Nach mehr als fünf Wochen ist es jetzt endlich soweit: das mit Spannung erwartete Finale. Spanien gegen Argentinien, das kommt jetzt nicht völlig unerwartet, immerhin trifft der amtierende Europameister auf den Südamerika-Champion. Kaum zu glauben: Zuletzt trafen Spanien und Argentiniene in einem Pflichtspiel 1966 aufeinander.

Das Vorspiel machte schon mal Appetit auf mehr. In einer extrem unterhaltsamen Partie um Rang 3 bezwang England Spanien mit 6:4

 

Spanien – Argentinien So., 21:00 in New York/New Jersey ZDF und Magenta sowie ORF und SRF

 

Was beide Teams vereint? Jeder Feldspieler ist technisch perfekt am Ball, großartig ausgebildet. Der große Unterschied. Während die Spanier auf Team-Fußball schwören und das perfekte Zusammenspiel forcieren, dreht sich bei Argentinien alles um Lionel Messi. 39 Jahre ist er mittlerweile alt, seit fast zwei Jahrzehnten gehört er zu den besten Fußballern der Welt (viele sagen, er ist der Beste). Und doch ist das jetzige Turnier vielleicht sogar sein stärkstes, zumindest von den Zahlen her. Acht Tore und 4 Assists sind ihm gelungen, so viele waren es noch nie bei einer WM und auch bei keiner Copa America.

 

Players to Watch

 

Marc Cucurella: der beste Linksverteidiger des Trniers, ich würde behaupten, mit einigem Abstand. Extrem lästig in der Defensive, wo er keinem Zweikampf aus dem Weg geht, dazu gefährliche Vorstöße. Und auch wenn dem Lockenkopf nicht alle Zuspiele gelingen, Cucurella kann den sogenannten tödlichen Pass spielen. Wechselt nach dem Turnier von Chelsea zu Real Madrid.

Enzo Fernandez: das Arbeitstier, gerne mit Zweikämpfen jenseits der Grenze des Erlaubten. Verfügt über einen unglaublich guten Weitschuss, die Torhüter von Kap Verde und England werden es leidvoll bestätigen. Wie Cucurella spielte er zuletzt beim Club-Weltmeister FC Chelsea.

 

X-Faktoren

 

Lionel Messi Die große und wahscheinlich spielentscheidene Frage: Inwieweit bekommt der argentisnische Superstar Zugriff aufs Spiel. Wenn er erst einmal in Faht kommt wie in der Schlussphase gegen England, wird es unheimlich schwer für die Spanier. Er vermag es wie kaum ein anderer, seine Mitspieler gut einzusetzen (die gerne für ihn zusätzliche Meter rennen), dazu verfügt er über einen brandgefährlichen Schuss. Andrerseits ist er halt auch schon 39 jahre alt, das Turnier war zehrend. In einigen Partien ist Messi regelrecht untergegangen, beteiligte sich minutenlang nicht am Geschehen. Ganz auszuschalten wird Lionel Messi nicht sein, aber wenn es den Spaniern gelingt, die magischen Momente auf ein Minimum zu reduzieren und diese unbeschadet überstehen, dann dürften sie die besseren Chancen haben.

 

Die Bankspieler

 

Je fünfmal dürfen die beiden Trainer wechseln, einen zusätzlichen gäbe es in der Verlängerung. Es treffen die beiden Teams mit der besten Bank aufeinander. Bei Spanien braucht ein Mikel Merino nur Minuten, um ins Spiel zu finden (er erzielte nach jeweils fünf Uhr-Umdrehungen die Siegtore gegen Portugal und Belgien). Der Außenspieler Nico Williams bringt neuen Schwung, ähnlich wie Mittelfeldmotor Pedri.

Auch die Argentinier haben Waffen wie Lautaro Martinez. Und sollten sie einen Vorsprung über die zeit retten müssen, gibt es die ekligen Männer wie Simeone, denen kein Trick, kein nickeliges Nachtreten, keine Spielverzögerung zu billig ist, um Minuten von der Uhr zu nehmen.

 

Die Bedingungen:

 

Gespielt wird in East Rutherford im MetlLife Stadium, wo die NFL-Footballer der New York Giants und New York Jets ihre Heimat haben. Der Rasen gilt als der schlechteste des gesamten Turniers, zu stumpf, zu trocken – das ist tödlich fürs Passspiel, das beide Teams pflegen. Die ganz große Hitze bleibt wohl aus, zum Zeitpunkt des Anstoßes (15 Uhr Ortszeit) werden 27 Grad erwartet. Der befürchtete Rauch aus Kanada, wo die Wälder unkontrolliert brennen, hält sich offenbar auch in Grenzen.

 

Verlängerte Halbzeitpause

 

Es soll wie beim Super Bowl werden. Eine gigantische Halbzeitshow wird die Pause überbrücken mit Auftritten von absoluten Superstars der Pop-Szene: So haben sich Shakira, Madonna, Justin Bieber und die südkoreanische Boygroup BTS angekündigt, Moderator soll Coldplay-Sänger Chris Martin werden. Ob das alles innerhalb von den vorgeschriebenen 15 Minuten zu bewerkstelligen ist (inklusive Auf- und Abbau), ist die ganz große Frage. Martin verspricht dies, aber vorsorglich hat die FIFA schon angekündigt, dass es länger dauern könnte (nur um wie viel länger, das ließ sie offen). Keine Frage, dass der Rhythmus durch eine allzu lange Pause verloren geht, andrerseits sollten es die Trainer schaffen, dass sich die Spieler nicht allzu viele Gedanken darüber machen.

 

🧠 Spanien (ganz knapp)

 

Die Leistung gegen Frankreich hat mich schwer beeindruckt. Diese unfassbare Ballfertigkeit, das tolle Kombinationsspiel, das ich in dieser Form nur von eingespielten Club-Teams kenne. Jeder einzelne ist ein Top-Kicker, ich sage nur: Rodri, Yamal, Olmo. Die große Frage: wie gehen die Spanier mit einem eventuellen Rückstand um. Im Viertelfinale gegen Belgien sah das nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich längst nicht so so souverän aus.
Was für Argentinien spricht: Sie geben nie auf, sind in diesem Turnier schon mehrfach dem Ausscheiden von der Schippe gesprungen. Nicht mit Glück (zumindest nicht nur), sondern dank des Urvertrauens in die eigene Stärke. Die ja auch bei jedem einzelnen Spieler vorhanden ist (Alvarez, Di Paul), nicht nur bei diesem Zaubermenschen Lionel Messi.

 

Frankreich – England 4:6 (0:4)

 

Satz und Sieg, das liegt bei diesem Tennisergebnis nahe. Das es noch nie in der Geschichte von WM-Endrunden (mehr als 1000 partien) gegeben hat (ein sogenantes Scorigami).

Es war eine wilde Partie, in der die Offensive Trumpf war. Wie so oft bei einem Spiel 3, wenn der ganz große Wunsch Titel unerreichbar geworden ist und (wie man hört) der Frust-Alkohol noch in den Knochen steckt). Von Beginn an hatten die Engländer mehr Lust auf Fußball, und in der 1. Halbzeit war jeder Schuss ein Treffer, was zum absurden 4:0 führte. Offenbar fand Frankreichs scheidender Trainer Didier Deschamps bei seiner letzten Pausen-Ansprache die richtigen Worte, und er packte die Seinen an der Ehre. Tor um Tor holten die Franzosen auf zum 3:4. Die Schlussphase war dann eher wie aus Absurdsistan gescripted. Über 5:3, 5:4 und 6:4 retteten die Engländer die Partie und sicherten sich mit Platz 3 tatsächlich die beste Platzierung seit 1966, als sie im heimischen Wembley-Stadion sogar den Titel holten.
Für Trainer Thomas Tuchel war das ein ganz wichtiger Erfolg. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der 4:0-Vorsprung noch hergegeben worden wäre. Einige der englischen Journalisten und Experten (wie in Deutschland eine echte Plage, die alles, aber auch alles besser wissen) wittern eh schon Blut und fordern die Ablösung.

Trotz der Niederlage hatte zumindest Kylian Mbappé Grund zur Freude. 2 Treffer steuerte der Angreifer in der Aufholjagd bei und erhöhte sein Torekonto bei dieser WM auf 10. So viele Treffer bei einer einzigen WM waren zuletzt Gerd Müller gelungen, im Jahr 1970 (!), wozu der damalige Bayern-Stürmer allerdings nur 5 Partien brauchte und nicht nacht wie Mbappé. Der jetzt 22-mal bei WM-Turnieren erfolgreich war, damit führt er die ewige Rangliste an vor Messi (bisher: 21).

Ob Mbappé tatsächlich Torschützenkönig wird, steht allerdings noch nicht fest. Sollte Messi heute Abend zweimal treffen, hätte er wie Mbappé Tore auf dem Konto. Da der Argentinier mehr Assists geleistet hat, würde ihm der Goldene Schuh überreicht werden.