Es war ein faszinierendes Wimbledon-Finale, sicher nicht das Beste alle Zeiten oder auch nur dieses Jahrzehnts, aber doch eines der Besseren, Interessanteren, Spannenderen, eines, an das man sich auch noch in Jahren erinnern wird. Hier Jannik Sinner, der Titelverteidiger, die Nummer 1 der Welt. Der Italiener, der dieses Tennisjahr beherrscht (5 Masters-Turniersiege), aber ausgerechnet bei den beiden bisherigen Grand-Slams in Melbourne und Paris geschwächelt hatte.
Dort Alexander Zverev. Vor einem Jahr gebeutelt vom Erstrunden-Aus und nachfolgendem Seelenstriptease. Der ebenfalls ein faszinierendes Tennisjahr hinter sich hat mit dem Höhepunkt des French-Open-Triumphes in Paris vor gut einem Monat. Als ihm aber die ewigen Kritiker vorwarfen, ja wirklich vorwarfen!, er habe ja nur gewonnen, weil Sinner vorher ausgeschieden war und der andere überragende Mann auf der Tour, Carlos Alcáraz, wegen einer Handverletzung gar nicht dabei war.
Jetzt hatte das Schicksal Sinner und Zverev ins Wimbledon-Finale geführt, erneut in Abwesenheit des hand-verletzten Alcáraz; beide mehr (Zverev) oder weniger (vor allem anfangs: Sinner) souverän. Sinner galt als leichter Favorit: wegen des überzeugenden Halbfinalerfolgs gegen den ewigen und alterslosen Novak Djokovic, vor allem aber wegen des unglaublich anmutenden direkten Vergleichs. Die letzten neun Duelle mit Zverev hatte allesamt der Südtiroler für sich entscheiden, allein fünf in diesem Jahr – und jedes Mal war Zverev absolut chancenlos geblieben.
Es entwickelte sich eine vom jeweiligen Aufschläger dominierte Partie. Der erste Satz ging in den Tiebreak, den Zverev gewann. Der zweite Durchgang ging ebenfalls ohne Aufschlagverlust in den Tiebreak – und diesmal hatte Sinner das bessere Ende für sich. Vielleicht die Vorentscheidung beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Zverev hatte einen der raren Breakbälle, doch als er den Stop von Sinner erlaufen wollte, rutschte er aus und schlug aufs Knie. Er verlor nicht nur den Punkt, sondern kurze Zeit später auch das Spiel und danach auch den eigenen Aufschlag. „Ich konnte nicht mich nicht mehr ganz so abdrücken beim Service, deshalb fehlte es an Geschwindigkeit“, bekannte er hinterher. Ansonsten habe er sich aber problemlos bewegen können.
Ähnlich der 4. Durchgang. Ein Break genügte Sinner letztlich zum Triumph. Obwohl Zverev wirklich alles versuchte. Beim Stand von 4:5, 30:30 aus seiner Sicht vielleicht der Ballwechsel der Partie. Zverev dominierte, und gegen jeden anderen Spieler hätte er mit Gewissheit den Punkt gemacht. Aber Sinner vermag Bälle auszugraben wie kein Zweiter, und wie kein Zweiter kann er bei der geringsten Möglichkeit in den Angriffsmodus umschalten. Er gewann also den Punkt, das Spiel und das insgesamt hochklassige Match. Zverev war ganz nah, so nah wie vielleicht in keinem der andere Duelle (unter anderem eine Art Hinrichtung im Australian-Open-Finale 2025). Er hatte sich diesmal nichts vorzuwerfen. „Er wird besser und besser“, konstatierte auch Sinner. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern zeugt von tiefem und ehrlichem Respekt. Auch dem größten Zverev-Kritiker müsste aufgefallen sein, dass der Hamburger in den vergangenen zwölf Monaten sein Spiel wesentlich verbessert hat, dass er viel aggressiver agiert und viel näher an der Grundlinie steht.
Tschechinnen-Finale an Noskova
Den Sieg bei den Frauen holte sich Linda Noskova, die in einem inner-tschechischen Duell in drei Sätzen gegen Karolina Muchova erfolgreich war. Eine verrückte Partie. Insgesamt fünf Matchbälle vergab Noskova im zweiten Satz, ehe sie ihn mit 5:7 abgeben musste. Die 21-Jährige verschwand zur Toilettenpause, und kehrt zurück, als sei nichts geschehen. Ihr gelang sofort das Break zum 2:0, und diesen Vorsprung transportierte sie bis zum Triumph. Den sie mit einem krachenden Aufschlag sicherte. Die eigentlich untröstliche Muchova zeigte bei der Siegerehrung Humor. „Meine Ex-Freundin“, rief sie in Richtung Noskova; jeder weiß, wie gut sich die beiden verstehen, die ja auch schon einige Doppel miteinander bestritten hatten.
Damit setzt sich eine erstaunliche Serie fort. Im zehnten Jahr hintereinander gab es auf dem Heiligen Rasen einen Premierensieg. Also zehn verschiedene Triumphatorinnen, die vorher noch nie in Wimbledon erfolgreich waren. Darunter gleich vier Tschechinnen: Petra Kvitona, Marketa Vondrousova, Barbora Krejcikova und eben Linda Noskova. Mich würde wenig wundern, wenn die hochbegabte Karolina Muchova im Juli 2027 die Serie auf 11 Jahre und fünf Tschechinnen ausbauen würde.
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