Bevor es zum allgemein erwarteten Achtelfinal-Showdown gegen Frankreich kommt, müssen die deutschen Fußballer schon die Koffer für den Rückflug packen. Ein beschämendes Aus gegen die Maurermeister aus Paraguay bedeutete das Ende der hochfliegenden Pläne von Bundestrainer Julian Nagelsmann („Wir werden Weltmeister“). Eine ohnehin absurde Behauptung angesichts der oft trostlosen Vorstellungen der vergangenen Jahre.

 

Die Partie gegen die extrem defensiv eingestellten Südamerikaner offenbarte alles, was dem deutschen Angrffsfußball fehlt. Esprit, Ideen, Schnelligkeit, Spielfreude. Klar war der Abwehrriegel extrem dicht, aber ein bisschen mehr als die ständigen Halbflanken (56 wurden gezählt) hätte es schon sein dürfen; bessere Standards, überraschende Seitenwechsel, fliegende Kombinationen – all das vermisste ich. Es ist ja nicht so, dass allein unglückliche Umstände, vergebene Top-Chancen und ein überragender Torwart den Erfolg verhindert hätten. Bei Lichte betrachtet, hatten die Deutschen neben Havertz‘ Treffer bestenfalls noch 2 gute Einschuss(köpf)möglichkeiten – keine unter der Rubrik „Sitzer“ einzuordnen.

Erschreckend erneut die Defensive – nicht nur beim Gegentor, das der nur 1,68 Meter große Enciso dermaßen frei vom Elfmeterpunkt köpfen durfte (in feinster Manier überwand er den chancenlosen Neuer), als hätte er eine höchst ansteckende und tödlich verlaufende Krankheit. Bei jedem der sehr wenigen Offensiv-Aktionen hatte ich das mulmige Gefühl, das etwas geschehen könnte (nur die absolute Unzulänglichkeit/Unwillen des destruktiven Gegners und ein aufmerksamer Manuel Neuer verhinderten dies.

Tahs Kopfballtor, das nicht zählte

 

Und doch hätte alles gut ausgehen können (wenn wir ein Achtelfinale höchstwahrscheinlich gegen ein in allen Belangen überlegenes Frankreich „gut“ finden wollen). Eine mal ausnahmsweise von Nathaniel Brown und nicht von Joshua Kimmich geschlagene Ecke brachte nämlich den vemeintlichen Siegtreffer durch Jonathan Tahs herrlichen Kopfball nach tollem Laufweg. Alle jubelten, kein Paraguayer protestierte, noch nicht mal ein Reklamierarm des von Waldemar Anton behinderten Schlussmanns Orlando Gill. Allein der VAR, die in Wirklichkeit eine DIVAR war (Senora Tatiana Guzman aus Nicaragua), hatte etwas zu bemängeln (nämlich die Behinderung des Keepers durch Anton) und schickte Schiedsrichter Jayed vor den Kontrollmonitor. Und siehe da: Herr Jayed erkannte ein jetzt strafwürdiges Vergehen und aberkannte den Treffer. Eine Fehlentscheidung, erst recht das Überstimmen, auch angesichts der sonst sehr großzügigen Spielleitung des Schiedsrichters. Allerdings auch kein „Voll-Skandal“, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann im ZDF beim Betrachten der Bilder schäumte. So blieb es beim 1:1, und es kam zum denkwürdigen

 

Elfmeterschießen

 

Die Deutschen sind in dieser Disziplin Spezialisten. Viermal in der WM-Geschichte setzen sie sich mit dieser Art der Entscheidung durch. Bis gestern gab es nur einen einzigen Fehlschuss (durch Uli Stielike 1982 vs Frankreich). Meist war es so: Der deutsche Spieler stiefelte entschlossen zum Punkt, schnappte sich selbstbewusst den Ball, lief ohne Federlesens an und versenkte unhaltbar.
Und an diesem unseligen Montag? Ein Bild des Jammers. Der erste Schütze Kai Havertz, extrem sicher vom Punkt, scheiterte jämmerlich an Gill. Ebenso Nick Woltemade, dessen zögerlicher Anlauf nichts anderes erwarten ließ. Trotzdem wurde es noch mal spannend. Zwei Schützen der Paraguayos hätten nur verwandeln müssen fürs Weiterkommen: Sanabria schoss kläglich vorbei, und der eigens eingewechselte Fabian Balbuena scheiterte an Manuel Neuer.
Also doch die Wende? Mitnichten! Jonathan Tah lief zwar konsequent an, drosch aber ebenso konsequent den Ball himmelhoch betrübend in die deutsche Fankurve. Ein Fieldgoal, wie es der Kicker des  heimischen Football-Teams der New England Patriots nicht sicherer hätte verwandeln können. Eine Entschuldigung für den Abwehrmann: Noch nie in seiner langen Laufbahn hat er in einem Profispiel einen Elfer geschossen. Jetzt hatte also José Canale die große Chance – und verwandelte sicher. Canale Grande halt – und ein Land jubelte (am Dienstag rief der paraguayische Staatspräsident tatsächlich einen kurzfristigen Feiertag aus).

 

Die Gründe fürs Aus

 

Zum dritten Mal hintereinander ist also ein deutsches Team schon vor einem WM-Achtelfinale gescheitert. Der Ruf der Turniermannschaft ist endgültig passé (den sich der vierfache Weltmeister zuvor durch insgesamt 8 Final- und 4 Halbfinalteilnahmen seit 1954 redlich verdient hatte).

 

Die Spieler

 

Ich muss es so klar sagen: Auf den allerwenigsten Positionen verkörpern deutsche Spieler zurzeit internationale Spitzenklasse, erst recht nicht Weltklasse. Florian Wirtz und  Jamal Musiala, die einzigen sogenannten Unterschiedsspieler im offensiven Mittelfeld, konnten nie an ihre Bestform anknüpfen. Was kaum überraschen durfte, weil beide eine eher maue Saison hinter sich haben. Musiala wegen der Nachwirkungen des Schien- und Wadenbeinbruchs im vergangenen Sommer bei der Club-WM, Wirtz, der bei seinem neuen Team FC Liverpool immer noch die Leverkusen-Form sucht (obwohl er zeitweise ansprechend spielte).
Eklatant die Schwächen bei den Außenverteidigern, im kreativen Mittelfeld und auch in der Spitze. Vor allem aber auch die für ein deutsches Team erstaunliche Zweikampfschwäche gerade auch gegen harte, aber keineswegs unfaire Kontrahenten.

Julian Nagelsmann

 

Der Bundestrainer hat seine Bewährungsprobe klar nicht bestanden. Einst galt er als Supertalent, der schon mit 28 einen Bundesliga-Club anleiten durfte. Doch im gesamten Jahr 2026 hat er eine Serie von selbstverschuldeten Pleiten, Pech und Pannen hingelegt, die letztlich nur den Rauswurf bedeuten müssten. Sogar bei einem in dieser Beziehung sehr zurückhaltenden Verband, der auch nach den beiden WM-Enttäuschungen 2018 und 2022 zumindest vorerst an den Trainer Joachim Löw und Hansi Flick festhielt (ohne Erfolg).
Nach der letztlich erfolgreichen WM-Qulifikation im Herbst reihte der Bundestrainer seit März zumindest merkwürdige, wenn nicht abstruse und objektiv falsche Entscheidungen aneinander.

 

  • Kritik an Denis Undav. Nach dem Siegestor des Stuttgarters im Test gegen Ghana Nagelsmann, die Leistung sei ansonsten schlecht gewesen. Undav sei für die Anfangself völlig ungeeignet. So ist wohl noch nie ein Matchwinner abgekanzelt worden.
  • Neuers Rückkehr: Zur Erinnerung. Nach der EURO 2024 trat der Bayern-Schlussmann zurück, und Oliver Baumann verrichtete im deutschen Tor mehr als solide Arbeit. Dennoch hielt es Nagelsmann für nötig, im April Kontakte zu Neuer zu knüpfen (so zumindest die offizielle Version). Befeuert durch eine wirklich starke Leistung des Keepers bei Real Madrid, die aber eher die Ausnahme in diese Saison war. Ohne Not hatte Nagelsmann ein sehr tiefes Fass aufgemacht mit all den Diskussionen und unschönen Begleiterscheinungen; er vermittelte nicht nur Oliver Baumann den Eindruck, dass auf sein Wort nicht das Geringste Verlass ist. Nagelsmann schwafelte dann was von Neuers Aura, die den gegnerischen Spieler danebenschießen lassen würde. Davon war im gesamten Turnier wenig zu spüren, die Bälle schlugen gnadenlos und nicht immer unhaltbar ein. Im Elferschießen hielt Neuer zwar einen Versuch, im Gegensatz zu ihm ist Baumann ein echter Elferkiller. What if …?
  • Das völlige Überhöhen des 7:1 gegen Curacao und auch des eher glücklichen 2:1-Erfolgs gegen die Elfenbeinküste in letzter Minute. Das Deutschland  hauptsächlich den eingewechselten Denis Undav und Nadiem Amiri zu verdanken hatte (siehe später).
  • das komplett vercoachte Spiel gegen Ecuador. Damit meine ich nicht die Tatsache, dass er trotz des sicheren Gruppensieges die beste Elf aufstellte, die sich weiter einspielen sollte. Sondern seine abstrusen Wechsel während der Partie. Es kamen nämlich außer Undav nicht die Spieler der zweiten Garde (Amiri, Goretzka, Woltemade) zum Einsatz, sondern jede Ergänzungsleute, die im weiteren Turnierverlauf überhaupt keine Rolle mehr spielen sollten. Dass dann die Partie noch verloren ging und damit auch das Momentum und die gute Laune, war dann schon fast konsequent.
  • die Paraguay-Aufstellung: plötzlich stand also doch Undav in der Startelf, ausgerechnet gegen ein Abwehr-Bollwerk, mit dem er immer Probleme hat (Nagelsmann hatte also seine März-Ahnung nicht getrogen). Dementsprechend unsichtbar blieb der Stuttgarter bis zur Auswechslung. Außerdem beließ der Coach Kapitän Joshua Kimmich auf der rechten Seite, die der Münchern eher schlecht als recht ausfüllte (weil ihm dazu Schnelligkeit und Klasse fehlen). Kimmich hätte (auch nur vielleicht) im defensiven Mittelfeld mehr Einfluss aufs Spiel nehmen können als die überforderten Pavlovic und Nmecha.
    Für mich völlig unverständlich war auch der Umstand, dass Nagelsmann erst so spät Amiri brachte (110. Minute), seinen gegen die Ivorer so starken Mittelfeldmann mit Ideen, die so fehlten.

 

Neben diesen taktischen und menschlichen Fehlleistungen war auch das Verhalten von Nagelsmann gegenüber den Unparteiischen unwürdig, die er an der Linie in einem fort anpflaumte (absurderweise sogar das Team um die US-Amerikanerin Tori Penso, obwohl diese den Deutschen ein irreguläres Tor schenkte). Auch in den Interviews blieb er reichlich unsouverän, blaffte herum, obwohl ihm gerade ein Johannes B. Kerner wirklich nichts Böses wollte.

So bleibt ein grausiger Gesamteindruck. Es passt allerdings zum in jeder Hinsicht unwürdigen Verband, dass er Nagelsmann in einer ersten Stellungnahme Nagelsmann weiter das Vertrauen aussprach. Ob das zu halten sein wird beim Proteststurm der Medien, der jetzt schon eingesetzt hat, bleibt allerdings abzuwarten.