von Münchner Löwe | Sep. 7, 2025 | basketball, EM
Basketball-Europameisterschaft, Achtelfinale
Schon die ersten 4 der 8 Achtelfinalpartien zeigten, dass die K.-o.-Runden in jeder Sportart ihre ganz eigenen Geschichten schreiben. 3 nach der Vorrunde haushohe Favoriten hatten extrem zu kämpfen, und die von allen Experten als klarster Titelfavorit genhandelten Serben hat es tatsächlich erwischt.
So hatte auch die Deutschen zunächst ihre Müh und Not, den krassen Außenseiter Portugal in die Schranken zu verweisen. Das lag vor allem an einer indiskutablen Dreierquote in der 1. Halbzeit (1 von 18!), in der die Riesen alles trafen, nur nicht in die Reuse. So gingen die Portugiesen tatsächlich mit eine Führung in die Pause. Nach dem Wechsel eine klare Steigerung jenseits der Dreierlinie (9/18), aber dass am Ende ein auch der Höhe standesgemäßer 85:57-Erfolg heraussprang, lag vor allem am Einbruch der Portugiesen im 4. Viertel, als sie nur noch 7 Punkte auf die Anzeigetafel schafften. Äußerst bedenklich, dass Franz Wagner, Dennis Schröder und auch Scharfschütze Andi Obst ihre Dreier so überhaupt nicht treffen (diese 3: 1/18); dafür erfreulich, dass Maodo Lo (4/7), Tristan da Silva (3/3) einsprangen. Vielleicht sagt jemand den ansonsten (vor)trefflichen Wagner und Schröder, dass sie das mit den Dreiern einfach bleiben lassen sollten, denn sonst könnte es gegen einen stärkeren Gegner (Slowenien/Italien im Viertelfinale) ein böses Erwachen geben.
Dieses gab es schon für die Serben: Der Turnierfavorit erlebte sein Dèjá vu und schied wie schon bei der EM 2022 (Italien) völlig überraschend aus. Die Niederlage gegen Finnland darf als eine der größten Sensationen der neueren Turnier-Geschichte gelten. Hier die Basketball-Nation Serbien, gespickt mit NBA-Stars um den besten Basketballer der Welt (Nikola Jokic), dort ein No-name-Team aus einer Eishockey-Nation mit nur einem außergewöhnlichen Akteur (Lauri Markkanen). Doch wieder mal zeigt sich die Schönheit des Sports; Namen zählen nicht: Hier funktioniert das Mannschaftsspiel wenig bis gar nicht, dort wachsen No Names über sich hinaus wie bei den Finnen die wahrscheinlich nicht nur mir bis dato unbekannten Mikael Jantunen und der erst 18-jährige Miika Muurinen. Der hatte die Dreistigkeit, 2 Dreier über den in jeder Hinsicht großen Jokic hinweg in den Korb zu versenken.
Fast hätte es auch die bisher so großartigen Türken erwischt: Die mussten tatsächlich bis zur Schlussminute bangen, ehe sie sich gegen die hartnäckigen Schweden durchsetzten. Die Skandinavier sahen sich am Ende gar betrogen (sagen wir: stark benachteiligt), als der türkische Star-Center Alperin Sengün ein vermeintliches Stürmerfoul nicht bekam (es wäre sein fünftes gewesen), sondern im Gegenteil 2 Freiwürfe erhielt. Der Bonus der NBA Stars, den ich bei macher Aktion gegen Jokic gesehen zu haben glaubte.
Erwischt hat es die Gastgeber: Im Balten-Duell gegen Litauen waren die Letten letztlich chancenlos, trotz des beeindruckenden Kristaps Porzingis. Aber gegen die mannschaftliche Gechlossenheit des baltischen Rivalen hatten die Letten letzlich keine Chance. Schade um die Stimmung, die allerdings zumindest die nahen Litauer und Finnen (und vielleicht auch die Deutschen) in der Halle ausbreiten.
Heute dann der zweite Teil des Achtelfinals, in dem Slowenen und Italiener den deutschen Viertelfinal-Gegner ermitteln.
von Münchner Löwe | Sep. 5, 2025 | basketball, EM
Die Vorrunde der Basketball-Europameisterschaft ist absolviert, und die deutschen Hoffnungen auf eine Medaille, vielleicht sogar auf den Titel, sind durch die 5 Auftritte bestimmt nicht kleiner geworden. 5 überzeugende Erfolge gelangen dem Team, 4 davon mit einer dreistelligen Punkte-Ausbeute. Und das, obwohl der neue Bundestrainer Alex Mumbro wegen akuter Beschwerden am Bauch im Krankenhaus lag und nicht in der Halle war. Mittlerweile ist er aus dem Krankenhaus in Tampere entlassen und dürfte in der K.o.Runde wieder coachen. Jedenfalls wurde er von Alan Ibrahomagic glänzend vetreten, mit dem er in ständiger Verbindung war und ist.
Nun muss ich natürlich einschränken, dass die Gegner nicht unbedingt die allererste Klasse waren. Aber die Art und Weise, wie Franz Wagner, Dennis Schröder und Co. Montenegriner (nach fahriger Anfangsphase), Briten und Schweden beherrscht hatten war eindrucksvoll. Auch die beiden „Auswärtspartien“ gegen Litauen (tausende Fans hatten sich in nahe Tampere gemacht) und Gastgeber Finnland waren letztlich eine klare und ungefährdete Angelegenheit. Und eben nicht nur Wagner und Schröder zeigten ihre Stärke, das ganze Team wirkt extrem harmonisch, vielleicht sogar noch stärker als beim WM-Triumph vor zwei Jahren in Asien. Allerdings mit einer Schwäche, die dem Team böse auf die Füße fallen könnte: den Defensivrebound. Sogar die Finnen angelten sich gegen die Deutschen 19 Rebounds am offensiven Brett
Können die deutschen Basketballer tatsächlich Europameister werden? Ich sehe nicht, was dagegenspricht, aber ein Selbstgänger ist der Weg vom Achtelfinale ab Samstag bis zur Pokalübegabe am Sonntag eine Woche danach (alles jetzt in Riga) natürlich nicht. Aber in den anderen Gruppen hat sich jetzt auch kein Übergegner herauskristallisiert. Sehr gut haben mir die Türken gefallen, die in einer grandiosen Partie (wohl die beste der Vorrunde) den Titelfavoriten Serbien bezwungen haben. Also ist auch Nikola Jokic, der beste Basketballer der Welt, schlagbar mit seinem serbischen Team. Zumal jetzt mit Bojan Bogdanovic ein sehr wichtiger Spieler fehlt. Schlagbar heißt natürlich nicht, dass Deutschland gegen Serbien (wenn ich aufs potenzielle Halbfinale vorausblicken darf) auch mit Sicherheit schlagen wird, denn da spielt der gewisse Jokic mit …).
Die Türken ihrerseits sind allerdings tatsächlich brandgefählich mit ihrem Super-Center Alperin Sengün von den Houston Rockets, einer meiner absoluten Lieblingsspieler.
Und sonst? Natürlich die absoluten Weltklassespieler Giannis Antetokuonpo (Griechenland) und Luka Doncic (Slowenien), die an einem fabulösen Tag jeden Gegner praktisch im Alleingang bezwingen können. Ob das allerdings in gleich vier Spielen innerhalb von nur einer Woche gelingt, erscheint mir doch fraglich, und die jeweiligen Teams wirken nicht breit genug aufgestellt im Kader für diesen Parforceritt.
Italien und Frankreich (ohne den Außerirdischen Victor Wembanyama), idurchaus stark, mmer gefährlich, allein mir fehlt der Glaube.
Aufmerksame und des Basketballs kundige Leser werden ein Team vermissen: den Alles-Gewinner und Titelverteidiger Spanien, das doch aus aussichtslosesten Situationen noch heil und erfolgreich herauskommt. Doch die Ibero-Freunde müssen stark sein, das verjüngte Team ist tatsächlich in der Vorrunde gescheitert, wurde in seiner Gruppe nur Fünfter, unter anderem hinter der Basketball-Großmacht Georgien. Im letzten Vorrundenspiel gegen Griechenland schien es tatsächlich so, als könnten sich die Spanier Houdini-mäßig aus der Malaise herauswinden, doch jetzt fielen Würfe eben nicht, die sonst in ähnlichen Schlussphase wie von Zauberhand geführt durch die Reuse rutschten.
Achtelfinal-Tableau
Litauen – Lettland (Sa., 17:30)
Griechenland – Israel (So., 20:45)
Türkei – Schweden (Sa., 11:00)
Polen – Bosnien-Herzegowina (So., 11:00)
Deutschland – Portugal (Sa., 14:15)
Italien – Slowenien (So., 17:30)
Serbien – Finnland (Sa., 20:45)
Frankreich -Georgien (So., 14:15)
Alle Partien finden in der Xiaomi Arena in Riga statt. Sie fasst im Basketball 11.000 Zuschauer. Grandios dürfte das Duell zweier baltischer Basketball-Nationen zwischen Lettland und Litauen werden, aber auch Griechenland vs Israel und Italien vs Slowenen (der mögliche deutsche Viertefinal-Gegner wird hier ermittelt) klingt extrem vielvesprechend.
Und jetzt schreib ichs einfach hin, und man nehme mir bitte, bitte ab, dass keine Deutschtümelei oder gar übertriebener Nationalismus dahintersteckt: Deutschland wird Europameister!
von Münchner Löwe | Juli 20, 2025 | Fußball
Die Viertelfinali der Fußball-EM der Frauen sind gespielt, mit zum Teil bemerkenswerten Partien mit allem, was diese Sportart so faszinierend und (je nach Ansicht) wunderbar oder grauenhaft macht.
Ein Sieg der Leidenschaft und des Herzblutes
Ein Kapitel für sich schrieb die Partie Deutschland gegen Frankreich, die uns in längst vergangen geglaubte Zeiten zurückbrachte. Schon die Vorzeichen waren klar: Hier ein teilweise begeistendes Team von les Bleues, dort eine Mannschaft, die nach einem mehr als ernüchternden 1:4 in der Vorrunde gegen Schweden die Wunden leckte. Und spätestens nach dem vorsätzlichem Haareziehen von Kathrin Hendrich gegen eine französische Spielerin samt Rot und (recht glücklich) verwandeltem Elfmeter in der 13. Minute schienen alle Messen doch gesungen. Wer jetzt übrigens meint, Haareziehen sei typisch Frau, den verweise ich gerne auf eine Szene von vor einer Woche, als im Finale der Club-WM Joao Neves (PSG) Chelsea-Spieler Marc Cucuralla das gleiche Delikt beging. https://www.ran.de/sports/fussball/klub-wm/videos/fifa-klub-wm-cucurella-im-fokus-neves-sieht-rot-nach-haare-ziehen
Was dem langhaarigen Spanier nicht zum ersten Mal passierte.
Deutsche und Aufgeben?, denktste! Denn sie besannen sich wie zu besten Zeiten auf die deutschen Tugenden (die Dauer-Motzki Matthias Sammer schon vergessen glaubt) und lieferten einen tollen Kampf bis über die Schmerzgrenze hinaus. Eine schöne Ecken-Variante brachte das 1:1 durch Sjoeke Nüsken, und die Verteidigung wehrte alle Angriffe der Französinnen mit riesigem Herzen ab. Wobei es ihnen die bemerkenswert einfallslosen Gegnerinnen auch recht einfach machten. Glück kam hinzu bei zwei Abseitstreffern der Equipe tricolore (eines davon haarscharf). Auf der anderen Seite scheiterte Nüsken mit einem ganz schwachen Elfmeter und prolongierte die Serie von absurd schwachen Versuchen vom Punkte bei diesem Turnier.
Also Verlängerung, immer noch 10 gegen 11. Die gefährlichste Szene der Französinnen entschärfte die deutsche Schlussfrau Ann-Katrin Berger mit einer Monsterparade, als sie eine veunglückte Kopfball-Abwehr von Janina Minge von der Linie kratzte: sicher der beste Save des Turniers und vielleicht einer der besten in der EM-Geschichte (Männlein und Weiblein).
https://www.sportschau.de/fussball/frauen-em/weltklasse-parade-berger-verhindert-dfb-rueckstand,fussball-frauen-em-berger-parade-100.html
Mit etwas Glück (eine Französin traf in der Schlussminute der Verlängerung nur die Oberkante der Querlatte, an die Berger den Ball guckte) retteten sich die Deutschinnen ins Elfmeterschießen, und dort avancierte Berger endgültig zur Matchwinnerin. Nicht nur hielt sie 2 Versuche, sondern sie traf auch selbst vom Punkt, als sie selbstbewusst als 5. Schützin antrat und eiskalt verwandelte. Offen bleibt nur, ob ihr die auf einer Trinkflasche aufgemalten Hinweise halfen (Wer dachte da nicht an Jens Lehmanns Zettel 2006 gegen Argentinien, der im Fußball-Museum ausgestellt ist). Und wie es sich für ein deutsches Team im Elfmeterschießen gehört, waren die Schützinnen fast unfehlbar. Sechs verwandelten souverän, nur die extra dafür eingewechslte Sara Däbritz wollte es zu gut machen und zielte etwas zu hoch. Die französische Torhüterin jedenfalls berührte keinen Ball (außer, wenn sie ihn aus dem Tornetz holte).
So viele Parallelen zu den 1980ern und vor allem zur Nacht von Sevilla 1982, als die deutschen Männer sich gegen eine vermeintlich übermächtige Equipe Tricolore durchsetzten. Wieder diese unfassbare Leidenschaft, eine glänzenden Torfrau (die allerdings nicht der Gegnerin die Zähne ausschlug wie einst Toni Schumacher Patrick Battiston. Wobei: Haareziehen ist auch nicht die feine Art).
Apropos Haareziehen: Ich hatte riesiges Vegnügen in einem anderen Blog die Partie zu verfolgen, wo alle denkbaren und undenkbaren Haarwortspiele gemacht wurden. Mir persönlich fiel sofort „Asterix der Gallier“ ein, als der gefangenengenommene Miraculix den Römern statt des Zaubertranks ein Haarwuchsmittel braute (samt tausend Sprüchen über Haare).
Zurück zum Spocht: Die Deutschinnen treffen am Mittwoch auf den klaren Favoriten Spanien. Tags zuvor duellieren sich England und Italien
Elfmeterschießen aus Absurdistan
Und damit bin ich bei der 2. bemerkenswerten Viertelfinal-Partie, genauer gesagt, dem Elfmeterschießen zwischen England und Schweden, das nach dem 2:2 nach Verlängerung (die Schwedinnen hatten schon 2:0 geführt) nötig wurde. Ich kann es nicht anders sagen: Ein schlimmeres Duell vom Punkt habe ich noch nie gesehen. Nicht nur, dass nur 5 von insgesamt 14 Schüssen erfolgreich waren, sondern viel mehr die (Entschuldigung!) mehr als dilettantische Art, wie zahlreiche Versuche derart schwach in die Hände der gegnerischen Torfrau geschoben wurde, kaum dass der Ball die Torlinie erreicht hätte, ließ mich mehr und mehr staunend und (ich gebe es zu) laut lachend zurück. Zur tragischen Heldin avancierte die schwedische Torfrau Jennifer Falk: Die hielt zwar vier Elfer, versagte aber selbst vom Punkt, als sie den Ball bei ihrem Versuch, der das Match zu Gunsten Sverige entschieden hätte) weit übers Tor drosch.
Am Ende durften also die Engländerinnen jubeln trotz ihrer England-typischen 4 Fehlversuche im Elferschießen.
Viertelfinale
Norwegen – Italien 1:2
Das entscheidende Tor erzielte die Squadra Azzurra eine Minute vor Schluss
Schweden – England 5:4 n. E.
Spanien – Schweiz 2:0
Lange wehrte sich die Gastgeberinnen gegen übermächtige Ibererinnen, doch zwei fein herausgespielte Treffer entschieden das Spiel zugunsten der Spanierinnen um die brillanten Bonmati und Putellas
Frankreich – Deutschland 6:7 n. E.
Halbfinale
Di., 21:00: England – Italien in Genf/ZDF und DAZN
England ist Titelverteidiger und hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Italien steht zum ersten Mal seit 28 Jahren in einem EM-Halbfinale
Mi., 21:00: Spanien – Deutschland in Zürich/ARD und DAZN
Bei Olympia 2024 setzte sich das deutsche Team im Spiel um Platz 3 mit 1:0 durch
von Münchner Löwe | Aug. 4, 2023 | Frauen-WM, Fußball
Das Warnlämpchen blinkte kräftig am Tag vor dem Aus. Da kam nämlich der erklärte Mitfavorit um den alternden Weltstar Marta nicht über ein 0:0 gegen Jamaika hinaus; statt der Selecao zogen die Reggae Girlz ins Achtelfinale ein, was Reggae-Ikone Bob Marley auf seiner Wolke 7 im Himmel sicher sehr erfreut haben dürfte.
Es war schon lange klar: Es gibt keine Kleinen mehr, die Partie der Deutschen gegen Südkorea würde also kein Selbstgänger sein, und doch spürte man überall großen Optimismus, diese Hürde schon zu überstehen. Wie wir jetzt wissen, entpuppte sich diese Annahme als Irrtum und die Hürde als zu hoch.
Klar, mit ein bisschen Spielglück hätten die Deutschen gewinnen können, sogar gegen durchaus beachtliche Südkoreanerinnen, die viel besser spielten als in ihren beiden Spielen zuvor, als sie punkt- und torlos blieben. Aber eines war auffällig: Gegen gut verteidigende Mannschaften tut sich das deutsche Team extrem schwer. Spielerische Akzente oder gar fließende Kombinationen, die einen Abwehrverbund aushebeln können, sucht man vergeblich, und irgendwann klappt dann auch das bewährte Mittel „Flanke hoch in den Strafraum, Kopfball Popp“ nicht mehr nach Belieben, sondern war nur ein Mal erfolgreich – zu wenig, weil gleichzeitig Marokko recht überraschend gegen Kolumbien gewann und die Deutschen noch vom zweiten Platz verdrängte.
Und damit wären wir beim 6:0 zum Auftakt gegen eben dieses Marokko. Der hohe Sieg kaschierte die Schwierigkeiten, die die Mannschaft von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg auch in dieser Partie in der ersten Halbzeit hatte. Und es verdrängte die zum Teil furchtbaren Testspiele im Vorfeld der WM, als eben die Schwächen, die letztlich zum Aus führten, zu beklagen waren: eine wahrlich nicht sichere Innenverteidigung und mangelnde Kreativität und oft auch taktisches Unverständnis. Hier sind gewisse Parallelen zu den Männern unverkennbar. Das grundsätzliche Ausbildungssystem gehört längst auf den Prüfstand.
Bestimmt war das Voss-Tecklenburg nicht entgangen, aber trotz vieler Mahnungen fehlte es den Akteurinnen im zweiten Spiel gegen Kolumbien an Gelassenheit, die Spielerinnen wurden etwas übermütig. Statt in der Nachspielzeit das 1:1 zu halten, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit fürs Achtelfinale gereicht hätte, drängte man mit aller Gewalt auf das Siegestor, das allenfalls Statistiker erfreut hätte, sonst aber ohne große Bedeutung gewesen wäre. Prompt fing sich das Team nach einem blitzsauberen Konter und abschließender Ecke ein völlig überflüssiges Gegentor und die Niederlage ein, was den Grundoptimismus allenthaben nicht wirklich etwas anhaben konnte. Oder war der beim Team nur gespielt?
Vielleicht wurde es den Spielerinnen nämlich auch alles zu viel: der Hype um das Team, die – immer noch für viele ungewohnt – riesige mediale Aufmerksamkeit. Und nicht zuletzt die Bitte, ja Aufforderung, die „Mädels“ mögen doch bitte den deutschen Fußball retten nach dem deprimierenden Vorrunden-Aus der deutschen Männer vor gut einem halben Jahr in Katar und vier Jahre zuvor in Russland, das damals ebenfalls im entscheidenden Spiel gegen eine südkoreanische Mannschaft besiegelt wurde. Die unglaubliche Nervosität vor allem zu Beginn der Südkorea-Partie mag ein Beleg dafür sein.
Was jetzt unbedingt notwendig ist: eine seriöse Aufarbeitung, was in Australien schlechter lief als vor einem Jahr bei der EM, als das Team erst im Endspiel von England im Wembleystadion geschlagen wurde. Das grundsätzliche Können und auch die zunehmend professionellen Strukturen in den Vereinen sind ja vorhanden, wie der Finaleinzug bei der EM vor einem Jahr auch der Einzug des VfL Wolfsburg ins Champions-League-Finale beweist. Die Wölfinnen stellten ja einen Großteil der Mannschaft. Für die Verantwortlichen gilt es jetzt, bei aller berechtigten Kritik nicht alles in Bausch und Bogen zu verdammen. Gerade Fußball wird, wie kaum eine andere Sportart, von Unwägbarkeiten, ja Zufälligkeiten beeinflusst. Ein Pfostenschuss hier, ein knappes Abseits dort – und schon sieht die Sache ganz anders aus – man frage die die Unglücksrabin aus Portugal, die in der Nachspielzeit gegen die USA nur den Pfosten traf, der das Aus des Titelverteidigers verhinderte. Andererseits sich nur auf das beliebte „hätte, wenn …“ oder Verletzungspech berufen, ist der Sache nicht dienlich. Hier ist der DFB gefragt, und man kann nur hoffen, dass er jetzt ein besseres Krisenmanagement führt als nach dem Männer-Desaster in Katar. Die schon geäußerte Selbstkritik von Voss-Tecklenburg, ist dabei ein erfreuliches erstes Zeichen. Ob sie dann wirklich die radikale Konsequenz zieht und ihren Hut nimmt, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.
Vielleicht ebbt der Hype jetzt etwas ab, der vielen auf den Geist ging, die mit Frauenfußball immer noch nichts anfangen können und jetzt mit Wonne lästern. Schade wäre es allerdings, wenn das Grundinteresse, das in den vergangenen Jahren auch hierzulande kontinuierlich stieg, abflauen würde. Das Spiel der Frauen wird immer attraktiver, das zeigte und zeigt die WM, die jetzt in die entscheidende Phase einbiegt. Wenig nützlich sind dabei allerdings die ewigen Vergleiche mit den Männern; die Frauen spielen ihr eigenes Spiel – und das ist (meistens) gut so, wenn auch nicht fürs deutsche Team im australischen Winter.
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