Infantinos prompter Rückzieher, aber das Vertrauen ist zerstört

Diese Übernahme-Fantasie hat sich dann doch schnell erledigt. Nicht einmal eine Woche, nachdem Gianni Infantinos Plan, Teile der WM-Rechte an eine Investoren-Gesellschaft im Dunstkreis von Donald Trump zu verhökern, folgte der Rückzieher. Zu stark die Kritik: nicht nur die UEFA, die mit einem Boykott aller FIFA-Turniere drohte, solange dieser Plan nicht komplett abgeräumt werde, sondern auch von anderen Kontinental-Verbänden aus Nordamerika und Asien.

Infantino zog also gestern Nacht die Notbremse, erklärte das Unternehmen für beendet. Er bedauere die Unstimmigkeiten, er habe nur zum Wohle des Fußballs gehandelt. Das Ziel der Fifa sei es, stets zu vereinen und zu verbessern, sagte Infantino weiter. „Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt.“

 

Da sprach ein gescheiterter Herrscher, aber nicht aus Überzeugung, sondern allein, um den Schaden, den er angerichtet hat, zu minimieren. Den Schaden, den er persönlich erleiden könnte. Denn zumindest die UEFA will jetzt Blut sehen, Infantinos Blut. Das ohnehin schon angeknackste Verhältnis zwischen dem wichtigsten Kontinentalverband und der Infantino-FIFA ist jetzt komplett zerrüttet. Jetzt hat der umtriebige Schweizer aus Sicht der Verbände alles erträgliche Maß überschritten, sämtliches Vertrauen ist verspielt.

Es war ja nicht nur der aberwitzige Plan an sich von Infantino, die WM-Rechte zu verscherbeln. Sondern vor allem auch die Art und Weise, die extrem sauer aufstieß: nämlich die übelsten Hinterzimmer-Deals ohne irgendwelche konkreten Rechte und Pflichten, aber auch ohne jegliches Einbeziehen der wichtigsten Gremien. Das Ganze kam am Montag ja nur durch eine Indiskretion heraus. Offenbar wollte Infantino den Entscheidern (also den 211 FIFA-Verbänden noch weniger Zeit geben. Die 20 Millionen, die jedem Verband bei einem Ja zustehen würden, sollten jedwede rationale überlegung ausschalten. Platt gesagt: Infantino rechnete schlicht damit, dass viele Funktionärskollegen mindestens so skrupellos und geldgierig wären wie er, ganz falsch liegt er mit dieser Annahme wahrscheinlich gar nicht. Aber nicht nur für ihn kam die harsche und unwiderrufliche Reaktion samt Boykott-Androhung überraschend.

 

Infantinos Zukunft sehr unsicher

 

Es ist gerade schwer vorstellbar, wie Infantino selbst auch nur ein einigermaßen normales Verhältnis mit dem europäischen Verband wiederherstellen will. Zu harsch die Kritik, und bei einigen, die bisher mit der Faust in der Tasche jede noch so große Sauerei Infantinos (der Friedenspreis für Trump fällt mir gerade ein) mitgemacht haben, knallt jetzt der ganze Frust ungefiltert heraus. Die UEFA warf Infantino vor, einen schäbigen und undurchsichtigen Deal eingefädelt zu haben. Dass dieser gescheitert sei, sei zwar ein Sieg für den gesamten Fußball. „Aber das darf nicht das Ende sein.“

Da der machtbesessene Infantino aus freien Stücken nicht abdanken wird, muss er eben abgewählt werden. Im März 2027 steht die Wahl zum FIFA-Präsidenten an. Noch immer kann sich Infantino im Normalfall auf sehr viele kleinere Verbände verlassen, deren Top-Funktionäre Geldgeschenken sehr zugetan sind. Um den Schweizer wirklich abzuwählen, braucht es jetzt einen starken Kandidaten (eine Kandidatin wäre leider in vielen Ländern immer noch nicht vorstellbar). Wenn die UEFA sich geschlossen auf einen geeigneten Mann einigen könnte (vielleicht ein Ex-Profi, der überall Sympathien gewonnen hat?), der auch für andere Kontinententalverbände wählbar ist, dann könnte tatsäclich das bis vor zwei Wochen Undenkbare geschehen: dass Infantino bald nicht mehr FIFA-Präsident ist. Dessen Widerstandfähigkeit darf aber niemand unterschätzen.

Die UEFA antwortet radikal auf die Erpressung!

Was für eine Gegenmaßnahme der UEFA!

Einstimmig haben die 55 Verbände am Donnerstag beschlossen, dass jedes FIFA-Turnier boykottiert wird, solange das Vorhaben der Veräußerung der WM-Rechte an Investoren auch nur „im Raum steht!“. Es wird verlangt: ein klares, unwiderlegbares und unwiderrufliches VERSPRECHEN seitens der FIFA (sprich: Infantino und seinen Mitstreitern), dass diese Pläne beerdigt werden. Kein Lavieren, kein Schaunmermal, auch kein Feilschen um mehr Anteile, sondern ein Junktim: Wir, die europäischen Länder, machen bei allen FIFA-Turnieren nur noch mit, wenn dieses Szenario weg ist – und zwar für alle Zeiten. Das gilt ab sofort, also schon für die U-20-WM der Frauen ab 5. September in Polen.

Ich hätte eine derartig klare und scharfe und unzweideutige Reaktion tatsächlich nicht erwartet; mein Vertrauen gerade auch in die europäischen (nationalen) Verband-Funktionäre ist sehr klein. Von der man auch nicht mehr so ohne Weiteres wieder runterkommt. Das ist auch als eindeutiger Fehde-Handschuh gegen Infantino selbst zu verstehen und als Selbstkritik, viel zu lange den Untrieben des mafiösen FIFA-Bosses zugeschaut zu haben. Zwischen den zeilen steht ebenso als Signal für die anderen Kontinental-Verbände: mit diesem Menschen wollen wir im Prinzip überhaupt nichts mehr zu tun haben

Ich gehe schwer davon aus, dass diese radikale Reaktion auch mit den Club-Vertretern und auch Spieler-Vertretern abgesprochen war (die von so einem Boykott am ehesten betroffen wären).

Infantinos schamloser Griff nach der Macht

Ich hatte ja sehr gehofft, nach dieser Weltmeisterschaft für ein paar Monate nichts von Gianni Infantino hören würde. Dass der FIFA-Boss höchstzufrieden in seinem FIFA-Schloss in Zürich oder Dubai oder sonstwo die Milliarden zählen würde, die dieses merkwürdige Fußball-Turnier in Nordamerika dem Weltverband beschert hat.

Eine trügerische Hoffnung, denn diese Woche platzte der Schweizer mit einem schamlosen Deal in die Vorbereitung für die neue Saison. Danach soll die Weltmeisterschaft an Investoren verkauft werden. Nicht vollständig, aber doch zu einem Viertel, die Rede ist von 20 bis 30 Prozent. Als Verkaufspreis stehen 20 Milliarden Dollar im Raum. Eine Riesensumme, die sich angesichts der unglaublichen Gewinne bei einer WM schnell amoritsieren dürfte.

Mit einem Interessenten sind die Verhandlungen schon sehr weit gediehen. Es heißt, die Regierung von US-Präsident Donald Trump sei bezüglich des Plans konsultiert worden, die Investmentbank JP Morgan wickele den Prozess ab. Infantino, der laut Statuten nur bis 2031 FIFA-Präsident bleiben darf, könnte anschließend Kommissar der neuen Organisation werden. Dann könnte sich sein Jahresgehalt verzehnfachen. Roger Goodell, der Commissioner der NFL, verdient gut 60 Millionen Dollar per anno. Der Unterschied: Goodell ist Angestellter der NFL, er muss das umsetzen, was die Owner mehrheitlich beschließen.

 

Erpressung mit Geldgeschenken

 

Infantino wäre nicht der mafiöse FIFA-Boss, würde er den Verbänden nicht die Pistorle auf die Brust setzen. Diese nämlich müssen bis September die Pläne absegnen, mit der einfachen Mehrheit bei einer Abstimmung der 211 Mitgliedsverbände. Damit sie das tun, werden sie mit Geld geködert, sehr viel Geld. Nach konservativen Berechnungen würden sie 5 Millionen Euro pro Jahr kassieren statt bisher etwa 2 Millionen. Das mag bei einem Riesenverband wie den DFB nicht die ganz große Summe sein, wohl aber für Winz-Verbände wie Vanuatu oder Fiji (nix für ungut). Die nach den one-country-one-vote-Regularien der FIFA aber die gleiche Stimmgewalt haben. Eine weitere Sauerei: Laut Infantino sollen nur die Verbände kassieren, die mit „Ja“ stimmen (offenbar ist keine geheime Wahl geplant).

Es droht also nicht anderes als der Total-Ausverkauf des Fußballs, falls denn eine Steigerung überhaupt noch möglich ist. Denn auch wenn die Investoren angeblich keinen direkten Einfluss auf die WMs haben dürfen (neben den Männern auch die der Frauen und die Club-WM), ihre rein finanziellen Interessen finden natürlich trotzdem Gehör, was Austragungsort und Modus betrifft. Und so schwirren schon die Szenarien von der WM alle 2 Jahre (natürlich mit dann 64 Teams), gerne auch mit weiteren werbe-freundlichen Regeländerungen, das hat ja schon bei der „Trinkpause“ prima geklappt.

 

Die UEFA schäumt

 

Die erste Reaktion des europäischen Verbandes war: glatte Ablehnung, ja Verurteilung der Pläne. Damit sei eine „rote Grenze“ überschritten, heißt es in einer Stellungnahme. Für Donnerstag  ist eine Dringlichkeitssitzung aller Verbände anberaumt. Einziges Thema: nicht mit uns. Und Europa hat ein sehr scharfes Verteidigungsschwert: den Austritt aus der FIFA, zumindest den Boykott der WM. Eine WM ohne europäische Länder wäre wirtschaftlich sinnlos, weil sportlich wertlos. Denn sogar wenn es ein Turnier ohne Europa geben würde, die Clubs müssten dann die Profis aus Afrika, Amerika und Asien nicht abstellen (wenn sich die UEFA vorher aus dem Weltverband abgekoppelt hat). Vielleicht könnten sie sogar Spieler für eine oder zwei Saisons sperren, wenn sie trotzdem teilnehmen. ja, das klingt drastisch, aber eine andere Sprache versteht der mafiöse Infantino nicht!

Um die Pläne von vornherein abzusägen (oder wenigstens abzumindern) wäre es heute schon sehr günstig, wenn eine breite Mehrheit sich klar dagegen aussprechen würde. Natürlich mit allen sehr weitreichenden Konsequenzen, die ein FIFA-Austritt oder Boykott mit sich bringen würde. Der eine oder andere Verbandhat schon leichte Sympathie für den Total-Ausverkauf bekundet (Tschechien ist mir zu Ohren gekommen). Dagegen hat sogar der Infantino-hörige Bernd Neuendorf den Plänen eine klare Absage erteilt.

Kritik gibt es aber nicht nur aus Europa, sondern auch aus Asien und sogar Nordamerika. Hier wird aber eher das Procedere angegriffen, nämllich dass Infantino und ein paar Getreue die quasi im stillen Kämmerlein so weit haben gediehen lassen.

 

Ich will nicht sagen, das die Zukunft des Fußballs auf dem Spiel ist, er ist sehr resistent. Aber ich erwarte heute eine ganz klares UEFA-Zeichen. Damit die Irrsinns-Pläne des Gianni Infantino und der Trump-Mafia möglichst schnell wieder verschwinden.

 

 

Ich trauere um Kevin Keegan

Erstmals wirklich mit Bedacht gesehen habe ich Kevin Keegan 1977. Damals im Dress des mit Stars (Clemence!, Hughes! McDermott!) gespickten FC Liverpool im Europapokal-Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Römer Olympiastadion. Für einen Briten nach meiner mir überbrachten Vorstellung (damals bewegte Bilder aus England zu sehen, war fast unmöglich) war er klein, dafür sehr schnell und trickreich und gewitzt. Ein Tor ist ihm zwar nicht gelungen, aber er hatte sehr starke Momente (gerade gegen den noch kleineren Berti Vogts) und holte den entscheidenden Elfmeter heraus, als ihn deutsche Nationalverteidiger rüde von den Beinen holte. Phil Neal verwandelte zum 3:1-Endstand.

https://www.youtube.com/watch?v=eHMS0dZAsQ8

„Mighty Mouse“ nannten sie Kevin Keegan damals schon auf der Insel: Weil er zwar mit 1,70 Metern regelrecht schmächtig war neben all den Abwehrriesen, aber diese eher hölzernen Kerle dennoch beherrschte. Der damalige HSV-Präsident Peter Krohn hatte (neben reichlich skurrilen Einfällen wie Elefanten im Stadion und rosa Trikots) die sensationelle Idee, diesen wirbelnden Engländer mit dem Lockenkopf und der charmanten Ausstrahlung in die Bundesliga zu holen. Eine echte Sensation, denn Keegan war zu diesem Zeitpunkt der beste und auffälligste Spieler des besten Teams in England: Mit dem FC Liverpool holte er von 1972 bis ’77  insgesamt drei Meistertitel, zweimal den UEFA-Pokal und eben 1977 den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League.

Es war ja ein echtes Wunder, dass Keegan den Weg nach Deutschland fand. Er hätte viel lukrativere Angebote aus Italien oder Spanien annehmen können, wo Lire und Pesetas viel reichlicher flossen als die Mark. Aber das sportliche Potenzial des HSV (immerhin amtierender Europacup-Sieger der Pokalsieger) in der damals so starken Bundesliga reizte mehr als noch mehr Geld, ebenso der Charme der Hafenstadt. Und hatten nicht Liverpool und Hamburg eine gemeinsame Vergangenheit, weil die Beatles in der Hansestadt ihre ersten fulminanten Auftritte hatten?

Also ein echter Coup von Krohn, und alle gewannen. Kevin Keegan avancierte nach kleineren Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling nicht nur der HSV-Fans, sondern von ganz Fußball-Deutschland. Sportlich ohnehin über alle Zweifel erhaben, eroberte er die Massen, wurde zum ersten Pop-Star der Liga, die zu dieser Zeit erst ganz langsam über die Fußball-Blase hinaus die Massen begeisterte. Er wurde zum Traum aller Schwiegermütter, plötzlich verzeichneten die Standesämter erstaunlich viele „Kevins“ – sehr, sehr lange, bevor ein gleichnamiges Kerlchen im Film „Allein zu Haus“ war. Sogar die Hitparade stürmte Keegan: „Head over Heals in Love“ (produziert vom sagenhaften (nona) Pop-Schreiber Chris Norman) – seht selbst die ganz große Kunst im „Musikladen“ von Manfred Sexauer, damals das Um und Auf der Pop-Musik im deutschen Fernsehen.

https://www.youtube.com/watch?v=yJdW7-MnXtc

Sehr viel berauschender war dann doch sein Fußballspiel. Die  Verteidiger verzweifelten regelrecht, wenn sie es mit der Spiel- und Dribbelkunst der mächtigen Maus zu tun bekamen; die zudem sehr mannschaftsdienlich agierte und richtig kämpfen konnte – und zwar in jedem verdammten Spiel. Spätestens, als 1978 der grandiose Branko Zebec das Traineramt übernahm und Günter Netzer den Manager-Posten, wurde der HSV zum ernsthaften Konkurrenten der damaligen Platzhirsche Gladbach, Bayern und Köln. Mit deutschen Abwehr-Haudegen wie „Eiche“ Nogly und Manni Kaltz, mit Elfmeter-Töter Rudi Kargus im Tor, mit Zuträgern wie Casper Memering, dem jungen Felix Magath im Mittelfeld und natürlich dem Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. Dazwischen wuselte und zauberte Kevin Keegan, der Künstler, der Ball-Virtuose: der endlich Abwechslung, ja Farbe ins Bundesliga-Einerlei brachte.1979 holten die Hamburger völlig verdient den Titel, überschattet wurde die Meisterfeier im Volksparkstadion am letzten Spieltag allerdings von der Stadion-Katastrophe, als sich insgesamt 70 Menschen beim Stürmen des Spielfelds zum Teil schwer verletzten.
1980 kamen die Hamburger ins Europapokal-Finale unter anderem nach einem unglaublichen 5:1 gegen Real Madrid; diesmal endete das Endspiel allerdings für Keegan nicht erfolgreich wie in Rom, und seine englischen Landsleute von Nottingham Forest behielten die Oberhand.

Nur drei Jahre blieb Keegan in der Bundesliga, und doch hat er bei jedem, der damals das Geschehen verfolgte, bleibenden Eindruck hinterlassen (das zeigen die unendlich vielen Trauerbezeugungen auch aus meinem Freundeskreis). Zweimal in dieser Zeit wurde er Fußballer Europas. Er hatte dann noch ordentliche Jahre wieder in der Premier League, die damals noch schnöde First Division geheißen hatte. Nur mit der Nationalmannschaft war ihm kein größerer Erfolg beschieden, seine Landsleute waren zu diesem Zeitpunkt schlicht zu schwach. Ein WM-Halbfinale fü England wie gerade in Amerika? Schlicht undenkbar.

Nach Ende seiner Fußballer-Karriere verschwand Keegan erst mal aus der Öffentlichkeit. Erst 1992 tauchte er wieder auf, als er das Traineramt bei Newcastle United übernahm; die Magpies führte er 1996 zur sensationellen Vize-Meisterschaft. Danach warf er trotz bestehenden Vertrags hin („zu viel Stress“). 1999 wurde Keegan noch englischer Nationalcoach, doch schon nach zwei Jahren war Schluss, ohne dass er dort bleibende Spuren hinterlassen hätte (die Deutschen werden das nach einem 1:5 im Jahr 2000 im Münchner Olympiastadion vielleicht anders sehen.

Am Montag ist Kevin Keegan gestorben, nur 75 Jahre wurde er alt. Der Tod kam nicht überraschend, denn erst im Januar hatte  er „unheilbaren Magenkrebs“ öffentlich gemacht. Zurück bleiben bei mir und sehr vielen Fußball-Fans unauslöschliche Bilder eines wunderbaren Fußball-Virtuosen und eines tollen, ungemein sympathischen Menschen.

Machs gut da oben, liebe mighty mouse Kevin Keegan!

 

Das wird die Woche, die wird

Die letzte Tour-Woche, deutsche Finals in Hannover und tatsächlich schon wieder Fußball-Champions-League, wenn gleich „nur“ Qualifikation.

 

Pogacar ohne Gegner – oder?

 

Die Tour de France ist in der letzten Woche vor dem Ziel am Sonntag in Paris. Doch schon heute ist ein klarer Anwärter aufs Podest wegen eines Sturzes ausgeschieden. Bei einer sehr tückischen Abfahrt im Zeitfahren rutschte Florian Lipowitz in einer engen Kurve mit dem Hinterrad weg, er schlitterte mit der Schulter gegen eine nicht abgesicherte Bordsteinkante und konnte nicht weiterfahren. Stattdessen wurde er mit dem Krankenwagen abtransportiert.
Für mich ein absolutes Unding: zum einen so eine gefährliche Abfahrt in das Einzel-Zeitfahren einzubauen und diese zum anderen nicht im Geringsten zu schützen. Ein Sturz war fast naheliegend und offenbar von den sensationslüsternen Organisatoren fast schon eingepreist. Auch der klar Führende Tadej Pogacar hatte an dieser Stelle seine Mühe, obwohl der Slowene nicht das Letzte riskiert haben dürfte.
Pogacar dürfte nach Rang 2 hinter Remco Evenepoel, aber nur 28 Sekunden Zeitverlust auf den absoluten Spezialisten im Kampf gegen die Uhr, der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen sein bei 4:32 Minuten Vorsprung auf den Belgier. Auch wenn die anstehenden Alpenetappen unter anderem mit zweimal Alpe d’Huez kein Zuckerschlecken werden. Evenepoel hat beste Chancen auf Rang 2, es wäre seine mit Abstand beste Tour-Platzierung in Paris. Allerdings fehlt ihm mit Lipowitz ein sehr wichtiger Helfer in den Bergen, der Rest des Red-Bull-Hansgrohe-Team ist dort kein Faktor. Mal schauen, ob er über die ganz hohen Berge auch gut rüberkommt, das war in den vergangene jahren sien Problem.
Sehr spannend wird der Kampf um Platz 3 (nach dem Ausfall von Lipowitz und zuvor Jonas Vingegaard). Der Mexikaner Isaac del Toro und der Franzose Paul Seixas kämpfen nicht nur um den Podestplatz, sondern auch ums Weiße Trikot es besten Nachwuchsfahrers (bei der Tour sind das alle Profis unter 25 jahren).

 

Deutsche Titel im Hunderterpack

 

Ab Donnerstag ist es wieder soweit. In gleich 23 Sportarten kämpfen Athletinnen und Athleten um deutsche Meistertitel. Neben Traditions-Sportarten wie Schwimmen, Bogensport und Turnen, die schon öfter in den sogenannten deutschen Finals dabei waren, kämpfen erstmals auch solche aus Jiu Jitsu und Rapid Surfen, aber auch Beachvolleyball und Wasserball um Meisterehren. Die Wettbewerbe sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt, für diejenigen, die sich nicht extra nach Hannover aufmachen (ich gehe mal davon aus, dass keiner meiner Leser dort wohnt …), bietet die ARD zahlreiche Live-Streams an.

Mein persönlicher Liebling: die 3×3-Basketballer und das Rugby-7-Turnier (jeweils Frauen und Männer), auch wenn hier die Nationalspieler wegen der nahen Europameisterschaft unabkömmlich sein werden.

Extrawurscht der Leichtathleten – aus Gründen!

Auch diese kämpfen dieses Wochenende um Titel und Platzierungen. Allerdings nicht in Hannover, sondern in Bochum-Wattenscheid, im altehrwürdigen Stadion an der Lohrheide, wo in den 80er-Jahren auch die Bundesliga-Kicker von Wattenscheid 09 spielten (heute Regionalliga).
Der Grund für den Sonderweg ist profan: Nach dem Umbau des Niedersachsenstadions in eine reine Fußball-Arena (für die WM 2006!) gibt es dort keine wettkampftaugliches Leichtathletik-Stadion. Der Zuschauer daheim wird nix merken, auch hier ist das Fernsehen live dabei, wahrscheinlich sogar besonders ausführlich, wie es sich für die olympische Kernsportart gehört.

 

Sturms erster Schritt zur Königsklasse 

 

Sturm Graz gegen Hearts of Midliothian – so lautet aus meiner austriaphiler Sicht der Schlager der 2. Qualifikationsrunde (Di., 20:30, ORF1).  Beide Teams wurden in der nationalen Meisterschaft Zweiter, die Hearts verpassten herzzerreißend in fast letzter Minute mit einer Niederlage beim direkten Konkurrenten Celtic Glasgow den Titel. Sowohl Österreicher als auch Schotten waren ja bei der WM dabei, beide Teams schieden früh aus. Inwieweit Spieler fehlen, vemag ich nicht zu sagen, noch weniger weiß ich über die Form: Aber gerade die Hearts haben im Sommer einen erheblichen Aderlass erlitten, die besten Profis haben sich davongemacht.

Ansonsten sticht noch die Partie FC Thun gegen Dinamo Zagreb heraus (Di., 20 Uhr/SRF), immerhin der Schweizer Meister (ohne Meistercoach Lustrinelli, der in Richtung 1. FC Union nach Berlin entschwand) gegen den Titelträger Kroatiens.

Insgesamt sind vier Qualifikationsrunden zu überstehen, bevor die Geldtöpfe der Königsklasse anvisiert werden können. In der 3. Runde greift dann auch der österreichische Titelträger LASK ein.

 

Und sonst?

 

  • Formel 1: Letzter Lauf vor der einmonatigen Sommerpause in Budapest (Sonntag, 15 Uhr). WM-Leader Kimi Antonelli im Mercedes muss sich de stärker werdenden Konkurrenz der Ferraris und von max Verstappen (Red Bull) erwehren.
  • Tennis: Traditionelle Sandplatzturniere der Männer in Kitzbühel (unter anderem mit Bublik, Vacherot, Struff und Altmaier) und Estoril (Rublew, Darderi, Wawrinka). Die Frauen messen sich in Hamburg (Olyinikova, Kalinina, Korpatsch) und Prag (Bouskova, Krejikova, Tagger).
    Das Gros der Spielerinnen und Spieler hat sich bereits nach Nordamerika aufgemacht, wo ab nächste Woche die Sommer-Hartplatz-Saison mit dem Höhepunkt US Open (ab 31. August) ansteht.

 

 

Messi vorm ultimativen Triumph

Nach mehr als fünf Wochen ist es jetzt endlich soweit: das mit Spannung erwartete Finale. Spanien gegen Argentinien, das kommt jetzt nicht völlig unerwartet, immerhin trifft der amtierende Europameister auf den Südamerika-Champion. Kaum zu glauben: Zuletzt trafen Spanien und Argentiniene in einem Pflichtspiel 1966 aufeinander.

Das Vorspiel machte schon mal Appetit auf mehr. In einer extrem unterhaltsamen Partie um Rang 3 bezwang England Spanien mit 6:4

 

Spanien – Argentinien So., 21:00 in New York/New Jersey ZDF und Magenta sowie ORF und SRF

 

Was beide Teams vereint? Jeder Feldspieler ist technisch perfekt am Ball, großartig ausgebildet. Der große Unterschied. Während die Spanier auf Team-Fußball schwören und das perfekte Zusammenspiel forcieren, dreht sich bei Argentinien alles um Lionel Messi. 39 Jahre ist er mittlerweile alt, seit fast zwei Jahrzehnten gehört er zu den besten Fußballern der Welt (viele sagen, er ist der Beste). Und doch ist das jetzige Turnier vielleicht sogar sein stärkstes, zumindest von den Zahlen her. Acht Tore und 4 Assists sind ihm gelungen, so viele waren es noch nie bei einer WM und auch bei keiner Copa America.

 

Players to Watch

 

Marc Cucurella: der beste Linksverteidiger des Trniers, ich würde behaupten, mit einigem Abstand. Extrem lästig in der Defensive, wo er keinem Zweikampf aus dem Weg geht, dazu gefährliche Vorstöße. Und auch wenn dem Lockenkopf nicht alle Zuspiele gelingen, Cucurella kann den sogenannten tödlichen Pass spielen. Wechselt nach dem Turnier von Chelsea zu Real Madrid.

Enzo Fernandez: das Arbeitstier, gerne mit Zweikämpfen jenseits der Grenze des Erlaubten. Verfügt über einen unglaublich guten Weitschuss, die Torhüter von Kap Verde und England werden es leidvoll bestätigen. Wie Cucurella spielte er zuletzt beim Club-Weltmeister FC Chelsea.

 

X-Faktoren

 

Lionel Messi Die große und wahscheinlich spielentscheidene Frage: Inwieweit bekommt der argentisnische Superstar Zugriff aufs Spiel. Wenn er erst einmal in Faht kommt wie in der Schlussphase gegen England, wird es unheimlich schwer für die Spanier. Er vermag es wie kaum ein anderer, seine Mitspieler gut einzusetzen (die gerne für ihn zusätzliche Meter rennen), dazu verfügt er über einen brandgefährlichen Schuss. Andrerseits ist er halt auch schon 39 jahre alt, das Turnier war zehrend. In einigen Partien ist Messi regelrecht untergegangen, beteiligte sich minutenlang nicht am Geschehen. Ganz auszuschalten wird Lionel Messi nicht sein, aber wenn es den Spaniern gelingt, die magischen Momente auf ein Minimum zu reduzieren und diese unbeschadet überstehen, dann dürften sie die besseren Chancen haben.

 

Die Bankspieler

 

Je fünfmal dürfen die beiden Trainer wechseln, einen zusätzlichen gäbe es in der Verlängerung. Es treffen die beiden Teams mit der besten Bank aufeinander. Bei Spanien braucht ein Mikel Merino nur Minuten, um ins Spiel zu finden (er erzielte nach jeweils fünf Uhr-Umdrehungen die Siegtore gegen Portugal und Belgien). Der Außenspieler Nico Williams bringt neuen Schwung, ähnlich wie Mittelfeldmotor Pedri.

Auch die Argentinier haben Waffen wie Lautaro Martinez. Und sollten sie einen Vorsprung über die zeit retten müssen, gibt es die ekligen Männer wie Simeone, denen kein Trick, kein nickeliges Nachtreten, keine Spielverzögerung zu billig ist, um Minuten von der Uhr zu nehmen.

 

Die Bedingungen:

 

Gespielt wird in East Rutherford im MetlLife Stadium, wo die NFL-Footballer der New York Giants und New York Jets ihre Heimat haben. Der Rasen gilt als der schlechteste des gesamten Turniers, zu stumpf, zu trocken – das ist tödlich fürs Passspiel, das beide Teams pflegen. Die ganz große Hitze bleibt wohl aus, zum Zeitpunkt des Anstoßes (15 Uhr Ortszeit) werden 27 Grad erwartet. Der befürchtete Rauch aus Kanada, wo die Wälder unkontrolliert brennen, hält sich offenbar auch in Grenzen.

 

Verlängerte Halbzeitpause

 

Es soll wie beim Super Bowl werden. Eine gigantische Halbzeitshow wird die Pause überbrücken mit Auftritten von absoluten Superstars der Pop-Szene: So haben sich Shakira, Madonna, Justin Bieber und die südkoreanische Boygroup BTS angekündigt, Moderator soll Coldplay-Sänger Chris Martin werden. Ob das alles innerhalb von den vorgeschriebenen 15 Minuten zu bewerkstelligen ist (inklusive Auf- und Abbau), ist die ganz große Frage. Martin verspricht dies, aber vorsorglich hat die FIFA schon angekündigt, dass es länger dauern könnte (nur um wie viel länger, das ließ sie offen). Keine Frage, dass der Rhythmus durch eine allzu lange Pause verloren geht, andrerseits sollten es die Trainer schaffen, dass sich die Spieler nicht allzu viele Gedanken darüber machen.

 

🧠 Spanien (ganz knapp)

 

Die Leistung gegen Frankreich hat mich schwer beeindruckt. Diese unfassbare Ballfertigkeit, das tolle Kombinationsspiel, das ich in dieser Form nur von eingespielten Club-Teams kenne. Jeder einzelne ist ein Top-Kicker, ich sage nur: Rodri, Yamal, Olmo. Die große Frage: wie gehen die Spanier mit einem eventuellen Rückstand um. Im Viertelfinale gegen Belgien sah das nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich längst nicht so so souverän aus.
Was für Argentinien spricht: Sie geben nie auf, sind in diesem Turnier schon mehrfach dem Ausscheiden von der Schippe gesprungen. Nicht mit Glück (zumindest nicht nur), sondern dank des Urvertrauens in die eigene Stärke. Die ja auch bei jedem einzelnen Spieler vorhanden ist (Alvarez, Di Paul), nicht nur bei diesem Zaubermenschen Lionel Messi.

 

Frankreich – England 4:6 (0:4)

 

Satz und Sieg, das liegt bei diesem Tennisergebnis nahe. Das es noch nie in der Geschichte von WM-Endrunden (mehr als 1000 partien) gegeben hat (ein sogenantes Scorigami).

Es war eine wilde Partie, in der die Offensive Trumpf war. Wie so oft bei einem Spiel 3, wenn der ganz große Wunsch Titel unerreichbar geworden ist und (wie man hört) der Frust-Alkohol noch in den Knochen steckt). Von Beginn an hatten die Engländer mehr Lust auf Fußball, und in der 1. Halbzeit war jeder Schuss ein Treffer, was zum absurden 4:0 führte. Offenbar fand Frankreichs scheidender Trainer Didier Deschamps bei seiner letzten Pausen-Ansprache die richtigen Worte, und er packte die Seinen an der Ehre. Tor um Tor holten die Franzosen auf zum 3:4. Die Schlussphase war dann eher wie aus Absurdsistan gescripted. Über 5:3, 5:4 und 6:4 retteten die Engländer die Partie und sicherten sich mit Platz 3 tatsächlich die beste Platzierung seit 1966, als sie im heimischen Wembley-Stadion sogar den Titel holten.
Für Trainer Thomas Tuchel war das ein ganz wichtiger Erfolg. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der 4:0-Vorsprung noch hergegeben worden wäre. Einige der englischen Journalisten und Experten (wie in Deutschland eine echte Plage, die alles, aber auch alles besser wissen) wittern eh schon Blut und fordern die Ablösung.

Trotz der Niederlage hatte zumindest Kylian Mbappé Grund zur Freude. 2 Treffer steuerte der Angreifer in der Aufholjagd bei und erhöhte sein Torekonto bei dieser WM auf 10. So viele Treffer bei einer einzigen WM waren zuletzt Gerd Müller gelungen, im Jahr 1970 (!), wozu der damalige Bayern-Stürmer allerdings nur 5 Partien brauchte und nicht nacht wie Mbappé. Der jetzt 22-mal bei WM-Turnieren erfolgreich war, damit führt er die ewige Rangliste an vor Messi (bisher: 21).

Ob Mbappé tatsächlich Torschützenkönig wird, steht allerdings noch nicht fest. Sollte Messi heute Abend zweimal treffen, hätte er wie Mbappé Tore auf dem Konto. Da der Argentinier mehr Assists geleistet hat, würde ihm der Goldene Schuh überreicht werden.