Zwei bemerkenswerte Halbfinali haben wir gesehen; mit überraschenden, allerdings nicht sensationellen Siegern. Heraus kommt ein WM-Endspiel zwischen Argentinien und Spanien, das es in dieser Konstellation seit 60 Jahren nicht mehr in einem Pflichtspiel gegeben hat.

 

Frankreich – Spanien 0:2

 

„Wenn Spanien das Mittelfeld beherrscht, wir es schwer für Frankreichs Starstürmer“, habe ich in meiner Vorschau sinngemäß geschrieben. Genau das ist eingetreten, wobei ich nie und nimmer gedacht hätte, dass Mbappé und Co. dermaßen chancenlos und buchstäblich ohne Torchancen bleiben würde.
Wass für eine unglaublich tolle (Mannschafts)Leistung der Spanier. Elf perfekt eingestellte und top ausgebildete Spieler machten den Franzosen die Partie zur Qual, die Unterlegenheit war trotz nahezu gleichwertigen Ballbesitz teilweise grotesk. Wo auch immer ein Franzose den Ball erhielt, zwei oder gar drei Iberer warteten schon, um ihm das Spielgerät wieder abzunehmen.

Spätestens nach der Führung durch den glasklar berechtigten Elfmeter war klar, dass das für die Equipe tricolore an diesem Nachmittag in der überdachten Dallas-Arena ein fast aussichtsloses Unterfangen werden würde. Phänomenal der zweite Treffer durch Pedro Porro nach perfektem Doppelpass.

 

Die Besten der Sieger

 

Marc Cucurella und Dani Olmo: Es ist immer schwer, bei einer tollen Teamleistung einzelne Spieler herauszuheben. Aber gerade was Marc Cucurella auf der linken Abwehrseite veranstaltet (schon das gesamte Turnier), sucht im Weltfußball seinesgleichen. Defensiv mit (fairer) Zweikampfstärke ohnehin, aber auch offensiv schaltete er sich immer wieder ein, auch wenn ihm da nicht alles gelang.
Der deutsche Fußball-Fan hasst ja Cucurella nach dessem vermeintlichen, aber nicht geahndeten Handspiel im Stuttgarter EM-Viertelfinale. Die groteske Abneigung hat sich noch immer nicht gelegt (siehe die abwertenden Kommentare in entsprechenden Portalen). So ist es mir geradezu ein Bedürfnis, diesen grandiosen Kicker zu würdigen.
Dani Olmo wiederum ist der unumstrittene Chef der Offensive. Mit so vielen tollen und erstaunlichen Ideen (die brillante Vorarbeit zum 2:0). Umso wichtiger, weil die ansonsten überragenden Außenstürmer Yamal und Nico Williams nicht in absoluter Top-Form sind (wobei ein Yamal sich toll gesteigert hat und großartige Aktionen hatte).
Und dann natürlich Rodri: der beste Balleroberer im defensiven Mittelfeld. Will also sagen: Auch Spanien hat nicht nur ein überragendes Kollektiv, sondern alles überragende Einzelkönner.

 

Die französischen Starspieler

 

Kylian Mbappé stemmte sich wenigstens gegen die Niederlage, blieb aber mit seinen Aktionen glücklos. Regelrecht erschüttert war ich über die schwache Leistung von Michael Olise und auch Ousmane Dembélé. Olise habe ich während deer gesamten Spielzeit beim FC Bayern nicht einmal so schwach gesehen: ohne Esprit, ohne Kraft, ohne Willen. Gerade der Kräfteverschleiß deutete sich schon in den vergangenen K.o.Spielen an.

 

England – Argentinien 1:2

 

Die erste Halbzeit war nicht anzusehen und hatte mit Fußball wenig zu tun. Sehr viele Fouls, Nickligkeiten über Nickligkeiten, meist initiiert (aber beileibe nicht ausschließlich) von den Südamerikanern, die genau eines im Sinn hatten: Es möge nicht Fußball gespielt werden. Der amerikanische Schiri ließ das zu, verzichtete lange auf Gelbe Karten, die dem Treiben (vielleicht!) ein Ende bereitet hätten.

Mehr als entschädigt wurden die Fußballfans von der mitreißenden 2. Halbzeit. Ausgerechnet der Führungstreffer der Engländer durch Gordon (55.) nach einem brillantem Konter änderte alles. Plötzlich besannen sich die Argentinier aufs Fußballspielen. Trainer Lionel Scaloni wechselte echte Könner wie Rodrigo De Paul, Nico Gonzalez und Lautaro Martinez ein und holte die schlimmsten Treter und Provokateure Simeone und Paredes vom Platz. Der Weltmeister entwickelte enormen Druck, auch weil die Engländer sich komplett aufs Verteidigen der knappen Führung beschränkten und sich viel zu weit zurückdrängen ließen. Entlastungsangriffe blieben nahezu aus, auch weil Trainer Thomas Tuchel nur noch kopfballstarke Innenverteidiger einwechselte, die das Flankengewitter des Gegners unschädlich machen sollten. Offensivkräfte waren kaum noch auf dem Feld, Torschütze Gordon und Declan Rice mussten runter.
Ich habe getitelt „das Tor, das England lähmte“. In der Tat habe ich sehr wenige Fußballspiele gesehen, wo ein Treffer der eigenen Mannschaft so wenig gutgetan hat wie das von Gordon dem englischen Team. Sicher fehlte auch die Kraft, geschuldet unter anderem der extrem zehrenden Partie vor einer Woche in der Höhe von Mexiko-Stadt, als die Engländer 30 Minuten in Unterzahl agieren mussten. Aber das Sich-Einigeln und irgendwie den Vorsprung über die Zeit retten, das war der Tuchel-Fußball bei dieser WM.

Und gegen Argentinien konnte das einfach nicht gutgehen, weil das offensiv schlicht ein ganz anderes Kaliber darstellt als etwa das einfallslose Mexiko. Die scharfen und großartig getimten Flanken und namentlich von Messi brachten stets größte Gefahr. Zunächst rettete Schlussmann Jordan Pickford sensationell gegen Alexis MacAllisters Kopfball, Minuten später stand der Pfosten im Weg (wieder nach Kopfball McAllisters). Doch die Angriffe wurden immer gefährlicher, und in der 86. Minute war es dann soweit. Messi bediente Enzo Fernandez, und der Spezialist für Fernschüsse (schon das Siegstor in der Zwischenrunde gegen die Kap Verden) überwand Pickford aus 20 Metern. Ob der gar nicht sooo platzierte, aber technisch brillant abgefeuerte Schuss unhaltbar für den Torwart war, der recht spät reagierte? Schwer zu sagen, zumal gefühlt ein Dutzend Spieler vor der Nase herumwuselten und eventuell die Sicht nahmen.

Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen in Atlanta, fest in argentinischer Hand. Und als es weitergeht, wird schnell klar, dass die Südamerikaner gegen die waidwunden Engländer noch in der regulären Spielzeit die Entscheidung suchen würden. Mac Allister zieht ab – erneut Pfosten. Aber Messi erwischt den Abpraller, geht an der rechten Seite am hüftsteifen O’Reilly vorbei und seine Maßflanke verwandelt der erstaunlich freistehende (wo waren all die Innenverteidiger?) Lautaro Martinez zum 2:1 – die Entscheidung.

Erneut ist England gegen Argentinien geschlagen – nach den epischen Thrillern 1998 in Frankreich und 1986 im Azteka.

Wie zum Hohn müssen die Three Lions am Samstag zum Spiel im Platz 3 ran, gegen die ebeso zutiefst enttäuschten Franzosen. Tags darauf dann vor den Toren New Yorks das große Finale. Eine nähere Vorschau wird kommen.

 

Bester der Argentinier

 

Lionel Messi: Ja, langweilig. Aber in der 2. Halbzeit sahen wir den besten Messi in diesem Turnier, obwohl er selbst keine Treffer erzielt hatte. Da leistete er sich kaum Kunstpausen, seine unfassbare Ballfertigkeit und schlauen Ideen stürzten die Engländer von einer Verlegenheit in die nächste. Die großartigen Flanken und Zuspiele taten letztlich das Entscheidende (Vorarbeit zu beiden Treffern). Und sogar wenn er nicht am Ball war, strahlte er in „seiner“ Zone etwa 20, 25 Meter eine extreme potenzielle Gefahr aus und „fesselte“ Abwehrkräfte, die woanders fehlten.

 

Die Stars der Engländer

 

Jude Bellingham: eine einzige Enttäuschung. Kaum eine gelungene Aktion brachte der Real-Star zustande. Zwar ließ ihn Tuchel als einen der wenigen englischen Offensiv-Kräfte auf dem Feld, dort setzte er aber überhaupt keien Akzente.
Harry Kane: Ebenfalls ohne nennenswerte Offensiv-Aktion, vom schönen Pass aus de eigenen Hälfte vor dem Führungstreffer abgesehen. Im Offensiv-Feuerwerk der Argentinier stand er als Verteidiger seinen Mann mit starken Kopfball-Befreiuungen.