Das Wort „historisch“ mag ich nicht besonders, gerade wenns um Sport geht. Zu oft werden zugegeben großartige Leistungen mit diesem Etikett hochgejazzt. Aber was Andreas Johannes Liebmann am Samstagabend bei der EM in Paris aufführte – dafür gibt es einfach keine andere Bezeichnung.
In dürren Zahlen: Er wurde Europameister über 1500 Meter und brauchte für diese Distanz 14:26,79 Minuten. Damit pulverisierte er förmlich die alte Bestleistung des amerikanischen Olympiasiegers Bobby Finke um fast 4 Sekunden, ein unfassbarer Quantensprung. Von Beginn des Rennens lag er klar unter der virtuellen Weltrekordlinie, die bei Großereignissen eingeblendet wird. Das Pariser Publikum, das hauptsächlich wegen Lokalmatador und absolutem Topstar Leon Marchand in die Halle gekommen war (es war nicht die der Olympischen Wettbewerbe vor 2 Jahren) stand auf dem Stühlen wie auch alle anderen Zuschauer, die Aktiven am Beckenrand, egal aus welcher Nation sie gekommen waren. Bahn für Bahn schwamm Liebmann in diesem unfassbaren Tempo, die Konkurrenz, bestehend aus Top-Athleten aus ganz Europa, waren gar nicht mehr zu sehen, höchstens wenn sie sich beim Hin- und herschwimmen im 50-Meter-Becken begegneten.
Schon die Zwischenzeit über 800 Meter ließ erahnen, dass hier eine ganz außergewöhnliche Leistung stattfinden würde. 7:40 Minuten hatte er da nur gebraucht – sein 3 Tage zuvor aufgestellter Europarekord über diese Distanz an gleicher Stelle war nur etwa 3 Sekunden besser, und da hatte er keine 700 Meter mehr zu schwimmen gehabt. Und unglaublicherweise wurde er einfach nicht langsamer, die letzten 100 Meter absolvierte er noch mal in weniger als 58 Sekunden.
14:26,74 Sekunden – diese Zeit ist ein Meilenstein. Erstmals blieb ein Schwimmer unter den 14:30, er hat also für jede der 30 Fünfzig-Bahnen nicht einmal 29 Sekunden gebraucht. Vergleiche sind immer sehr schwierig, aber mir ist im vergangenen Jahrzehnt, vielleicht auch in den vergangenen 20 Jahren, keine sportliche Leistung zumindest eines Deutschen erinnerlich, die an diesen Husarenritt im Wasser auch nur annähernd herankommt.
19 Jahre ist Abiturient Johannes Liebmann erst alt, er hat also seine sportliche Zukunft noch vor sich. Der Hamburger Jung ist der nächste herausragende Schwimmer, den die unfassbare Talentschmiede in Magdeburg unter Trainer Bernd Berkhan ausgebildet hat. Vor 3 jahren wechselte er dorthin, der entscheidende Schritt. Zuletzt hatte im Frühjahr Olympiasieger Lukas Märtens mit 3:39,96 Minuten einen sagenhaften Weltrekord über 400 Meter aufgestellt. Sagenhaft, weil erstmals jemand unter 3:40 Minuten, aber eben nicht so außerirdisch, so historisch (sic!) wie der von Andreas Liebmann und zudem nicht bei einem Großereignis erbracht.
Ein Problem hat der junge Mann, den die Trainingskollegen als bodenständig und fast schon schüchtern beschreiben. Andreas Liebmann wird jetzt mit Ehrungen überhäuft werden, die vom trainingsintensiven Schwimmen ablenken (können). Sein Leben wird sich ändern, die Erwartungshaltung der deutschen Öffentlichkeit ins Unermessliche steigen (14:20? Na klar! Weltmeister 27? Logisch. Olympiasieger 28? Logo!). Aber jede dieser Ehrungen hat Johannes Liebmann verdient, vor allem die des Deutschen Sportler des Jahres im Dezember, die schlicht erfolgen MUSS (schreibe ich Mitte August). Kein Leichtathlet (trotz toller Erfolge gerade bei der EM in Birmingham), kein Olympiasieger von Mailand hat diese Leistung übertroffen, und auch niemand sonst wird diese Leistung 2026 noch übertreffen können.
Vielen herzlichen Dank, Franzx