrem Aufschlag, der sie komplett verlassen hatte. Die Malaisen scheinen abgestellt, aber hier wie dort lauert die Gefahr des Rückfalls. Und doch: Wenn ich jetzt irgendeinen Siegesnamen nennen müsste, dann wäre es Gauff, auch weil die Amerikanerin bei ihrem Open-Triumph 2023 als haushohe Favoritin bewiesen hat, dass sie in New York auch bei größtem Erwartungsdruck Leistung bringen kann. Ihre Landsfrauen Jessica Pegula, Amanda Anisimova (Finalistin 2025) und Madison Keys traue ich dagegen einen Siegeszug bis zur Trophäe eher nicht zu. Auch die äußerst talentierte Iva Jovic dürfte irgendwann an ihre Grenze stoßen.

Ob die Armada von Tschechinnen, die alljährlich in Wimbledon einfallen und den Titel einsammeln, auch im Big Apple reüssieren – da habe ich meine Bedenken. Aber wenn Wimbledon-triumphatorin Linda Noskova und Finalistin Karolina Muchova erst mal ihren Lauf kriegen, dann muss sich die Konkurrenz warm einpacken im schwül-heißen New York. Gleiches gilt für die vierfache Grand-Slam-Siegerin Naomi Osaka, die in New York 2018 und 2020 triumphierte, das war allerdings vor der Geburt ihrer Tochter.

Ein großes Fragezeichen steht auch hinter den anderen Ost-Europäerinnen. Die Russin Mirra Andreewa hat nach ihrem French-Open-Sieg Anfang Juni wenig getroffen, ihre Landsfrauen Alexandrowa, Shnaider und wie sie alle heißen sind für einzelne Siege und auch Überraschungen gut, aber einen Grand-Slam-Triumph sehe ich äußerst undeutlich. So geht es mir auch bei den beiden Frontfrauen aus der, Ukraine Marta Kostyuk und Lena Svitolina, so sehr ich einer der beiden den ganz großen Sieg gönnen würde.

Auch hier ein Blick in die Wettbüros: Sabalenka werden die größten Chancen eingeräumt knapp vor Gauff und Swiatek.