Die Gelegenheit für den Besuch in der modernen neuen Münchner Halle bot sich an: Basketball-Bundesliga, 5. und entscheidendes Spiel der Finalserie am Sonntag zwischen dem FC Bayern und Alba Berlin, den beiden deutschen Vorzeigeclubs. Dass es dazu kam, stand erst am Freitag fest, am Samstagmorgen der Kartenkauf (virtuell, versteht sich). Der Platz in der Verlängerung einer Spielfeld-Ecke nicht perfekt, aber doch gut genug, um die knisternde Atmosphäre im vollbesetzten SAP Garden einzusaugen. Große Aktien hatte und habe ich weder bei den Münchnern noch bei den Berlinern. Nur spannend möge es sein, war meine Hoffnung.

Danach sah es nach der 1. Halbzeit wahrlich nicht aus. 47:27 führten die Gastgeber, insbesondere ein desaströses 2. Viertel der Berliner hatte dazu beigetragen, als ihnen gerade mal 7 Pünktchen gelangen. Zarte Hoffnung auf eine Aufholjagd, als Alba im 3. Viertel zunächst auf 6 Punkte herankam, doch vor dem Schlussabschnitt stand es 66:53; da ging nichts mehr – oder?

Nun sollte ich durch die NBA und speziell des diesjährigen Champions New York Knicks Aufholjagden auch nach zweistelligen Rückstand gewohnt sein. Aber was jetzt im Garden (SAP, nicht Madison Square) geschah, erstaunte und faszinierte zugleich. Binnen 3 Minuten hatte Alba mit einem 14:0-Lauf den Rückstand nicht nur wettgemacht, sondern in einen Vorsprung verwandelt. Plötzlich fiel jeder Wurf, während bei den Münchnern überhaupt nichts mehr ging. Immehin rafften sie sich noch zu einem Schlagabtausch auf, die Führung wechselte mehrfach, aber am Ende hatten die Gäste tatsächlich das bessere Ende für sich. Vielleicht auch, weil die Münchner arg früh begannen, den Gegner per Fouls an die Freiwurflinie zu schicken anstatt zu versuchen, die Angriffe regulär zu stoppen. Aber weiß ich es wirklich besser als ein Trainerguru? *

Gut 500 mitgereiste Berliner Fans feierten ausgelassen den letztlich unerwarteten Meistertitel, während viele Heim-Anhänger geradezu fluchtartig die Halle verließen. Verstummt war auch der elende Hallensprecher, der mich praktisch das gesamte Spiel extrem nervte mit seinen Einpeitschern und mich veranlasste, meine zunächst eher neutrale Haltung aufzugeben und klar Partei für Alba zu ergreifen (ich habs ohnehin eher mit den Außenseitern, Löwenfan, ihr versteht?). Zittern für ein Team/Spieler gehört für mich beim Sport grundlegend dazu, es gibt kaum etwas Verlogeneres und Langweiligeres wie „der Bessere möge gewinnen“. Wo bleibt da der Spaß?

Während die Berliner einen wahrlich unerwarteten Titel feierten, bilanzieren die Münchner eine an ihren Ansprüchen gemessen missglückte Saison. Kein Titel in Deutschland (schon der Pokalsieg wurde im Februar in eigener Halle vergeigt) trotz des mit Abstand höchstem Budget. Die Euroleague mit dem klaren Verpassen der Play-offs war ein Desaster. Noch nicht einmal der Trainerwechsel konnte etwas bewirken.

* Womit ich bei einem ganz Großen der Branche bin. Svetislav Pesic auf der Bayern-Bank coachte sein letztes Spiel. Wobei „Bayern-Bank“ der völlig falsche Ausdruck ist, denn der Serbe steht während einer Partie die kompletten 40 Minuten an der Seitenlinie (und gerne auch auf dem Spielfeld), rudert mit den Armen, brüllt Anweisungen, beschimpft die Schiedsrichter, tobt und tröstet; allein das mitanzusehen, lohnt den Hallenbesuch. 76 Jahre ist er alt (die man ihm nicht ansieht und erst recht nicht anmerkt) – eine Trainerlegende in Europa. Der die Deutschen 1993 zum EM-Titel führte, der mit Serbien/Jugoslawien Triumphe feierte (Weltmeister 2002, Vizeweltmeister 2023 nach der Finalniederlage gegen Deutschland), aber auch mit Clubs wie dem FC Barcelona (Triple 2003) und eben den beiden deutschen Vorzeigevereinen Alba Berlin und dem FC Bayern. Angeblich ist jetzt wirklich Schluss, aber es würde mich nicht groß wundern, wenn wir ihn nächstes Jahr irgendwo in Europa an der Seitenlinie herumtoben sehen würden.

„Es lebe der Sport live vor Ort“, habe ich getitelt. Nichts ist vergleichbar mit dem Erlebnis vor Ort. Man sieht und hört viel mehr als vor dem Fernseher. Erst recht im Basketball mit dem eher kleinen Spielfeld. Ich muss mich selbst für meinen kurzfristig gefassten Entschluss am Samstag beglückwünschen. Auch wenn ich da natürlich nicht wissen konnte, dass ich eine historische Partie sehen würde.