Erstmals wirklich mit Bedacht gesehen habe ich Kevin Keegan 1977. Damals im Dress des mit Stars (Clemence!, Hughes! McDermott!) gespickten FC Liverpool im Europapokal-Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Römer Olympiastadion. Für einen Briten nach meiner mir überbrachten Vorstellung (damals bewegte Bilder aus England zu sehen, war fast unmöglich) war er klein, dafür sehr schnell und trickreich und gewitzt. Ein Tor ist ihm zwar nicht gelungen, aber er hatte sehr starke Momente (gerade gegen den noch kleineren Berti Vogts) und holte den entscheidenden Elfmeter heraus, als ihn deutsche Nationalverteidiger rüde von den Beinen holte. Phil Neal verwandelte zum 3:1-Endstand.

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„Mighty Mouse“ nannten sie Kevin Keegan damals schon auf der Insel: Weil er zwar mit 1,70 Metern regelrecht schmächtig war neben all den Abwehrriesen, aber diese eher hölzernen Kerle dennoch beherrschte. Der damalige HSV-Präsident Peter Krohn hatte (neben reichlich skurrilen Einfällen wie Elefanten im Stadion und rosa Trikots) die sensationelle Idee, diesen wirbelnden Engländer mit dem Lockenkopf und der charmanten Ausstrahlung in die Bundesliga zu holen. Eine echte Sensation, denn Keegan war zu diesem Zeitpunkt der beste und auffälligste Spieler des besten Teams in England: Mit dem FC Liverpool holte er von 1972 bis ’77  insgesamt drei Meistertitel, zweimal den UEFA-Pokal und eben 1977 den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League.

Es war ja ein echtes Wunder, dass Keegan den Weg nach Deutschland fand. Er hätte viel lukrativere Angebote aus Italien oder Spanien annehmen können, wo Lire und Pesetas viel reichlicher flossen als die Mark. Aber das sportliche Potenzial des HSV (immerhin amtierender Europacup-Sieger der Pokalsieger) in der damals so starken Bundesliga reizte mehr als noch mehr Geld, ebenso der Charme der Hafenstadt. Und hatten nicht Liverpool und Hamburg eine gemeinsame Vergangenheit, weil die Beatles in der Hansestadt ihre ersten fulminanten Auftritte hatten?

Also ein echter Coup von Krohn, und alle gewannen. Kevin Keegan avancierte nach kleineren Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling nicht nur der HSV-Fans, sondern von ganz Fußball-Deutschland. Sportlich ohnehin über alle Zweifel erhaben, eroberte er die Massen, wurde zum ersten Pop-Star der Liga, die zu dieser Zeit erst ganz langsam über die Fußball-Blase hinaus die Massen begeisterte. Er wurde zum Traum aller Schwiegermütter, plötzlich verzeichneten die Standesämter erstaunlich viele „Kevins“ – sehr, sehr lange, bevor ein gleichnamiges Kerlchen im Film „Allein zu Haus“ war. Sogar die Hitparade stürmte Keegan: „Head over Heals in Love“ (produziert vom sagenhaften (nona) Pop-Schreiber Chris Norman) – seht selbst die ganz große Kunst im „Musikladen“ von Manfred Sexauer, damals das Um und Auf der Pop-Musik im deutschen Fernsehen.

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Sehr viel berauschender war dann doch sein Fußballspiel. Die  Verteidiger verzweifelten regelrecht, wenn sie es mit der Spiel- und Dribbelkunst der mächtigen Maus zu tun bekamen; die zudem sehr mannschaftsdienlich agierte und richtig kämpfen konnte – und zwar in jedem verdammten Spiel. Spätestens, als 1978 der grandiose Branko Zebec das Traineramt übernahm und Günter Netzer den Manager-Posten, wurde der HSV zum ernsthaften Konkurrenten der damaligen Platzhirsche Gladbach, Bayern und Köln. Mit deutschen Abwehr-Haudegen wie „Eiche“ Nogly und Manni Kaltz, mit Elfmeter-Töter Rudi Kargus im Tor, mit Zuträgern wie Casper Memering, dem jungen Felix Magath im Mittelfeld und natürlich dem Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. Dazwischen wuselte und zauberte Kevin Keegan, der Künstler, der Ball-Virtuose: der endlich Abwechslung, ja Farbe ins Bundesliga-Einerlei brachte.1979 holten die Hamburger völlig verdient den Titel, überschattet wurde die Meisterfeier im Volksparkstadion am letzten Spieltag allerdings von der Stadion-Katastrophe, als sich insgesamt 70 Menschen beim Stürmen des Spielfelds zum Teil schwer verletzten.
1980 kamen die Hamburger ins Europapokal-Finale unter anderem nach einem unglaublichen 5:1 gegen Real Madrid; diesmal endete das Endspiel allerdings für Keegan nicht erfolgreich wie in Rom, und seine englischen Landsleute von Nottingham Forest behielten die Oberhand.

Nur drei Jahre blieb Keegan in der Bundesliga, und doch hat er bei jedem, der damals das Geschehen verfolgte, bleibenden Eindruck hinterlassen (das zeigen die unendlich vielen Trauerbezeugungen auch aus meinem Freundeskreis). Zweimal in dieser Zeit wurde er Fußballer Europas. Er hatte dann noch ordentliche Jahre wieder in der Premier League, die damals noch schnöde First Division geheißen hatte. Nur mit der Nationalmannschaft war ihm kein größerer Erfolg beschieden, seine Landsleute waren zu diesem Zeitpunkt schlicht zu schwach. Ein WM-Halbfinale fü England wie gerade in Amerika? Schlicht undenkbar.

Nach Ende seiner Fußballer-Karriere verschwand Keegan erst mal aus der Öffentlichkeit. Erst 1992 tauchte er wieder auf, als er das Traineramt bei Newcastle United übernahm; die Magpies führte er 1996 zur sensationellen Vize-Meisterschaft. Danach warf er trotz bestehenden Vertrags hin („zu viel Stress“). 1999 wurde Keegan noch englischer Nationalcoach, doch schon nach zwei Jahren war Schluss, ohne dass er dort bleibende Spuren hinterlassen hätte (die Deutschen werden das nach einem 1:5 im Jahr 2000 im Münchner Olympiastadion vielleicht anders sehen.

Am Montag ist Kevin Keegan gestorben, nur 75 Jahre wurde er alt. Der Tod kam nicht überraschend, denn erst im Januar hatte  er „unheilbaren Magenkrebs“ öffentlich gemacht. Zurück bleiben bei mir und sehr vielen Fußball-Fans unauslöschliche Bilder eines wunderbaren Fußball-Virtuosen und eines tollen, ungemein sympathischen Menschen.

Machs gut da oben, liebe mighty mouse Kevin Keegan!