Beschämendes Ausscheiden – Nagelsmanns Desaster

Bevor es zum allgemein erwarteten Achtelfinal-Showdown gegen Frankreich kommt, müssen die deutschen Fußballer schon die Koffer für den Rückflug packen. Ein beschämendes Aus gegen die Maurermeister aus Paraguay bedeutete das Ende der hochfliegenden Pläne von Bundestrainer Julian Nagelsmann („Wir werden Weltmeister“). Eine ohnehin absurde Behauptung angesichts der oft trostlosen Vorstellungen der vergangenen Jahre.

 

Die Partie gegen die extrem defensiv eingestellten Südamerikaner offenbarte alles, was dem deutschen Angrffsfußball fehlt. Esprit, Ideen, Schnelligkeit, Spielfreude. Klar war der Abwehrriegel extrem dicht, aber ein bisschen mehr als die ständigen Halbflanken (56 wurden gezählt) hätte es schon sein dürfen; bessere Standards, überraschende Seitenwechsel, fliegende Kombinationen – all das vermisste ich. Es ist ja nicht so, dass allein unglückliche Umstände, vergebene Top-Chancen und ein überragender Torwart den Erfolg verhindert hätten. Bei Lichte betrachtet, hatten die Deutschen neben Havertz‘ Treffer bestenfalls noch 2 gute Einschuss(köpf)möglichkeiten – keine unter der Rubrik „Sitzer“ einzuordnen.

Erschreckend erneut die Defensive – nicht nur beim Gegentor, das der nur 1,68 Meter große Enciso dermaßen frei vom Elfmeterpunkt köpfen durfte (in feinster Manier überwand er den chancenlosen Neuer), als hätte er eine höchst ansteckende und tödlich verlaufende Krankheit. Bei jedem der sehr wenigen Offensiv-Aktionen hatte ich das mulmige Gefühl, das etwas geschehen könnte (nur die absolute Unzulänglichkeit/Unwillen des destruktiven Gegners und ein aufmerksamer Manuel Neuer verhinderten dies.

Tahs Kopfballtor, das nicht zählte

 

Und doch hätte alles gut ausgehen können (wenn wir ein Achtelfinale höchstwahrscheinlich gegen ein in allen Belangen überlegenes Frankreich „gut“ finden wollen). Eine mal ausnahmsweise von Nathaniel Brown und nicht von Joshua Kimmich geschlagene Ecke brachte nämlich den vemeintlichen Siegtreffer durch Jonathan Tahs herrlichen Kopfball nach tollem Laufweg. Alle jubelten, kein Paraguayer protestierte, noch nicht mal ein Reklamierarm des von Waldemar Anton behinderten Schlussmanns Orlando Gill. Allein der VAR, die in Wirklichkeit eine DIVAR war (Senora Tatiana Guzman aus Nicaragua), hatte etwas zu bemängeln (nämlich die Behinderung des Keepers durch Anton) und schickte Schiedsrichter Jayed vor den Kontrollmonitor. Und siehe da: Herr Jayed erkannte ein jetzt strafwürdiges Vergehen und aberkannte den Treffer. Eine Fehlentscheidung, erst recht das Überstimmen, auch angesichts der sonst sehr großzügigen Spielleitung des Schiedsrichters. Allerdings auch kein „Voll-Skandal“, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann im ZDF beim Betrachten der Bilder schäumte. So blieb es beim 1:1, und es kam zum denkwürdigen

 

Elfmeterschießen

 

Die Deutschen sind in dieser Disziplin Spezialisten. Viermal in der WM-Geschichte setzen sie sich mit dieser Art der Entscheidung durch. Bis gestern gab es nur einen einzigen Fehlschuss (durch Uli Stielike 1982 vs Frankreich). Meist war es so: Der deutsche Spieler stiefelte entschlossen zum Punkt, schnappte sich selbstbewusst den Ball, lief ohne Federlesens an und versenkte unhaltbar.
Und an diesem unseligen Montag? Ein Bild des Jammers. Der erste Schütze Kai Havertz, extrem sicher vom Punkt, scheiterte jämmerlich an Gill. Ebenso Nick Woltemade, dessen zögerlicher Anlauf nichts anderes erwarten ließ. Trotzdem wurde es noch mal spannend. Zwei Schützen der Paraguayos hätten nur verwandeln müssen fürs Weiterkommen: Sanabria schoss kläglich vorbei, und der eigens eingewechselte Fabian Balbuena scheiterte an Manuel Neuer.
Also doch die Wende? Mitnichten! Jonathan Tah lief zwar konsequent an, drosch aber ebenso konsequent den Ball himmelhoch betrübend in die deutsche Fankurve. Ein Fieldgoal, wie es der Kicker des  heimischen Football-Teams der New England Patriots nicht sicherer hätte verwandeln können. Eine Entschuldigung für den Abwehrmann: Noch nie in seiner langen Laufbahn hat er in einem Profispiel einen Elfer geschossen. Jetzt hatte also José Canale die große Chance – und verwandelte sicher. Canale Grande halt – und ein Land jubelte (am Dienstag rief der paraguayische Staatspräsident tatsächlich einen kurzfristigen Feiertag aus).

 

Die Gründe fürs Aus

 

Zum dritten Mal hintereinander ist also ein deutsches Team schon vor einem WM-Achtelfinale gescheitert. Der Ruf der Turniermannschaft ist endgültig passé (den sich der vierfache Weltmeister zuvor durch insgesamt 8 Final- und 4 Halbfinalteilnahmen seit 1954 redlich verdient hatte).

 

Die Spieler

 

Ich muss es so klar sagen: Auf den allerwenigsten Positionen verkörpern deutsche Spieler zurzeit internationale Spitzenklasse, erst recht nicht Weltklasse. Florian Wirtz und  Jamal Musiala, die einzigen sogenannten Unterschiedsspieler im offensiven Mittelfeld, konnten nie an ihre Bestform anknüpfen. Was kaum überraschen durfte, weil beide eine eher maue Saison hinter sich haben. Musiala wegen der Nachwirkungen des Schien- und Wadenbeinbruchs im vergangenen Sommer bei der Club-WM, Wirtz, der bei seinem neuen Team FC Liverpool immer noch die Leverkusen-Form sucht (obwohl er zeitweise ansprechend spielte).
Eklatant die Schwächen bei den Außenverteidigern, im kreativen Mittelfeld und auch in der Spitze. Vor allem aber auch die für ein deutsches Team erstaunliche Zweikampfschwäche gerade auch gegen harte, aber keineswegs unfaire Kontrahenten.

Julian Nagelsmann

 

Der Bundestrainer hat seine Bewährungsprobe klar nicht bestanden. Einst galt er als Supertalent, der schon mit 28 einen Bundesliga-Club anleiten durfte. Doch im gesamten Jahr 2026 hat er eine Serie von selbstverschuldeten Pleiten, Pech und Pannen hingelegt, die letztlich nur den Rauswurf bedeuten müssten. Sogar bei einem in dieser Beziehung sehr zurückhaltenden Verband, der auch nach den beiden WM-Enttäuschungen 2018 und 2022 zumindest vorerst an den Trainer Joachim Löw und Hansi Flick festhielt (ohne Erfolg).
Nach der letztlich erfolgreichen WM-Qulifikation im Herbst reihte der Bundestrainer seit März zumindest merkwürdige, wenn nicht abstruse und objektiv falsche Entscheidungen aneinander.

 

  • Kritik an Denis Undav. Nach dem Siegestor des Stuttgarters im Test gegen Ghana Nagelsmann, die Leistung sei ansonsten schlecht gewesen. Undav sei für die Anfangself völlig ungeeignet. So ist wohl noch nie ein Matchwinner abgekanzelt worden.
  • Neuers Rückkehr: Zur Erinnerung. Nach der EURO 2024 trat der Bayern-Schlussmann zurück, und Oliver Baumann verrichtete im deutschen Tor mehr als solide Arbeit. Dennoch hielt es Nagelsmann für nötig, im April Kontakte zu Neuer zu knüpfen (so zumindest die offizielle Version). Befeuert durch eine wirklich starke Leistung des Keepers bei Real Madrid, die aber eher die Ausnahme in diese Saison war. Ohne Not hatte Nagelsmann ein sehr tiefes Fass aufgemacht mit all den Diskussionen und unschönen Begleiterscheinungen; er vermittelte nicht nur Oliver Baumann den Eindruck, dass auf sein Wort nicht das Geringste Verlass ist. Nagelsmann schwafelte dann was von Neuers Aura, die den gegnerischen Spieler danebenschießen lassen würde. Davon war im gesamten Turnier wenig zu spüren, die Bälle schlugen gnadenlos und nicht immer unhaltbar ein. Im Elferschießen hielt Neuer zwar einen Versuch, im Gegensatz zu ihm ist Baumann ein echter Elferkiller. What if …?
  • Das völlige Überhöhen des 7:1 gegen Curacao und auch des eher glücklichen 2:1-Erfolgs gegen die Elfenbeinküste in letzter Minute. Das Deutschland  hauptsächlich den eingewechselten Denis Undav und Nadiem Amiri zu verdanken hatte (siehe später).
  • das komplett vercoachte Spiel gegen Ecuador. Damit meine ich nicht die Tatsache, dass er trotz des sicheren Gruppensieges die beste Elf aufstellte, die sich weiter einspielen sollte. Sondern seine abstrusen Wechsel während der Partie. Es kamen nämlich außer Undav nicht die Spieler der zweiten Garde (Amiri, Goretzka, Woltemade) zum Einsatz, sondern jede Ergänzungsleute, die im weiteren Turnierverlauf überhaupt keine Rolle mehr spielen sollten. Dass dann die Partie noch verloren ging und damit auch das Momentum und die gute Laune, war dann schon fast konsequent.
  • die Paraguay-Aufstellung: plötzlich stand also doch Undav in der Startelf, ausgerechnet gegen ein Abwehr-Bollwerk, mit dem er immer Probleme hat (Nagelsmann hatte also seine März-Ahnung nicht getrogen). Dementsprechend unsichtbar blieb der Stuttgarter bis zur Auswechslung. Außerdem beließ der Coach Kapitän Joshua Kimmich auf der rechten Seite, die der Münchern eher schlecht als recht ausfüllte (weil ihm dazu Schnelligkeit und Klasse fehlen). Kimmich hätte (auch nur vielleicht) im defensiven Mittelfeld mehr Einfluss aufs Spiel nehmen können als die überforderten Pavlovic und Nmecha.
    Für mich völlig unverständlich war auch der Umstand, dass Nagelsmann erst so spät Amiri brachte (110. Minute), seinen gegen die Ivorer so starken Mittelfeldmann mit Ideen, die so fehlten.

 

Neben diesen taktischen und menschlichen Fehlleistungen war auch das Verhalten von Nagelsmann gegenüber den Unparteiischen unwürdig, die er an der Linie in einem fort anpflaumte (absurderweise sogar das Team um die US-Amerikanerin Tori Penso, obwohl diese den Deutschen ein irreguläres Tor schenkte). Auch in den Interviews blieb er reichlich unsouverän, blaffte herum, obwohl ihm gerade ein Johannes B. Kerner wirklich nichts Böses wollte.

So bleibt ein grausiger Gesamteindruck. Es passt allerdings zum in jeder Hinsicht unwürdigen Verband, dass er Nagelsmann in einer ersten Stellungnahme Nagelsmann weiter das Vertrauen aussprach. Ob das zu halten sein wird beim Proteststurm der Medien, der jetzt schon eingesetzt hat, bleibt allerdings abzuwarten.

 

Schröder macht den Deckel drauf

„Deutschland wird Basketball-Europameister!“, habe ich in der vergangenen Woche vor den Viertelfinali in Riga hier etwas wagemutig geschrieben. Und der Weltmeister von 2023 ist seiner Favoritenstellung (nicht nur bei mir) gerecht geworden. In einem extrem spannenden Finale setzte sich das Team gegen die Türkei durch. Für schwache Nerven war es jedenfalls nichts, ehe der 88:83-Triumph feststand.
Zum Matchwinner (besser gesagt: zum Helden der entscheidenden Phase) avancierte der Kapitän: Dennis Schröder übernahm Verantwortung, als es drauf ankam. Er hatte die so oft beschworenen „Eier, Cojones, Balls“; Wahrlich nicht alles war dem NBA-Profi zuvor gelungen. Doch die letzten Körbe besorgte der Braunschweiger unter anderem mit einem unwirklichen Korbleger übers Brett und hoch gegen den gut 20 Zentimeter größeren Alperen Sengün. Zuvor hatte er sich einige Fehler geleistet, unter anderem gleich 6 Ballverluste, eigentlich viel zu viele in so einer wichtigen Partie.

Offenbar war dieser letzte Eindruck aber der Prägendste, denn für mich etwas überraschend wählten die Journalisten Schröder zum MvP des Turniers. Gerade im deutschen Team, wenn die Ehre schon einem Akteur des Turniersiegers zuteil werden soll, hätte ich eher den so unfassbar smarten Franz Wagner gewählt (dies bekannte übrigens auch Dennis Schröder selbst, dem die Ehre fast peinlich zu sein schien). Im Finale waren es dem in der 1. halbzeit grandiosen Wagner vor allem Isaac Bonga und Tristan da Silva, die die deutsche Mannschaft, die fast die gesamte Zeit in Rückstand lagen, immer wieder zurück in die Partie brachten, wenn die Türken wegzuziehen drohten . Bonga verwandelte 4 von 4 Dreierversuche, da Silva 3 von 4, allesamt zu enorm wichtigen Zeitpunkten.

Einerlei: Der Hauptknackpunkt war die unglaubliche mannschaftliche Geschlossenheit, in der wirklich einer für den anderen da war. „Wir sind Brüder“, schwärmte Wagner fast kitschig gerade angesichts der Tatsache, dass sein leiblicher älterer Bruder Moritz wegen eines noch nicht ganz ausgeheilten Kreuzbandisses fehlte. Und noch einmal vom besten Mann auf dem Parkett ließen  sich die „Brüder“ verrückt machen. Alperen Sengün stellte die deutschen Verteidiger zwar vor viele zum Teil auch unlösbare Rätsel, aber diese blieben dran, machten es dem überragenden Center der Houston Rockets so schwer wie irgend möglich. Am Ende gingen dem 23-Jährigen, „mein“ insgesamt bester Spieler des Turniers, die Kräfte aus. Wie auch all den anderen wunderbaren türkischen Akteuren wie Dreier-Magier Cedi Osman (6/8)b und Ersatz-Center Adem Bona, die mich schon in den Runden zuvor verzückt hatten. Ich hätte dieser Truppe, angeleitet vom großartigen Trainer Ataman, einem der ganz großen seiner Zunft, den Titel ebenso gegönnt. Wer mich nur ein bisschen kennt, wird diese Worte auch glauben!

Einen großen Anteil verdiente sich auch das deutsche Trainerteam. Obwohl Chefcoach Alex Mumbro von schlimmen Baucherkrankung sehr genandicapt war (er magerte um 7 Kilo ab), gab es keinen Abbruch. Dies lag am Assistent Alan Ibrahimagic, der das Mumbro-Konzept mit überfall-schnellen Basketball perfekt anleitete. Als Cheftrainer diverser deutscher Nachwuchsteams hatte Ibrahimagic schon viele Meriten gesammelt, jetzt bestand er seine Reifeprüfung mit Bravour. Der Verband sollte sich gut überlegen, wie und auf welchen Posten er den Coach länger behalten kann. Denn dessen Trainerkunst war ein Bewerbungsschreiben für ganz Europa, vielleicht sogar für die NBA; wo einige Teams neuen Ideen und Wegen sehr aufgeschlossen sind.

Die Deutschen sind jetzt amtierende Welt- und Europameister, und da auch die Nachwuchsteams der absoluten Spitze angehören, scheint die Zukunft tatsächlich golden. Zumal mit Weltmeister Moritz Wagner und NBA-Champion Isaiah Hartenstein zwei ganz starke Akteure für die „großen“ Positionen fehlten. Allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die neue Situation der Nachwuchsspieler entwickelt. Viele von denen sehen die Zukunft in den US Colleges, auch weil sie nun dort Summen verdienen können, die hierzulande (und in ganz Europa) nicht zu generieren sind. Nicht alle von denen, die jetzt hoffnungsvoll in die Staaten übersiedeln, werden im Stahlbad dort auch den Sprung ganz nach oben (sprich: NBA) schaffen. Der Verband und natürlich auch die Vereine sollten jetzt schon ein gutes Alternativ-Konzept erarbeiten, in dem auch diejenigen aufgefangen werden, die es „überm Teich“ nicht schaffen.

Zukunftsmusik Das nächste Großereignis ist die Weltmeisterschaft 2027 in Katar. Und dafür muss sich sogar der amtierende Welt- und Europamesiter erst in 2 Turnieren qualifizieren. Die zum Teil parallel zur NBA stattfinden, also ohne die dort angestellten Profis. Doch selbst ohne Schröder, die Wagners, da Silva und Hartenstein sollte das möglich sein, ohne dass ich die Qualität von Gegnern wie Israel, Hlland und Lettland kleinreden will.

 

Plötzlich trifft Franz sogar den Dreier

Basketball-EM, Halbfinale

 

Letztlich souverän schafften die deutschen Riesen den Sprung ins Endspiel. Gegen Finnland gewannen Dennis Schröder und Co. mit 98:86. Nur ganz zu Beginn lag das Team zurück, ein donnernder Slam Dunk von Franz Wagner Mitte des 1. Viertels war das Zeichen, dass man es jetzt Ernst nehmen möge gegen die Suomis, die im Achtelfinale immerhin den Titelfavoriten Serbien aus dem Turnier genommen hatten.
Das gab den Skandinaviern um NBA-Star Lauri Markkanen durchaus Selbstvertrauen, doch die Deutschen sind mittlerweile wirklich gefestigt (für mich, der auch die Niederungen des deutschen Basketballs miterlitten hat, schrebt sich das immer noch extrem verwunderlich). Immer wenn es eng zu werden drohte besannen sie sich, und vor allem trafen sie dieses Mal auch aus der Ferne. Die Dreierquote von 40 Prozent ist jedenfalls die mit Abstand beste im Turnierverlauf, und sogar Franz Wagner, der bis dato jenseits der 6,25-Meter-Linie so gut wie überhaupt nichts getroffen hatte und jenseits von Gut und Böse, fand gleich mit 3 Versuchen das Ziel. Gott sei Dank hörte Coach Alex Ibrahimagic (er heißt wirklich so!!!) nicht auf meinen Rat, er möge Wagner den Dreier mögllichst verbieten …)
Zwei Stärken der Finnen aus Achtel- und Viertelfinale kamen dagegen weniger zum Tragen: die Offensiv-Rebounds und ihre eigenen Dreier. Da deuteten sie jeweils ihre Klasse (Muurinen) nur an. Trotz der Niederlage werden sie mit dem schon jetzt besten Abschneiden ihrer EM-Geschichte hochzufrieden sein, zumal sie am Sonntag mit einem Sieg gegen Griechenland sogar eine Medaille gewinnen könnten. Und die Zukunft scheint ohnehin äußerst hell.

 

Finale, Deutschland – Türkei (Sonntag, 20 Uhr, Magenta Sport, RTL)

 

Im Endspiel wartet allerdings mit der Türkei ein ganz anderes Kaliber. Im emotionalen Duell gegen Nachbar Griechenland ließen NBA-Star Alperin Sengün und Co. von Beginn an nicht den geringsten Zweifel am Sieg. Können sie diese Form ins Finale transportieren, wird es verdammt schwer für die Deutschen. Denn die Türken haben eine enorm homogene Mannschaft beieinander und befinden sich auf ihrer Mission Titel. Gegen die Griechen langte es fast locker, deren Star Giannis Antetokuonpo kam praktisch überhaupt nicht zur Geltung und musste sich mit für ihn kümmerlichen 12 Punkten begnügen. Was die Türkei zeigte gerade in der 1. Halbzeit des Halbfinals, war jedenfalls klar das Beste, was ich bei diesem Turnier gesehen habe. Mit dieser Erkentnis stehe ich wahrlich nicht allein.

Aber Quervergleiche sind natürlich immer schwierig, und jede Partie beginnt von Neuem (das Phrasenschwein muss auch gefüttert werden …). Zumal die Türken völliges Neuland betreten, zumindest diese Spieler-Generation. 2001 hatte eine türkische Mannschaft das EM-Finale beim Heimturnier erreicht, das gegen ein jugoslawisches Team verloren wurde; übrigens nach einem denkwürdigen Halbfinale gegen Deutschland (mit Dirk Nowitzki) nach Verlängerung, die der damalige Superstar Hidayet Törkoglu mit einem unglaublichen Dreier erreichte. Noch immer fragen sich Experten und hadern deutsche Fans, warum man nicht vorher gefoult hatte, um ein 3-Punkte-Spiel (und den Ausgleich) zu verhindern. Die Frage und vor allem deren Antwort wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Von diesem Team ist natürlich kein Spieler mehr dabei.
zum Nachleiden ca.1:20:00): https://www.youtube.com/watch?v=KE_orYNbt6w

Die Deutschen dagegen sind finalerprobt aus dem siegreichen WM-Endspiel 2023 in Manila gegen Serbien (nach dem unglaublichen Halbfinal-Erfolg zuvor gegen die USA). Gerade die Stützen Dennis Schröder, Franz Wagner und Daniel Theis sowie Dreier-Spezialist Andi Obst naben also Erfahrung, wenn es tatsächlich um den Titel geht. Letztgenannter muss allerdings noch ein wenig an seinem Visier schrauben.
Es ist das 3. EM-Finale einer deutschen Mannschaft. 1993 gewann das Team in einem Thriller in der Münchner Olympiahalle gegen Russland (Reporter Fritz Thurn und Taxis, unvergessen), 2005 verloren Dirk Nowitzki (zum MvP des Turniers gewählt) und Co. gegen Griechenland nahezu chancenlos mit 62:78.

Für mich sind die Türken leichter Favorit, weil sie eben nicht nur den einen Superstar haben wie die deutschen K.-o.-Runden-Gegner Slowenien (Doncic) und Finnland (Markkanen). Andererseits haben sie ihr perfektes Spiel schon hinter sich, während bei den Deutschen tatsächlich noch Potenzial nach oben ist. Eines scheint allerdings sicher: Auf die Basketball-Fans wartet ein großer Abend.

Deutsche Riesen würgen sich ins Halbfinale

Basketball-Europameisterschaft, Viertelfinale in Riga

 

Deutschland – Slowenien 99:91

 

Ein furchtbares Gewürge, und zwar von Beginn an. Die Refs setzten früh ein Zeichen, als sie nach nur 2 Minuten Sloweniens Superstar Luka Doncic ein technisches Foul wegen Meckerns gaben. Sicher den Regeln entsprechend, aber der Partie absolut nicht zuträglich.
Doncic und die Fouls, das sollte das Leitmotiv dieser Partie werden. Die Deutschen versuchten fast von Beginn an, dem Spielmacher möglichst viele Fouls anzuhängen (mit 5 wäre automatisch Schluss). Das gelang allerdings nicht wirklich – im Gegenteil, denn so  besannen sich Dennis Schröder und Co. nicht auf ihre eigentlichen Stärken, dem Tempobasketball, der nur sehr selten aufblitzte.
Weil außerdem die Würfe aus der Ferne erneut kaum das Ziel fanden, erarbeiteten sich die Slowenen, angeführt von ihrem überragenden Kapitän Doncic, eine Führung, die allerdings nie ins Uferlose anwuchs (maximal 11 Punkte).

Eine ganz entscheidende Phase kurz vor Ende des 3. Viertels: Die Deutschen liegen mit 7 Zählern hinten. Die Slowenen im Ballbesitz, der Wurfversuch verfehlt das Ziel, und auf der anderen Seite versenkt Tristan da Silva einen eher unmöglichen Wurf von der Mittellinie bei auslaufender Uhr. Ein sogenannter Buzzerbeater, und selten war er so wertvoll. Statt der möglichen 9 oder 10 Punkte betrug der Rückstand nur 4 Zähler, und weil Anfang des vierten Viertels Andi Obst einen seiner Zauberdreier traf und sogar Dennis Schröder aus der Ferne erfolgreich war, erarbeiteten sich die Deutschen einen kleinen Vorsprung.
Die letzten fünf Minuten waren dann Basketball zum Abgewöhnen, und das lag auch an den Schiedsrichtern. Viel zu viele Aktionen pfiffen sie ab, so dass beide Teams sehr schnell die Foulgrenze überschritten hatte. Bedeutete: Jedes weitere Foul: Freiwürfe, und so begann eine wahre Orgie von der Linie. Spielfluss gab es überhaupt keinen mehr, auch weil die Slowenen und vor allem Doncic jeden (und damit meine ich wirklich jeden) Pfiff gegen sie oder Nichtpfiff für sie lamentierend mit Worten und Gesten begleiteten (wo blieben hier die Technischen Fouls?). Die absolut konfuse Spielleitung der Refs ohne klare Linie tat noch ihr übriges: Wobei ich gestehen muss, dass ich immer noch nicht wirklich weiß, sondern höchstens ahne, wann bei welcher Aktion ein Verteidiger-Foul, Stümerfoul oder gar kein Foul gepfiffen wird. Doch auch die Magenta-Experten schienen oft sehr ratlos ob der Pfiffe, und zwar auf beiden Seiten des Feldes
So brauchte es nicht viel Basketball-Kunst, dafür umso mehr Basketball-Arbeit, damit die Deutschen die Partie letztlich siegreich bestritten und ins Halbfinale einzogen

Dort wartet völlig überraschend Finnland, das dem Sensationssieg im Achtelfinale gegen Serbien ein fast nie gefährdetes 93:79 gegen das ebenfalls so überraschende Georgien folgen ließ. Bemerkenswert, dass die Suomis nicht einmal eine Top-Leistung ihres NBA-Stars Lauri Markkanen benötigten, der nur in manchen Szenen andeutete, was für ein Klassespieler er ist. Erneut trumpfte der ganz junge Muurinen mit 2 Dreiern auf; aber vor allem Mikael Jantunen, der 25-jährige Forward von Fenerbahce, mit 19 Punkten Finnlands Topscorer..

 

Halbfinale

 

Fr., 16:00: Deutschland – Finnland (RTL, Magenta)

Schon in der Vorrunde in Tampere trafen die beiden Mannschaften aufeinander. Wobei das am Ende klare Ergebnis für den Weltmeister (91:61) bestenfalls ein Hinweis auf die Stärke-Verhältnisse gibt, aber keineswegs überbewertet werden sollte. Die Suomis haben mit ihrer ersten Halbfinale-Teilnahme bei einer EM überhaupt schon weitaus mehr erreicht als erwartet. Sie haben ein homogenes Team mit einem überragenden Akteur (Markkanen), von dem sie aber längst nicht so abhängig scheinen wie etwa die Slowenen von Doncic. Wehe, wenn Jantunen und Muurinen in Fahrt kommen
Dennoch: Wenn Dennis Schröder, Franz Wagner und Co. auch nur ansatzweise ihre Stärken ausspielen (und vielleicht sogar den einen ode anderen Dreier treffen), sind die Deutschen klar zu favorisieren. Eine gmahde Wiesn wird es allerdings wohl eher nicht.

 

Fr., 20:00: Griechenland – Türkei (Magenta)

 

Ein echter Basketball-Leckebissen zweier in herzlicher Feindschaft verbundenen Länder, die gerade auf dem Basketball-Feld ihre Rivalität ausleben. Mal sehen, ob die Halle in Riga wenigstens ein bisschen zu einem Istanbuler/Athener Hexenkessel (samt Bengalos) wird. Die Rollen scheinen klar verteilt. Hier die Griechen mit dem alles überragenden (nicht nur körperlich) Ginnis Antetokuonmpo, dort das starke Kollektiv, angeführt von Alperen Sengün (Houston Rockets), der wohl den besten Basketball seiner noch recht jungen Karriere spielt.
Ich würde die Türken leicht favorisieren, weil die Griechen jenseits von Giannis nicht so vortrefflich besetzt sind, wie das in vergangenen Jahren schon der Fall war (zB ihr Nationaltrainer Spanoulis). Im Viertelfinale gegen Litauen waren sie doch sehr abhängig von ihrem „Greek Freak“ und profitierten vor allem davon, dass den Balten um den lange überragenden Valenicunas die Luft ausging. Diese Gefahr sehe ich bei den Türken eher nicht.

 

Ein Extralob für Magenta

 

Ich verfolge die EM bei Magenta (erst seit der K.-o.-Runde intensiver), und ich wüsste nicht, wie man Basketball noch besser präsentieren kann als der Streamingdienst. Vor allem das Kommentatorenpaar Michael Körner (Reporter) und Alex Vogel (Experte) überzeugt und begeistert mich auf der ganzen Linie. Alex Vogel, der Coach des BBL-Clubs Heidelberg, ist tatsächlich ein Experte, der mir und allen Zuschauern Dinge erklärt, die vielleicht nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind (wobei auch er so manchen Schiri-Pfiff nicht erklären konnte …). Über die Expertise des absoluten Baskeball-Kenners Michael Körner besteht ohnehin keinerlei Zweifel.
Die beiden hatten von vornherein aus ihrer grundsätzlichen Sympathie für das deutsche Team keinen Hehl gemacht. Doch im Gegensatz zu vielen unerträglichen „Experten“, die nur zu brüllenden Fanboys mutierten, blieben Körner und Vogel immer wohltuend neutral (dabei trotzdem für D mitgehend). Am Beispiel Doncic bestens zu sehen: einerseits der berechtigte Ärger über den dauernd meckenden Slowenen, andererseits auch echte Anerkennung, wenn er Spielzüge initiierte, an die sonst kein Basketballspieler auf dieser Erde auch nur denkt (maßlose Übertreibung, ich weiß!). Mein Doncic-Dilemma, das so viele haben.
Auch die Vor- und Nachbereitung ist um Längen besser als fast alles, was einem im Fußball so angeboten wird. Profunde Analysen, gute Interviews. Wobei anzumerken sei, dass Basketballspieler schlicht angenehmere Gesprächspartner sind als die doch sehr abgehobenen Fußball-Profis (man verzeihe mir die Verallgemeinerung). Und dann noch der zugeschaltete Moe Wagner aus LA, einfach großartig …

Parallel hat ja auch RTL die Partie übertragen. Nach allem, was ich gelesen habe, hat auch Frank Buschmann einen prima Job verrichtet. Basketball, das ist halt die Welt des ehemaligen Zweiutligaspielers. Manchmal würde ich mir wünschen, der Schuster wäre bei seinen Leisten geblieben. Beim Fußball ist Buschi nämlich unerträglich mit seiner sinnlosen Schreierei.

 

Deutsche Riesen zittern, Serbien schon raus

Basketball-Europameisterschaft, Achtelfinale

 

Schon die ersten 4 der 8 Achtelfinalpartien zeigten, dass die K.-o.-Runden in jeder Sportart ihre ganz eigenen Geschichten schreiben. 3 nach der Vorrunde haushohe Favoriten hatten extrem zu kämpfen, und die von allen Experten als klarster Titelfavorit genhandelten Serben hat es tatsächlich erwischt.

So hatte auch die Deutschen zunächst ihre Müh und Not, den krassen Außenseiter Portugal in die Schranken zu verweisen. Das lag vor allem an einer indiskutablen Dreierquote in der 1. Halbzeit (1 von 18!), in der die Riesen alles trafen, nur nicht in die Reuse. So gingen die Portugiesen tatsächlich mit eine Führung in die Pause. Nach dem Wechsel eine klare Steigerung jenseits der Dreierlinie (9/18), aber dass am Ende ein auch der Höhe standesgemäßer 85:57-Erfolg heraussprang, lag vor allem am Einbruch der Portugiesen im 4. Viertel, als sie nur noch 7 Punkte auf die Anzeigetafel schafften. Äußerst bedenklich, dass Franz Wagner, Dennis Schröder und auch Scharfschütze Andi Obst ihre Dreier so überhaupt nicht treffen (diese 3: 1/18); dafür erfreulich, dass Maodo Lo (4/7), Tristan da Silva (3/3) einsprangen. Vielleicht sagt jemand den ansonsten (vor)trefflichen Wagner und Schröder, dass sie das mit den Dreiern einfach bleiben lassen sollten, denn sonst könnte es gegen einen stärkeren Gegner (Slowenien/Italien im Viertelfinale) ein böses Erwachen geben.

Dieses gab es schon für die Serben: Der Turnierfavorit erlebte sein Dèjá vu und schied wie schon bei der EM 2022 (Italien) völlig überraschend aus. Die Niederlage gegen Finnland darf als eine der größten Sensationen der neueren Turnier-Geschichte gelten. Hier die Basketball-Nation Serbien, gespickt mit NBA-Stars um den besten Basketballer der Welt (Nikola Jokic), dort ein No-name-Team aus einer Eishockey-Nation mit nur einem außergewöhnlichen Akteur (Lauri Markkanen). Doch wieder mal zeigt sich die Schönheit des Sports; Namen zählen nicht: Hier funktioniert das Mannschaftsspiel wenig bis gar nicht, dort wachsen No Names über sich hinaus wie bei den Finnen die wahrscheinlich nicht nur mir bis dato unbekannten Mikael Jantunen und der erst 18-jährige Miika Muurinen. Der hatte die Dreistigkeit, 2 Dreier über den in jeder Hinsicht großen Jokic hinweg in den Korb zu versenken.

Fast hätte es auch die bisher so großartigen Türken erwischt: Die mussten tatsächlich bis zur Schlussminute bangen, ehe sie sich gegen die hartnäckigen Schweden durchsetzten. Die Skandinavier sahen sich am Ende gar betrogen (sagen wir: stark benachteiligt), als der türkische Star-Center Alperin Sengün ein vermeintliches Stürmerfoul nicht bekam (es wäre sein fünftes gewesen), sondern im Gegenteil 2 Freiwürfe erhielt. Der Bonus der NBA Stars, den ich bei macher Aktion gegen Jokic gesehen zu haben glaubte.

Erwischt hat es die Gastgeber: Im Balten-Duell gegen Litauen waren die Letten letztlich chancenlos, trotz des beeindruckenden Kristaps Porzingis. Aber gegen die mannschaftliche Gechlossenheit des baltischen Rivalen hatten die Letten letzlich keine Chance. Schade um die Stimmung, die allerdings zumindest die nahen Litauer und Finnen (und vielleicht auch die Deutschen) in der Halle ausbreiten.

Heute dann der zweite Teil des Achtelfinals, in dem Slowenen und Italiener den deutschen Viertelfinal-Gegner ermitteln.