Vor knapp einem Jahr stand Alexander Zverev am Tiefpunkt seiner Karriere, vielleicht sogar seines Lebens. Nach einem deprimierenden Erstrundenaus in Wimbledon offenbarte er die Abgründe seiner Seele. Er habe an nichts mehr Freude, nichts mache mehr Spaß, offenbarte er nach der Niederlage gegen Arthur Rinderknech. Jetzt, ein Jahr später, stand er ergriffen und glücklich bei der Siegerehrung in Paris. Mit dem Triumph bei den French Open hat er seine ohnehin schon tolle Karriere mit dem ersten Grand-Slam-Erfolg veredelt. „Wir haben gewonnen“, befand er – und meinte sich und sein Team, seine Familie mit Vater Alexander (griesgrämig wie eh und je auf der Tribüne), Bruder Mischa, seine Lebensgefährtin Sophia (nicht live vor Ort in Paris), den Hund und nicht zuletzt seinen besten Freund auf der Tour, den Brasilianer Fernando Melo.

Es waren berauschende, enorm souveräne 2 Wochen Tennis, die Zverev zeigte. Während die Männer-Konkurrenz so aufregend wie selten zuvor war mit unfassbaren 5-Satz-Thrillern, unglaublichen Comebacksiegen nach 0:2-Satzrückstand, cruiste Zverev nahezu unangefochten durchs Turnier. Auf dem Weg ins Finale gab der Hamburger gerade mal 2 Sätze ab, eher aus Unkonzentriertheit, denn aus Schwäche. Im Finale wurde er vom erstaunlichen Flavio Cobolli zwar über 5 Sätze gefordert, doch im entscheidenden 5. Durchgang zeigte er sein bestes Tennis; der große Triumph vor Augen hatte ihn desmal eher beflügelt denn lahmgelegt wie teilweise in den bisherigen 3 Grandslam-Finals. Nach dem Matchball legte er sich wie so viele Triumphatoren vor ihm der Länge nach hin, er konnte dann die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Nichts kann diesen Triumph trüben. Auch die Tatsache, dass er auf seinem Erfolgsweg weder Carlos Alcáraz noch Jannik Sinner geschlagen hat (überhaupt keinen Top-10-Spieler), tut dem Triumph nicht den geringsten Abbruch. Eine alte Sportweisheit besagt: Wer nicht dabei ist wie der handgelenks-geplagte Alcáraz, kann nicht gewinnen. Und wer früh ausscheidet wie Hitze-Opfer Sinner, ist halt raus.

„Zverev macht die Karriere rund“, habe ich getitelt. Vielleicht liege ich völlig falsch. Vielleicht nimmt gerade die Grandslam-Karriere erst so richtig Schwung auf nach dem ersten Triumph bei einem der ganz großen Turniere. Zverev ist ja erst 29 jahre alt, sein Tennis ist so gut wie noch nie. Endlich steht er bei Ballwechseln nicht mehr meterweit hinter der Grundlinie (meistens jedenfalls), das war das Auffälligste  in den Pariser Tagen und auch schon in den Wochen zuvor. Es war augenscheinlich, wie souverän er nach Jannik Sinners frühem Hitze-Aus mit der Favoritenrolle umgegangen ist, die ihm allseits zugeschoben wurde. Aus gutem Grund zugeschoben, denn Zverev hatte bisher ein fantastisches Jahr, nur stand halt dieser Jannik Sinner des Öfteren im Weg. Schon bei den Australian Open hatte er den Erfolg im Halbfinale gegen Alcáraz vor Augen; damals spielten die Nerven noch einen Streich, jetzt war er mit sich und der Welt im Reinen. Er wusste, dass er sich auf sein Tennis verlassen kann: auf seinen extrem effektiven Aufschlag und seine mörderische Rückhand. Und endlich auch auf seine Nerven. In den 2 Wochen verfiel er nur ganz selten in den klagenden, weinerlichen Zverev, der sich oft selbst im Weg stand.

Die Zukunft scheint golden samt weiterer Grand-Slam-Triumphe. Schon jetzt muss Zverev niemanden mehr etwas beweisen. Er hat etwas geschafft, was Boris Becker in seiner ruhmreichen Karriere nie gelungen ist: den Sieg beim härtesten Sandplatz-Turnier der Welt – als erster Deutscher in der Open era. Das kann ihm niemand mehr wegnehmen, und das dürfte ihm helfen, auch über vielleicht wieder schlechtere Tennistage hinwegzuhelfen. So schlimm wie vor knapp einem Jahr in Wimbledon wird es höchstwahrscheinlich zumindest sportlich nicht mehr werden.