Nach einer knapp zwei Wochen langen Reise durch drei wunderschöne Städte – Helsinki (Olympia 52), Tallinn (Segel-Olympia 1980) und Riga (Nolympia) – melde ich mich zurück in München. In Riga habe ich am Samstag natürlich live mitbekommen via VPN, dass München den deutschen Vorentscheid um die Olympiastadt gegen Köln-RheinRuhr gewonnen hat. Die Freude zumindest bei der Politprominenz ist riesig, das erstaunliche Duo des Grünen-Hassers Markus Söder und dem Grünen Oberbürgermeister Dominik Krause scheint gut zu harmonieren. Mal sehen ob diese Sympathie (?) bestehen bleibt, wenn es ums Eingemachte geht, sprich konkrete Entscheidungen über Art und Weise der Bewerbung anstehen und wer was zahlt. Ob die beiden so gegensätzlichen Männer dann auch noch in einer Sprache voller Eintracht sprechen? Zumal der Deutsche Olympische Sportbund DOSB) auch schon verlauten ließ, dass er ein gehöriges Wort mitsprechen will. Wie immer das zu verstehen ist. Es wird vor allem auch ums Geld gehen, sehr viel Geld, dass man schon für die Bewerbung braucht. Geld, das aber weder Bund noch Land noch Stadt haben. Wird man es woanders abzweigen? Helfen reiche Gönner?

 

Also München. Der deutsche Kandidat für drei Bewerbungen, 2036, 2040 und 2044

 

Ich will mich gar nicht länger über die deutsche Entscheidung aufhalten. Gezogen hat offenbar das Konzept der kurzen Wege im Gegensatz zum Vielstädte-Wettbewerb, mit dem RheinRuhr zu punkten hoffte (was überspitzt ausgedrückt aber nichts anderes gewesen wäre als mehrere Weltmeisterschaften gleichzeitig in ganz Nordrhein-Westfalen). Anders München: Mit wenigen Ausnahmen (Segeln in Kiel, Kanu in Augsburg und Fußballspiele in ganz Bayern) werden alle Wettbewerbe im Stadt- und Umlandgebiet über die Bühne gehen; mit dem Olympiapark und dem ikonischen Olympiastadion als Kern. Dieses Olympiastadion mit dem weltberühmten und immer noch einmaligen Zeltdach dürfte für die deutschen Entscheider einer der Hauptgründe gewesen sein, dass München das Rennen macht (und nicht das Werben von Ministerpräsident Söder, oder etwa doch?). Es ist der Faustpfand im Kampf gegen die internationale Konkurrenz. Jeder der Entscheider (hohe IOC-Funktionäre aus der ganzen Welt) hat Bilder des Olympiastadions vor sich, war vielleicht sogar schon dort. Ob das dann auch gegen eine funkelnagelneue und hochmoderne Arena in, sagen wir Istanbul oder Doha, reicht, steht auf einem anderen Blatt. Fest steht zum heutigen Zeitpunkt zumindest eine Tatsache: Für die Leichtathletik-WM 2031 in München (die Stadt bekam vor knapp 2 Wochen den Zuschlag) wird das Olympiastadion generalsaniert. Jeder, der es liebt, kann nur hoffen, dass das Einmalige bestehen bleibt.

 

Knackpunkt Olympisches Dorf

 

Bevor die Bewerbung so richtig Fahrt aufnimmt, müssen ein paar sehr hohe Hürden genommen werden. Für mich die Höchste und Kniffligste: Funktioniert das mit dem Olympischen Dorf, so wie sich das die Macher vorstellen? Geplant ist Ganze in einem bisher baulich unerschlossenen Gebiet nahe Daglfing, also im Nordosten der Stadt. Es gibt bereits Pläne für ein riesiges Bauprojekt, in dem 4000 neue Wohnungen entstehen sollen. Samt der notwendigen Verkehrsanschließung (Verlängerung der U-Bahn und Ausfallstraßen). Das Projekt ist aber hoch umstritten, Widerspruch gegen entsprechende Planungsbescheide sind zu erwarten. Zum einen wird die Fläche landwirtschaftlich erschlossen (nicht jeder Landwirt ist bereit, sie abzutreten). Zudem gilt München eh schon als extrem dicht bebaut, gerade der vergangene Sommer hat gezeigt, wie unerlässlich Freiflächen sind und weitere Versiegelung schadet. Nicht zuletzt gibt es Stimmen, dass das flächenmäßig eher überschaubare München schlicht nicht noch mehr Einwohner vertragen kann, sämtliche Verkehrswege zur und in der Innenstadt (Straßen und ÖPNV) sind jetzt schon zu Stoßzeiten hoffnunglos überlastet.

Aber selbst wenn ich das alles ignoriere, wie der Umweltschutz in diesem Lande zurzeit völlig ignoriert wird (Funfact: Will ausgerechnet der Grüne OB Krause als Umweltzerstörer dastehen?): Wenn neue Wohnungen für München wirklich nötig sind: Will die Stadt dann wirklich bis vielleicht 2044 zuwarten, bis sie entstehen respektive der Bevölkerung zugänglich gemacht werden (wenn nämlich München erst für diese Spiele den Zuschlag erhält). All diese Fragen sind bisher bestenfalls ansatzweise umrissen, ohne echtes Ergebnis und erst recht ohne Stadtrats-Beschluss, gegen den wiederum mit ziemlicher Sicherheit Einspruch erhoben wird.

 

Knackiger Zeitpunkt – zumindest für 2036

 

Schon 2027 fällt zumindest für die Spiele 2036 eine Entscheidung. Dann siebt das IOC aus den laut eigenen Angaben etwa ein Dutzend Bewerbern vier bis sechs der aussichtsreichsten (?) Kandidaten heraus. Die sich dann bis zu einem weiteren Vorentscheid bis 2028 (bei den LA-Spielen) herausputzen müssen, ehe 2029 die endgültige Entscheidung fällt. Nach welchen Kriterien das passiert und wer letztlich (vor)entscheidet, ist völlig ungewiss. Hat das IOC einen bevorzugten Kontinent (das wäre dann wahrscheinlich Asien)? Schließt es Kontinente aus? Gibt es vielleicht sogar eine Doppel-Kandidatur mit den Spielen 2040? Nix G’wises weiß man nicht, und trotzdem muss München schon Konkretes liefern.
Gerade der Zeitplan für Spiele 2036* wäre extrem eng. Nicht nur wegen des Olympischen Dorfs. Denn nach den jetzigen Planungen wird die für Spiele praktisch unerlässliche 2. Stammstrecke erst 2037 fertig. Die U9, die Entlastungslinie zwischen Münchner Freiheit via Elisabethmarkt Richtung Hauptbahnhof, besteht bestenfalls in Planungen. Und der Hauptbahnhof selbst? Gehet hin und schaudert selbst; von der Benko-Ruine (formerly known as Karstadt-Filiale) will ich erst gar nicht anfangen. Will man Gästen wirklich einen dermaßen katastrophalen Anblick zumuten?

* also genau 100 Jahre nach den Nazispielen 1936 in Berlin. Nicht jedem gefällt dieses Jubiläum, um es vorsichtig auszudrücken

 

Die internationale Konkurrenz

 

Über eines sind sich die Beobachter fast einig: Sollte Indien für 2036 mit Ahmedabad und einem milliardenschweren Finanzier im Rücken auch nur eine einigermaßen seriöse Kandidatur auf die Beine stellen, wäre es haushoher Favorit. Weil Asien per rotation „am dransten“ wäre. Vor allem aber, weil das Riesenreich Indien im Weltsport fast Brachland ist, es also hier noch sehr viel Verdienst-Potenzial gibt (Geld ist aber fürs IOC die Währung, die wirkllich zählt). Ansonsten ist bekannt, dass auch Katar mit Doha Interesse bekundet, aus Europa gelten die Bewerbungen aus Istanbul, Rom und Madrid als fix, eventuell kommt auch noch London dazu, der glanzvolle Gastgeber 2012.
Bleibt die große Unbekannte Afrika. Auf diesem Kontinent fanden noch die Olympische Spiele statt. Die Frage ist, ob Kirsty Coventy, die IOC-Präsidentin aus Zimbabwe, eine afrikanische Bewerbung unterstützt. Sicher ist das nicht. Ich denke an Thomas Bach, der aus Eigennutz deutsche Bewerbungen geradezu torpedierte, um die eigene Präsidentschaft nicht zu beschmutzen (sie war trotzdem eine einzige Katastrophe). Johannesburg scheint indes Interesse zu zeigen.

Spekulationen über irgendwelche Chancen zum jetzigen Zeitpunkt führen zu nichts, auch weil die Weltlage völlig unsicher ist. Bei Lichte gesehen und bei allen Schwächen und Unwägbarkeiten (Olympisches Dorf) denke ich, dass das Münchner Konzept sich im internationalen Vergleich durchaus sehen lassen kann. Die Bevölkerung in der Stadt steht hinter Olympia, es ist nun an den Organisatoren, dass diese ihr „Ja“ vor knapp einem Jahr nicht bereuen müssen und vielleicht sogar einige Skeptiker ihre Vorbehalte aufgeben. Ein bisschen Träumen möge man mir in diesen Zeiten verzeihen.