Die ganze Palette des Sommer-Sports. Der Sonntag erinnerte im besten Sinne an einen Olympia-Tag: Die ARD übertrug von 9 bis 23 Uhr, als Schwimmer und Leichtathleten und Turner ihre Europameister kürten, Reiter und Gymnastinnen Weltmeister, dazu noch Cyclssics in Hamburg und Zweitliga-Fußball.
Unmöglich, alles zu gucken. Für mich noch unmöglicher, hier auch nur ansatzweise auf alles einzugehen, was in dieser Woche so geschah. Mehr denn je gilt: Mut zur Lücke. Im ersten Teil will ich mich auf die Leichtathletik beschränken, sonst wird es uferlos.
Leichtathleten feiern ein Sportfest mit Tücken
Eine Woche kämpften Europas Beste um Titel und Medaillen. Leider in einem Rahmen, der nicht immer dem Wert des Ereignisses entsprach. Eine recht kleine Arena irgendwo am Rand von Birmingham im Nirwana (Berichten zufolge nur die viertgrößte Arena der Stadt). Schwierig zu erreichen, gesalzene Eintrittspreise von teilweise mehr als 100 Pfund pro Veranstaltungstag, weswegen die angeblich so Leichtathletik-besessenen Briten vor allem an den ersten Tagen einen Bogen machten, teilweise war die Atmosphäre vergleichbar mit der eines Betriebssportfests.
Was die Sportler nicht verdient hatten, zumal die Gastgeber durchaus ablieferten und am Ende immerhin 19 Medaillen holten, 9 davon aus Gold.
Mein Höhepunkt der Titelkämpfe
Ich hatte mir ja vor Titelkämpfen den 800-Meter-Lauf der Frauen rausgepickt, und meine Erwartungen wurden erfüllt, nein sogar übererfüllt. In einem begeisternden Temporennen setzte sich die Schweizer Aufsteigerin Audrey Werro knapp vor der Einheimischen Keely Hodkinson und der holländischen Umsteigerin Femke Broeders-Bol durch. Werro feierte einen Start-Ziel-Sieg, ihre Zeit von 1:54,81 Minuten ist außergewöhnlich für ein Großereignis: weil eben ohne Tempomacherin erzielt, wie sie etwa bei Diamond-League-Meetings gang und gäbe sind.
Gar nicht so kleiner Wermutstropfen. Vielleicht (wahrscheinlich?) hätte Werro im Finale gar nicht dabei sein dürfen, weil sie im Halbfinale stürzte und nur wegen einer vermeintlichen Behinderung ins Finale gehievt wurde. Da haben die Kampfrichter mehr als ein Auge zugedrückt (um des Spektakels willen?). Gerade in den Mittelstreckenrennen gehören kleine Schubser und Hakeleien schlicht dazu, ohne dass eingegriffen wird. An der außergewöhnlichen Klasse der Schweizerin besteht allerdings nicht der geringste Zweifel.
Das Abschneiden der Deutschen
Insgesamt 21 Medaillen sammelten die AthletInnen. Eine hervorragende Bilanz, obwohl nicht alle Träume in Erfüllung gingen (Weitspringerin Malaika Mihambo wurde in einem windgeprägten Finale nur Fünfte, sie blieb nur sechs Zentimeter hinter der Siegerin; auch Robert Farken blieb über 1500 Meter weit hinter den Erwartungen). Auffällig, dass die Läufer den Anschluss zumindest an die europäische Spitze gefunden haben: egal ob Sprinter Owen Ansah* (Bronze 100, Gold 200 Meter), Hürdenspezialist Emil Ageykum (Silber über 400 Meter hinter dem unantastbaren Weltrekordler Karsten Warholm und die 3000-Meter-Hindernisläufer Frederik Ruppert und Karl Bebendorf, die Gold und Bronze eroberten.
Auch die WerferInnen trugen zur tollen Bilanz bei, teils erwartet (Gold für Julian Weber mit dem Speer, Silber für Merlin Hummel mit dem Hammer), teils völlig überraschend (Silber für die Speerwerferin Julia Ulbricht, die schon aus allen Kadern geflogen war).
Auch die Mehrkämpfer „lieferten“. In einem mehr als komplizierten Wettbewerb, beeinträchtigt durch abnorme Hitze und einem katastrophalen Ablauf im Stabhochsprung, siegt Weltmeister Leo Neugebauer offenbar nach Aufbieten letzter Kräfte knapp vor Nikolaus Kaul, ebenfalls ein Weltmeister übrigens.
Die Leistungen der heimischen Spitzensportler werden ja gerne als Spiegelbild der gesamten Gesellschaft herangezogen, was ich reichlich absurd finde. Weil jeder, der Spitzensport auf diesem Niveau betreibt, absolut außergewöhnlich ist, egal ob er letztlich eine Medaille gewinnt oder knapp verfehlt. So galt das insgesamt trostlose Abschneiden der Fußballer bei der WM als Symbol, dass in diesem Land nix vorangeht (und was wäre gewesen, wenn das verdammte Tor von Tah gegen Paraguay gezählt hätte?). Wenn ich mir jetzt die Leichtathleten (und auch die Schwimmer in Paris, die Reiter in Aachen oder gar die sagenhafte Gymnastin Darja Varfolomeev ansehe), dann würde das im Umkehrschluss bedeuten, das „wir“ doch noch liefern können. Wie gesagt, ich halte davon relativ wenig: Gerade die Leichtathleten erzählen doch sehr vielschichtige Geschichten. Erfreulich, wie viele junge Menschen mit Migrationshintergrund es ganz an die Spitze geschafft haben. Integration ist also möglich, wenn alle Beteiligten dazu bereit sind.
Der Fall Owen Ansah
Ein deutscher Sprinter, der zwei Medaillen bei einem Großereignis holt, das hätte noch vor drei Jahren wohl niemand für möglich gehalten. Und doch hinterlässt das Auftreten des Owen Ansah nicht vorbehaltlose Freude, zumindest nicht bei denen, die etwas weiter als von 12 Uhr bis mittags schauen. Ich habe vorher hinter Ansah ja ein Sternchen gesetzt (den sogenannten Asterisk). Das besagt in Ergebnislisten meist nichts Gutes, etwa beim Slalomläufer, der an einem Tor eingefädelt hat und früher oder später aus der Wertung fliegt.
Die Wettkämpfe in Birmingham absolvierte Ansah anstandslos, ja fantastisch. Gerade sein Final-Lauf über 200 Meter geriet zur Demonstration, erstmals blieb ein Deutscher unter der 20-Sekunden-Marke, zu starker Rückenwind verhindert allerdings die Aufnahme in die Rekordbücher.
Aber wie ein Elefant im Raum stand da die verweigerte Dopingprobe vom 9. Juli, als ihn ein Kontrolleur antraf, aber wieder unverrichteter Dinge wieder abziehen musste. Ansah erhielt ja nur ein vorläufiges Startrecht; sollte das Sportgericht (oder letztinstanzlich der Sportgerichtshof CAS) befinden, dass der Sprinter ohne wichtigen Grund verweigerte (laut eigener Aussage musste Ansah einen Flug zu einem Wettkampf in Mongte Carlo erwischen), droht ihm nicht nur eine Sperre von bis zu 4 Jahren, es werden ihm dann auch alle Ergebnisse seither wieder gestrichen. Allein deshalb wurde er nicht für die Sprintstaffel nominiert, die am Samstag zu Silber rannte.
Ansah ging zunächst zumindest nach außen hin bemerkenswert locker mit der Situation um; angesichts der Tatsache, dass drei oder vier Jahre Sperre nahezu einem Karriere-Ende für den 25-Jährigen gleichkommen. Er habe sich überhaupt keine Gedanken gemacht, ob er seine Medaille zurückgeben müsse, befand er nach seinem 100-Meter-Lauf zu Bronze. Er vertraue voll und ganz seinem Team. Schon dünnhäutiger reagierte der hamburger nach den 200 Metern, als er sich schon vorher Fragen dazu verbat und dann das Interview abbracht, als ein ZDF-Reporter dennoch dieses wichtige Thema ansprach (was schlicht dessen Job ist, er ist ja nicht der Pressesprecher von Ansah).
Nach allem, was bisher bekannt ist und nach und nach an die Öffentlichkeit dringt, stehen die Karten für Ansah sehr schlecht. Offenbar hat er entgegen einer ersten Aussage doch das Protokoll unterschrieben, in dem die Konsequnzen des verweigerten Tests klar zur Sprache kommen Es bedarf jetzt schon juristischer Kunststücke, wie Ansah aus dieser Nummer herauskommen will (genau dazu bezahlt man teure Anwälte). Für mich von vornherein ein Unding, dass die Sache nicht VOR dem wichtigsten Sportereignis des Jahres geklärt wurde. Schon aus Fairnessgründen gegenüber der Konkurrenz. Soll der Viertplatzierte Holländer Elvis Afrifa über 100 Meter jetzt jubeln, oder gar der Brite Zharnel Hughes, der über 200 Meter Zweiter wurde? Und wie groß wird die Freude sein, wenn nach einer nachträglichen Disqualifikation Ansahs irgendwann im November (oder auch nächsten Mai, wer weiß das schon?) die Medaillen per Post nachgeliefert werden?
Lieber Philipp,
@ Owen Ansah, vielleicht muss ja unser Kanzler eingreifen, was im Fussball geht…
oder er wird so hart bestraft wie Jannik Sinner und darf nur zwischen Wettkämpfen nicht wettkämpfen, man weiss ja nie