Da sage noch einer, dass die Fußball-Weltrangliste erratisch zusammengewürfelt ist nach nicht nachvollziehbaren Kriterien (so wie ich es wiederholt tue). Die Top 4 jedenfalls sind im Halbfinale unter sich, auch weil die FIFA in einem erstaunlichen Anflug von Weisheit eine Setzung vorgenommen hat. Sprich: Sie hat die Gruppen so gelegt, dass Frankreich, Spanien, England und Argentinien nicht aufeinandertreffen konnten, wenn sie denn ihre Gruppe als Erste abschließen (was allen Vieren mehr oder weniger souverän gelungen ist). Mir persönlich gefällt dieses Setzen sehr, es gibt aber auch Gegenstimmen, beispielsweise in der SZ. Ich sage nur (jenseits von subjektiven Vorlieben): Ich finde es gut, dass wir jetzt im Halbfinale zwei absolute Top-Begegnungen erwarten dürfen; ob es dann auch Top-Spiele werden, bleibt dann abzuwarten
Frankreich – Spanien
Di., 21.00 in Dallas (ZDF und Magenta sowie ORF 1 und SRF)
Die Partie findet in Dallas statt, Spielbeginn 14 Uhr Ortszeit. Die texanische Hitze ist allerdings kein Problem, denn das Stadion ist voll überdacht und voll klimatisiert. Das letzte Aufeinandertreffen war ein wildes 5:4 der Spanier im Halbfinale der Nations League 2025. 4:0 und 5:1 führten die Spanier, ehe die Franzosen noch auf 4:5 herankamen, ehe ihnen die Zeit ausging. Auch ein Jahr zuvor im EM-Halbfinale hatten die Spanier mit 2.1 das bessere Ende für sich.
Was das fürs heutige Halbfinale bedeutet? Nichts, nada, rien. Denn gerade die Franzosen sind ein ganz anderes Team. Eines, das endlich seine Angriffs-Power auch auszunutzen geruht und sein Heil in der (kontrollierten) Offensive sucht. Die Spanier verlassen sich dagegen weiter auf ihre tolle Deckungsarbeit und ihr hervorragendes Kombinationsspiel.
Die Stars
Kylian Mbappé: Für mich bisher der Spieler des Turniers. Der selbst Chancen kreieren kann und auch selbst vollenden. Der auch die vortrefflichsten Zuarbeiter hat, vor allem Michael Olise, der allerdings in den vergangenen Partien gegen Paraguay und Marokko nicht mehr ganz so auffällig agierte. Mbappé hat wieder das Selbstvertrauen, lässt sich auch durch einen ziemlich erbärmlich vergebenen Elfmeter nicht aus dem Konzept bringen. Und wenn er an die Kette gelegt wird, dann ist da auch noch ein gewisser Ousmane Dembélé, der amtierende Weltfußballer.
Bei den Spaniern sehe ich nicht den herausragenden Einzelspieler. Lamine Yamal war für diese Rolle vorgesehen: Der 18-jährige Außenspieler spielt auch gut, mannschaftsdienlich, aber nicht überragend. Zumindest nicht so überragend und mit so tollen Treffern, wie wir ihn schon im spanischen Dress und beim FC Barcelona gesehen haben.
Wenns nicht so abgedroschen klingen würde: Der Star der Spanier ist die Mannschaft, herausheben würde ich dennoch einen Dani Olmo, ein Mann mit so vielen schlauen Einfällen. Und auch wenn vorne Mikel Oyarzabel nicht ganz so auffällig spielt wie die Stürmerstars Kane und Haaland und Co., aus den Augen darf ihn niemand verlieren.
Die Verteidiger
Wirklich geprüft wurden die französischen Abwehrspieler bisher noch nicht, egal ob Dayot Upamecano innen oder Lucas Digne außen. Für mich wirkt der Abwehrverbund nicht hundertprozent sicher, das ist eher ein Gefühl, als dass ich es belegen könnte. Aber wann immer sich gegnerische Mannschaften nach vorne aufgemacht hatten (was selten genug vorkam), es kam Gefahr auf.
Ich bin wirklich sehr gespannt, wie Digne und auch Kounde mit den bärenstarken Außenstürmern Yamal und vielleicht sogar Nico Williams zurechtkommen.
Die Spanier haben den vielleicht besten Innenverteidiger des Turniers in ihren Reihen. Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und dennoch strahlt der Jungspund des FC Barcelona eine Ruhe und Abgeklärtheit und Klasse aus wie ein schlachtenerprobter Haudegen. Marc Cucurella ist der beste Linksverteidiger des Turniers, wobei „Verteidiger“ angesichts seine Dauer-Vorstöße eine sehr unzureichende Bezeichnung ist.
Die Torhüter
Mike Maignan blieb zuletzt nahezu ohne Beschäftigung. Er verfügt über glänzende Reflexe, wirkt aber im Herauslaufen nicht immer souverän.
Unai Simon würde ich stärker einschätzen. Für viele ist ja schon überraschend, dass der unfassbar gute David Raya vom FC Arsenal nicht die Nummer 1 ist. Simon von Athletic Bilbao genießt das uneingeschränkte Vertrauen von Trainer de la Fuente.
X-Faktoren
Die Bankspieler:
Das sind die Spanier vielleicht noch breiter aufgestellt als die Franzosen, auf extrem hohem Niveau. Die Franzosen haben ihr A-Team, allenfalls die Frage ob Doué oder Barcola als vierte Offensivkraft aufgestellt wird, ist strittig.
Die Spanier haben sehr viel nachzulegen, gerade auch offensiv. An erster Stelle natürlich Mikel Merino, der Super-Joker. Nur jeweils fünf Minuten brauchte er gegen Portugal und Belgien, ehe er als Einwechselspieler das jeweilige Siegtor erzielte. Wenn Nico Williams als Linksaußen in die Partie kommen sollte, ist das ein weiterer sehr schwer zu stoppender Gefahrenherd.
Defensives Mittelfeld
Die Schaltstation: Es gilt die gegnerischen Angriffe abzufangen und seinerseits Offensiv-Aktionen zu innitiieren. Vielleicht der größte Vorteil der Spanier, denn Rodri ist mit der Beste auf dieser Position und mittlerweile auch wieder gut in Form. Bei den Franzosen fällt Rabiot dem gegenüber doch leicht ab.
🧠 Frankreich
Ich sehe die Equipe tricolore hauchzart vorn. Kleinigkeiten werden entscheiden (ich hoffe sehr, dass es keine Fehler der Unparteiischen sind). Mbappé wird den Unterschied ausmachen, doch wehe, das spanische Mittelfeld bekommt die Hand aufs Geschehen.
England – Argentinien
Mittwoch, 21 Uhr in Atlanta, ARD und Magenta sowie ServusTV und SRF
England gegen Argentinien, wer von den Älteren erinnert sich nicht an das WM-Viertelfinale 1986 im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt mit Hauptdarsteller Diego Maradona. Zuerst die Hand Gottes, dann das tollste Solo der WM-Geschichte. Am Ende stand es 2:1 für Argentinien, und eine Woche später waren die Südamerikaner Weltmeister.
Wenn die Neutralen das schon nicht vergessen, dann natürlich erst recht nicht die Beteiligten. Die Engländer fiebern dem Duell förmlich entgegen, Veteranen aus dem Falklandkrieg melden sich zu Wort. Kühlen Kopf zu bewahren und sich der aktuellen Aufgabe zu stellen, ist also gar nicht so einfach. Wenn es einer kann, dann doch der eher technokratische deutsche Trainer Thomas Tuchel!? Der das Spiel damals als Zwölfjähriger verfolgte (ich geh mal davon aus, dass er das tat). Und die Engländer haben ja schon eine Azteka-Nemesis überwunden, nämlich als sie im Achtelfinale in eben dieser Spielstätte den fulminanten 3:2-Erfolg über Gastgeber Mexiko bewerkstelligten.
Die Argentinier sind die letzten Nicht-Europäer im Feld. Von allen Halbfinalisten geben sie mir die meisten Rätsel auf, was ihr Leistungsvermögen betrifft. Einerseits Zittereien gegen die afrikanischen no names (nona) Kap Verden und Ägypten, und auch der Auftritt im Viertelfinale gegen die Schweiz offenbarte Schwächen. Ändererseits: Wenn sie denn gefordert waren, dann waren sie zur Stelle. Das Powerplay gegen Ägypten bei 0:2-Rückstand, den sie in ein 3:2 verwandelten, war faszinierend und sollte jedem eine Warnung sein, der dieses Team unterschätzen will.
Die Stars
Bei England sind es zwei, auf die sich alles konzentriert: Harry Kane und Jude Bellingham. zwei absolute Unterschiedsspieler. Hier der Torjäger des FC Bayern mit dem vielleicht besten Torschuss im Weltfußball, dort der eher filigrane, enorm ideenreiche Bellingham von Real Madrid. Wo er eine recht lausige Saison hinter sich hat und sich unter anderem mit dem inzwischen gefeuerten Xabi Alonso zerstritt.
Als Tuchel die Mannschaft und auch Bellingham kritisierte, trotz seiner jeweils zwei Tore gegen Mexiko und Norwegen, da schlug Bellingham zurück, stellte die Kompetenz von Tuchel in Frage (naja, so schlimm war es nicht, aber er sagte sinngemäß, der Trainer habe auf so hohem Niveau nie gespielt).
Im Zweifel werden die Wogen sich glätten. Dann hat England ein veritables Offensiv-Duo, das auch den Argentiniern viel Ärger machen könnte.
Bei den Argentiniern dreht sich natürlich alles um Lionel Messi. Ein Faszinosum. Der 39-Jährige rennt kaum, er kämpft kaum, er verteidigt kaum, oft steht er fast teilnahmslos herum. Stehgeiger nennen die Österreicher so einen Künstler. Doch wenn Messi am Ball ist, dann kann jederzeit Magisches geschehen. Nicht nur bei den Frei- und Eckstößen, die er so gefährlich wie kaum ein Zweiter zu treten weiß. Auch während des Spiels kann er jederzeit den Unterschied ausmachen. Wenn er etwa 25 Meter vorm Tor am Ball ist, herrscht allergrößte Gefahr. Die erste Pflicht der Engländer lautet also: Messi also erst gar nicht an den Ball kommen lassen.
Acht Tore hat Lionel Messi mittlerweile erzielt, nur bei der vermeintlich einfachsten Übung, dem Elfmeter versagt er („Messi“ und „versagen“, ich kann so etwas kaum schreiben). Zweimal trat er an, einmal schoss er daneben, einmal in die Hände des gegnerischen Torwarts.
Die Verteidigung
Im Mexiko-Spiel, als die Engländer nur noch zu zehnt waren, konnten sich die Engländer auf ihre Verteidger verlassen, die alle allerdings auch recht einfallslosen Angriffe der Gastgeber unschädlich machten. Im Mittelpunkt stand da zum Beispiel der eingewechselte Burn, der alle Bälle wegköpfte, die da in den Strafraum flogen. Auch den Norwegern gelang es gegen England nicht, ihren Starstürmer Erling Haaland einzubinden. Wie es allerdings aussieht, wenn der Gegner mit Tempo agiert, muss sich noch herausstellen.
Die Argentinier verteidigen hart, überhart monieren manche, und die eher laxe Spielleitung der Schiedsrichter kommt dem entgegen. Wirklich sicher wirken sie allerdings nicht, obwohl sie sich seit Jahren kennenwie die insgesamt fünf Gegentreffer in den drei K.o-Spielen zeigen (mit Abstand die meisten aller Halbfinalisten).
Im defensiven Mittelfeld sehe ich klare Vorteile für England, vielleicht sogar die spielentscheidenden. Während ein Paredes auf Argentiniens Seite zwar efensiv ordentliche Arbeit verrichtet, ist Elliot Anderson der Shooting Star der Three Lions. Ein Laufwunder (14,81 Kilometer gegen England in Miamis schwüler Hitze), sehr stark im Bälle erobern, mit denen er dann auch etwas Vernünftiges anzufangen weiß. Vor der WM wechselte er für sagenhafte 136 Millionen Euro von Nottingham Forest zu Manchester City, wo er der designierte Nachfolger von Rodri ist (den ich vorher so gelobt habe).
Die Torhüter
England und die Torhüter – ein Kapitel für sich. Jordan Pickford sehe ich als solide im besten Sinne des Wortes an, kein Hexer zwischen den Pfosten, keiner, der die „Unhaltbaren“ reihenweise entschärft, aber auch kein stetiger Unglücksrabe, der sich die Bälle selbst reinwirft. Überkritische Experten kreiden ihm das Zaubertor des Norwegers Schjelderup an (auch wegen seiner „nur“ 1,85 Meter Körpergröße), da würde ich allerdings nicht unbedingt mitgehen.
Emiliano Martinez hat Pickford vieles voraus, auf jeden Fall 10 Zentimeter Körpergröße. Vor allem ist er schon Weltmeister. Er hatte 2022 gehörigen Anteil daran, als er im WM-Finale zunächst mit einer fast unwirklichen Parade in letzter Minute ein fast sicheres Gegentor und die Niederlage verhinderte (Frankreichs Kolo Muani träumt heute noch davon) und dann auch im Elfmeterschießen den letztlich entscheidenden Versuch von Kingsley Coman entschärfte (leider file er durch einen verachtenden Jubel extrem negativ auf). Martinez ist wie Pickford ein Spezialist für Elfmeterschießen. Im WM-Viertelfinale 2022 wehrte er gegen Holland sogar zwei Schüsse ab, und bei der Copa 2021 setzte er sich im Halbfinale gegen Kolumbiens als Elfmeterkiller durch.
X-Faktoren
Argentiniens Weltmeister: Wie es aussieht werden gleich neun Spieler, die im WM-Finale 2022 begannen, auch am Mittwoch in der Startelf stehen, und auch die Auswechselspieler Lautaro Martinez und Otamendi waren in Katar schon dabei. Erfahrung für heikle Spiele haben sie also genug, fragt sich halt, ob sie auch genug Kraft und Energie aufwenden können. Wie schnell das dann geht mit einem positiven Erlebnis, hzeigte im Viertelfinale Julian Alvarez. Der Stürmer von Atlético Madrid spielte ein lausiges Turnier, und entschied die Partie mit einem sagenhaften Tor.
Die Kraft: Sowohl Argentinien als auch England brauchten im Viertelfinale eine Verlängerung zum Weiterkommen. Gerade die Argenitnier wirkten zeitweise gegen die Schweiz sehr müde. Sogar ihre Überzahl in der Verlängerung konnten sie kaum zu vernünftigen Angriffe nutzen.
🧠 England
Vieles spricht fürs Tuchel-Team. Und doch: Argentinien muss erst mal bezwungen werden. Keine Mannschaft ist außerdem dermaßen gut eingespielt – und kein anderes Team würde dermaßen ergeben und aufopferungsvoll versuchen, ihren nicht kämpfenden Starspieler zu kompensieren. Wie kein anderer Halbfinalist hangelte der Titelverteidiger schon am Abgrund, und zog sich doch immer wieder mit eigener Kraft heraus. Bösartige Kritiker behaupten allerdings auch, dass kein Team so sehr die Hilfe der Schiedsrichter in Anspruch genommen hat. Die pfiffen schon reichlich Argentinien-freundlich, um es in aller Vorsicht zu formulieren.
Geistesblitze der Argentinier sind immer drin, von Messi, von Àlvarez, von Lautaro Martinez; außerdem unfassbar gefährliche Standards, die man nicht alle vermeiden kann. De Engländer müssten mehr Frische in die Wagschale werfen können, und Standards können sie auch. Und sie haben Harry Kane, meinen potenziellen Matchwinner. Hier zuerst gelesen.
Lieber Philipp,
es ist immer eine Freude, Deine fundierten und durchdachten Kommentare zu lesen. Freuen wir uns auf die Halbfinals!
Gruß
Richard
Ich glaube, ich warte auf deinen tollen Spielberichte. Auf der anderen Seite: vielleicht muss ich jetzt von dir angespornt doch noch gucken. Thanks, gracias, merci! P.S. Natürlich wird Argentinien weiterkommen und Spanien. Obwohl Mbappé mein Lieblingsspieler ist und ich ihm persönlich das Finale gönnen würde. Mit einem Wort: Vielleicht kommt auch Frankreich und England weiter:-)
Danke für die Analyse!
Nachdem Messi sich 2022 willenlos vom katarischen Emir einen dunklen Kaftan über den Kopf stülpen liess, sollte er diesmal dringend vermeiden, daß Trump ihm bei der Siegerehrung z B einen Cowboyhut verpasst. Kurz gesagt: Messi go home.
Bei Frankreich – Spanien habe ich keine Präferenz, nur ein schönes Spiel solls werden. Und doch – andererseits: Frankreich – England fürs Endspiel wäre durchaus wünschenswert.