48 Partien von insgesamt 104 sind beim Turnier in Nordamerika absolviert. Zum Teil unterhaltsam, zum Teil sterbenslangweilig. Ich habe beileibe nicht alles live gesehen und manches Spiel gar nur in der Kurz-Zusammenfassung.
Ich möchte gar nicht auf die einzelnen Begegnungen eingehen, auch nicht großartig über etwaige Turnier-Favoriten spekulieren oder gar darüber, wie weit die einzelnen Teams kommen. Aber ein paar allgemeine Eindrücke und ein Gesamtbild möchte ich doch gerne wiedergeben, das ich in den 2 Wochen via Fernsehen und Zeitungen/Online-Medien gewonnen haben.
Das Ambiente
Die erste Überraschung: Die Stadien sind voll – auch und vor allem in den USA. So mancher wird gehofft haben, dass angesichts der exorbitanten Preise viele Plätze leer blieben, diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sehr gut gefüllte Arenen auch bei vermein tlichen Außenseiterspielen. Zwar in den seltensten Fällen ausverkauft (ich beziehe mich auf die offiziellen Angaben), aber sehr wenige sichtbar freie Plätze.
Was sehr positiv auffällt: eine schöne Grundstimmung in den Stadien, mit mitgehenden Fans, die dem Spielverlauf folgen. Welch eine Erleichterung nach dem entsetzlichen Dauergesang vor allem in der Bundesliga. Naturgemäß haben die relativ nahen Südamerika-Teams den meisten Anhang mitgebracht. Viele Migranten in den USA nutzen (trotz ICE!) die Chance, um „ihr“ Team anzufeuern.
Getoppt wird allerdings alles durch die schottischen Fans, der „Tartan Army“. 50.000 haben sich in Richtung Boston aufgemacht, und die Stadt hat sie mit offenen Armen aufgenommen. Diese fantastischen Menschen, immer fröhlich, immer leicht angetrunken, und doch immer friedlich. Wir in Deutschland und eben auch in München hatten ja 2024 das Vergnügen mit den besten Fans der Welt. Wenn die FIFA schlau ist (sie ist es natürlich nicht!), vergibt sie für alle großen Turniere eine Wild Card an Schottland. Dass ihr Fußball überschaubar unterhaltsam ist, spielt da kaum eine Rolle.
Wohltuend und sicher beabsichtigt: ER hat sich bisher nicht blicken lassen. Natürlich hat Donald Trump auch anders zu tun wie den Iran-Krieg oder um eine Wasserfläche in Washington wieder blau zu bekommen (nicht mal ein Dekret hilft offenbar), aber es ist schon auffällg, dass das Staatsoberhaupt beim größten Sportereignis der Welt (FIFA-Eigenwerbung) bisher so gar nicht in Erscheinung tritt, nicht einmal bei den Partien des durchaus ansprechenden US-Teams. Das kann und wird sich noch ändern, aber jeder Tag ohne Mr. President ist ein gewonnener Tag.
Ähnliches gilt übrigens auch für die Staatenlenker der Co-Gastgeber Kanada und Mexiko
Sogar Gianni Infantino hält sich auffallend zurück (nona). Zwar jettet er per Privatflugzeug zu jeweils 2 Spielen pro Tag und verbraucht dabei Unmengen von Kerosin. Aber er sitzt eher still auf seinem Ehrenplatz. Sicher zieht Gianni im Hintergrund Fäden, die ihm und de FIFA noch mehr Geld versprechen, aber wer das alles nicht wissen will, kann sich dem durchaus entziehen.
Das Fernsehen
Magenta hat für Deutschland die Rechte für alle 104 Partien erworben und je 30 Spiele an ARD und ZDF sublinzensiert. Sie fahren ein unfassbares Star-Aufgebot an Experten vor Ort auf unter anderem mit Jürgen Klopp, Thomas Müller und Mats Hummels. Über Vor- und Nachberichterstattung kann ich allerdings nichts sagen, das läuft bei mir praktisch komplett vorbei.
Die Spiele werden durchweg in UHD ausgestrahlt, das ist in dieser Bildschärfe in der Tat ein völlig neues Fernseherlebnis. So toll Bild und auch Ton sind, so dürftig ist mancher Kommentator. Hier nämlich hat Magenta gespart: Aus Kostengründen sind nur 2 Reporter nach Amerika geflogen, der Rest kommentiert aus einem Studio in München; am falschem Ende gespart, denn man merkt einfach, dass jemand nicht live vor Ort ist. Manche sind schlichtweg unterirdisch (wie der entsetzlich rumbrüllende Christian Straßburger, obwohl dieser sogar nach Amerika mitfahren durfte. Der für mich Angenehmste ist Jonas Friedrich – trotz Studio; ausgerechnet dieser wird sich in einer Woche verabschieden, weil er zum Tennisturnier nach Wimbledon darf/muss.
Die Trinkpause
Diese Nacht hat sich Infantino dann doch gemeldet. Thema war der wahrscheinlich bisher größte Aufreger des Turniers: Die vom FIFA-Chef praktisch im Alleingang durchgepaukte Trinkpause. Nach etwa der Hälfte einer Halbzeit unterbricht der Schiri die Partie. Offizieller Grund: Trinkpause und Erholung wegen der Hitze. Inoffizieller Grund: Diese 3 Minuten sind eine Gelddruckmaschine für die übertragenden Sender. Obwohl das Ganze erst recht kurzfristig im Frühjahr endgültig beschlossen wurde, konnten auch die deutschen Rechte-Inhaber diese Zeit locker und offenbar für sehr viel Geld an Werbepartner verkaufen. Besser gehts ja auch nicht. Die 3 Minuten sind lang genug für einige Werbespots, aber für den Zuschauer zu Hause viel zu kurz, um etwas Sinnvolles damit anzufangen. Vor allem die Wettanbieter wittern das ganz große Geschäft – gruselig. Ich persönlich bediene wenigstens die Mute-Taste.
Die Pause gibt es selbstredend nicht nur bei Hitzespielen, sondern der Gerechtigkeit wegen bei jedem Spiel. Absurd wurde es gestern bei England gegen Ghana in Boston, als die Spieler bei 19 Grad und Dauerregen schauen mussten, dass sie nicht über Gebühr abkühlten.
Diese 3 Minuten Pause verändern das Fußball-Spiel extrem. Jetzt haben die Trainer tatsächlich Zeit und Ruhe, Änderungen an jetzt konzentrierte Spieler weiterzugeben (das Trinken selbst dauert ja nur Sekunden) anstatt sinnlos ins Spielfeld hineinzubrüllen (tun sie natürlich trotzdem noch!). Also eine Art Auszeit, wie sie in anderen Sportarten Ganz und Gäbe ist. Es gibt durchaus Stimmen, die dadurch einen positiven Effekt fürs Spiel an sich sehen. Ich bin zwiegespalten, aber eines wäre halt wichtig gewesen: Dass so eine gravierende Änderung nach einer langanhaltenden Diskussion offiziell eingeführt worden wäre und nicht aus kommerziellen Gründen durch die Hintertür von einem Mann (Gianni) beschlossen.
Die großen Ligen und auch der europäische Verband haben vorerst angekündigt, dass sie diese Pause nicht übernehmen; mal schauen, wie lange angesichts der potenziellen Mehreinnahmen (spätestens zur nächsten großen Rechte-Vergabe) dieses Ansinnen hält.
Die Hand-vor-dem-Mund-Regel
Mit Rot bestraft werden all jene, die in einem Disput mit einem Gegenspieler (also nicht: Absprachen mit dem Mannschaftskollegen) die Hand vor dem Mund halten. Das lex Vini jr.: Denn eine potenziell rassistische Beleidigung eines Benfica-Spielers gegen den brasilianischen Real-Star ist der Grund für diese Regel. Gianluca Prestianni hatte in einem Champions-League-Spiel Vini nach dessen Aussage rassistisch beleidigt. Zu beweisen war das nicht, weil Prestianni eben die Hand vorm Mund gehalten hatte (und hinterher zumindest den Rassismus dementierte). Trotzdem sperrte die UEFA den Verteidiger, und jetzt zog die FIFA nach (ebenfalls handstreichartig). Bisher gab es allerdings nur einen Spieler, der in die Mund-Falle stolperte. Der Paraguayo Miguel Almiròn hielt bei einem Disput mit einem Türken die Hand vorm Mund und flog prompt vom Platz (nach freundlicher Intervention der Türken, hinter vorgehaltener Hand wohlgemerkt: sehr sportlich).
Ich persönlich finde das bei Weitem überzogen (auch weil das Problem der vorgehaltenen Hand bis zum Vini-Fall nicht wirklich existent war); eine Gelbe Karte (gerne auch stellvertretend fürs Team als letzte Warnung): vor allem auch angesichts der Knochenbrecherfouls, die nicht mit glattem Rot bestraft werden (die es aber zum Glück wirklich selten gibt bei dieser WM).
Die Schiedsrichter
Womit wir bei den Unparteiischen sind: Die ihre Sache alles in allem sehr gut machen. Vor allem schaffen sie zumindest nach meiner Beobachtung eine sehr gute und vor allem meist auch schnelle Zusammenarbeit mit dem VAR (Video-Assistent). Die Prüfungen umstrittener Szenen dauern gefühlt und tatsächlich bei Weitem nicht so lange wie in der Bundesliga.
Natürlich gibt es auch unfassbare Fehlentscheidungen wie die beiden nicht geahndeten Fouls am Franzosen Mbappé (vs Irak) und dem Ghanaer Adu (vs England), aber im Großen und Ganzen bin ich mehr als zufrieden. Wobei die Spiele äußerst fair ablaufen, wirklich nickelig und rau geht es recht selten zur Sache; das könnte sich natürlich ändern, wenn die Partien endlich wichtig werden.
Das 48er-Format
Womit wir beim größten Übel der WM sind, nämlich dem überflüssigerweise weiter aufgeblähtem Turnier. 48 Teams (statt bisher 32() sind diesmal dabei. So sehr den Neulingen Kap Verde, Curacao, Jordanien und Usbekistan die WM-Premiere zu gönnen ist (gerade die Kap Verden begeistern wirklich!) oder den Rückkehrern nach langer Pause (jeweils 1998 zuletzt dabei: Norwegen, Österreich, Schottland), so schrecklich ist das Format. Denn es entwertet die Partien erheblich, weil auch die acht Gruppenbesten weiterkommen. Nicht nur werden dann Äpfel mit Birnen verglichen, einen großen Vorteil haben auch diejenigen Teams, die per Spielplan-Fügung spät und ganz spät ihren dritten Spieltag bestreiten. Während zum Beispiel die Gruppen A, B und C damit schon heute dran sind, spielt die Gruppe J erst am Sonntagmorgen: wo dann klar ist, wie viele Punkte und Tore der Dritte braucht, um weiterzukommen.
Aus reiner Profitgier (mehr Spiele= mehr Geld) wurde ein nahezu perfektes Format mit 32 Teams zerstört und das Turnier weiter aufgebläht – es dauert gut eine Woche länger als bisher. Und wenn man wirklich mehr Teilnehmern eine Turnier-Chance geben will: Warum dann nicht gleich auf 64 Teams erweitern? Auf die zusätzlichen 24 Spiele kommt es dann auch nicht mehr an.
Die Deutschen
Die deutsche Mannschaft hat nach zwei Siegen gegen Curacao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) bereits die K.o.-Runde sicher als Gruppenerster erreicht, die letzte Partie morgen gegen Ecuador ist für die Nagelsmann-Truppe also ohne sportlichen Wert (die Südamerikaner müssen dagegen gewinnen, um weiterzukommen). Auf wen sie im ersten K.o.Spiel (Montag in Boston) trifft, steht allerdings noch nicht fest. Es wird ein Gruppendritter sein: Wer das sein wird, steht erst nach Abschluss der Vorrunde fest, also Sonntagfrüh.
In den Vordergrund gespielt hat sich Denis Undav: Im März hat ihn der Bundestrainer noch beschimpft, jetzt erzielte er sls Einwechselspieler je 2 Tore gegen Curacao und die Ivorer. Gerade das Siegestor in der Nachspielzeit könnte das gesamte Turnier beeinflussen. Wie wichtig der Erfolg offenbar war, konnte ich dem ekstatischen (und weit übertriebenen) Jubel von Julian Nagelsmann entnehmen.
Ich hab nur das Spiel gegen die Elfenbeinküste gesehen: Offensiv durchaus gute Ansätze, defensiv allerdings bedenkliche Lücken, die ein abschlussstärkeres Teams als die Afrikaner vielleicht ausgenutzt hätten. Der Elefant im Raum heißt Frankreich: Einiges deutet auf ein Achtelfinale gegen den Titelträger 2018 hin. Wohl und Wehe?
Die Favoriten
Den zwingenden Weltmeister habe ich noch nicht gesehen (den eine Vorrunde auch noch nie gezeugt hat). Sehr gut gefallen die Franzosen mit ihrem Ausnahmestürmern Mbappé, Dembélé und Olise, die Argentinier wirken sehr gefestigt und pragmatisch, vorne entscheiden dann Messis Tore. 5 Treffer erzielten die Argentienier bisher, fünfmal war der bald 39-Jährige erfolgreich gegen Algerien und Österreich. Zu Defensiv-Arbeit fühlte er sich dagegen bisher nicht bemüßigt, solche Leute nannte man früher Stehgeiger.
Ansonsten nenne ich die üblichen Verdächtigen: England mit dem deutschen Trainer Thomas Tuchel, Spanien und Portugal sehe ich am ehesten vorn.
Geheimfavorit Norwegen mit dem sagenhaften Torjäger Erling Haaland in Glanzform (4 Treffer) wird bisher seiner Rolle mehr als gerecht, dürfte aber den Status „Geheim“ schon verloren haben.
Aber viel ist Spekulatius, mehr dann unmittelbara vor Beginn der K.-o.-Phase (1. Spiel am Sonntag um 21 Uhr zwischen A2/Südkorea? und B2/Schweiz?), dann steht auch der weitere „Turnierbaum“ und auch der Gegner der Deutschen fest, und die Spielereien, wie es wirklich weitergeht, machen erst Sinn und Spaß.
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