Seit Sonntag laufen die US Open. Ich kann mich nicht erinnern, dass sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern so viele FavoritInnen auf den Titel gegeben hat. Zumindest ist weder hier noch dort auch nur ansatzweise jemand ersichtlich, der unschlagbar erscheint. Das Motto der kommenden 2 Tennis-Wochen lautet also: Alles kann, nichts muss.

 

Sinners Absage macht das Männer-Feld völlig offen

 

Den Wimbledon-Sieger und dominierende Profi der Saison (5 Masters-Triumphe hintereinander) plagen immer noch Hüftbeschwerden, so dass er schweren Herzens die Teilnahme für das New Yorker Spektakel absagen musste. Wer letztlich die Siegestrophäe in die Luft stemmen darf – zumindest ich habe nicht den leisesten Schimmer. Ein gutes Dutzend Profis kommt für den Titel ein Frage, aber hinter jedem Namen steht eben auch ein gewaltiges Fragezeichen. Ich versuche eine Einordnung.

 

Die Etablierten aus Europa

 

An erster Stelle sei Alexander Zverev genannt. Erstmals geht er als Nummer 1 der Setzliste in ein Grand-Slam-Turnier. Aber der Hardcourt-Sommer in Amerika lief wahrlich nicht nach Wunsch für den French-Open-Sieger, der sowohl in Montreal als auch in Cincinnati empfindliche Niederlagen hinnehmen musste. Ob er zu alter Stärke zurückfindet (noch gar nicht so lange her), ist eine der offenen Fragen.

Normalerweise wäre Carlos Alcáraz der natürliche Favorit. Wäre da nicht der leider gewichtige Umstand, dass der Spanier wegen einer offenbar gar nicht so unkomplizierten Handverletzung seit mehr als vier Monaten kein offizielles Tennis-Match bestritten hat. Eigentlich ein völliges Ding der Unmöglichkeit, dass der Titelverteidiger nach einer so langen Pause auch nur annähernd in Bestform sein kann; niemand weiß, wie sein Körper die Anstrengungen von Best-of-5-Partien bei Hitze und Luftfeuchtigkeit verkraftet. Andererseits ist das Tennis-Talent des Carlos Alcáraz schier unendlich.

Daniil Medwedew schließlich gehört neben dem bereits ausgeschiedenen Novak Djokovic und eben Alcáraz zu den Profis, die in New York schon triumphiert haben. Aber für den Russen gilt noch viel mehr als vür Zverev, dass er nach einem verheißungsvollen Frühjahr derzeit eher auf Formsuche ist.

 

Die US Boys, die sind doch dran, oder?

 

Zumindest in der Theorie spricht nichts gegen einen Heimsieg: Gleich ein halbes Dutzend US-Spieler wollen die ewig lange Serie (kein Triumph seit 2003/Andy Roddick) beenden. Die größten Hoffnungen dürfen sich zweifellos Taylor Fritz (Finalist 2025) und Ben Shelton (Sieger beim Vorbereitungs-Turnier in Montreal) machen. Aber auch Francis Tiafoe, Brandon Nakashima und sogar Leander Tien und Tommy Paul haben bei den Vorbereitungsturnieren ihre Klasse gezeigt. Die große Frage ist: Halten die Nerven, wenn der Heimsieg lockt und die Schlagzeilen immer größer werden?

 

Die jungen Wilden

 

Da fallen mir vor allem Jakub Mensik aus Tschechien und Arthur Fils aus Frankreich ein. Fils siegte beim Masters in Cincinnati und zeigte aufregendes Tennis. Wenn er gesund bleibt, muss ihn erst jemand schlagen, doch das Problem ist halt seine Gesundheit, die ihm schon so Strich durch die Rechnung machte. Der aufschlagstarke Mensik agiert vielleicht noch beeindruckender und dominanter, aber ob er sieben Best-of-5-Partien konstant durchhält, wage ich fast zu bezweifeln. Bleibt noch die große Unbekannte Rafael Jodar. Der junge Spanier ist binnen einen Jahres bis in die Top Ten gestürmt, allerdings noch ohne den ganz großen Turniersieg. kann da wirklich Flushing Meadows eine Premiere sein?

 

Ich hab jetzt sehr viele Namen genannt, aber die Liste ist noch nicht vollständig: Die Kanadier hoffen auf Felix Auger-Alliasime, die Tschechen auf Jiri Lehecka, die Sinner-losen Italiener auf Musetti, Darderi und Cobolli.

Die Wettbüros sehen tatsächlich Carlos Alcáraz als Favoriten vor Alexander Zverev, eine Einschätzung, die ich allerdings nicht teile.

 

Ich sag jetzt einfach Coco Gauff

 

(Fast) genauso verworren ist die Lage bei den Frauen. Die Titelverteidigerin und Nummer 1 der Setzliste Aryna Sabalenkaie ist in einem grauenhaften Formtief, das aber eher ein Ergebnis-Tief ist; weil sie Partien, die sie locker gewinnen müsste, schlicht nicht nach Hause bringt. Wenn sich das legt („Ich will wieder einfacher spielen“), dann muss mit der Weißrussin schnell wieder zu rechnen sein, denn keine verfügt über derartig kraftvolle Grundschläge (unterlegt mit grauenhatem Gestöhne).
Lena Rybakina, die Nummer 2, ergeht es ähnlich. Zudem ist die Kasachin angeschlagen, das Bein bereitete ihr Schmerzen, aber die Auftaktspiele scheinen machbar.

In Kanada (Iga Swiatek) und Cinci (Coco Gauff) haben sich wiederum 2 Spielerinnen in den Vordergrund geschoben, die ein eher missglücktes erstes Halbjahr hatten. Swiatek plagte fast chronische Unlust, Gauff kämpfte mit ihrem Aufschlag, der sie komplett verlassen hatte. Die Malaisen scheinen abgestellt, aber hier wie dort lauert die Gefahr des Rückfalls. Und doch: Wenn ich jetzt irgendeinen Siegesnamen nennen müsste, dann wäre es Gauff, auch weil die Amerikanerin bei ihrem Open-Triumph 2023 als haushohe Favoritin bewiesen hat, dass sie in New York auch bei größtem Erwartungsdruck Leistung bringen kann. Ihre Landsfrauen Jessica Pegula, Amanda Anisimova (Finalistin 2025) und Madison Keys traue ich dagegen einen Siegeszug bis zur Trophäe eher nicht zu. Auch die äußerst talentierte Iva Jovic dürfte irgendwann an ihre Grenze stoßen.

Ob die Armada von Tschechinnen, die alljährlich in Wimbledon einfallen und den Titel einsammeln, auch im Big Apple reüssieren – da habe ich meine Bedenken. Aber wenn Wimbledon-triumphatorin Linda Noskova und Finalistin Karolina Muchova erst mal ihren Lauf kriegen, dann muss sich die Konkurrenz warm einpacken im schwül-heißen New York. Gleiches gilt für die vierfache Grand-Slam-Siegerin Naomi Osaka, die in New York 2018 und 2020 triumphierte, das war allerdings vor der Geburt ihrer Tochter.

Ein großes Fragezeichen steht auch hinter den anderen Ost-Europäerinnen. Die Russin Mirra Andreewa hat nach ihrem French-Open-Sieg Anfang Juni wenig getroffen, ihre Landsfrauen Alexandrowa, Shnaider und wie sie alle heißen sind für einzelne Siege und auch Überraschungen gut, aber einen Grand-Slam-Triumph sehe ich äußerst undeutlich. So geht es mir auch bei den beiden Frontfrauen aus der, Ukraine Marta Kostyuk und Lena Svitolina, so sehr ich einer der beiden den ganz großen Sieg gönnen würde.

Auch hier ein Blick in die Wettbüros: Sabalenka werden die größten Chancen eingeräumt knapp vor Gauff und Swiatek.