Zehn Tage ist das beschämende Ausscheiden der deutschen Fußballer her, doch die Zukunft scheint golden. Denn unser Jürgen Klopp steht bereit, und vielleicht schon dieses, spätestens nächstes Wochenende wird auch vertraglich festgezurrt, was alle erhoffen: Dass nämlich der Wundertrainer das Team übernimmt, flugs alle Missstände im deutschen Fußball beseitigt und zu den gar nicht sooo lange vergangenen Hochzeiten zurückführt. Der EM-Titel 2028, noch dazu in Klopps zweiter Wahlheimat England, scheint da doch nur Formsache, oder?

 

Tolle sportliche Bilanz

 

An der sportlichen Expertise besteht kein Zweifel, das zeigen auch die Erfolge seiner drei Profiteams FSV Mainz 05 (Aufstieg und Etablieren in der 1. Bundesliga), Borussia Dortmund (2 Meistertitel und ein Pokalsieg, dazu ein verlorenes Champiosn-League-Finale) und dem FC Liverpool (1 Meistertitel,  Champions League und 2 verlorene Finals, 1 Pokalsieg). Klopp machte jedes seiner drei Teams deutlich besser, mit eine klaren und durchaus attraktiven Spielphilosphie. Bei all seinen Stationen war er extrem beliebt, in Liverpool steht er als Manager auf einer Stufe mit den Club-Legenden Bill Shankley und Bob Paisley; er war zeitweise in der Stadt mindestens so beliebt wie die Beatles.

 

Der Charakter

 

Klopp gilt als Menschenfänger, als sehr guter Motivator. Aber auch als sehr selbstbewusst. Der auch nie verhehlte, dass ihn der Job des Bundestrainers reizen würde. Doch mir geht das alles jetzt viel zu schnell. Dass und wie hartnäckig Klopp sich geradezu aufdrängte über Magenta, wo er eigentlich nur als Experte angestellt war. Diesen Job missbrauchte geradezu schamlos als Eigenbewerbung. Kaum dass Jonathan Tah den letzten Elfmeter in die Wolken von Boston gejagt hatte, war die Nachricht Klopp-Bundestrainer schon offiziell vermeldet auch von Klopp (noch vor Nagelsmann Rücktrittserklärung. Und das, obwohl er „Head of Soccer“ einen bestens dotierten Job (10 Mios/Jahr) hat ohne Ausstiegsklausel, wie es heißt. Eine Lappalie, findet Job, um dann zu heucheln: „Ich halte Verträge liebend gerne ein.“ Besser lügen kann nur Fritze Merz.

Auch wie der DFB allzu willfährig auf alle Forderungen von Klopp eingeht, gefällt mir nicht. So eilig ist es dann doch nicht, als dass man nicht in Ruhe auch Alternativen seriös prüfen könnte. Etwa das bisherige Nogo, nämlich einen ausländischen Trainer, der nicht mit dem ganzen DFB-Muff zu tun hat; den indiskutablen Funktionären, die jetzt offenbar alle ihren Job behalten dürfen. Ob sich dann wirklich so viel ändert, bleibt abzuwarten

 

Rudi Völlers indiskutable Rolle

 

Offiziell war Rudi Völler Sportdirektor. Rudi Völler ist der Deutschen allerliebster Fußballer, dem man alles verzeiht, auch und vor allem Abkanzeln von Kritikern. Offiziell war er als Sportdirektor angestellt. Inoffiziell war er so etwas wie das Kindermädchen und der Aufpasser von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Klang hervorragend: Der WM-erfahrene Völler (3 Turniere als Spieler/1990 und Vizeweltmeister1986), eines als Trainer (Vize-Weltmeister 2002) sollte dem Turnier-Novizen Nagelsmann helfen. In der Praxis war es dann so, dass Völler sämtliche Fehler von Nagelsmann mittrug. Das begann mit der entsetzlichen Rückholaktion von Neuer und hörte mit den Spieler-Frauen im WM-Camp noch längst nicht auf. Kein Wort der Kritik seitens Völlers, alles schien supi: das Quartier, die Stimmung.
Erst nach dem Ausscheiden motzte Völler und lederte gegen den Bundestrainer in schamlosester Weise, wie katastrophal alles gewesen sei. Die absurden Berichte aus Winston-Salem (die hochbezahlte Profis spielen aus purer Langeweile VERSTECKEN!) taten ihr Übriges. Völler tut jetzt so, als habe er damit absolut nichts zu tun. Zur Belohnung darf er weiter dilettieren, immerhin für ein Salär von 1 Million Euro/Jahr. (Disclaimer: Ich liebe Rudi Völler seit seiner Löwen-Zeit 1981 und 82. Falls das jetzt nicht so rüber kam …)

Immerhin ein Schnäppchen im Vergleich zum Slär des sehr geschäftstüchtigen Klopp. Angeblich pocht dieser nicht auf jeden Euro und will nur ein bisschen mehr als 7 Millionen Euronen jährlich, also nur etwas mehr als Nagelsmann verdiente. Immerhin erspart sich der DFB offenbar ein Herauskaufen von Klopp aus dem Red-Bull-Verterag. Der Brausegigant erkennt den irrsinnigen Werbewert von Klopp, der dem Vernehmen nach Werbebotschafter bleibt. Mit Werbung kennt Klopp sich ja aus: Von Autohersteller über Bier, Schokoriegel, Finanzberatung bis hin zu Fitnessgeräten – keine Branche ist vor ihm sicher.

 

Kann Klopp auch Bundestrainer

 

Die Klopp-Teams zeichnete eine ganz spezielle Spielphilophie aus. Die sich allerdings nur in täglicher Zusammen- und Kleinstarbeit erschlossen wurde. Trotzdem dauerte es sowohl in Dortmund als auch in Liverpool einige Zeit, bis die Rädchen ineinandergriffen und die Spieler begriffen, was Klopp wollte. Dieses tägliche Zusammenarbeiten fällt in Nationalteams praktisch aus. Zu Länderspielblocks kommt die Mannschaft gut eine Woche zusammen, in denen bestenfalls Feinjustierung gelingen kann. Dazwischen haben die jeweiligen Clubtrainer mit ihren eigenen, durchaus auch gegensätzlichen Vorstellungen das Sagen: Trainern, denen die Belange der Nationalspieler gleichgültig sind und im Vereinsinteresse auch sein müssen.
Was Klopp auch nicht kann: Spieler einfach dazukaufen. Beispiel FC Liverpool. Schnell war klar, dass dem Team ein überdurchschnittlicher Abwehrspieler fehlt. Die Engländer griffen tief in die Vereinsschatulle und eisten den Hlländer Virgil van Dijk für 85 Millionen Euro vom Liga-Konkurrenten FC Southampton los.

 

Und doch: Positives überwiegt

 

Auch wenn Zweifel durchaus vorhanden und auch berechtigt sind. Klopp wird dem Nationalteam gut tun, schlimmer kann es auch wirklich nimmer werden nach jetzt drei Katastrophen-WMs mit ganz frühem Aus. Er genießt die uneingeschränkte Unterstützung der Bundesliga und auch die der Boulevard-Journalisten, die ihren Klopp  schon längst als Wunsch-Bundestrainer proklamieren. Interessant wird sein, ob und wie tief Klopp auch den Verband durcheinanderwirbeln kann. Wenn ich höre, dass praktisch alle Funktionäre weiterwurschteln dürfen wie bisher, trübt das meinen Optimismus. DFB-Chef Neuendorf müsste weg, ebenso Völler! Neue Männer und gerade auch Frauen braucht das Land!

Herausragende junge Spieler geben mir Anlass zu Hoffnung, die Karls, El Malas und Co. Die U 21 wurde im vergangenen Jahr Vize-Europameister, die U 19 kämpft am Samstag im EM-Finale gegen Spanien. Spieler aus diesen Teams hochzuziehen und in der Nationalmannschaft zu integrieren – wenn Klopp das gelingt, könnte es tatsächlich was werden.

Bis zum ersten Länderspiel Ende September ist es gar nicht mehr so lang hin. Bis dahin werden alle Vertragsdetails fixiert sein. Gegner in Amsterdam wird Holland sein, wie die Deutschen extrem enttäuscht über das allzu frühe Sus in der Zwischenrunden. Wichtiger ist allerdings ohnehin das Fernziel: die EURO 2028 in Großbritannien, wo Klopp dank seiner Zeit beim FC Liverpool mindestens so viel Ansehen genießt wie hierzulande.