„Weltklasse in Zürich!“ Unter diesem Titel laden die Veranstalter jedes Jahr die besten Leichtathleten der Welt ins ehrwürdige und mittlerweile modernisierte Stadion am Letzigrund. Geboten werden dann gut zwei Stunden Spitzensport vom Feinsten. Zig Weltrekorde und Bestleistungen Bestleistungen wurden und werden aufgestellt, begleitet von einem fantastischen Publikum, fachkundig und begeisterungsfähig.

Es war also einiges zu erhoffen am Donnerstagabend, aber alle hohen Erwartungen wurden noch übertroffen. Begünstigt durch nahezu perfektes Leichtathletik-Wetter: warm, aber nicht zu heiß, und nur ein ganz leichtes Lüftchen wehte, das niemanden irritierte. Es ist mir unmöglich, all die grandiosen Lesitungen zu benennen, ich will mich auf die tollsten Wettbewerbe beschränken.

 

Ein Sturmlauf, der die Grenzen verschiebt

 

Als Alison dos Santos über 400 Meter Hürden durch die 2. Kurve stürmte, da konnte man schon erahnen, dass etwas Außergewöhnliches geschehen würde. Der Brasilianer hatte da nämlich bereits die Vorgabe von Karsten Warholm egalisiert, seines Zeichens Weltrekordler und blendend in Form. Dos Santos hielt auf der Zielgeraden nicht nur den Vorsprung auf den Norweger, sondern er baute ihn aus. Als die Zeit stehenblieb, erstarrte das Stadion förmlich vor Erstaunen, bevor es vor Jubel explodierte. 45,80 Sekunden, vermeldete die Anzeigentafel, und sie blieb standhaft. Neuer Weltrekord, die vermeintlich unüberbietbare Zeit, die eben dieser Warholm 2021 bei Olympia aufgestellt hatte (45,90), war damit Geschichte. 45,80 Sekunden, mit dieser Zeit wäre ein deutscher Athlet Fünfter in der 400-Meter-Jahreswertung – ohne Hürden, versteht sich.

 

Stabhochsprung-Duell in luftiger Höhe

 

Bisher galten die 6 Meter für die Stabhochspringer als Um und Auf; eine Marke, die auch die Besten ihrer Zunft nicht alltäglich bewältigen würden. Spätestens seit diesem Jahr gilt das nur noch bedingt, denn neben dem unfassbaren Mondo Duplantis, für den die 6 Meter nur der lockere Auftakthüpfer eines Wettbewerbes sind, schafft auch der Grieche Emmanouil Karalis diese Höhe mit fast schon bestürzender Regelmäßigkeit.
Was die beiden aber am Donnerstagabend ablieferten, hatte die Leichtathletik-Welt noch nicht gesehen. Der eine legte jenseits der 6 Meter vor, der andere erhöhte, während der jeweils andere die Höhe ausließ.: 6,10 Meter (Karalis), 6,15 (Duplantis), 6,20 (Karalis/persönliche Betleistung) und 6,25 (Duplantis). Das Tolle daran. Alle Höhen nahmen die beiden im ersten Versuch – und zwar ziemlich klar.
Bei der neuen Weltrekord-Marke von 6,32 trafen sich die beiden wieder. Für Karalis war das noch (!) ein wenig zu hoch, er lächelte. Auch Duplantis riss dreimal, aber er ärgerte sich maßlos und kickte die herabfallende Stange wütend weg. Duplantis und Wut, das waren bisher zwei Begriffe, die nur schwer zueinanderpassten. Offenbar geht dem Schweden die neue Konkurrenz bei all gespielter Lockerheit doch etwas an die Nieren.

 

Der verblüffende Weltrekord

 

Dass Maran Russell verdammt schnell über die Hürden ist, das musste man angesichts der Vorleistung 12,14 Sekunden, mit der sie zu den 100 Meter Hürden antrat. Dass sie aber als erste Frau der Welt die Marke von 12,10 Sekunden unterbieten würde, das überraschte kolossal. Wie der Blitz war die US-Amerikanerin aus den Startblöcken gesprungen und nahm die 10 Hindernisse, als würden diese gar nicht im Weg stehen. Mehr als erstaunliche 12,09 Sekunden standen am Ende zu Buche, damit siegte sie sogar nur relativ knapp vor der bisherigen Rekord-Inhaberin Tobi Amusan aus Nigeria (12,23). Sogar die 12-Sekunden-Marke scheint nicht mehr völlig außer Reichweite, vielleicht bei einem ganz leichten Schiebewind.

 

Werro siegt und siegt und siegt …

 

Schön, dass die Schweizer Zuschauer einer Lokal-Matadorin zujubeln durften. Audrey Werro, der aufkommende 800-Meter-Star der Szene, wurde allen Erwartungen gerecht und siegte erneut. In einem fulminanten Rennen steigerte sie sich auf 1:53,70 Minuten und distanzierte abermals die holländische Ausnahme-Läuferin Femke Bol-Broeders, die ihren erst vor einer Woche aufgestellten natinalen Rekord auf nunmehr 1:54,71 verbesserte.
Ich weiß nicht, welche der beiden Athletinnen ich mehr bewundern soll (in der Hoffnung, dass alle sauber sind): die erst 22 Jahre alte Schweizerin, die sich nach und nach den vermeinlich unantastbaren 1:53,28 der Jarmilla Kratochvilova nähert (aufgestellt in Doping-verseuchten Zeiten). Oder nicht doch Femke Bol, die nach sagenhaften Jahren über 400 Meter (Hürden) erst in diesem Jahr der für sie völlig neuen 800-Meter-Strecke zugewendet hat und bereits in unfassbaren Dimensionen läuft. Mit ihrer Zeit ist sie bereits Neunte in der ewigen Weltrangliste.
Wenn die Entwicklung so weitergeht, könnte Kratochvilovas Weltrekord (aufgestellt 1983 in München) spätestens nächstes Jahr fallen. Nur welche der Ausnahmeläuferinnen am Ende die neue Weltrekord-Halterin ist, das escheint offen, denn Potenzial nach oben scheinen Werro und Bol noch zu haben. Nicht zu vergessen übrigens die in Zürich fehlende EM-Zweite Keely Hodgkinson (hinter Werro, vor Bol) , die nächstes Jahr bestimmt wieder angreifen wird.

 

Und sonst?

  • Eine Weltjahresbestleistung stellte Julien Alfred mit 10,70 Sekunden über 100 Meter auf; die Olympiasiegerin siegte zeitgleich vor Melissa Jefferson-Wooden – und das bei 0,7 Meter/Sekunde Gegenwind
  • Rumesh Tharanga Pathirage schleuderte den Speer auf 92,07 Meter und damit etwa anderthalb Meter weiter als der in Zürich fehlende Europameister Julian Weber.
  • Kenneth Bednarek (USA) brauchte über 200 Meter nur 19,62 Sekunden (WJB).
  • Ann Cockrell stellte über 400 Meter Hürden ebenfalls eine in diesem Jahr noch nie gelaufene Zeit auf (52,13 Sekunden). Pech hatte in diesem Rennen Europameisterin Emma Zapletalova, die gleichauf mit Cockrell in die vorletzte Hürde trat und alle Siegchancen einbüßte.
  • Emmanouel Wanyonyi aus Kenia schließlich setzte seine Siegesserie über 800 Meter fort in 1:41,76 Minuten (WJB), ganz knapp vor dem Algerier Djamel Sedjati.