von Münchner Löwe | Juli 20, 2026 | Doping, Golf, Leichtathletik, Radsport
Vingegaard muss aufgeben
Aus der Traum vom Toursieg. Auf der 15. Etappe in den Vogesen stürzte Jonas Vingegaard in einem Kreisverkehr so schwer, dass er aufgeben musste. Einer ersten Diagnose zufolge erlitt der Däne einen Schlüsselbeinbruch, er wird eine längere Pause einlegen müssen.
Vingegaard galt als schärfster Verfolger des souveränen Gesamtführenden Tadej Pogacar. Wobei „scharf“ bei einem Rückstand von fast fünf Minuten relativ ist, normalerweise hätte er wohl keine Chance mehr gehabt, den Slowenen noch einzuholen. Zu souverän agierte Pogacar, der gerade in den Bergen bisher naheuzu unantastbar schien.
Am heutigen Montag ist Ruhezag, der zweite und letzte der Tour. Pogacar führt mit genau fünf Minuten auf Remco Evenepoel und schon 5:58 Minuten auf seinen mexikanischen Teamgefährten Isaac del Toro. Evenepoel macht dieses Jahr gerade in den Bergen einen viel stärkeren Eindruck als in den vergangenen Jahren, am Sonntag entschied er das sehr schwierige Teilstück mit der Bergankunft am Plateau de Solesan im Spurt vor Pogacar für sich. Die Frage ist, ob seine Form auch fürs Hochgebirge reicht, denn in der letzten Woche steht nach dem 21-Kilometer-Zeitfahren (in dem der Spezialist im Kampf gegen die Hhr noch aufholen kann) enorm schwierige Bergetappen in den Alpen an: Gleich zweimal geht es hoch nach Alpe d’Huez, allerdings nur einmal von der schwereren 21 Serpentiven langen Seite.
Zumindest vorerst aber hat Evenepoel auch im teaminternene Bora-Red-Bull-Duell die Nase vor Florian Lipowitz. Der Deutsche at schon 1:48 Minuten Rückstand auf Evenepoel und 6:48 auf Pogacar. Hinter dem potenziellen Toursieger (nona, ein Sturz kann schnell passieren) dürfte es einen beinharten Vierkampf um die Platze 2 und 3 geben,in den neben Evenepoel und Lipowtz auch del Toro (3./5:50 auf Pogacar) und das französische Supertalent Paul Seixas (4./6:23) eingreifen werden.
Überschattet wird aber alles vom Sturz Vingegaards und die Begleiterscheinungen. In der Nacht zuvor war der Däne nämlich um 2 Uhr nachts zur Dopingprobe gebeten (also befohlen) worden. Gerade vor eine solchen Etappe ein absolutes Unding, auch wenn sich Vingegaard bedeckt hielt. „Man kann wohl sagen, dass es nicht förderlich war.“ Auch Pogacar berichtete, dass er um 5 Uhr morgends vor einer Etappe zur Blutentnahme aus dem Bett geklingelt wurde. „Schlaf ist sehr wichtig. Gerade für die Konzentration.“
Deutsche Läufer überzeugen
Ein fantastisches Leichtathletik-Meeting erlebten 60.000 Zuschauer in London. Höhepunkt war der (angekündigte) Meilen-Weltrekord des Schotten Josh Kerr, der die 1609 Meter in 3:42,66 Minuten absolvierte. Damit blieb er um gut eine halbe Sekunde unter der bisherigen Bestmarke des algerischen Ausnahmeläufers Hicham El Guerrouj. Robert Farken aus Leipzig ließ sich von der fantastischen Stimmung im Olympiastadion bei diesem Rennen mitreißen und schaffte in 3:46,82 Minuten einen großartigen Deutschen Rekord.
Es war nicht die einzige nationale Bestleistung eines deutschen Läufers. Emil Agyekum brauchte für die 400 Meter Hürden nur 47,45 Sekunden und unterbot den (in der Tat) alten Rekord um drei Hundertstel. Dieser datiert aus dem Jahr 1982 (und 87) und wurde jeweils von der deutschen Lauflegende Harald Schmid aufgestellt. Zum Sieg reichte es für Agyekum allerdings nicht. Weltrekordler Karsten Warholm schwebte mit 46,61 Sekunden in ganz anderen Sphären (passend bei einem Hürdenlauf, oder?). Dennoch gelten sowohl Agyekum als auch Farken zu den heißesten Medaillenkandidaten aus Germany für die EM in Birmingham in knapp einem Monat (10. bis 16. August).
Das gilt auch für Malaika Mihambo. Mit der Einschränkung, dass die Weitspringerin auch den Balken trifft. Im 5. Versuch segelte die Olympiasiegerin von 2020 auf 7,05 (Bestleistung für diese Saison). Doch in einem EM-Wettkampf wäre sie gar nicht mehr dabei gewesen, denn ihr gelang das Kunststück und übertrat bei allen vier Versuchen. Statt salto nullo nach 3 Versuchen also Diamond-League-Sieg. Wenn das kein Omen ist.
Rekordsprinter droht Dopingsperre
Viel Aufregung um Owen Ansah. Der deutsche Rekordsprinter (9,98 Sekunden) hat ernsthaften Ärger mit der Doping-Agentur. Vor 10 Tagen suchten ihn Kontrolleure auf, doch der Sprinter verweigerte die Probe. Aus gutem Grund, wie er glaubte, denn er war auf dem Weg zum Meeting nach Monaco, wo er ganz kurzfristig eingeladen wurde. Er sei spät dran gewesen für sein Flugzeug und gerade auf der Toilette gewesen, begründete Ansah.
Die Strafe für eine verweigerte Probe ohne Grund sind hart: nämlich mindestens 4 Jahre Sperre, also wie nach einem positiven Befund. Und die Regularien erlauben auch einen Überraschungsbesuch der Kontrolleure (die ja letztlich erst dem Ganzen einen Sinn geben, siehe oben beim Radsport). 2 Fragen drängen sich jetzt auf:
- Ist ein wartendes Flugzeug für ein Meeting ein dringender Grund (bisherige Rechtsprechung: eher nein). Und: Hätte der Kontrolleur nicht anbieten müssen, zusammen mit Ansah zum Flughafen zu fahren und dort die Probe zu entnehmen?
- Hat der Kontrolleur auf die Tatsache hingewiesen, dass ein verweigerter Test diese drakonische Folge hat. Im Gegensatz von einem sogenannten Missed Test, wo der Kontrolleur den Athleten trotz Anwesenheits-Pflicht nicht antrifft (davon darf sich jeder drei „leisten“).
Zur Wahrheit gehört außerdem, dass Ansah in den Tagen danach mehrfach kontrolliert wurde. Ob das hilfreich ist? Keine Ahnung, aber viele Dopingmittel sind ziemlich schnell nicht mehr nachweisbar. Also kein unbedingter Freispruch-Grund.
Die Nationale Dopingagentur hat den Fall zwar zur Anklage gebracht, doch bisher gibt es keine Suspendierung seitens des Deutschen Lei htathletik-Verbandes. Ob eine solche noch vor den Meisterschaften am Wochenende in Hannover ausgesprochen wird, bleibt zwar fraglich, aber so leicht wird Ansah diese Causa wohl nicht vom Tisch bringen.
Der Golfschlag seines Lebens – ganz schnell ausgeführt
Da stand Ryan Fox vorm wichtigsten Putt seines Lebens, und er musste erst mal warten auf seinen Flight-Partner Sam Burns, der noch zu Ende spielen wollte. Minuten des Wartens wurden wahrscheinlich zu Stunden, denn Fox würde mit einem eingelochten Schlag Golf-Geschichte schreiben. Der Putt hatte mit etwa 2 Metern Länge genau die Distanz, die die Profis so fürchten. Unter normalen Umständen meist kein Problem, doch wenn ein Major-Sieg wie am Sonntag dranhängt bei den Open Championships im englischen Royal Birkdale, dann erscheinen die 2 Meter eher wie 20.
Als Fox dann endlich dran war (Burns wurde letztlich Dritter), machte er es ganz schnell. Fix das Loch und den eigenen Ball fixiert, schon wer der Schlag ausgeführt, der wie an der Schnur gezogen im Ziel versank. Fox jubelte ungläubig, sein Caddy sank reichlich entnervt zu Boden, und die Golfwelt hat einen neuen, aber doch recht alten Helden. 39 Jahre ist Fox mittlerweile alt, er ist damit der älteste Premierensieger bei einem Major seit Hendrik Stenson (40) vor zehn Jahren; seine bisherigen Erfolge halten sich in Grenzen (Sieg bei den BMW Championships 2023). Jetzt ist er erst der dritte Neuseeländer, der eines der vier wichtigsten Golfturniere der Welt gewann.
Es war eine unterhaltsame Schlussrunde am Sonntag, die ich erst heute nachgeschaut habe (irgendwie hatte ich im Vorfeld eines nicht ganz unwichtigen Fußballspiels anderes vor). Mit einer grandiosen 64er-Schlussrunde war Cameron Young aus den Tiefen des Mittelfelds an die Spitze gestürmt. Eine gefühlte Ewigkeit verfolgte der Amerikaner im Clubhaus wahrscheinlich mit einigem Amüsement, wie die Konkurrenz unter den immer schwieriger werdenden (Wind)-Bedingungen (sowie den eigenen Nerven) litt und Schlag um Schlag verlor. Wie etwa Bryson DeChambeau, dem das Kunststück gelang, einen Ball trotz tausender Zuschauer und zig Fernsehkameras derart tief in ein mit dichtem Gras bewachsenen Feld zu versenken, dass dieser trotz angestrengter Suche nicht aufzufinden war (da muss man schon drauftreten, sagen die Golfer). Auch Fox hatte zu kämpfen (nach seiner 62er-Glanzrunde vom Vortag), doch er hielt sich immer in Schlagdistanz zum Führenden. Vor der letzten Bahn war er gleichauf mit Young. Ein Par würde ihn ins Stechen bringen (Young übte schon fleißig an der Driving Range), ein Birdie den schnellen Triumph. Also lieber einfach als kompliziert, wenns nur immer so zuginge im Leben.
Und sonst?
- Formel 1: Kimi Antonelli im Mercedes wieder auf der Erfolgsspur. Nach ganzen drei Rennen ohne Sieg triumphierte der italienische WM-Führende im belgischen Spa-Franchorchamps vor Charles LeClerc aus Monaco und dem Holländer Max Verstappen. Antonelli führt nun inn der Fahrerwertung mit 45 Punkten Vorsprung auf Ferrari-Pilot Lewis Hamilton und gar 50 auf Teamkollege George Russell, der gleich zum Start nach einer Kollision ausfiel.
- Tennis: Turniersiege feierten Barbora Kerejikova in Athen, Stefanos Tsitsipas in Gstaad und Alexander Rublew in Bastad.
von Münchner Löwe | Juli 20, 2026 | Allgemein
Der Albtraum nahm bei mir kurz vor der Geisterstunde Gestalt an, spätestens in der Verlängerung. Diese widerwärtige Argentinien-Truppe würde sich ins Elfmeterschießen mogeln, wo sie dann triumphieren und Weltmeister werden würde. Widerwärtig deshalb, weil die Südamerikaner nur foulten und bissen und kratzten und traten und nachtraten und provozierten und protestierten und reklamierten. Ekelerregend. Das hatte mit Fußball nix zu tun, sondern glich eher einer Straßenschlacht in Buenos Aires oder Rosario. Dass ein Dauer-Fouler und -Aufwiegler wie Leandro Paredes zum Zeitpunkt des Schlusspfiffs noch auf dem Spielfeld stand: unglaublich angesichts seiner serienweise Sauereien! Vielleicht ist er ja eine sehr netter Mensch, als Fußballer widert er mich an.
Und dann die Erlösung. Gegen 10 Argentinier, weil Enzo Fernandez nach einem üblen Tritt tatsächlich vom Platz flog (und die Stirn hatte, lautstark zu jammern und protestieren). Endlich das Tor des eingewechselten Ferran Torres, dessen satter Schuss nach Kopfball-Ablage aus kurzer Entfernung endlich an Schlussmann Emiliano Martinez vorbeiplatziert war. Martinez, meine Albtraum-Nemesis, mein potenzieller Elfmeter-Töter im Elferschießen wie im Finale 2022 gegen Frankreich (nach einem zuvor allerdings begeisternden WM-Endspiel). Es war der 20. Schuss der Spanier, der zwölfte aufs Tor (zuvor gefühlt alle direkt auf Martinez). Die Argentinier hatten bis dato an „Offensive“ zu verzeichnen: nicht ein Schuss, nicht mal ein Abschluss. Expected Goals: 0,00 Prozent! Also nix, nada, niente. Furchterregend. Wären Argentinier Künstler gewesen, das Publikum hätte die Elf gnadenlos von der Bühne gebuht!
Und dann? Nach dem Rückstand? Plötzlich spielte Argentinien Fußball, begeisternden und auch gefährlichen Angriffsfußball. Angeleitet vom endlich erblühenden Lionel Messi, dem bis dahin unsichtbaren Spaziergänger. Argentinien drängte die stolzen und so ballsicheren Spanier nach hinten, attackierte, kombinierte, dominierte, spielte Chancen heraus (Simeone MUSS treffen). Der Ausgleich lag in der Luft, jeder Spanier hing in den Seilen – bis zur Erlösung, als Schiedsrichter Vincic die Partie endlich mit fünf Minuten Nachspielzeit abpfiff.
Danach ging die Treterei und Rangelei munter weiter, mittendrin mein besonderer Freund Paredes, der nach einer Würgattacke gegen Gavi endlich das verdiente Rot sah. Auch Trainer Lionel Scaloni war kein guter Verlierer. Der nur seine angeblich so heroischen Spieler heraushob und es nicht fertigbrachte, den Spaniern zum Triumph zu gratulieren (das zusammengebissene „bessere Mannschaft“ kann beim besten Willen als ernsthafte Ehrerbietung gewertet werden.
Dass der Sieg der Spanier verdient war, wird wohl niemand bestreiten; auch nicht Menschen, denen Argentinien und deren Einwohner sympathisch sind und ihnen den Triumph von Herzen gegönnt hätten. Spanien hat sich über das gesamte Turnier als die beste mannschaft erwiesen. Die Iberer gerieten allenfalls im Viertelfinale gegen Belgien in Verlegenheit nach dem Ausgleich, dem einzigen Gegentreffer im gesamten Turnier. Das Team verfügt vielleicht nicht über den absolut überragenden Offensivmann, zumal der junge Außenstürmer Lamine Yamal wie Nico Williams weit hinter seiner Top-Form zurückblieb. Dafür stellt es herausragende Defensivkräfte. Den sensationellen Innenverteidiger Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und bester Jungprofi der WM, dem ich eine große Zukunft prophezeie; den unermüdlichen Marc Cucurella, weltbester auf der linken Außenbahn; und schließlich Rodri, der unnachahmliche Balleroberer und -Verteiler im defensiven Mittelfeld, der völlig zu Recht zum besten Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. Wie ich schon vor der Partie schrieb: Es gibt keine Schwachstelle, und vor allem spielen die 11 Jungs auf dem Feld blendend zusammen.
Katastrophaler Rasen
Die Umstände rund um die Partie waren eines WM-Finals unwürdig. Da war zum einen der Rasen: zu holprig zu stumpf, zu trocken; der Ball rollte nicht richtig, ein furchtbarer Acker. Normalerweise spielen die NFL-Footballer der New York Jets und New York Giants im MetLife Stadium, und auch hier ist die Spielfläche berüchtigt und für die eine oder andere schwere Verletzung verantwortlich. Man hat so vieles bei dieser WM bewerkstelligt, aber einen gut bespielbaren Rasen fürs wichtigste Spiel in einem Vierjahres-Turnus, das konnte und wollte man offensichtlich nicht schaffen.
Es drängte sich ohnehin das Gefühl auf, dass dieses (End)Spiel eigentlich nur störte. Vor der Partie ein ewig langer Music Act, meist nur per Playback vorgetragen (hier zitiere ich nur Berichte, angeschaut habe ich mir das Elend nicht). Dann die erbärmliche Halbzeit-Show. Man wollte so was Ähnliches wie beim Super Bowl präsentieren, aber es war nur ein katastrophaler Abklatsch. Statt einem oder bestenfalls zwei Künstlern zu geben (wie beim Super Bowl üblich), waren es gleich 7 Acts, zusammengestellt ohne Sinn und Verstand. Und deshalb wurde die seit mehr als 100 Jahren festgeschriebene Pausenzeit von 15 Minuten handstreichartig fast verdoppelt? Das passt zum fußball-hassenden Gianni Infantino, der das Ganze veranlasst hat.
von Münchner Löwe | Juli 19, 2026 | Fußball, WM
Nach mehr als fünf Wochen ist es jetzt endlich soweit: das mit Spannung erwartete Finale. Spanien gegen Argentinien, das kommt jetzt nicht völlig unerwartet, immerhin trifft der amtierende Europameister auf den Südamerika-Champion. Kaum zu glauben: Zuletzt trafen Spanien und Argentiniene in einem Pflichtspiel 1966 aufeinander.
Das Vorspiel machte schon mal Appetit auf mehr. In einer extrem unterhaltsamen Partie um Rang 3 bezwang England Spanien mit 6:4
Spanien – Argentinien So., 21:00 in New York/New Jersey ZDF und Magenta sowie ORF und SRF
Was beide Teams vereint? Jeder Feldspieler ist technisch perfekt am Ball, großartig ausgebildet. Der große Unterschied. Während die Spanier auf Team-Fußball schwören und das perfekte Zusammenspiel forcieren, dreht sich bei Argentinien alles um Lionel Messi. 39 Jahre ist er mittlerweile alt, seit fast zwei Jahrzehnten gehört er zu den besten Fußballern der Welt (viele sagen, er ist der Beste). Und doch ist das jetzige Turnier vielleicht sogar sein stärkstes, zumindest von den Zahlen her. Acht Tore und 4 Assists sind ihm gelungen, so viele waren es noch nie bei einer WM und auch bei keiner Copa America.
Players to Watch
Marc Cucurella: der beste Linksverteidiger des Trniers, ich würde behaupten, mit einigem Abstand. Extrem lästig in der Defensive, wo er keinem Zweikampf aus dem Weg geht, dazu gefährliche Vorstöße. Und auch wenn dem Lockenkopf nicht alle Zuspiele gelingen, Cucurella kann den sogenannten tödlichen Pass spielen. Wechselt nach dem Turnier von Chelsea zu Real Madrid.
Enzo Fernandez: das Arbeitstier, gerne mit Zweikämpfen jenseits der Grenze des Erlaubten. Verfügt über einen unglaublich guten Weitschuss, die Torhüter von Kap Verde und England werden es leidvoll bestätigen. Wie Cucurella spielte er zuletzt beim Club-Weltmeister FC Chelsea.
X-Faktoren
Lionel Messi Die große und wahscheinlich spielentscheidene Frage: Inwieweit bekommt der argentisnische Superstar Zugriff aufs Spiel. Wenn er erst einmal in Faht kommt wie in der Schlussphase gegen England, wird es unheimlich schwer für die Spanier. Er vermag es wie kaum ein anderer, seine Mitspieler gut einzusetzen (die gerne für ihn zusätzliche Meter rennen), dazu verfügt er über einen brandgefährlichen Schuss. Andrerseits ist er halt auch schon 39 jahre alt, das Turnier war zehrend. In einigen Partien ist Messi regelrecht untergegangen, beteiligte sich minutenlang nicht am Geschehen. Ganz auszuschalten wird Lionel Messi nicht sein, aber wenn es den Spaniern gelingt, die magischen Momente auf ein Minimum zu reduzieren und diese unbeschadet überstehen, dann dürften sie die besseren Chancen haben.
Die Bankspieler
Je fünfmal dürfen die beiden Trainer wechseln, einen zusätzlichen gäbe es in der Verlängerung. Es treffen die beiden Teams mit der besten Bank aufeinander. Bei Spanien braucht ein Mikel Merino nur Minuten, um ins Spiel zu finden (er erzielte nach jeweils fünf Uhr-Umdrehungen die Siegtore gegen Portugal und Belgien). Der Außenspieler Nico Williams bringt neuen Schwung, ähnlich wie Mittelfeldmotor Pedri.
Auch die Argentinier haben Waffen wie Lautaro Martinez. Und sollten sie einen Vorsprung über die zeit retten müssen, gibt es die ekligen Männer wie Simeone, denen kein Trick, kein nickeliges Nachtreten, keine Spielverzögerung zu billig ist, um Minuten von der Uhr zu nehmen.
Die Bedingungen:
Gespielt wird in East Rutherford im MetlLife Stadium, wo die NFL-Footballer der New York Giants und New York Jets ihre Heimat haben. Der Rasen gilt als der schlechteste des gesamten Turniers, zu stumpf, zu trocken – das ist tödlich fürs Passspiel, das beide Teams pflegen. Die ganz große Hitze bleibt wohl aus, zum Zeitpunkt des Anstoßes (15 Uhr Ortszeit) werden 27 Grad erwartet. Der befürchtete Rauch aus Kanada, wo die Wälder unkontrolliert brennen, hält sich offenbar auch in Grenzen.
Verlängerte Halbzeitpause
Es soll wie beim Super Bowl werden. Eine gigantische Halbzeitshow wird die Pause überbrücken mit Auftritten von absoluten Superstars der Pop-Szene: So haben sich Shakira, Madonna, Justin Bieber und die südkoreanische Boygroup BTS angekündigt, Moderator soll Coldplay-Sänger Chris Martin werden. Ob das alles innerhalb von den vorgeschriebenen 15 Minuten zu bewerkstelligen ist (inklusive Auf- und Abbau), ist die ganz große Frage. Martin verspricht dies, aber vorsorglich hat die FIFA schon angekündigt, dass es länger dauern könnte (nur um wie viel länger, das ließ sie offen). Keine Frage, dass der Rhythmus durch eine allzu lange Pause verloren geht, andrerseits sollten es die Trainer schaffen, dass sich die Spieler nicht allzu viele Gedanken darüber machen.
🧠 Spanien (ganz knapp)
Die Leistung gegen Frankreich hat mich schwer beeindruckt. Diese unfassbare Ballfertigkeit, das tolle Kombinationsspiel, das ich in dieser Form nur von eingespielten Club-Teams kenne. Jeder einzelne ist ein Top-Kicker, ich sage nur: Rodri, Yamal, Olmo. Die große Frage: wie gehen die Spanier mit einem eventuellen Rückstand um. Im Viertelfinale gegen Belgien sah das nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich längst nicht so so souverän aus.
Was für Argentinien spricht: Sie geben nie auf, sind in diesem Turnier schon mehrfach dem Ausscheiden von der Schippe gesprungen. Nicht mit Glück (zumindest nicht nur), sondern dank des Urvertrauens in die eigene Stärke. Die ja auch bei jedem einzelnen Spieler vorhanden ist (Alvarez, Di Paul), nicht nur bei diesem Zaubermenschen Lionel Messi.
Frankreich – England 4:6 (0:4)
Satz und Sieg, das liegt bei diesem Tennisergebnis nahe. Das es noch nie in der Geschichte von WM-Endrunden (mehr als 1000 partien) gegeben hat (ein sogenantes Scorigami).
Es war eine wilde Partie, in der die Offensive Trumpf war. Wie so oft bei einem Spiel 3, wenn der ganz große Wunsch Titel unerreichbar geworden ist und (wie man hört) der Frust-Alkohol noch in den Knochen steckt). Von Beginn an hatten die Engländer mehr Lust auf Fußball, und in der 1. Halbzeit war jeder Schuss ein Treffer, was zum absurden 4:0 führte. Offenbar fand Frankreichs scheidender Trainer Didier Deschamps bei seiner letzten Pausen-Ansprache die richtigen Worte, und er packte die Seinen an der Ehre. Tor um Tor holten die Franzosen auf zum 3:4. Die Schlussphase war dann eher wie aus Absurdsistan gescripted. Über 5:3, 5:4 und 6:4 retteten die Engländer die Partie und sicherten sich mit Platz 3 tatsächlich die beste Platzierung seit 1966, als sie im heimischen Wembley-Stadion sogar den Titel holten.
Für Trainer Thomas Tuchel war das ein ganz wichtiger Erfolg. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der 4:0-Vorsprung noch hergegeben worden wäre. Einige der englischen Journalisten und Experten (wie in Deutschland eine echte Plage, die alles, aber auch alles besser wissen) wittern eh schon Blut und fordern die Ablösung.
Trotz der Niederlage hatte zumindest Kylian Mbappé Grund zur Freude. 2 Treffer steuerte der Angreifer in der Aufholjagd bei und erhöhte sein Torekonto bei dieser WM auf 10. So viele Treffer bei einer einzigen WM waren zuletzt Gerd Müller gelungen, im Jahr 1970 (!), wozu der damalige Bayern-Stürmer allerdings nur 5 Partien brauchte und nicht nacht wie Mbappé. Der jetzt 22-mal bei WM-Turnieren erfolgreich war, damit führt er die ewige Rangliste an vor Messi (bisher: 21).
Ob Mbappé tatsächlich Torschützenkönig wird, steht allerdings noch nicht fest. Sollte Messi heute Abend zweimal treffen, hätte er wie Mbappé Tore auf dem Konto. Da der Argentinier mehr Assists geleistet hat, würde ihm der Goldene Schuh überreicht werden.
von Münchner Löwe | Juli 16, 2026 | Allgemein
Zwei bemerkenswerte Halbfinali haben wir gesehen; mit überraschenden, allerdings nicht sensationellen Siegern. Heraus kommt ein WM-Endspiel zwischen Argentinien und Spanien, das es in dieser Konstellation seit 60 Jahren nicht mehr in einem Pflichtspiel gegeben hat.
Frankreich – Spanien 0:2
„Wenn Spanien das Mittelfeld beherrscht, wir es schwer für Frankreichs Starstürmer“, habe ich in meiner Vorschau sinngemäß geschrieben. Genau das ist eingetreten, wobei ich nie und nimmer gedacht hätte, dass Mbappé und Co. dermaßen chancenlos und buchstäblich ohne Torchancen bleiben würde.
Wass für eine unglaublich tolle (Mannschafts)Leistung der Spanier. Elf perfekt eingestellte und top ausgebildete Spieler machten den Franzosen die Partie zur Qual, die Unterlegenheit war trotz nahezu gleichwertigen Ballbesitz teilweise grotesk. Wo auch immer ein Franzose den Ball erhielt, zwei oder gar drei Iberer warteten schon, um ihm das Spielgerät wieder abzunehmen.
Spätestens nach der Führung durch den glasklar berechtigten Elfmeter war klar, dass das für die Equipe tricolore an diesem Nachmittag in der überdachten Dallas-Arena ein fast aussichtsloses Unterfangen werden würde. Phänomenal der zweite Treffer durch Pedro Porro nach perfektem Doppelpass.
Die Besten der Sieger
Marc Cucurella und Dani Olmo: Es ist immer schwer, bei einer tollen Teamleistung einzelne Spieler herauszuheben. Aber gerade was Marc Cucurella auf der linken Abwehrseite veranstaltet (schon das gesamte Turnier), sucht im Weltfußball seinesgleichen. Defensiv mit (fairer) Zweikampfstärke ohnehin, aber auch offensiv schaltete er sich immer wieder ein, auch wenn ihm da nicht alles gelang.
Der deutsche Fußball-Fan hasst ja Cucurella nach dessem vermeintlichen, aber nicht geahndeten Handspiel im Stuttgarter EM-Viertelfinale. Die groteske Abneigung hat sich noch immer nicht gelegt (siehe die abwertenden Kommentare in entsprechenden Portalen). So ist es mir geradezu ein Bedürfnis, diesen grandiosen Kicker zu würdigen.
Dani Olmo wiederum ist der unumstrittene Chef der Offensive. Mit so vielen tollen und erstaunlichen Ideen (die brillante Vorarbeit zum 2:0). Umso wichtiger, weil die ansonsten überragenden Außenstürmer Yamal und Nico Williams nicht in absoluter Top-Form sind (wobei ein Yamal sich toll gesteigert hat und großartige Aktionen hatte).
Und dann natürlich Rodri: der beste Balleroberer im defensiven Mittelfeld. Will also sagen: Auch Spanien hat nicht nur ein überragendes Kollektiv, sondern alles überragende Einzelkönner.
Die französischen Starspieler
Kylian Mbappé stemmte sich wenigstens gegen die Niederlage, blieb aber mit seinen Aktionen glücklos. Regelrecht erschüttert war ich über die schwache Leistung von Michael Olise und auch Ousmane Dembélé. Olise habe ich während deer gesamten Spielzeit beim FC Bayern nicht einmal so schwach gesehen: ohne Esprit, ohne Kraft, ohne Willen. Gerade der Kräfteverschleiß deutete sich schon in den vergangenen K.o.Spielen an.
England – Argentinien 1:2
Die erste Halbzeit war nicht anzusehen und hatte mit Fußball wenig zu tun. Sehr viele Fouls, Nickligkeiten über Nickligkeiten, meist initiiert (aber beileibe nicht ausschließlich) von den Südamerikanern, die genau eines im Sinn hatten: Es möge nicht Fußball gespielt werden. Der amerikanische Schiri ließ das zu, verzichtete lange auf Gelbe Karten, die dem Treiben (vielleicht!) ein Ende bereitet hätten.
Mehr als entschädigt wurden die Fußballfans von der mitreißenden 2. Halbzeit. Ausgerechnet der Führungstreffer der Engländer durch Gordon (55.) nach einem brillantem Konter änderte alles. Plötzlich besannen sich die Argentinier aufs Fußballspielen. Trainer Lionel Scaloni wechselte echte Könner wie Rodrigo De Paul, Nico Gonzalez und Lautaro Martinez ein und holte die schlimmsten Treter und Provokateure Simeone und Paredes vom Platz. Der Weltmeister entwickelte enormen Druck, auch weil die Engländer sich komplett aufs Verteidigen der knappen Führung beschränkten und sich viel zu weit zurückdrängen ließen. Entlastungsangriffe blieben nahezu aus, auch weil Trainer Thomas Tuchel nur noch kopfballstarke Innenverteidiger einwechselte, die das Flankengewitter des Gegners unschädlich machen sollten. Offensivkräfte waren kaum noch auf dem Feld, Torschütze Gordon und Declan Rice mussten runter.
Ich habe getitelt „das Tor, das England lähmte“. In der Tat habe ich sehr wenige Fußballspiele gesehen, wo ein Treffer der eigenen Mannschaft so wenig gutgetan hat wie das von Gordon dem englischen Team. Sicher fehlte auch die Kraft, geschuldet unter anderem der extrem zehrenden Partie vor einer Woche in der Höhe von Mexiko-Stadt, als die Engländer 30 Minuten in Unterzahl agieren mussten. Aber das Sich-Einigeln und irgendwie den Vorsprung über die Zeit retten, das war der Tuchel-Fußball bei dieser WM.
Und gegen Argentinien konnte das einfach nicht gutgehen, weil das offensiv schlicht ein ganz anderes Kaliber darstellt als etwa das einfallslose Mexiko. Die scharfen und großartig getimten Flanken und namentlich von Messi brachten stets größte Gefahr. Zunächst rettete Schlussmann Jordan Pickford sensationell gegen Alexis MacAllisters Kopfball, Minuten später stand der Pfosten im Weg (wieder nach Kopfball McAllisters). Doch die Angriffe wurden immer gefährlicher, und in der 86. Minute war es dann soweit. Messi bediente Enzo Fernandez, und der Spezialist für Fernschüsse (schon das Siegstor in der Zwischenrunde gegen die Kap Verden) überwand Pickford aus 20 Metern. Ob der gar nicht sooo platzierte, aber technisch brillant abgefeuerte Schuss unhaltbar für den Torwart war, der recht spät reagierte? Schwer zu sagen, zumal gefühlt ein Dutzend Spieler vor der Nase herumwuselten und eventuell die Sicht nahmen.
Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen in Atlanta, fest in argentinischer Hand. Und als es weitergeht, wird schnell klar, dass die Südamerikaner gegen die waidwunden Engländer noch in der regulären Spielzeit die Entscheidung suchen würden. Mac Allister zieht ab – erneut Pfosten. Aber Messi erwischt den Abpraller, geht an der rechten Seite am hüftsteifen O’Reilly vorbei und seine Maßflanke verwandelt der erstaunlich freistehende (wo waren all die Innenverteidiger?) Lautaro Martinez zum 2:1 – die Entscheidung.
Erneut ist England gegen Argentinien geschlagen – nach den epischen Thrillern 1998 in Frankreich und 1986 im Azteka.
Wie zum Hohn müssen die Three Lions am Samstag zum Spiel im Platz 3 ran, gegen die ebeso zutiefst enttäuschten Franzosen. Tags darauf dann vor den Toren New Yorks das große Finale. Eine nähere Vorschau wird kommen.
Bester der Argentinier
Lionel Messi: Ja, langweilig. Aber in der 2. Halbzeit sahen wir den besten Messi in diesem Turnier, obwohl er selbst keine Treffer erzielt hatte. Da leistete er sich kaum Kunstpausen, seine unfassbare Ballfertigkeit und schlauen Ideen stürzten die Engländer von einer Verlegenheit in die nächste. Die großartigen Flanken und Zuspiele taten letztlich das Entscheidende (Vorarbeit zu beiden Treffern). Und sogar wenn er nicht am Ball war, strahlte er in „seiner“ Zone etwa 20, 25 Meter eine extreme potenzielle Gefahr aus und „fesselte“ Abwehrkräfte, die woanders fehlten.
Die Stars der Engländer
Jude Bellingham: eine einzige Enttäuschung. Kaum eine gelungene Aktion brachte der Real-Star zustande. Zwar ließ ihn Tuchel als einen der wenigen englischen Offensiv-Kräfte auf dem Feld, dort setzte er aber überhaupt keien Akzente.
Harry Kane: Ebenfalls ohne nennenswerte Offensiv-Aktion, vom schönen Pass aus de eigenen Hälfte vor dem Führungstreffer abgesehen. Im Offensiv-Feuerwerk der Argentinier stand er als Verteidiger seinen Mann mit starken Kopfball-Befreiuungen.
von Münchner Löwe | Juli 14, 2026 | Allgemein
Da sage noch einer, dass die Fußball-Weltrangliste erratisch zusammengewürfelt ist nach nicht nachvollziehbaren Kriterien (so wie ich es wiederholt tue). Die Top 4 jedenfalls sind im Halbfinale unter sich, auch weil die FIFA in einem erstaunlichen Anflug von Weisheit eine Setzung vorgenommen hat. Sprich: Sie hat die Gruppen so gelegt, dass Frankreich, Spanien, England und Argentinien nicht aufeinandertreffen konnten, wenn sie denn ihre Gruppe als Erste abschließen (was allen Vieren mehr oder weniger souverän gelungen ist). Mir persönlich gefällt dieses Setzen sehr, es gibt aber auch Gegenstimmen, beispielsweise in der SZ. Ich sage nur (jenseits von subjektiven Vorlieben): Ich finde es gut, dass wir jetzt im Halbfinale zwei absolute Top-Begegnungen erwarten dürfen; ob es dann auch Top-Spiele werden, bleibt dann abzuwarten
Frankreich – Spanien
Di., 21.00 in Dallas (ZDF und Magenta sowie ORF 1 und SRF)
Die Partie findet in Dallas statt, Spielbeginn 14 Uhr Ortszeit. Die texanische Hitze ist allerdings kein Problem, denn das Stadion ist voll überdacht und voll klimatisiert. Das letzte Aufeinandertreffen war ein wildes 5:4 der Spanier im Halbfinale der Nations League 2025. 4:0 und 5:1 führten die Spanier, ehe die Franzosen noch auf 4:5 herankamen, ehe ihnen die Zeit ausging. Auch ein Jahr zuvor im EM-Halbfinale hatten die Spanier mit 2.1 das bessere Ende für sich.
Was das fürs heutige Halbfinale bedeutet? Nichts, nada, rien. Denn gerade die Franzosen sind ein ganz anderes Team. Eines, das endlich seine Angriffs-Power auch auszunutzen geruht und sein Heil in der (kontrollierten) Offensive sucht. Die Spanier verlassen sich dagegen weiter auf ihre tolle Deckungsarbeit und ihr hervorragendes Kombinationsspiel.
Die Stars
Kylian Mbappé: Für mich bisher der Spieler des Turniers. Der selbst Chancen kreieren kann und auch selbst vollenden. Der auch die vortrefflichsten Zuarbeiter hat, vor allem Michael Olise, der allerdings in den vergangenen Partien gegen Paraguay und Marokko nicht mehr ganz so auffällig agierte. Mbappé hat wieder das Selbstvertrauen, lässt sich auch durch einen ziemlich erbärmlich vergebenen Elfmeter nicht aus dem Konzept bringen. Und wenn er an die Kette gelegt wird, dann ist da auch noch ein gewisser Ousmane Dembélé, der amtierende Weltfußballer.
Bei den Spaniern sehe ich nicht den herausragenden Einzelspieler. Lamine Yamal war für diese Rolle vorgesehen: Der 18-jährige Außenspieler spielt auch gut, mannschaftsdienlich, aber nicht überragend. Zumindest nicht so überragend und mit so tollen Treffern, wie wir ihn schon im spanischen Dress und beim FC Barcelona gesehen haben.
Wenns nicht so abgedroschen klingen würde: Der Star der Spanier ist die Mannschaft, herausheben würde ich dennoch einen Dani Olmo, ein Mann mit so vielen schlauen Einfällen. Und auch wenn vorne Mikel Oyarzabel nicht ganz so auffällig spielt wie die Stürmerstars Kane und Haaland und Co., aus den Augen darf ihn niemand verlieren.
Die Verteidiger
Wirklich geprüft wurden die französischen Abwehrspieler bisher noch nicht, egal ob Dayot Upamecano innen oder Lucas Digne außen. Für mich wirkt der Abwehrverbund nicht hundertprozent sicher, das ist eher ein Gefühl, als dass ich es belegen könnte. Aber wann immer sich gegnerische Mannschaften nach vorne aufgemacht hatten (was selten genug vorkam), es kam Gefahr auf.
Ich bin wirklich sehr gespannt, wie Digne und auch Kounde mit den bärenstarken Außenstürmern Yamal und vielleicht sogar Nico Williams zurechtkommen.
Die Spanier haben den vielleicht besten Innenverteidiger des Turniers in ihren Reihen. Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und dennoch strahlt der Jungspund des FC Barcelona eine Ruhe und Abgeklärtheit und Klasse aus wie ein schlachtenerprobter Haudegen. Marc Cucurella ist der beste Linksverteidiger des Turniers, wobei „Verteidiger“ angesichts seine Dauer-Vorstöße eine sehr unzureichende Bezeichnung ist.
Die Torhüter
Mike Maignan blieb zuletzt nahezu ohne Beschäftigung. Er verfügt über glänzende Reflexe, wirkt aber im Herauslaufen nicht immer souverän.
Unai Simon würde ich stärker einschätzen. Für viele ist ja schon überraschend, dass der unfassbar gute David Raya vom FC Arsenal nicht die Nummer 1 ist. Simon von Athletic Bilbao genießt das uneingeschränkte Vertrauen von Trainer de la Fuente.
X-Faktoren
Die Bankspieler:
Das sind die Spanier vielleicht noch breiter aufgestellt als die Franzosen, auf extrem hohem Niveau. Die Franzosen haben ihr A-Team, allenfalls die Frage ob Doué oder Barcola als vierte Offensivkraft aufgestellt wird, ist strittig.
Die Spanier haben sehr viel nachzulegen, gerade auch offensiv. An erster Stelle natürlich Mikel Merino, der Super-Joker. Nur jeweils fünf Minuten brauchte er gegen Portugal und Belgien, ehe er als Einwechselspieler das jeweilige Siegtor erzielte. Wenn Nico Williams als Linksaußen in die Partie kommen sollte, ist das ein weiterer sehr schwer zu stoppender Gefahrenherd.
Defensives Mittelfeld
Die Schaltstation: Es gilt die gegnerischen Angriffe abzufangen und seinerseits Offensiv-Aktionen zu innitiieren. Vielleicht der größte Vorteil der Spanier, denn Rodri ist mit der Beste auf dieser Position und mittlerweile auch wieder gut in Form. Bei den Franzosen fällt Rabiot dem gegenüber doch leicht ab.
🧠 Frankreich
Ich sehe die Equipe tricolore hauchzart vorn. Kleinigkeiten werden entscheiden (ich hoffe sehr, dass es keine Fehler der Unparteiischen sind). Mbappé wird den Unterschied ausmachen, doch wehe, das spanische Mittelfeld bekommt die Hand aufs Geschehen.
England – Argentinien
Mittwoch, 21 Uhr in Atlanta, ARD und Magenta sowie ServusTV und SRF
England gegen Argentinien, wer von den Älteren erinnert sich nicht an das WM-Viertelfinale 1986 im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt mit Hauptdarsteller Diego Maradona. Zuerst die Hand Gottes, dann das tollste Solo der WM-Geschichte. Am Ende stand es 2:1 für Argentinien, und eine Woche später waren die Südamerikaner Weltmeister.
Wenn die Neutralen das schon nicht vergessen, dann natürlich erst recht nicht die Beteiligten. Die Engländer fiebern dem Duell förmlich entgegen, Veteranen aus dem Falklandkrieg melden sich zu Wort. Kühlen Kopf zu bewahren und sich der aktuellen Aufgabe zu stellen, ist also gar nicht so einfach. Wenn es einer kann, dann doch der eher technokratische deutsche Trainer Thomas Tuchel!? Der das Spiel damals als Zwölfjähriger verfolgte (ich geh mal davon aus, dass er das tat). Und die Engländer haben ja schon eine Azteka-Nemesis überwunden, nämlich als sie im Achtelfinale in eben dieser Spielstätte den fulminanten 3:2-Erfolg über Gastgeber Mexiko bewerkstelligten.
Die Argentinier sind die letzten Nicht-Europäer im Feld. Von allen Halbfinalisten geben sie mir die meisten Rätsel auf, was ihr Leistungsvermögen betrifft. Einerseits Zittereien gegen die afrikanischen no names (nona) Kap Verden und Ägypten, und auch der Auftritt im Viertelfinale gegen die Schweiz offenbarte Schwächen. Ändererseits: Wenn sie denn gefordert waren, dann waren sie zur Stelle. Das Powerplay gegen Ägypten bei 0:2-Rückstand, den sie in ein 3:2 verwandelten, war faszinierend und sollte jedem eine Warnung sein, der dieses Team unterschätzen will.
Die Stars
Bei England sind es zwei, auf die sich alles konzentriert: Harry Kane und Jude Bellingham. zwei absolute Unterschiedsspieler. Hier der Torjäger des FC Bayern mit dem vielleicht besten Torschuss im Weltfußball, dort der eher filigrane, enorm ideenreiche Bellingham von Real Madrid. Wo er eine recht lausige Saison hinter sich hat und sich unter anderem mit dem inzwischen gefeuerten Xabi Alonso zerstritt.
Als Tuchel die Mannschaft und auch Bellingham kritisierte, trotz seiner jeweils zwei Tore gegen Mexiko und Norwegen, da schlug Bellingham zurück, stellte die Kompetenz von Tuchel in Frage (naja, so schlimm war es nicht, aber er sagte sinngemäß, der Trainer habe auf so hohem Niveau nie gespielt).
Im Zweifel werden die Wogen sich glätten. Dann hat England ein veritables Offensiv-Duo, das auch den Argentiniern viel Ärger machen könnte.
Bei den Argentiniern dreht sich natürlich alles um Lionel Messi. Ein Faszinosum. Der 39-Jährige rennt kaum, er kämpft kaum, er verteidigt kaum, oft steht er fast teilnahmslos herum. Stehgeiger nennen die Österreicher so einen Künstler. Doch wenn Messi am Ball ist, dann kann jederzeit Magisches geschehen. Nicht nur bei den Frei- und Eckstößen, die er so gefährlich wie kaum ein Zweiter zu treten weiß. Auch während des Spiels kann er jederzeit den Unterschied ausmachen. Wenn er etwa 25 Meter vorm Tor am Ball ist, herrscht allergrößte Gefahr. Die erste Pflicht der Engländer lautet also: Messi also erst gar nicht an den Ball kommen lassen.
Acht Tore hat Lionel Messi mittlerweile erzielt, nur bei der vermeintlich einfachsten Übung, dem Elfmeter versagt er („Messi“ und „versagen“, ich kann so etwas kaum schreiben). Zweimal trat er an, einmal schoss er daneben, einmal in die Hände des gegnerischen Torwarts.
Die Verteidigung
Im Mexiko-Spiel, als die Engländer nur noch zu zehnt waren, konnten sich die Engländer auf ihre Verteidger verlassen, die alle allerdings auch recht einfallslosen Angriffe der Gastgeber unschädlich machten. Im Mittelpunkt stand da zum Beispiel der eingewechselte Burn, der alle Bälle wegköpfte, die da in den Strafraum flogen. Auch den Norwegern gelang es gegen England nicht, ihren Starstürmer Erling Haaland einzubinden. Wie es allerdings aussieht, wenn der Gegner mit Tempo agiert, muss sich noch herausstellen.
Die Argentinier verteidigen hart, überhart monieren manche, und die eher laxe Spielleitung der Schiedsrichter kommt dem entgegen. Wirklich sicher wirken sie allerdings nicht, obwohl sie sich seit Jahren kennenwie die insgesamt fünf Gegentreffer in den drei K.o-Spielen zeigen (mit Abstand die meisten aller Halbfinalisten).
Im defensiven Mittelfeld sehe ich klare Vorteile für England, vielleicht sogar die spielentscheidenden. Während ein Paredes auf Argentiniens Seite zwar efensiv ordentliche Arbeit verrichtet, ist Elliot Anderson der Shooting Star der Three Lions. Ein Laufwunder (14,81 Kilometer gegen England in Miamis schwüler Hitze), sehr stark im Bälle erobern, mit denen er dann auch etwas Vernünftiges anzufangen weiß. Vor der WM wechselte er für sagenhafte 136 Millionen Euro von Nottingham Forest zu Manchester City, wo er der designierte Nachfolger von Rodri ist (den ich vorher so gelobt habe).
Die Torhüter
England und die Torhüter – ein Kapitel für sich. Jordan Pickford sehe ich als solide im besten Sinne des Wortes an, kein Hexer zwischen den Pfosten, keiner, der die „Unhaltbaren“ reihenweise entschärft, aber auch kein stetiger Unglücksrabe, der sich die Bälle selbst reinwirft. Überkritische Experten kreiden ihm das Zaubertor des Norwegers Schjelderup an (auch wegen seiner „nur“ 1,85 Meter Körpergröße), da würde ich allerdings nicht unbedingt mitgehen.
Emiliano Martinez hat Pickford vieles voraus, auf jeden Fall 10 Zentimeter Körpergröße. Vor allem ist er schon Weltmeister. Er hatte 2022 gehörigen Anteil daran, als er im WM-Finale zunächst mit einer fast unwirklichen Parade in letzter Minute ein fast sicheres Gegentor und die Niederlage verhinderte (Frankreichs Kolo Muani träumt heute noch davon) und dann auch im Elfmeterschießen den letztlich entscheidenden Versuch von Kingsley Coman entschärfte (leider file er durch einen verachtenden Jubel extrem negativ auf). Martinez ist wie Pickford ein Spezialist für Elfmeterschießen. Im WM-Viertelfinale 2022 wehrte er gegen Holland sogar zwei Schüsse ab, und bei der Copa 2021 setzte er sich im Halbfinale gegen Kolumbiens als Elfmeterkiller durch.
X-Faktoren
Argentiniens Weltmeister: Wie es aussieht werden gleich neun Spieler, die im WM-Finale 2022 begannen, auch am Mittwoch in der Startelf stehen, und auch die Auswechselspieler Lautaro Martinez und Otamendi waren in Katar schon dabei. Erfahrung für heikle Spiele haben sie also genug, fragt sich halt, ob sie auch genug Kraft und Energie aufwenden können. Wie schnell das dann geht mit einem positiven Erlebnis, hzeigte im Viertelfinale Julian Alvarez. Der Stürmer von Atlético Madrid spielte ein lausiges Turnier, und entschied die Partie mit einem sagenhaften Tor.
Die Kraft: Sowohl Argentinien als auch England brauchten im Viertelfinale eine Verlängerung zum Weiterkommen. Gerade die Argenitnier wirkten zeitweise gegen die Schweiz sehr müde. Sogar ihre Überzahl in der Verlängerung konnten sie kaum zu vernünftigen Angriffe nutzen.
🧠 England
Vieles spricht fürs Tuchel-Team. Und doch: Argentinien muss erst mal bezwungen werden. Keine Mannschaft ist außerdem dermaßen gut eingespielt – und kein anderes Team würde dermaßen ergeben und aufopferungsvoll versuchen, ihren nicht kämpfenden Starspieler zu kompensieren. Wie kein anderer Halbfinalist hangelte der Titelverteidiger schon am Abgrund, und zog sich doch immer wieder mit eigener Kraft heraus. Bösartige Kritiker behaupten allerdings auch, dass kein Team so sehr die Hilfe der Schiedsrichter in Anspruch genommen hat. Die pfiffen schon reichlich Argentinien-freundlich, um es in aller Vorsicht zu formulieren.
Geistesblitze der Argentinier sind immer drin, von Messi, von Àlvarez, von Lautaro Martinez; außerdem unfassbar gefährliche Standards, die man nicht alle vermeiden kann. De Engländer müssten mehr Frische in die Wagschale werfen können, und Standards können sie auch. Und sie haben Harry Kane, meinen potenziellen Matchwinner. Hier zuerst gelesen.
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