Die bisher so großartige Saison des FC Bayern hat im Halbfinale der Champions League international ein jähes Ende gefunden. Das 1:1 im Rückspiel gegen Titelverteidiger Paris St. Germain war zu wenig nach dem spektakulären 4:5 im Hinspiel. Im Blickpunkt stand der portugiesische Schiedsrichter Pinheiro: Wegen zwei umstrittenen Entscheidungen hatte er schon während des Spiels en Zorn der Münchner Spieler/Fans auf sich gezogen und auch das völlige Unverständnis der Kommentatoren bei DAZN.

Schon früh waren die Pariser in Führung gegangen als der überragende Kvisha Kvavartskela auf der linken Seite allen entwischte, fast von der Grundlinie den völlig freien Ousmane Dembélé bediente, der mit einem knallharten Direktschuss uner die Latte Manuel Neuer überhaupt keine Chance ließ. Der Ausgleich in der 4. Minute der Nachspielzeit durch Harry Kane kam zu spät. Erst da hatten die Münchner ein Mittel gegen den dichten Abwehrriegel der Pariser gefunden. Die insgesamt den reiferen und besseren Eindruck machten, allerdings auch beste Möglichkeiten zum Erhöhen fahrlässig ausließen beziehungsweise am sehr starken Manuel Neuer scheiterten.

 

Und was war jetzt mit dem Schiri

 

Im Wesentlichen 2 Entscheidungen des Mannes aus Portugal (darauf kommen wir noch) entfachten die Wut der Münchner.

 

Szene 1: das Handspiel von Nuno Mendez

 

was war passiert?

 

nach einem Vorstoß von Konni Laimer im Mittelfeld stoppte der Portugiese den Ball mit dem Oberarm. Die logische Folge auf dem ersten Blick wäre gewesen, Freistoß für Bayern, Gelb und damit Gelb-Rot (Platzverweis) für den bereits verwarnten Mendez.

 

was machte der Schiedsrichter

 

ahndete ein Handspiel von Laimer. Er will gesehen haben, dass der Österreicher seinerseits bei seinem Vorstoß den Ball mit der Hand spielte. Besser gesagt tat das der vierte Offizielle am Spielfeldrand, vor dessen Augen das Ganze stattfand; es gab offenbar einen Hinweis von ihm, ganz klar ist die Kommunikation nicht (von den Schiedsrichtern gibt es bei internationalen Top-Partien nie eine Erklärung über das, was sie so treiben und pfeifen). Gepfiffen wurde jedenfalls erst, als Mendez den Ball gespielt hat, also mit einem Zeitversatz von etwa 4 Sekunden. Und zumindest die mir zur Verfügung stehenden Fernsehbilder lassen eher keine Hand von Laimer erkennen. Aber trotz der Proteste blieb Pinheiro unerschütterlich (?!) bei seiner Wahrnehmung (Laimer-Handspiel) und damit auch bei seinem Pfiff für die Pariser.

Was könnte dahinterstehen?

 

Die Schlussfolgerung der Münchner: Pinheiro wollte auf jeden Fall die Gelb-Rote Karte (extreme Spielbeeinflussung) vermeiden und „erfand“ (auf Zuruf des 4. Schiedsrichters) das andere Handspiel. Die Frage, die sich mir dann stellt, wenn das so wäre: Warum belässt er es nicht einfach beim Handfreistoß für Bayern und lässt die Gelbe Karte stecken mit einer wirklich allerletzten Ermahnung. Derlei geschieht andauernd (nicht sooo klares Hand, es war ja fast die Schulter, keine echte Absicht). Aber offenbar hatten er und seine Crew eben etwas gesehen, was dem Rest der Fußballwelt verborgen blieb; ein klassischer Wahrnehmungsfehler. Ob er jetzt besser dasteht (auch Schiedsrichter unterliegen Leistungskontrollen von offiziellen Beobachtern), wage ich allerdings zu bezweifeln.

 

Sind die Folgen so dramatisch

 

Natürlich hätte das Spiel 11:10 eine ganz andere Wendung genommen. Eine Stunde Unterzahl auf diesem Niveau und dieser engen Leistungsdiskrepanz zweier Top-Teams ist ein fast nicht gutzumachender Nachteil. Deshalb ist die Wut der Münchner durchaus verständlich. Von „Skandal!“ (Bild) kann allerdings nicht die Rede sein. Profan urteile ich: Der Schiri hat im Mittelfeld eine Hand-Situation falsch beurteilt. Kommt in jedem Spiel zigfach vor, ohne dass sich die Fußball-Nation und noch viele mehr aufregen. Ein mehr oder weniger Unbeteiligter kann ich natürlich schlau daherreden …

 

Szene 2: das Handspiel des Joao Neves

 

Was war passiert?

 

Nach einer zu kurzen Torwartparade will Vitinha den Ball aus dem Strafraum dreschen. Er trifft dabei noch innerhalb des Strafraums (unstrittig) die Hand von PSG-Spieler Neves – ausgestreckt hoch über seinem Kopf (unstrittig).

 

Was macht der Schiedsrichter

 

Nichts. Kein Elfmeterpfiff und auch kein Konsultieren des VAR, obwohl ihn fast das ganze Bayern-Team bestürmte und auch alle Kommentatoren von einer „klaren Fehlentscheidung“ sprachen.

 

Was steckt dahinter?

 

die Regelauslegung der UEFA, nämlich die sogenannte Teammate-Regel. Die besagt klar und eindeutig, dass es keinen Elfmeter geben soll/darf, wenn ein eigene Abwehrspieler bei einem Befreiungsschlag! (also weg vom Tor die Hand eines Mitspieles trifft): Teammate zu Teammate. Ergibt ja auch Sinn, denn welcher Abwehrspieler bei Sinnen (nona, es geht um Fußball) stoppt mit Absicht (auf die kommt es grundsätzlich an bei Handspielen) einen Ball im Strafraum und beschwört womöglich eine nächste bedrohliche Situation. Eine Regelauslegung ganz im Sinne des Fußballs (dessen Sinn es eben nicht ist, unsinnige Elfmeter zu geben), da sind sich letztlich auch alle einig. Die Riesenaufregung basierte vor allem darauf, dass diese Teammate-zu-Teammate-Regel bis dato weitgehend unbekannt war (auch die Herren Fußball-Kommentatoren mussten sich erst schlau machen und nahmen dann recht kleinlaut ihre zuvor wüsten Beschimpfungen zurück).

 

Sind die Folgen so dramatisch?

 

Kein Zweifel: ein Elfmeter ist zu 75 Prozent ein Tor, beim Bayern-Spieler Harry Kane in wichtigen Partien zu 100 Prozent. Es wäre der Ausgleich noch vor der Pause gewesen – und dann hätte nur ein Tor zu Verlängerung gefehlt.

 

Das grundsätzliche Theater

 

Der Ton war gesetzt: Schuld am Ausscheiden ist der Schiedsrichter. Sagte explizit niemand der Bayern-Spilder und -Veranwwortlichen (und alle räumten die Klasse und Überlegenheit von PSG auch ein), aber die Kritik war einhellig: Wir (die Bayern) sind verpfiffen worden. Dass Gezetere und Geweine trieb dann Sportvorstand Max Eberl auf die Spitze. Es sei ein Freundschaftsdienst des portugiesischen Schiedsrichters Pinheiro an seine portugiesischen Landsleute im PSG-Dress gewesen (nicht nur die Übeltäter Mendez und Neves, sondern auch noch Spielgestalter Vitinha sind Portugiesen). Der von mit einst geschätzte Marcel Reif prangerte im Bild-Talk (auch deshalb das „einst“) am Donnerstag (also nach einer Nacht des offenbar kurzen Überschlafens) die UEFA an, dass sie bei dieser Personen-Konstellation (viele Portugiesen bei PSG) niemals einen portugiesischen Schiri hätten benennen dürfen.

Fast alle monierten die Unerfahrenheit von Pinheiro, der bis dato nur 15 Champions-League-Spiele gepfiffen hatte und dem schlicht der Mut zu tiefgreifenden Entscheidungen gefehlt hätte. Hübsch fand ich Vorstands-Chef Jan Dreßen, der kritisierte: Wie kann es sein, dasss die UEFA einen Schiedsrichter benannt hat, der noch die ein Halbfinale gepfiffen hat? (irgendwann muss es halt das erste Mal sein, Herr Dreßen).

 

Was bleibt sonst?

 

  • Bayern-Müdigkeit: viele Münchner bleiben weit unter ihrem Leistungsstandard zurück, vor allem auch der in dieser Saison überragende Michael Olise und trotz seines Tores auch der ansonsten weitgehend ungefährliche Harry Kane. Meine (nicht bewiesene!) These. Olise, Kane und auch Luis Diaz haben zuletzt zu viele Körner in der Bundesliga gelassen, als sie eingesetzt wurden, obwohl die Meisterschaft längst entschieden war. Auch am vergangen Samstag, als sie in der 2. Halbzeit mit alle Macht gegen ein sich verzweifelt wehrendes Heidenheim noch in der Schlussminute den Ausgleich retteten (ähnliches eine Woche zuvor in Mainz, dort schafften die eingewechselten Top-Stars nach einem 0:3 ein 4:3). Vielleicht wäre es tatsächlich besser gewesen, gerade Olise, Kane und auch Diaz eine komplette Pause zu gönnen, also einen ode zwei Tage ohne Fußball, respektive mit Konzentration allein auf PSG. Die Pariser etwa verzichteten am Samstag gegen Lorient gänzlich auf die Dienste von Kvarazskhelia, Dembele und Abwehrchef Marquinos. Der Rest riss sich beim 2:2 keine Beine raus.
    Dass Vincent Kompany das nicht getan hat, liegt eben auch am sehr kleinen Kader gerade in der Offensive.
  • Neuers Glanzleistung: Für mich war sie sogar noch besser als die beim bereits sagenumwobenen Viertelfinale in Madrid. Diesmal nämlich wehrte er sogenannte „Unhaltbare“ Schüsse ab (die man also schon im tor sieht), etwa gegen Neves Kopfball in der 1. Halbzeit und im 2. Durchgang verhindete er mehrere Male einen höheren Rückstand gegen Doué, Kvaratshkelia und Barcola. Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass Neuer ein weiteres Jahr dranhängt. Obs im Sinne von seinem potentiellen Nachfolger Jonas Urbig ist und dessen Karriere förderlich, sei mal dahingestellt. Denn er verliert ein weiteres Jahr, denn jetzt hilft nur Spielpraxis – nicht nur gegen Mainz und Co., sondern eben auch in einem Champions-League-Halbfinale!.
  • Kompanys Wechsel: Wechselfehler, behaupte ich. So verzichtete der belgische Trainer gänzlich auf die Dienste von Leon goetzka, der mit seiner Kopfballstärke und Torgefährlichkeit durchaus Unheil hätte anrichten können. Auch dass Kompany den veritablen Offensivkünstler Lennart Karl erst sehr spät brachte (82.) stattdessen vorher die Abwehrleute Kim und Davies, erschloss sich den Wenigsten. Klar, der Jungspund kommt von einer längeren Verletzungspause, aber offensichtlich war er fit, und in den wenigen Aktionen, die ihm blieben, deutete er seine Gefährlichkeit an.
    In kann es letztlich nicht anders urteilen: Luis Enrique hat Kompany ausgecoacht, wie es neudeutsch so schön heißt. Er hat eben die paar Jahre Erfahrung mehr, die man offenbar braucht.

 

Jetzt wartet Arsenal auf PSG 

 

Die Londoner erreichten am Diensgag durch ein 1:0 gegen Atlético Madrid das Endspiel. Die Spanier waren eine einzige Enttäuschung: trotz veritabler Offensivkräfte wie Alvarez, Griezmann und Lookman entwickelten die Madrilenen nie Druck genug, um die Arsenal-Abwehr in die Bredouille zu bringen (trotzdem hatte Trainer-Sohn Simeone eine Riesenchance). Einem Offenbarungseid kam es dann gleich, als Diego Simeone seine gefährlichsten Kräfte Lookman (57.), Griezmann und Alvarez (je 66.) recht früh vom Feld nahm. Da war mit als Atletico-Sympathisant) klar, dass das nichts mehr werden würde.

Ich sehe das Finale am 30 Mai in Budapest (18 Uhr) recht offen. Die Kondoner scheinen sich wieder einigemaßen gefangen zu haben und sind in der Abwehr schier unüberwindlich. Eine große Rolle wird spielen, ob sie als englischer Meister (danach sieht es gerade aus) ode nur als zweiter (Arsenal kann sehr gut verbaseln) zum Finale in die ungarische Hauptstadt reisen.