von Münchner Löwe | Juli 16, 2026 | Allgemein
Zwei bemerkenswerte Halbfinali haben wir gesehen; mit überraschenden, allerdings nicht sensationellen Siegern. Heraus kommt ein WM-Endspiel zwischen Argentinien und Spanien, das es in dieser Konstellation seit 60 Jahren nicht mehr in einem Pflichtspiel gegeben hat.
Frankreich – Spanien 0:2
„Wenn Spanien das Mittelfeld beherrscht, wir es schwer für Frankreichs Starstürmer“, habe ich in meiner Vorschau sinngemäß geschrieben. Genau das ist eingetreten, wobei ich nie und nimmer gedacht hätte, dass Mbappé und Co. dermaßen chancenlos und buchstäblich ohne Torchancen bleiben würde.
Wass für eine unglaublich tolle (Mannschafts)Leistung der Spanier. Elf perfekt eingestellte und top ausgebildete Spieler machten den Franzosen die Partie zur Qual, die Unterlegenheit war trotz nahezu gleichwertigen Ballbesitz teilweise grotesk. Wo auch immer ein Franzose den Ball erhielt, zwei oder gar drei Iberer warteten schon, um ihm das Spielgerät wieder abzunehmen.
Spätestens nach der Führung durch den glasklar berechtigten Elfmeter war klar, dass das für die Equipe tricolore an diesem Nachmittag in der überdachten Dallas-Arena ein fast aussichtsloses Unterfangen werden würde. Phänomenal der zweite Treffer durch Pedro Porro nach perfektem Doppelpass.
Die Besten der Sieger
Marc Cucurella und Dani Olmo: Es ist immer schwer, bei einer tollen Teamleistung einzelne Spieler herauszuheben. Aber gerade was Marc Cucurella auf der linken Abwehrseite veranstaltet (schon das gesamte Turnier), sucht im Weltfußball seinesgleichen. Defensiv mit (fairer) Zweikampfstärke ohnehin, aber auch offensiv schaltete er sich immer wieder ein, auch wenn ihm da nicht alles gelang.
Der deutsche Fußball-Fan hasst ja Cucurella nach dessem vermeintlichen, aber nicht geahndeten Handspiel im Stuttgarter EM-Viertelfinale. Die groteske Abneigung hat sich noch immer nicht gelegt (siehe die abwertenden Kommentare in entsprechenden Portalen). So ist es mir geradezu ein Bedürfnis, diesen grandiosen Kicker zu würdigen.
Dani Olmo wiederum ist der unumstrittene Chef der Offensive. Mit so vielen tollen und erstaunlichen Ideen (die brillante Vorarbeit zum 2:0). Umso wichtiger, weil die ansonsten überragenden Außenstürmer Yamal und Nico Williams nicht in absoluter Top-Form sind (wobei ein Yamal sich toll gesteigert hat und großartige Aktionen hatte).
Und dann natürlich Rodri: der beste Balleroberer im defensiven Mittelfeld. Will also sagen: Auch Spanien hat nicht nur ein überragendes Kollektiv, sondern alles überragende Einzelkönner.
Die französischen Starspieler
Kylian Mbappé stemmte sich wenigstens gegen die Niederlage, blieb aber mit seinen Aktionen glücklos. Regelrecht erschüttert war ich über die schwache Leistung von Michael Olise und auch Ousmane Dembélé. Olise habe ich während deer gesamten Spielzeit beim FC Bayern nicht einmal so schwach gesehen: ohne Esprit, ohne Kraft, ohne Willen. Gerade der Kräfteverschleiß deutete sich schon in den vergangenen K.o.Spielen an.
England – Argentinien 1:2
Die erste Halbzeit war nicht anzusehen und hatte mit Fußball wenig zu tun. Sehr viele Fouls, Nickligkeiten über Nickligkeiten, meist initiiert (aber beileibe nicht ausschließlich) von den Südamerikanern, die genau eines im Sinn hatten: Es möge nicht Fußball gespielt werden. Der amerikanische Schiri ließ das zu, verzichtete lange auf Gelbe Karten, die dem Treiben (vielleicht!) ein Ende bereitet hätten.
Mehr als entschädigt wurden die Fußballfans von der mitreißenden 2. Halbzeit. Ausgerechnet der Führungstreffer der Engländer durch Gordon (55.) nach einem brillantem Konter änderte alles. Plötzlich besannen sich die Argentinier aufs Fußballspielen. Trainer Lionel Scaloni wechselte echte Könner wie Rodrigo De Paul, Nico Gonzalez und Lautaro Martinez ein und holte die schlimmsten Treter und Provokateure Simeone und Paredes vom Platz. Der Weltmeister entwickelte enormen Druck, auch weil die Engländer sich komplett aufs Verteidigen der knappen Führung beschränkten und sich viel zu weit zurückdrängen ließen. Entlastungsangriffe blieben nahezu aus, auch weil Trainer Thomas Tuchel nur noch kopfballstarke Innenverteidiger einwechselte, die das Flankengewitter des Gegners unschädlich machen sollten. Offensivkräfte waren kaum noch auf dem Feld, Torschütze Gordon und Declan Rice mussten runter.
Ich habe getitelt „das Tor, das England lähmte“. In der Tat habe ich sehr wenige Fußballspiele gesehen, wo ein Treffer der eigenen Mannschaft so wenig gutgetan hat wie das von Gordon dem englischen Team. Sicher fehlte auch die Kraft, geschuldet unter anderem der extrem zehrenden Partie vor einer Woche in der Höhe von Mexiko-Stadt, als die Engländer 30 Minuten in Unterzahl agieren mussten. Aber das Sich-Einigeln und irgendwie den Vorsprung über die Zeit retten, das war der Tuchel-Fußball bei dieser WM.
Und gegen Argentinien konnte das einfach nicht gutgehen, weil das offensiv schlicht ein ganz anderes Kaliber darstellt als etwa das einfallslose Mexiko. Die scharfen und großartig getimten Flanken und namentlich von Messi brachten stets größte Gefahr. Zunächst rettete Schlussmann Jordan Pickford sensationell gegen Alexis MacAllisters Kopfball, Minuten später stand der Pfosten im Weg (wieder nach Kopfball McAllisters). Doch die Angriffe wurden immer gefährlicher, und in der 86. Minute war es dann soweit. Messi bediente Enzo Fernandez, und der Spezialist für Fernschüsse (schon das Siegstor in der Zwischenrunde gegen die Kap Verden) überwand Pickford aus 20 Metern. Ob der gar nicht sooo platzierte, aber technisch brillant abgefeuerte Schuss unhaltbar für den Torwart war, der recht spät reagierte? Schwer zu sagen, zumal gefühlt ein Dutzend Spieler vor der Nase herumwuselten und eventuell die Sicht nahmen.
Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen in Atlanta, fest in argentinischer Hand. Und als es weitergeht, wird schnell klar, dass die Südamerikaner gegen die waidwunden Engländer noch in der regulären Spielzeit die Entscheidung suchen würden. Mac Allister zieht ab – erneut Pfosten. Aber Messi erwischt den Abpraller, geht an der rechten Seite am hüftsteifen O’Reilly vorbei und seine Maßflanke verwandelt der erstaunlich freistehende (wo waren all die Innenverteidiger?) Lautaro Martinez zum 2:1 – die Entscheidung.
Erneut ist England gegen Argentinien geschlagen – nach den epischen Thrillern 1998 in Frankreich und 1986 im Azteka.
Wie zum Hohn müssen die Three Lions am Samstag zum Spiel im Platz 3 ran, gegen die ebeso zutiefst enttäuschten Franzosen. Tags darauf dann vor den Toren New Yorks das große Finale. Eine nähere Vorschau wird kommen.
Bester der Argentinier
Lionel Messi: Ja, langweilig. Aber in der 2. Halbzeit sahen wir den besten Messi in diesem Turnier, obwohl er selbst keine Treffer erzielt hatte. Da leistete er sich kaum Kunstpausen, seine unfassbare Ballfertigkeit und schlauen Ideen stürzten die Engländer von einer Verlegenheit in die nächste. Die großartigen Flanken und Zuspiele taten letztlich das Entscheidende (Vorarbeit zu beiden Treffern). Und sogar wenn er nicht am Ball war, strahlte er in „seiner“ Zone etwa 20, 25 Meter eine extreme potenzielle Gefahr aus und „fesselte“ Abwehrkräfte, die woanders fehlten.
Die Stars der Engländer
Jude Bellingham: eine einzige Enttäuschung. Kaum eine gelungene Aktion brachte der Real-Star zustande. Zwar ließ ihn Tuchel als einen der wenigen englischen Offensiv-Kräfte auf dem Feld, dort setzte er aber überhaupt keien Akzente.
Harry Kane: Ebenfalls ohne nennenswerte Offensiv-Aktion, vom schönen Pass aus de eigenen Hälfte vor dem Führungstreffer abgesehen. Im Offensiv-Feuerwerk der Argentinier stand er als Verteidiger seinen Mann mit starken Kopfball-Befreiuungen.
von Münchner Löwe | Juli 14, 2026 | Allgemein
Da sage noch einer, dass die Fußball-Weltrangliste erratisch zusammengewürfelt ist nach nicht nachvollziehbaren Kriterien (so wie ich es wiederholt tue). Die Top 4 jedenfalls sind im Halbfinale unter sich, auch weil die FIFA in einem erstaunlichen Anflug von Weisheit eine Setzung vorgenommen hat. Sprich: Sie hat die Gruppen so gelegt, dass Frankreich, Spanien, England und Argentinien nicht aufeinandertreffen konnten, wenn sie denn ihre Gruppe als Erste abschließen (was allen Vieren mehr oder weniger souverän gelungen ist). Mir persönlich gefällt dieses Setzen sehr, es gibt aber auch Gegenstimmen, beispielsweise in der SZ. Ich sage nur (jenseits von subjektiven Vorlieben): Ich finde es gut, dass wir jetzt im Halbfinale zwei absolute Top-Begegnungen erwarten dürfen; ob es dann auch Top-Spiele werden, bleibt dann abzuwarten
Frankreich – Spanien
Di., 21.00 in Dallas (ZDF und Magenta sowie ORF 1 und SRF)
Die Partie findet in Dallas statt, Spielbeginn 14 Uhr Ortszeit. Die texanische Hitze ist allerdings kein Problem, denn das Stadion ist voll überdacht und voll klimatisiert. Das letzte Aufeinandertreffen war ein wildes 5:4 der Spanier im Halbfinale der Nations League 2025. 4:0 und 5:1 führten die Spanier, ehe die Franzosen noch auf 4:5 herankamen, ehe ihnen die Zeit ausging. Auch ein Jahr zuvor im EM-Halbfinale hatten die Spanier mit 2.1 das bessere Ende für sich.
Was das fürs heutige Halbfinale bedeutet? Nichts, nada, rien. Denn gerade die Franzosen sind ein ganz anderes Team. Eines, das endlich seine Angriffs-Power auch auszunutzen geruht und sein Heil in der (kontrollierten) Offensive sucht. Die Spanier verlassen sich dagegen weiter auf ihre tolle Deckungsarbeit und ihr hervorragendes Kombinationsspiel.
Die Stars
Kylian Mbappé: Für mich bisher der Spieler des Turniers. Der selbst Chancen kreieren kann und auch selbst vollenden. Der auch die vortrefflichsten Zuarbeiter hat, vor allem Michael Olise, der allerdings in den vergangenen Partien gegen Paraguay und Marokko nicht mehr ganz so auffällig agierte. Mbappé hat wieder das Selbstvertrauen, lässt sich auch durch einen ziemlich erbärmlich vergebenen Elfmeter nicht aus dem Konzept bringen. Und wenn er an die Kette gelegt wird, dann ist da auch noch ein gewisser Ousmane Dembélé, der amtierende Weltfußballer.
Bei den Spaniern sehe ich nicht den herausragenden Einzelspieler. Lamine Yamal war für diese Rolle vorgesehen: Der 18-jährige Außenspieler spielt auch gut, mannschaftsdienlich, aber nicht überragend. Zumindest nicht so überragend und mit so tollen Treffern, wie wir ihn schon im spanischen Dress und beim FC Barcelona gesehen haben.
Wenns nicht so abgedroschen klingen würde: Der Star der Spanier ist die Mannschaft, herausheben würde ich dennoch einen Dani Olmo, ein Mann mit so vielen schlauen Einfällen. Und auch wenn vorne Mikel Oyarzabel nicht ganz so auffällig spielt wie die Stürmerstars Kane und Haaland und Co., aus den Augen darf ihn niemand verlieren.
Die Verteidiger
Wirklich geprüft wurden die französischen Abwehrspieler bisher noch nicht, egal ob Dayot Upamecano innen oder Lucas Digne außen. Für mich wirkt der Abwehrverbund nicht hundertprozent sicher, das ist eher ein Gefühl, als dass ich es belegen könnte. Aber wann immer sich gegnerische Mannschaften nach vorne aufgemacht hatten (was selten genug vorkam), es kam Gefahr auf.
Ich bin wirklich sehr gespannt, wie Digne und auch Kounde mit den bärenstarken Außenstürmern Yamal und vielleicht sogar Nico Williams zurechtkommen.
Die Spanier haben den vielleicht besten Innenverteidiger des Turniers in ihren Reihen. Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und dennoch strahlt der Jungspund des FC Barcelona eine Ruhe und Abgeklärtheit und Klasse aus wie ein schlachtenerprobter Haudegen. Marc Cucurella ist der beste Linksverteidiger des Turniers, wobei „Verteidiger“ angesichts seine Dauer-Vorstöße eine sehr unzureichende Bezeichnung ist.
Die Torhüter
Mike Maignan blieb zuletzt nahezu ohne Beschäftigung. Er verfügt über glänzende Reflexe, wirkt aber im Herauslaufen nicht immer souverän.
Unai Simon würde ich stärker einschätzen. Für viele ist ja schon überraschend, dass der unfassbar gute David Raya vom FC Arsenal nicht die Nummer 1 ist. Simon von Athletic Bilbao genießt das uneingeschränkte Vertrauen von Trainer de la Fuente.
X-Faktoren
Die Bankspieler:
Das sind die Spanier vielleicht noch breiter aufgestellt als die Franzosen, auf extrem hohem Niveau. Die Franzosen haben ihr A-Team, allenfalls die Frage ob Doué oder Barcola als vierte Offensivkraft aufgestellt wird, ist strittig.
Die Spanier haben sehr viel nachzulegen, gerade auch offensiv. An erster Stelle natürlich Mikel Merino, der Super-Joker. Nur jeweils fünf Minuten brauchte er gegen Portugal und Belgien, ehe er als Einwechselspieler das jeweilige Siegtor erzielte. Wenn Nico Williams als Linksaußen in die Partie kommen sollte, ist das ein weiterer sehr schwer zu stoppender Gefahrenherd.
Defensives Mittelfeld
Die Schaltstation: Es gilt die gegnerischen Angriffe abzufangen und seinerseits Offensiv-Aktionen zu innitiieren. Vielleicht der größte Vorteil der Spanier, denn Rodri ist mit der Beste auf dieser Position und mittlerweile auch wieder gut in Form. Bei den Franzosen fällt Rabiot dem gegenüber doch leicht ab.
🧠 Frankreich
Ich sehe die Equipe tricolore hauchzart vorn. Kleinigkeiten werden entscheiden (ich hoffe sehr, dass es keine Fehler der Unparteiischen sind). Mbappé wird den Unterschied ausmachen, doch wehe, das spanische Mittelfeld bekommt die Hand aufs Geschehen.
England – Argentinien
Mittwoch, 21 Uhr in Atlanta, ARD und Magenta sowie ServusTV und SRF
England gegen Argentinien, wer von den Älteren erinnert sich nicht an das WM-Viertelfinale 1986 im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt mit Hauptdarsteller Diego Maradona. Zuerst die Hand Gottes, dann das tollste Solo der WM-Geschichte. Am Ende stand es 2:1 für Argentinien, und eine Woche später waren die Südamerikaner Weltmeister.
Wenn die Neutralen das schon nicht vergessen, dann natürlich erst recht nicht die Beteiligten. Die Engländer fiebern dem Duell förmlich entgegen, Veteranen aus dem Falklandkrieg melden sich zu Wort. Kühlen Kopf zu bewahren und sich der aktuellen Aufgabe zu stellen, ist also gar nicht so einfach. Wenn es einer kann, dann doch der eher technokratische deutsche Trainer Thomas Tuchel!? Der das Spiel damals als Zwölfjähriger verfolgte (ich geh mal davon aus, dass er das tat). Und die Engländer haben ja schon eine Azteka-Nemesis überwunden, nämlich als sie im Achtelfinale in eben dieser Spielstätte den fulminanten 3:2-Erfolg über Gastgeber Mexiko bewerkstelligten.
Die Argentinier sind die letzten Nicht-Europäer im Feld. Von allen Halbfinalisten geben sie mir die meisten Rätsel auf, was ihr Leistungsvermögen betrifft. Einerseits Zittereien gegen die afrikanischen no names (nona) Kap Verden und Ägypten, und auch der Auftritt im Viertelfinale gegen die Schweiz offenbarte Schwächen. Ändererseits: Wenn sie denn gefordert waren, dann waren sie zur Stelle. Das Powerplay gegen Ägypten bei 0:2-Rückstand, den sie in ein 3:2 verwandelten, war faszinierend und sollte jedem eine Warnung sein, der dieses Team unterschätzen will.
Die Stars
Bei England sind es zwei, auf die sich alles konzentriert: Harry Kane und Jude Bellingham. zwei absolute Unterschiedsspieler. Hier der Torjäger des FC Bayern mit dem vielleicht besten Torschuss im Weltfußball, dort der eher filigrane, enorm ideenreiche Bellingham von Real Madrid. Wo er eine recht lausige Saison hinter sich hat und sich unter anderem mit dem inzwischen gefeuerten Xabi Alonso zerstritt.
Als Tuchel die Mannschaft und auch Bellingham kritisierte, trotz seiner jeweils zwei Tore gegen Mexiko und Norwegen, da schlug Bellingham zurück, stellte die Kompetenz von Tuchel in Frage (naja, so schlimm war es nicht, aber er sagte sinngemäß, der Trainer habe auf so hohem Niveau nie gespielt).
Im Zweifel werden die Wogen sich glätten. Dann hat England ein veritables Offensiv-Duo, das auch den Argentiniern viel Ärger machen könnte.
Bei den Argentiniern dreht sich natürlich alles um Lionel Messi. Ein Faszinosum. Der 39-Jährige rennt kaum, er kämpft kaum, er verteidigt kaum, oft steht er fast teilnahmslos herum. Stehgeiger nennen die Österreicher so einen Künstler. Doch wenn Messi am Ball ist, dann kann jederzeit Magisches geschehen. Nicht nur bei den Frei- und Eckstößen, die er so gefährlich wie kaum ein Zweiter zu treten weiß. Auch während des Spiels kann er jederzeit den Unterschied ausmachen. Wenn er etwa 25 Meter vorm Tor am Ball ist, herrscht allergrößte Gefahr. Die erste Pflicht der Engländer lautet also: Messi also erst gar nicht an den Ball kommen lassen.
Acht Tore hat Lionel Messi mittlerweile erzielt, nur bei der vermeintlich einfachsten Übung, dem Elfmeter versagt er („Messi“ und „versagen“, ich kann so etwas kaum schreiben). Zweimal trat er an, einmal schoss er daneben, einmal in die Hände des gegnerischen Torwarts.
Die Verteidigung
Im Mexiko-Spiel, als die Engländer nur noch zu zehnt waren, konnten sich die Engländer auf ihre Verteidger verlassen, die alle allerdings auch recht einfallslosen Angriffe der Gastgeber unschädlich machten. Im Mittelpunkt stand da zum Beispiel der eingewechselte Burn, der alle Bälle wegköpfte, die da in den Strafraum flogen. Auch den Norwegern gelang es gegen England nicht, ihren Starstürmer Erling Haaland einzubinden. Wie es allerdings aussieht, wenn der Gegner mit Tempo agiert, muss sich noch herausstellen.
Die Argentinier verteidigen hart, überhart monieren manche, und die eher laxe Spielleitung der Schiedsrichter kommt dem entgegen. Wirklich sicher wirken sie allerdings nicht, obwohl sie sich seit Jahren kennenwie die insgesamt fünf Gegentreffer in den drei K.o-Spielen zeigen (mit Abstand die meisten aller Halbfinalisten).
Im defensiven Mittelfeld sehe ich klare Vorteile für England, vielleicht sogar die spielentscheidenden. Während ein Paredes auf Argentiniens Seite zwar efensiv ordentliche Arbeit verrichtet, ist Elliot Anderson der Shooting Star der Three Lions. Ein Laufwunder (14,81 Kilometer gegen England in Miamis schwüler Hitze), sehr stark im Bälle erobern, mit denen er dann auch etwas Vernünftiges anzufangen weiß. Vor der WM wechselte er für sagenhafte 136 Millionen Euro von Nottingham Forest zu Manchester City, wo er der designierte Nachfolger von Rodri ist (den ich vorher so gelobt habe).
Die Torhüter
England und die Torhüter – ein Kapitel für sich. Jordan Pickford sehe ich als solide im besten Sinne des Wortes an, kein Hexer zwischen den Pfosten, keiner, der die „Unhaltbaren“ reihenweise entschärft, aber auch kein stetiger Unglücksrabe, der sich die Bälle selbst reinwirft. Überkritische Experten kreiden ihm das Zaubertor des Norwegers Schjelderup an (auch wegen seiner „nur“ 1,85 Meter Körpergröße), da würde ich allerdings nicht unbedingt mitgehen.
Emiliano Martinez hat Pickford vieles voraus, auf jeden Fall 10 Zentimeter Körpergröße. Vor allem ist er schon Weltmeister. Er hatte 2022 gehörigen Anteil daran, als er im WM-Finale zunächst mit einer fast unwirklichen Parade in letzter Minute ein fast sicheres Gegentor und die Niederlage verhinderte (Frankreichs Kolo Muani träumt heute noch davon) und dann auch im Elfmeterschießen den letztlich entscheidenden Versuch von Kingsley Coman entschärfte (leider file er durch einen verachtenden Jubel extrem negativ auf). Martinez ist wie Pickford ein Spezialist für Elfmeterschießen. Im WM-Viertelfinale 2022 wehrte er gegen Holland sogar zwei Schüsse ab, und bei der Copa 2021 setzte er sich im Halbfinale gegen Kolumbiens als Elfmeterkiller durch.
X-Faktoren
Argentiniens Weltmeister: Wie es aussieht werden gleich neun Spieler, die im WM-Finale 2022 begannen, auch am Mittwoch in der Startelf stehen, und auch die Auswechselspieler Lautaro Martinez und Otamendi waren in Katar schon dabei. Erfahrung für heikle Spiele haben sie also genug, fragt sich halt, ob sie auch genug Kraft und Energie aufwenden können. Wie schnell das dann geht mit einem positiven Erlebnis, hzeigte im Viertelfinale Julian Alvarez. Der Stürmer von Atlético Madrid spielte ein lausiges Turnier, und entschied die Partie mit einem sagenhaften Tor.
Die Kraft: Sowohl Argentinien als auch England brauchten im Viertelfinale eine Verlängerung zum Weiterkommen. Gerade die Argenitnier wirkten zeitweise gegen die Schweiz sehr müde. Sogar ihre Überzahl in der Verlängerung konnten sie kaum zu vernünftigen Angriffe nutzen.
🧠 England
Vieles spricht fürs Tuchel-Team. Und doch: Argentinien muss erst mal bezwungen werden. Keine Mannschaft ist außerdem dermaßen gut eingespielt – und kein anderes Team würde dermaßen ergeben und aufopferungsvoll versuchen, ihren nicht kämpfenden Starspieler zu kompensieren. Wie kein anderer Halbfinalist hangelte der Titelverteidiger schon am Abgrund, und zog sich doch immer wieder mit eigener Kraft heraus. Bösartige Kritiker behaupten allerdings auch, dass kein Team so sehr die Hilfe der Schiedsrichter in Anspruch genommen hat. Die pfiffen schon reichlich Argentinien-freundlich, um es in aller Vorsicht zu formulieren.
Geistesblitze der Argentinier sind immer drin, von Messi, von Àlvarez, von Lautaro Martinez; außerdem unfassbar gefährliche Standards, die man nicht alle vermeiden kann. De Engländer müssten mehr Frische in die Wagschale werfen können, und Standards können sie auch. Und sie haben Harry Kane, meinen potenziellen Matchwinner. Hier zuerst gelesen.
von Münchner Löwe | Mai 7, 2026 | Fußball
Die bisher so großartige Saison des FC Bayern hat im Halbfinale der Champions League international ein jähes Ende gefunden. Das 1:1 im Rückspiel gegen Titelverteidiger Paris St. Germain war zu wenig nach dem spektakulären 4:5 im Hinspiel. Im Blickpunkt stand der portugiesische Schiedsrichter Pinheiro: Wegen zwei umstrittenen Entscheidungen hatte er schon während des Spiels en Zorn der Münchner Spieler/Fans auf sich gezogen und auch das völlige Unverständnis der Kommentatoren bei DAZN.
Schon früh waren die Pariser in Führung gegangen als der überragende Kvisha Kvavartskela auf der linken Seite allen entwischte, fast von der Grundlinie den völlig freien Ousmane Dembélé bediente, der mit einem knallharten Direktschuss uner die Latte Manuel Neuer überhaupt keine Chance ließ. Der Ausgleich in der 4. Minute der Nachspielzeit durch Harry Kane kam zu spät. Erst da hatten die Münchner ein Mittel gegen den dichten Abwehrriegel der Pariser gefunden. Die insgesamt den reiferen und besseren Eindruck machten, allerdings auch beste Möglichkeiten zum Erhöhen fahrlässig ausließen beziehungsweise am sehr starken Manuel Neuer scheiterten.
Und was war jetzt mit dem Schiri
Im Wesentlichen 2 Entscheidungen des Mannes aus Portugal (darauf kommen wir noch) entfachten die Wut der Münchner.
Szene 1: das Handspiel von Nuno Mendez
was war passiert?
nach einem Vorstoß von Konni Laimer im Mittelfeld stoppte der Portugiese den Ball mit dem Oberarm. Die logische Folge auf dem ersten Blick wäre gewesen, Freistoß für Bayern, Gelb und damit Gelb-Rot (Platzverweis) für den bereits verwarnten Mendez.
was machte der Schiedsrichter
ahndete ein Handspiel von Laimer. Er will gesehen haben, dass der Österreicher seinerseits bei seinem Vorstoß den Ball mit der Hand spielte. Besser gesagt tat das der vierte Offizielle am Spielfeldrand, vor dessen Augen das Ganze stattfand; es gab offenbar einen Hinweis von ihm, ganz klar ist die Kommunikation nicht (von den Schiedsrichtern gibt es bei internationalen Top-Partien nie eine Erklärung über das, was sie so treiben und pfeifen). Gepfiffen wurde jedenfalls erst, als Mendez den Ball gespielt hat, also mit einem Zeitversatz von etwa 4 Sekunden. Und zumindest die mir zur Verfügung stehenden Fernsehbilder lassen eher keine Hand von Laimer erkennen. Aber trotz der Proteste blieb Pinheiro unerschütterlich (?!) bei seiner Wahrnehmung (Laimer-Handspiel) und damit auch bei seinem Pfiff für die Pariser.
Was könnte dahinterstehen?
Die Schlussfolgerung der Münchner: Pinheiro wollte auf jeden Fall die Gelb-Rote Karte (extreme Spielbeeinflussung) vermeiden und „erfand“ (auf Zuruf des 4. Schiedsrichters) das andere Handspiel. Die Frage, die sich mir dann stellt, wenn das so wäre: Warum belässt er es nicht einfach beim Handfreistoß für Bayern und lässt die Gelbe Karte stecken mit einer wirklich allerletzten Ermahnung. Derlei geschieht andauernd (nicht sooo klares Hand, es war ja fast die Schulter, keine echte Absicht). Aber offenbar hatten er und seine Crew eben etwas gesehen, was dem Rest der Fußballwelt verborgen blieb; ein klassischer Wahrnehmungsfehler. Ob er jetzt besser dasteht (auch Schiedsrichter unterliegen Leistungskontrollen von offiziellen Beobachtern), wage ich allerdings zu bezweifeln.
Sind die Folgen so dramatisch
Natürlich hätte das Spiel 11:10 eine ganz andere Wendung genommen. Eine Stunde Unterzahl auf diesem Niveau und dieser engen Leistungsdiskrepanz zweier Top-Teams ist ein fast nicht gutzumachender Nachteil. Deshalb ist die Wut der Münchner durchaus verständlich. Von „Skandal!“ (Bild) kann allerdings nicht die Rede sein. Profan urteile ich: Der Schiri hat im Mittelfeld eine Hand-Situation falsch beurteilt. Kommt in jedem Spiel zigfach vor, ohne dass sich die Fußball-Nation und noch viele mehr aufregen. Ein mehr oder weniger Unbeteiligter kann ich natürlich schlau daherreden …
Szene 2: das Handspiel des Joao Neves
Was war passiert?
Nach einer zu kurzen Torwartparade will Vitinha den Ball aus dem Strafraum dreschen. Er trifft dabei noch innerhalb des Strafraums (unstrittig) die Hand von PSG-Spieler Neves – ausgestreckt hoch über seinem Kopf (unstrittig).
Was macht der Schiedsrichter
Nichts. Kein Elfmeterpfiff und auch kein Konsultieren des VAR, obwohl ihn fast das ganze Bayern-Team bestürmte und auch alle Kommentatoren von einer „klaren Fehlentscheidung“ sprachen.
Was steckt dahinter?
die Regelauslegung der UEFA, nämlich die sogenannte Teammate-Regel. Die besagt klar und eindeutig, dass es keinen Elfmeter geben soll/darf, wenn ein eigene Abwehrspieler bei einem Befreiungsschlag! (also weg vom Tor die Hand eines Mitspieles trifft): Teammate zu Teammate. Ergibt ja auch Sinn, denn welcher Abwehrspieler bei Sinnen (nona, es geht um Fußball) stoppt mit Absicht (auf die kommt es grundsätzlich an bei Handspielen) einen Ball im Strafraum und beschwört womöglich eine nächste bedrohliche Situation. Eine Regelauslegung ganz im Sinne des Fußballs (dessen Sinn es eben nicht ist, unsinnige Elfmeter zu geben), da sind sich letztlich auch alle einig. Die Riesenaufregung basierte vor allem darauf, dass diese Teammate-zu-Teammate-Regel bis dato weitgehend unbekannt war (auch die Herren Fußball-Kommentatoren mussten sich erst schlau machen und nahmen dann recht kleinlaut ihre zuvor wüsten Beschimpfungen zurück).
Sind die Folgen so dramatisch?
Kein Zweifel: ein Elfmeter ist zu 75 Prozent ein Tor, beim Bayern-Spieler Harry Kane in wichtigen Partien zu 100 Prozent. Es wäre der Ausgleich noch vor der Pause gewesen – und dann hätte nur ein Tor zu Verlängerung gefehlt.
Das grundsätzliche Theater
Der Ton war gesetzt: Schuld am Ausscheiden ist der Schiedsrichter. Sagte explizit niemand der Bayern-Spilder und -Veranwwortlichen (und alle räumten die Klasse und Überlegenheit von PSG auch ein), aber die Kritik war einhellig: Wir (die Bayern) sind verpfiffen worden. Dass Gezetere und Geweine trieb dann Sportvorstand Max Eberl auf die Spitze. Es sei ein Freundschaftsdienst des portugiesischen Schiedsrichters Pinheiro an seine portugiesischen Landsleute im PSG-Dress gewesen (nicht nur die Übeltäter Mendez und Neves, sondern auch noch Spielgestalter Vitinha sind Portugiesen). Der von mit einst geschätzte Marcel Reif prangerte im Bild-Talk (auch deshalb das „einst“) am Donnerstag (also nach einer Nacht des offenbar kurzen Überschlafens) die UEFA an, dass sie bei dieser Personen-Konstellation (viele Portugiesen bei PSG) niemals einen portugiesischen Schiri hätten benennen dürfen.
Fast alle monierten die Unerfahrenheit von Pinheiro, der bis dato nur 15 Champions-League-Spiele gepfiffen hatte und dem schlicht der Mut zu tiefgreifenden Entscheidungen gefehlt hätte. Hübsch fand ich Vorstands-Chef Jan Dreßen, der kritisierte: Wie kann es sein, dasss die UEFA einen Schiedsrichter benannt hat, der noch die ein Halbfinale gepfiffen hat? (irgendwann muss es halt das erste Mal sein, Herr Dreßen).
Was bleibt sonst?
- Bayern-Müdigkeit: viele Münchner bleiben weit unter ihrem Leistungsstandard zurück, vor allem auch der in dieser Saison überragende Michael Olise und trotz seines Tores auch der ansonsten weitgehend ungefährliche Harry Kane. Meine (nicht bewiesene!) These. Olise, Kane und auch Luis Diaz haben zuletzt zu viele Körner in der Bundesliga gelassen, als sie eingesetzt wurden, obwohl die Meisterschaft längst entschieden war. Auch am vergangen Samstag, als sie in der 2. Halbzeit mit alle Macht gegen ein sich verzweifelt wehrendes Heidenheim noch in der Schlussminute den Ausgleich retteten (ähnliches eine Woche zuvor in Mainz, dort schafften die eingewechselten Top-Stars nach einem 0:3 ein 4:3). Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, gerade Olise, Kane und auch Diaz eine komplette Pause zu gönnen, also einen ode zwei Tage ohne Fußball, respektive mit Konzentration allein auf PSG. Die Pariser etwa verzichteten am Samstag gegen Lorient gänzlich auf die Dienste von Kvarazskhelia, Dembele und Abwehrchef Marquinos. Der Rest riss sich beim 2:2 keine Beine raus.
Dass Vincent Kompany das nicht getan hat, liegt eben auch am sehr kleinen Kader gerade in der Offensive.
- Neuers Glanzleistung: Für mich war sie sogar noch besser als die beim bereits sagenumwobenen Viertelfinale in Madrid. Diesmal nämlich wehrte er sogenannte „Unhaltbare“ Schüsse ab (die man also schon im tor sieht), etwa gegen Neves Kopfball in der 1. Halbzeit und im 2. Durchgang verhindete er mehrere Male einen höheren Rückstand gegen Doué, Kvaratshkelia und Barcola. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass Neuer ein weiteres Jahr dranhängt. Obs im Sinne von seinem potentiellen Nachfolger Jonas Urbig ist und dessen Karriere förderlich, sei mal dahingestellt. Denn er verliert ein weiteres Jahr, denn jetzt hilft nur Spielpraxis – nicht nur gegen Mainz und Co., sondern eben auch in einem Champions-League-Halbfinale!.
- Kompanys Wechsel: Wechselfehler, behaupte ich. So verzichtete der belgische Trainer gänzlich auf die Dienste von Leon goetzka, der mit seiner Kopfballstärke und Torgefährlichkeit durchaus Unheil hätte anrichten können. Auch dass Kompany den veritablen Offensivkünstler Lennart Karl erst sehr spät brachte (82.) stattdessen vorher die Abwehrleute Kim und Davies, erschloss sich den Wenigsten. Klar, der Jungspund kommt von einer längeren Verletzungspause, aber offensichtlich war er fit, und in den wenigen Aktionen, die ihm blieben, deutete er seine Gefährlichkeit an.
In kann es letztlich nicht anders urteilen: Luis Enrique hat Kompany ausgecoacht, wie es neudeutsch so schön heißt. Er hat eben die paar Jahre Erfahrung mehr, die man offenbar braucht.
Jetzt wartet Arsenal auf PSG
Die Londoner erreichten am Diensgag durch ein 1:0 gegen Atlético Madrid das Endspiel. Die Spanier waren eine einzige Enttäuschung: trotz veritabler Offensivkräfte wie Alvarez, Griezmann und Lookman entwickelten die Madrilenen nie Druck genug, um die Arsenal-Abwehr in die Bredouille zu bringen (trotzdem hatte Trainer-Sohn Simeone eine Riesenchance). Einem Offenbarungseid kam es dann gleich, als Diego Simeone seine gefährlichsten Kräfte Lookman (57.), Griezmann und Alvarez (je 66.) recht früh vom Feld nahm. Da war mit als Atletico-Sympathisant) klar, dass das nichts mehr werden würde.
Ich sehe das Finale am 30 Mai in Budapest (18 Uhr) recht offen. Die Kondoner scheinen sich wieder einigemaßen gefangen zu haben und sind in der Abwehr schier unüberwindlich. Eine große Rolle wird spielen, ob sie als englischer Meister (danach sieht es gerade aus) ode nur als zweiter (Arsenal kann sehr gut verbaseln) zum Finale in die ungarische Hauptstadt reisen.
von Münchner Löwe | Sep. 13, 2025 | basketball, EM
Basketball-EM, Halbfinale
Letztlich souverän schafften die deutschen Riesen den Sprung ins Endspiel. Gegen Finnland gewannen Dennis Schröder und Co. mit 98:86. Nur ganz zu Beginn lag das Team zurück, ein donnernder Slam Dunk von Franz Wagner Mitte des 1. Viertels war das Zeichen, dass man es jetzt Ernst nehmen möge gegen die Suomis, die im Achtelfinale immerhin den Titelfavoriten Serbien aus dem Turnier genommen hatten.
Das gab den Skandinaviern um NBA-Star Lauri Markkanen durchaus Selbstvertrauen, doch die Deutschen sind mittlerweile wirklich gefestigt (für mich, der auch die Niederungen des deutschen Basketballs miterlitten hat, schrebt sich das immer noch extrem verwunderlich). Immer wenn es eng zu werden drohte besannen sie sich, und vor allem trafen sie dieses Mal auch aus der Ferne. Die Dreierquote von 40 Prozent ist jedenfalls die mit Abstand beste im Turnierverlauf, und sogar Franz Wagner, der bis dato jenseits der 6,25-Meter-Linie so gut wie überhaupt nichts getroffen hatte und jenseits von Gut und Böse, fand gleich mit 3 Versuchen das Ziel. Gott sei Dank hörte Coach Alex Ibrahimagic (er heißt wirklich so!!!) nicht auf meinen Rat, er möge Wagner den Dreier mögllichst verbieten …)
Zwei Stärken der Finnen aus Achtel- und Viertelfinale kamen dagegen weniger zum Tragen: die Offensiv-Rebounds und ihre eigenen Dreier. Da deuteten sie jeweils ihre Klasse (Muurinen) nur an. Trotz der Niederlage werden sie mit dem schon jetzt besten Abschneiden ihrer EM-Geschichte hochzufrieden sein, zumal sie am Sonntag mit einem Sieg gegen Griechenland sogar eine Medaille gewinnen könnten. Und die Zukunft scheint ohnehin äußerst hell.
Finale, Deutschland – Türkei (Sonntag, 20 Uhr, Magenta Sport, RTL)
Im Endspiel wartet allerdings mit der Türkei ein ganz anderes Kaliber. Im emotionalen Duell gegen Nachbar Griechenland ließen NBA-Star Alperin Sengün und Co. von Beginn an nicht den geringsten Zweifel am Sieg. Können sie diese Form ins Finale transportieren, wird es verdammt schwer für die Deutschen. Denn die Türken haben eine enorm homogene Mannschaft beieinander und befinden sich auf ihrer Mission Titel. Gegen die Griechen langte es fast locker, deren Star Giannis Antetokuonpo kam praktisch überhaupt nicht zur Geltung und musste sich mit für ihn kümmerlichen 12 Punkten begnügen. Was die Türkei zeigte gerade in der 1. Halbzeit des Halbfinals, war jedenfalls klar das Beste, was ich bei diesem Turnier gesehen habe. Mit dieser Erkentnis stehe ich wahrlich nicht allein.
Aber Quervergleiche sind natürlich immer schwierig, und jede Partie beginnt von Neuem (das Phrasenschwein muss auch gefüttert werden …). Zumal die Türken völliges Neuland betreten, zumindest diese Spieler-Generation. 2001 hatte eine türkische Mannschaft das EM-Finale beim Heimturnier erreicht, das gegen ein jugoslawisches Team verloren wurde; übrigens nach einem denkwürdigen Halbfinale gegen Deutschland (mit Dirk Nowitzki) nach Verlängerung, die der damalige Superstar Hidayet Törkoglu mit einem unglaublichen Dreier erreichte. Noch immer fragen sich Experten und hadern deutsche Fans, warum man nicht vorher gefoult hatte, um ein 3-Punkte-Spiel (und den Ausgleich) zu verhindern. Die Frage und vor allem deren Antwort wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Von diesem Team ist natürlich kein Spieler mehr dabei.
zum Nachleiden ca.1:20:00): https://www.youtube.com/watch?v=KE_orYNbt6w
Die Deutschen dagegen sind finalerprobt aus dem siegreichen WM-Endspiel 2023 in Manila gegen Serbien (nach dem unglaublichen Halbfinal-Erfolg zuvor gegen die USA). Gerade die Stützen Dennis Schröder, Franz Wagner und Daniel Theis sowie Dreier-Spezialist Andi Obst naben also Erfahrung, wenn es tatsächlich um den Titel geht. Letztgenannter muss allerdings noch ein wenig an seinem Visier schrauben.
Es ist das 3. EM-Finale einer deutschen Mannschaft. 1993 gewann das Team in einem Thriller in der Münchner Olympiahalle gegen Russland (Reporter Fritz Thurn und Taxis, unvergessen), 2005 verloren Dirk Nowitzki (zum MvP des Turniers gewählt) und Co. gegen Griechenland nahezu chancenlos mit 62:78.
Für mich sind die Türken leichter Favorit, weil sie eben nicht nur den einen Superstar haben wie die deutschen K.-o.-Runden-Gegner Slowenien (Doncic) und Finnland (Markkanen). Andererseits haben sie ihr perfektes Spiel schon hinter sich, während bei den Deutschen tatsächlich noch Potenzial nach oben ist. Eines scheint allerdings sicher: Auf die Basketball-Fans wartet ein großer Abend.
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