von Münchner Löwe | Juli 4, 2026 | Allgemein
Die nicht enden wollende Zwischenrunde ist überraschenderweise doch noch zu einem Ende gekommen. 16 Partien haben wir sehen dürfen, zum Teil eher müssen; bestenfalls eine Handvoll wird dem neutralen Betrachter in Erinnerung bleiben. Ansonsten hatte das Ganze sehr viel von einer 1. Pokalrunde, wenn ein mehr oder weniger engagierter und spielerisch limitierter Außenseiter den klaren Favoriten fordert. Vor allem mit einer extremen Defensive, und vorne möge der liebe Gott helfen.
Außerdem gab es dann Duelle, die übelst an einen mittelmäßigen Zweitliga-Kick erinnerten: einer musste halt gewinnen, und so zogen Kanada (vs Südafrika) und Ägypten (Australien) ins Achtelfinale.
Manchmal hatte das sogar Erfolg wie bei den unglaublich schwachen paraguayos, die mit ihrer Maurertaktik und dem erratischen Elfmeterschießen den hohen Favoriten Deutschland rauskickten. Meist aber blieb es beim Vorhaben, wie chancenlose Österreicher (vs Spanien), Algerier (Schweiz) und Bosnier (USA) ernüchtert feststellen mussten. Ein Sonderfall: die völlig überforderten Schweden, die dem Angriffswirbel der Franzosen schlicht nichts entgegenzusetzen hatten
Bleiben einige erinnerungswürdige Partien. Das sportlich hochwertigste war meiner Meinung nach das Duell Portugal vs Kroatien. Zwei Teams, die offensichtlich gewinnen wollten, die auch offensiv etwas zu bieten hatten und trotzdem die Verteidigung nicht vernachlässigten. Zu so einem Spiel gehört ein grausames Ende zwingend dazu, und hätte es katastrophaler (ja, wir reden vom Sport, ich weiß) ausgehen können für Kroatien. Es steht 1:2 aus ihrer Sicht, eine letzte Flanke fliegt in den Strafraum, wird verlängert und der aufgerückte Weltklasse-Verteidiger Guardiol schießt den Ball ins Tor! Verlängerung und 30 Minuten weiter hoffen? Nein, denn der Schütze stand im Abseits. Nicht beim Schuss selbst, aber bei einer Kopfball-Verlängerung, als die Ballberührung mit bloßen Auge nicht wahrnehmbar war. Der Chip im Ball hatte eine geringstfügige Berührung festgestellt, wollen wir dem Ausschlag glauben.
Herzzerreißend auch Argentinien gegen die Kap Verden. Hier der Titelverteidiger und die gestandene Fußball-Nation aus Südamerika mit Lionel Messi, dem vielleicht besten Spieler aller Zeiten im xten Frühling und torhungrig wie nie zuvor bei eien WM. Dort die von den Einwohnern her kleinste Nation, die je an einer Endrunde teilgenommen hatte, wer könnte auf dem Globus genau benennen, wo diese Inselgruppe genau liegt? Die Führung von Messi in der 1. Halbzeit nach sensationeller Ballannahme und perfektem Abschluss, der Ausgleich in Durchgang 2. Biedere Argentinier; sie wirken müde, es ist ja fast das gleiche Team wie 2022 (offenbar herrscht im Land gerade Extrem-Mangel an Talenten). Trotzdem Chancen, die vernichtet der wieder großartige Torwart Vozinha. So einen 40-jährigben Keeper lasse ich mir gerne gefallen!
In der Verlängerung: eine hübsche Ecke von Messi (ansonsten mittlerweile fast abgemeldet und brotlos in seinen Dribblings) – Führung Argentinien. Ein Traumtor von Cabral Lopez, wer hat vom Trabzonspor-Profi noch nicht gehört?, wieder Ausgleich!. Noch eine hübsche Ecke von Messi, abermals die Führung. Die Kap Verden werfen alles nach vorn, Argentinien schwimmt, schindet zeit, wo es geht, und ihr großartige Torwart Emiliano Martinez (nicht 40, sondern erst 33) rettet mit zwei Super-Paraden den 3:2-Erfolg. Ich behaupte mal: Außerhalb von Argentinien hat die gesamte Fußballwelt ein Tränchen der Trauer verdrückt, dass diese heroischen Nobodies jetzt draußen sind. Sie waren tatsächlich eine echte Bereicherung für diese Weltmeisterschaft.
Ach ja, Frankreich!
Welcher Fußballfreund war nicht hellauf begeistert von diesem Auftritt. Das 3:0 gegen Schweden spielgelt die Übelegenheit ha ja nicht ansatzweise wider. Was das Offensiv-Quartett Mbappé, Osise, Dembélé und Barcola (anstelle von Doué) auf den Rasen zauberte, hat man lage nicht gesehen. Spielfreude, Technik, Tempo. Vielleicht wird der eine oder andere deutsche Fan nachträglich ganz froh sein, dass die paraguayos sich jetzt (heute, 23 Uhr) mit diesem übermächtigen Gegner herumschlagen dürfen und vielleicht nicht mit einem 0:3 herauskommen.
Können wir uns also den Rest des Turniers ersparen und den Franzosen gleich die Trophäe überreichen? Gemach, gemach! Zum einen sind die Ball-Zauberer Menschen, die vielleicht mal einen schlechten Tag haben, sich unwohl fühlen, gar verletz snd. Vor allem aber wirkt die Abwehr nicht hundertprozentig sattelfest, sogar die eher biederen Schweden hatten die eine oder andere Möglichkeit.
Trotz dieser kleinen Zweifel würde ich mich jetzt, also vor Beginn des Achtelfinals, festlegen: Frankreich wird Weltmeister. Nona, auf ins Wettbüro?
Gerupfte Afrikaner
9 Teams hatten die Zwischenrunde erreicht, und alle betonten, wie sehr der Kontinent fußballerisch aufgeholt habe. Ich wollte in diese Euphorie nicht einfallen, und der Realitäts-Check der Zwischenrunde fällt dann doch ernüchternd aus. Einzig Marokko und Ägypten schafften den Sprung ins Achtelfinale, sinnigerweise setzten sich beide Teams erst im Elfmeterschießen durch gegen Holland und Australien. Die übrigen 7 scheiterten teils knapp (wie gesagt: Kap Verden, aber auch die Elfenbeinküste, Senegal und DR Kongo hätten mit etwas mehr Spielglück und oder Erfahrung die Oberhand gegen Norwegen, Belgien und England behalten können), teils chancenlos (Algerien, Ghana, Südafrika).
MIt Abstand das beste Team sind die Marokkaner, aber auch die benötigten gegen Holland erst Glück (Ausgleich in der Nachspielzeit) dann Können im Elfmeterschießen. Im Viertelfinale könnte es zum Duell gegen Frankreich kommen, ich schau mal etwas weiter voraus..
Das Achtelfinale (Turnierbaum, also nicht chronologisch)
Sa.,. 19:00: Kanada – Marokko (Houston)
Der Co-Gastgeber sinnigerweise in Houston/Texas, also weit weg von der kanadischen Grenze. Nicht nur deshalb würde ich Marokko klar favorisieren, das in allen Belangen überlegen scheint.
Sa., 23:00: Frankreich gegen Paraguay (Philadelphia)
Alles andere als ein Sieg von Mbappé und Co. würde mich unfassbar überraschen. Paraguay mag müde, langsame und einfallsarme Deutsche aufhalten können, dem französischen Angriffswirbel voller Tempo und Spielwitz sind sie nicht gewachsen.
Mo., 21:00: Spanien – Portugal (Dallas)
Das berüchtigte Iberer-Duell, im vergangenen Jahr siegte Portugal in München im Nations-League-Finale. Die Spanier wirken sehr gut eingespielt und scheinen in der Abwehr kaum überwindlich (bisher kein Gegentor). Portugal hat viel entgegenzusetzen, aber die Pariser Spieler um Vitnha wirken nicht wirklich fit. Deshalb kleiner Vorteil: Spanien.
Di., 02:00: USA – Belgien (Seattle)
Die US-Boys gefallen durch mannschaftliche Geschlossenheit und Begeisterung. Belgien war gegen Senegal schon geschlagen, kehrte aber trotz 0:2-Rückstand wundersamst zurück. Der Heimvorteil gerade in der Fußball-affinen Stadt Seattle im wunderschönen Lumen Field dürfte den USA letztlich helfen zum erstmaligen Aufstieg ins Viertelfinale.
So., 22:00: Brasilien – Norwegen (New York/New Jersey)
Beide Teams erreichten das Achtelfinale durch Tore in der Nachspielzeit (gegen Japan respektive Elfenbeinküste). Brasilien ist kompakt und hat individuell sehr starke Spieler (nicht nur Vini jr), die eine enge Partie entscheiden können wie Martinelli gegen die Ivorer. Norwegen hat eine Goldene Generation, beileibe nicht nur Superstürmer Erling Haaland. Ein klares 50/50-Match, macht also Trainerguru Carlo Ancelotti für Brazil den Unterschied?
Mo., 02:00: Mexiko – England (Mexiko Stadt)
Riesennachteil der Engländer: Sie müssen sich für die Höhe in Mexikos Hauptstadt (2200 Meter) erst akklimatisieren, kommen aus Atlanta (320 Meter) wo sie erst am Mittwoch die DR Kongo bezwangen. Dazu noch der Heimvorteil der Mexikaner im Aztekenstadion, wo sie noch ungeschlagen sind. An das die Engländer übrigens trübe Erinnerungen haben an die WM 86, als sie an Maradona gescheitert sind; an dessen Wahnsinn (Hand Gottes) und Genie (Solo für die Ewigkeit). Können diese Geister vertrieben werden? Es sind Gewitter angesagt, vielleicht wird die Partie vorgezogen. Leichte Vorteile für Mexiko.
Di., 18:00: Argentinien – Ägypten (Atlanta)
Trotz aller Kap-Verde-Qual: Argentinien ist der klare Favorit. Wegen Messi, wegen Martinez, wegen der mannschaftlichen Geschlossenheit. Und weil es halt „nur“ gegen sehr biedere Ägypter geht, die mich bisher trotz Achtelfinal-Einzugs überhaupt nicht überzeugt haben. Also Argentinien!
Di., 22:00: Schweiz – Kolumbien (Vancouver)
Ausklang in Kanada (die Schweizer besetzen den Platz der Ahornblätter). Die Eidgenossen sind für mich eine der positiven Überraschungen, zumal aus Europa. Bisher sehr souveräne Auftritte. Hinten stabil mit dem großartigen Schlussmann Gregor Kobel, und vorne wirbelt der junge Freiburger Manzambi mit dem nicht mehr ganz so jungem Ex-Gladbacher Embolo und anderen. Reicht das für Kolumbiens Abwehrrecken? Ich sehe zumindest gute Chancen für die Schweiz!
von Münchner Löwe | Juni 30, 2026 | Fußball, WM
Bevor es zum allgemein erwarteten Achtelfinal-Showdown gegen Frankreich kommt, müssen die deutschen Fußballer schon die Koffer für den Rückflug packen. Ein beschämendes Aus gegen die Maurermeister aus Paraguay bedeutete das Ende der hochfliegenden Pläne von Bundestrainer Julian Nagelsmann („Wir werden Weltmeister“). Eine ohnehin absurde Behauptung angesichts der oft trostlosen Vorstellungen der vergangenen Jahre.
Die Partie gegen die extrem defensiv eingestellten Südamerikaner offenbarte alles, was dem deutschen Angrffsfußball fehlt. Esprit, Ideen, Schnelligkeit, Spielfreude. Klar war der Abwehrriegel extrem dicht, aber ein bisschen mehr als die ständigen Halbflanken (56 wurden gezählt) hätte es schon sein dürfen; bessere Standards, überraschende Seitenwechsel, fliegende Kombinationen – all das vermisste ich. Es ist ja nicht so, dass allein unglückliche Umstände, vergebene Top-Chancen und ein überragender Torwart den Erfolg verhindert hätten. Bei Lichte betrachtet, hatten die Deutschen neben Havertz‘ Treffer bestenfalls noch 2 gute Einschuss(köpf)möglichkeiten – keine unter der Rubrik „Sitzer“ einzuordnen.
Erschreckend erneut die Defensive – nicht nur beim Gegentor, das der nur 1,68 Meter große Enciso dermaßen frei vom Elfmeterpunkt köpfen durfte (in feinster Manier überwand er den chancenlosen Neuer), als hätte er eine höchst ansteckende und tödlich verlaufende Krankheit. Bei jedem der sehr wenigen Offensiv-Aktionen hatte ich das mulmige Gefühl, das etwas geschehen könnte (nur die absolute Unzulänglichkeit/Unwillen des destruktiven Gegners und ein aufmerksamer Manuel Neuer verhinderten dies.
Tahs Kopfballtor, das nicht zählte
Und doch hätte alles gut ausgehen können (wenn wir ein Achtelfinale höchstwahrscheinlich gegen ein in allen Belangen überlegenes Frankreich „gut“ finden wollen). Eine mal ausnahmsweise von Nathaniel Brown und nicht von Joshua Kimmich geschlagene Ecke brachte nämlich den vemeintlichen Siegtreffer durch Jonathan Tahs herrlichen Kopfball nach tollem Laufweg. Alle jubelten, kein Paraguayer protestierte, noch nicht mal ein Reklamierarm des von Waldemar Anton behinderten Schlussmanns Orlando Gill. Allein der VAR, die in Wirklichkeit eine DIVAR war (Senora Tatiana Guzman aus Nicaragua), hatte etwas zu bemängeln (nämlich die Behinderung des Keepers durch Anton) und schickte Schiedsrichter Jayed vor den Kontrollmonitor. Und siehe da: Herr Jayed erkannte ein jetzt strafwürdiges Vergehen und aberkannte den Treffer. Eine Fehlentscheidung, erst recht das Überstimmen, auch angesichts der sonst sehr großzügigen Spielleitung des Schiedsrichters. Allerdings auch kein „Voll-Skandal“, wie Bundestrainer Julian Nagelsmann im ZDF beim Betrachten der Bilder schäumte. So blieb es beim 1:1, und es kam zum denkwürdigen
Elfmeterschießen
Die Deutschen sind in dieser Disziplin Spezialisten. Viermal in der WM-Geschichte setzen sie sich mit dieser Art der Entscheidung durch. Bis gestern gab es nur einen einzigen Fehlschuss (durch Uli Stielike 1982 vs Frankreich). Meist war es so: Der deutsche Spieler stiefelte entschlossen zum Punkt, schnappte sich selbstbewusst den Ball, lief ohne Federlesens an und versenkte unhaltbar.
Und an diesem unseligen Montag? Ein Bild des Jammers. Der erste Schütze Kai Havertz, extrem sicher vom Punkt, scheiterte jämmerlich an Gill. Ebenso Nick Woltemade, dessen zögerlicher Anlauf nichts anderes erwarten ließ. Trotzdem wurde es noch mal spannend. Zwei Schützen der Paraguayos hätten nur verwandeln müssen fürs Weiterkommen: Sanabria schoss kläglich vorbei, und der eigens eingewechselte Fabian Balbuena scheiterte an Manuel Neuer.
Also doch die Wende? Mitnichten! Jonathan Tah lief zwar konsequent an, drosch aber ebenso konsequent den Ball himmelhoch betrübend in die deutsche Fankurve. Ein Fieldgoal, wie es der Kicker des heimischen Football-Teams der New England Patriots nicht sicherer hätte verwandeln können. Eine Entschuldigung für den Abwehrmann: Noch nie in seiner langen Laufbahn hat er in einem Profispiel einen Elfer geschossen. Jetzt hatte also José Canale die große Chance – und verwandelte sicher. Canale Grande halt – und ein Land jubelte (am Dienstag rief der paraguayische Staatspräsident tatsächlich einen kurzfristigen Feiertag aus).
Die Gründe fürs Aus
Zum dritten Mal hintereinander ist also ein deutsches Team schon vor einem WM-Achtelfinale gescheitert. Der Ruf der Turniermannschaft ist endgültig passé (den sich der vierfache Weltmeister zuvor durch insgesamt 8 Final- und 4 Halbfinalteilnahmen seit 1954 redlich verdient hatte).
Die Spieler
Ich muss es so klar sagen: Auf den allerwenigsten Positionen verkörpern deutsche Spieler zurzeit internationale Spitzenklasse, erst recht nicht Weltklasse. Florian Wirtz und Jamal Musiala, die einzigen sogenannten Unterschiedsspieler im offensiven Mittelfeld, konnten nie an ihre Bestform anknüpfen. Was kaum überraschen durfte, weil beide eine eher maue Saison hinter sich haben. Musiala wegen der Nachwirkungen des Schien- und Wadenbeinbruchs im vergangenen Sommer bei der Club-WM, Wirtz, der bei seinem neuen Team FC Liverpool immer noch die Leverkusen-Form sucht (obwohl er zeitweise ansprechend spielte).
Eklatant die Schwächen bei den Außenverteidigern, im kreativen Mittelfeld und auch in der Spitze. Vor allem aber auch die für ein deutsches Team erstaunliche Zweikampfschwäche gerade auch gegen harte, aber keineswegs unfaire Kontrahenten.
Julian Nagelsmann
Der Bundestrainer hat seine Bewährungsprobe klar nicht bestanden. Einst galt er als Supertalent, der schon mit 28 einen Bundesliga-Club anleiten durfte. Doch im gesamten Jahr 2026 hat er eine Serie von selbstverschuldeten Pleiten, Pech und Pannen hingelegt, die letztlich nur den Rauswurf bedeuten müssten. Sogar bei einem in dieser Beziehung sehr zurückhaltenden Verband, der auch nach den beiden WM-Enttäuschungen 2018 und 2022 zumindest vorerst an den Trainer Joachim Löw und Hansi Flick festhielt (ohne Erfolg).
Nach der letztlich erfolgreichen WM-Qulifikation im Herbst reihte der Bundestrainer seit März zumindest merkwürdige, wenn nicht abstruse und objektiv falsche Entscheidungen aneinander.
- Kritik an Denis Undav. Nach dem Siegestor des Stuttgarters im Test gegen Ghana Nagelsmann, die Leistung sei ansonsten schlecht gewesen. Undav sei für die Anfangself völlig ungeeignet. So ist wohl noch nie ein Matchwinner abgekanzelt worden.
- Neuers Rückkehr: Zur Erinnerung. Nach der EURO 2024 trat der Bayern-Schlussmann zurück, und Oliver Baumann verrichtete im deutschen Tor mehr als solide Arbeit. Dennoch hielt es Nagelsmann für nötig, im April Kontakte zu Neuer zu knüpfen (so zumindest die offizielle Version). Befeuert durch eine wirklich starke Leistung des Keepers bei Real Madrid, die aber eher die Ausnahme in diese Saison war. Ohne Not hatte Nagelsmann ein sehr tiefes Fass aufgemacht mit all den Diskussionen und unschönen Begleiterscheinungen; er vermittelte nicht nur Oliver Baumann den Eindruck, dass auf sein Wort nicht das Geringste Verlass ist. Nagelsmann schwafelte dann was von Neuers Aura, die den gegnerischen Spieler danebenschießen lassen würde. Davon war im gesamten Turnier wenig zu spüren, die Bälle schlugen gnadenlos und nicht immer unhaltbar ein. Im Elferschießen hielt Neuer zwar einen Versuch, im Gegensatz zu ihm ist Baumann ein echter Elferkiller. What if …?
- Das völlige Überhöhen des 7:1 gegen Curacao und auch des eher glücklichen 2:1-Erfolgs gegen die Elfenbeinküste in letzter Minute. Das Deutschland hauptsächlich den eingewechselten Denis Undav und Nadiem Amiri zu verdanken hatte (siehe später).
- das komplett vercoachte Spiel gegen Ecuador. Damit meine ich nicht die Tatsache, dass er trotz des sicheren Gruppensieges die beste Elf aufstellte, die sich weiter einspielen sollte. Sondern seine abstrusen Wechsel während der Partie. Es kamen nämlich außer Undav nicht die Spieler der zweiten Garde (Amiri, Goretzka, Woltemade) zum Einsatz, sondern jede Ergänzungsleute, die im weiteren Turnierverlauf überhaupt keine Rolle mehr spielen sollten. Dass dann die Partie noch verloren ging und damit auch das Momentum und die gute Laune, war dann schon fast konsequent.
- die Paraguay-Aufstellung: plötzlich stand also doch Undav in der Startelf, ausgerechnet gegen ein Abwehr-Bollwerk, mit dem er immer Probleme hat (Nagelsmann hatte also seine März-Ahnung nicht getrogen). Dementsprechend unsichtbar blieb der Stuttgarter bis zur Auswechslung. Außerdem beließ der Coach Kapitän Joshua Kimmich auf der rechten Seite, die der Münchern eher schlecht als recht ausfüllte (weil ihm dazu Schnelligkeit und Klasse fehlen). Kimmich hätte (auch nur vielleicht) im defensiven Mittelfeld mehr Einfluss aufs Spiel nehmen können als die überforderten Pavlovic und Nmecha.
Für mich völlig unverständlich war auch der Umstand, dass Nagelsmann erst so spät Amiri brachte (110. Minute), seinen gegen die Ivorer so starken Mittelfeldmann mit Ideen, die so fehlten.
Neben diesen taktischen und menschlichen Fehlleistungen war auch das Verhalten von Nagelsmann gegenüber den Unparteiischen unwürdig, die er an der Linie in einem fort anpflaumte (absurderweise sogar das Team um die US-Amerikanerin Tori Penso, obwohl diese den Deutschen ein irreguläres Tor schenkte). Auch in den Interviews blieb er reichlich unsouverän, blaffte herum, obwohl ihm gerade ein Johannes B. Kerner wirklich nichts Böses wollte.
So bleibt ein grausiger Gesamteindruck. Es passt allerdings zum in jeder Hinsicht unwürdigen Verband, dass er Nagelsmann in einer ersten Stellungnahme Nagelsmann weiter das Vertrauen aussprach. Ob das zu halten sein wird beim Proteststurm der Medien, der jetzt schon eingesetzt hat, bleibt allerdings abzuwarten.
von Münchner Löwe | Juni 29, 2026 | Radsport, Tennis, Wochenvorschau
Jenseits der WM: 2 absolute Top-Ereignisse des Sportjahres starten – Wimbledon und die Tour de France
Alles Sinner oder was?
Was macht Janni Sinner in Wimbledon, das er heute als Titelverteidiger eröffnet. Einen Monat war es still um den Italiener nach seinem hitzebedingten Sensations-Aus bei den French Open. Nicht eines der Vorbereitungsturniere auf Rasen hat er absolviert, nur trainiert, wie gut, weiß nur er selbst. Dennoch führt der Sieg nur über den Titelverteidiger, zumal Carlos Alcáraz wegen seiner Handverletzung immer noch pausieren muss. Derzeit gibt es kaum Meldungen über ein eventuelles Comeback des Spaniers zur amerikanischen Hartplatz-Saison, was immer das heißen mag.
Den typischen Rasenspezialisten (Aufschlag, Volley und der eine oder andere geblockte Return) gibt es schon länger nicht mehr. Sehr stark schätze ich die US-Amerikaner um Taylor Fritz, Ben Shelton und Francis Tiafoe ein. Die US-Männer warten schon ewig auf einen Titel (es war tatsächlich Pete Sampras im Jahr 2000). Obs dann wirklich einer aus diesem Trio (oder gar Tommy Paul?) den Durchmarsch schafft, ist einer der Spannungsmomente des Turniers. Und natürlich das Abschneiden des „ewigen“ Djokers Novak Djokovic auf der Jagd nach dem 24. Grand-Slam-Triumph.
Aus deutscher Sicht natürlich die spannendste Frage, was French-Open-Sieger Alexander Zverev auf dem von ihm nicht so geliebten Rasen veranstaltet, auch weil ihn eine Rasen-Allergie plagt. Schlechter als vergangenes Jahr kann es dem hamburger nicht ergehen, als er in der 1. Runde Arthur Rinderknech unterlag und danach in einer markerschütternden Pressekonferenz einen Seelenstriptease hinlegte, wo er mit sich und der Welt komplett unzufrieden war. In einem pozenziellen Viertelfinale könnte er auf Taylor Fritz treffen sein Angstgegner, gegen den er zuletzt in Halle/Westfalen seine 7. Niederlage hintereinander bezog.
Bei den Frauen steht erst einmal das Comeback von Serena Williams im Blickpunkt. Die US-Amerikanerin erhielt von den Veranstaltern eine Wild Card, der Hype um die 23-fache Grand-Slam-Siegerin (letzter Wimbledontitel: 2016) ist gewaltig (meines Erachtens zu gewaltig), ihre Partie gegen gegen die Australierin Maja Joint findet auf dem Center Court statt, er wird brechend voll sein. Ebenfalls beim Doppel, das sie mit ihrer älteren Schwester Venus bestreitet.
Auch wenn Williams die eine oder andere Einzel-Runde gewinnen sollte (eher bestenfalls eine), das Turnier wird sie nicht gewinnen. Für den Sieg kommen ein knappes Dutzend Spielerinnen in Frage. Anders gesagt: die natürliche Favoritin erkenne ich nicht. Die Vorbereitungsturniere hinterließen einen gemischten Eindruck. Die Top 2, Aryna Sabalenka und Lena Rybakina, bezogen empfindliche Niederlagen. Auch bei den Frauen gibt es chancenreiche Amerikanerinnen, sogar ein Quartett (Coco Gauff, Jessica Pegula, Madison Keys und trotz fehlender Form die letztjährige Finalistin Amanda Anisimova). Die Tschechinnen um Karolina Muchova (Turniersieg in Berlin) und Linda Noskova (Turniersieg in Bad Homburg) sind stark, und natürlich nie zu unterschätzen ist Iga Swiatek, die polnische Titelverteidigerin. Oder eben die Überraschungsfrau, die Wimbledon so gerne hervorbringt.
Die mittlerweile 37-jährige Tatjana Maria zeigte unlängt mit der Finalteilnahme in Eastbourne (vs Keys), dass sie auf Rasen sehr gefährlich sein kann, Ähnliches lässt sich über die deutsche Landsfrau Laura Siegemund sagen.
Alles Pogacar oder was?
Die Tour de France beginnt am Samstag, wie immer über 3 Wochen mit der Schluss-Etappe am 26. Juli mit einem Rundkurs in Paris. Wieder ein extrem anspruchsvoller Kurs mit gleich 8 Bergetappen und 5 Bergankünften. Gleich zweimal ist Alpe d`Huez das Ziel, bei der vorletzten Etappe allerdings geht es eher harmlos über die Ostseite hoch zum legendären Wintersportort: erst danach steht der Gesamtsieger wirklich fest.
Und wir wissen dann, ob Tadej Pogacar auch wirklich triumphiert. Der Slowene ist der haushohe Favorit auf den Toursieg; es wäre sein fünfter, mit dem er zu den Legenden Merckx, Indurain und Hinault aufschließen würde. Er ist in glänzender Form, wie der übelegene Sieg bei der Generalprobe Tour de Suisse eindrucksvoll bestätigte.
Doch die Konkurrenz wird sich nicht kampflos ergeben. Vor allem nicht Jonas Vingegaard, der überlegen den Giro gewann und dabei sogar Kräfte sparen konnte. Im Zeitfahren ist der Däne mindestens ebenbürtig, allerdings gibt es nur ein eher kurzes Einzelzeitfahren (26km/16.). Die große Frage lautet: kann er im Hochgebirge mithalten, vor allem bei so vielen Etappen.
Der deutsche Rennstall Bora-Red Bull geht mit einer Doppelspitze ins Rennen, angeblich sind Zeitfahrspezialist Remco Evenepoel und Florian Lipowicz, gleichberechtigt. Der Deutsche erscheint mir in den Bergen stärker als der holländische Kollege. Im vergangenen Jahr wurde er Dritter, und nach eigener Auskunft ist er noch besser in Form. Vor allem ist er ein Jahr erfahrener und hofft somit, dass er gerade am Anfang unnötige Zeitverluste vermeiden kann.
Womit ich beim vierten aussichtsreichen Kandidaten wäre: Paul Seixas, blutjunger (19) Himmelsstürmer aus Frankreich, der endlich für die Gastgeber wieder einen Toursieg schaffen soll (zuletzt Bernard Hinault 1985!). Seixas ist ein begnadetes Radsport-Talent, aber er bestreitet die Tour erstmals (und überhaupt zum ersten Mal eine dreiwöchige Landesrundfahrt). Gerade die Tour ist einzigartig, so aggressiv wird bei keiner anderen Rundfahrt gefahren. Irgendwann, da bin ich mir sicher, wird Seixas triumphieren, aber in diesem Jahr wird er höchstwahrscheinlich noch Lehrgeld zahlen müssen, wobei ich ihm Etappensiege jedezeit zutraue.
Die Tour de France beginnt, wie der Name schon sagt, in Spanien, genauer in Barcelona, wo zunächst ein 19 Kilometer langes Mannschaftszeitfahren stattfindet. Erst am Montag wird die Grenze zu Frankreich passiert.
Zunächst geht es in die Pyrenäen mit allerdings nur einer wirklich schwierigen Etappe (6.), auf der unter anderem die Legenden Tourmalet (Höchste Kategorie) und Aspin (1. K.) bezwungen werden müssen.
Knackige, hügelige bis bergige Etappen durchs Zentralmassiv bilden den Transfer in die Alpen wo dann die 2 Alpe-d’Huez-Etappen den Abschluss bilden (vor der Ehrenfahrt am Sonntag nach Paris, auf der nicht mehr angegriffen wird). Auf der 19. Etappe die legendären 21 Kehren hoch. Das Schwierigste kommt zum Schluss, nämlich die Königsetappe mit 3 Bergen der höchsten Kategorie, unter anderem der Galibier, mit 2645 Metern das Dach der Tour.
Und sonst?
- Leichtathletik: Diamond-League-Meeting am Freitag (nicht DL-Disziplinen) und Samstag in Eugene/Oregon. Trotz des ewig weiten Flugs an die Westküste haben zahlreiche Stars gemeldet.
- Formel 1: Grand Prix von Großbritannien in Silvestone. Es gibt den Sprint am Samstag und das hauptrennen am Sonntag (und die Qualifikationen). Die Mercedesse um den WM-Führenden Kimi Antonelli und Spielberg-Sieger George Russell sind weitger das Maß aller Dinge. Allerdings haben die Red Bulls (Max Verstappen) und auch die Mclarens aufgeholt. Eigentlich auch Ferrari, aber da funkt immer wieder eine falsche Taktik dazwischen.
- Motorsport: Erwähnen möchte ich die DTM am Norisring. Spektakulärer Stadtkurs in Nürnberg.
Wer also braucht da irgendwelche Fußballspiele in Nordamerika?
von Münchner Löwe | Juni 28, 2026 | Fußball, WM
Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika
Es ist vollbracht. Heute Nacht endete die schier endlose Vorrunde mit insgesamt 72 (!) Partien. Diese waren in 12 Vierer-Gruppen nötig, um aus 48 Teilnehmern 32 zu machen. Kein optimaler Wirkungsgrad, würden Techniker sagen.
Entsprechend spannungslos ging es meistens zu, zumal bei den jeweils dritten Partien. Wenige Ausnahmen gab es. Zum einen das 2:1 der Ecuadorianer gegen Deutschland, das die Südamerikaner trotz frühen Rückstands (nach irregulärem Tor von Leroy Sané) noch drehten und sich damit das Zwischenrunden-Ticket sicherten. Nebenher führte der Auftritt der Nagelsmann-Truppe zu längst vergessen geglaubten Diskussionen ums deutsche Team. Insbesondere um ihren zurückgeholten Schlussmann Manuel Neuer, der bei beiden Gegentreffern nicht glücklich aussah, um es noch vorsichtig auszudrücken.
Österreich in der Nachspielzeit: erst Rückstand, dann Ausgleich
Die verrückteste Partie der Vorrunde kam aber ganz zum Schluss: Österreich gegen Algerien. Schon zu Beginn war klar, dass beide Teams mit einem Remis weiterkommen würden (Österreich als Zweiter, Algerien als einer der besten acht Dritten), aber jedes Team bei einer Niederlage ausscheiden würde (also kein Spekulatius mehr, dass Österreich mit einer knappen Niederlage den vermeintlich schwächeren Zwischenrunden-Gegner Schweiz und nicht Spanien erwischen würde. Befürchtet wurde die Schande von Kansas: angelehnt an die Schande von Gijon, wo 1982 Deutschland und Österreich mit einem (angeblich unausgesprochenen) Nichtangriffspakt und einem beiden genehmen 1:0 Algerien aus dem Turnier kegelten. Doch daraus wurde nichts: Die Österreicher gingen zweimal in Führung, zweimal glich Algerien aus. 20 Minuten vor Schluss hatten sich die Mannschaften dann beruhigt, und nichts deutete auf eine verrückte Nachspielzeit hin.
Plötzlich aber ein tolles Zuspiel auf Algeriens Star Ryan Mahrez, der Alexander Schlager im Ösi-Tor bezwang. Plützlich unfelix Austria, weil ausgeschieden? Ein letztes hohes Zuspiel auf Michael Gregoritsch, Kopfballablage auf Sasa Kalajdzic, und der vollendet per Kopf ins Tor. Ausgleich, der ORF-Reporter wird mal wieder naarrisch! (O-Ton: „bist du deppert!“), und jetzt ist Österreich wieder glücklich – trotz des jetzt feststehenden Gegners Spanien – High Noon in LA 12 Uhr mittags am Donnerstag (Ortszeit).
Resümee der Vorrunde
Wenn ich aufs vorläufige Ergebnis meines Tippspiels schaue (großer Seufzer), hat es einige überraschende Resultate gegeben. Die aber zu einem insgesamt erwarteten 32er-Ko-Runden-Feld führten. Eine echte Sensation ist eigentlich nur das Aus des zweifachen Weltmeisters Uruguay in der vermeintlich einfachen Gruppe mit Capo Verde und Saudi-Arabien (neben Spanien). Ansonsten haben sich die Favoriten mit mehr Bauchweh (Belgien) und weniger (Argentinien) durchgesetzt.
Auf den ersten Blick mögen die 9 afrikanischen Teams in der Zwischenrunde überraschen (nur Tunesien blieb auf der Strecke), doch den Gruppensieg errang keines der Mannschaften. Maßlos enttäuschend dagegen die Asiaten. Allein die Japaner kamen weiter (und die Australier, die dem Kontinentalverband angehören). 7 Teams schieden aus, fünf davon als sieglose Gruppenletzte.
Das Abschneiden der Kontinente im Überblick
Europa: 13 von 16 Teams in der Zwischenrunde. Ausgeschieden Tswchechien, die Türke und Schottland. Die Tartan Army wieder tragisch. Ihre Fans gewinnen regelmäßig das Herz der Turnier-Gastgeber, aber sie schaffen es einfach nicht, wenigstens einmal die Gruppenphase zu überstehen. Der Kalauer „die Mannschaft ist früher daheim als die Postkarten“ findet die traurige Fortsetzung.
Afrika: 9 von 10 Teams in der Gruppenphase. Ausgeschieden sind nur die Tunesier; mit der verheerenden Bilanz von 0 Punkten und 2:12 Toren. Auch ein Trainerwechsel während des Turniers brachte keine Besserung.
Nordamerika/Karibik: 3 von 6 Teams in der Gruppenphase. Der zweigeteilte Kontinentalverband. Während die Co-Gastgeber Mexiko, USA und Kanada souverän die Zwischenrunde erreichten, gewannen die Karibikstaaten Haiti, Curacao und Panama insgesamt nur einen Punkt (den Curacao gegen Ecuador ermauerte) bei einem Torverhältnis von insgesamt 3:21. Panama blieb als einzige Mannschaft ohne jedes eigene Tor.
Südamerika: 5 von 6 Teams in der Gruppenphase. Nur Uruguay scheiterte, auch wegen der kapitalen Fehler von Torwart-Legende Muslera, der gleich bei drei Gegentreffern mehr als unglücklich aussah. Brasilien, Argentinien und Kolumbien schafften den Gruppensieg, sind jetzt aber alle in einer Turnierhälfte, was ein südamerikanisches Finale ausschließt (und ein rein europäisches ziemlich sicher auch).
Asien: 2 von 9 Teams weiter (inklusive Australien). Gemessen an den Einwohnern mag Asien unterrepräsentiert sein, gemessen an der fußballerischen Klasse eher nicht. Sehr unglücklich das Aus für den Iran, der ungeschlagen blieb, aber eben auch kein Spiel gewann. Neuntbester Dritter und damit knapp raus. Hätten die Algerier ihre Führung gegen Österreich behalten, hätte sich das Team trotz widriger Begleitumstände (Einreise ins Feindesland USA jedes Mal ein kräftezehrendes Abenteuer) für die Zwischenrunde qualifiziert. Tragisch: Ein vermeintlicher Iraner Treffer vs Ägypten im letzten Spiel in der Nachspielzeit wurde wegen einer ganz knappen Abseitsstellung nachträglich vom VAR (zu Recht) zurückgenommen.
Ozeanien: Der einzige Vertreter Neuseeland scheiterte als Letzter in einer keineswegs überstarken Gruppe mit Belgien, Ägypten und Iran.
Jetzt gehts aber los, oder?
In der Tat. Ab heute die 16 Zwischenrundenpartien, in denen das Feld bis einschließlich Freitag (Ortszeit) auf 16 Mannschaften halbiert wird. Aber einige Partien habern doch einen arg klaren Favoriten: Argentinien vs Kap Verde oder England vs Kongo. Auch Deutschland sehe ich klar als Sieger gegen Paraguay (nona). Weniger wegen einer überzeugenden Nagelsmann-Truppe, schon eher, weil ich Paraguay nach den Vorrunden-Auftritten für das schwächste der verbliebenen Mannschaften halte: klare Niederlage gegen Gastgeber USA, ein absurdes 1:0 gegen die Türken, weil der Gegner. trotz einstündiger Überzahl nicht einen seiner 32 Schüsse im Tor unterbringen konnte und letztlich ein 0:0 gegen Australien – ein Ergebnis, das beiden Teams weiterhalf.
Die Ansetzungen (Turnierbaum)
Mo., 22:30: Deutschland – Paraguay
Di., 23:00: Frankreich – Schweden
So., 21:00: Südafrika – Kanada
Di., 03:00: Holland – Marokko
Fr., 01:00: Portugal – Kroatien
Do., 21:00: Spanien – Österreich
Do., 02:00: USA – Bosnien
Mi., 22:00: Belgien – Senegal
Mo., 19:00: Brasilien – Japan
Di., 19:00: Cote d’Ivoire – Norwegen
Mi., 03:00: Mexiko – Ecuador
Mi., 18:00: England – DR Kongo
Sa., 00:00: Argentinien – Capo Verde
Fr., 20:00: Australien – Ägypten
Fr., 05:00: Schweiz – Algerien
Sa., 03:30: Kolumbien – Ghana
In jedem Quartett spielen die jeweiligen Sieger im Achtelfinale gegeneinander. Die willkürlich-unterschiedlichen Anfangszeiten resultieren aus den verschiedenen Zeitzonen und den klimatischen Begebenheiten der Gastgeberstädte. Trotzdem der helle Wahnsinn, wobei positiv anzumerken, dass die Ortszeit diesmal eher eine Rolle spielt und eher nicht die Wünsche der Europäer. Das war 1994 noch ganz anders
von Münchner Löwe | Juni 24, 2026 | Fußball, WM
48 Partien von insgesamt 104 sind beim Turnier in Nordamerika absolviert. Zum Teil unterhaltsam, zum Teil sterbenslangweilig. Ich habe beileibe nicht alles live gesehen und manches Spiel gar nur in der Kurz-Zusammenfassung.
Ich möchte gar nicht auf die einzelnen Begegnungen eingehen, auch nicht großartig über etwaige Turnier-Favoriten spekulieren oder gar darüber, wie weit die einzelnen Teams kommen. Aber ein paar allgemeine Eindrücke und ein Gesamtbild möchte ich doch gerne wiedergeben, das ich in den 2 Wochen via Fernsehen und Zeitungen/Online-Medien gewonnen haben.
Das Ambiente
Die erste Überraschung: Die Stadien sind voll – auch und vor allem in den USA. So mancher wird gehofft haben, dass angesichts der exorbitanten Preise viele Plätze leer blieben, diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Sehr gut gefüllte Arenen auch bei vermein tlichen Außenseiterspielen. Zwar in den seltensten Fällen ausverkauft (ich beziehe mich auf die offiziellen Angaben), aber sehr wenige sichtbar freie Plätze.
Was sehr positiv auffällt: eine schöne Grundstimmung in den Stadien, mit mitgehenden Fans, die dem Spielverlauf folgen. Welch eine Erleichterung nach dem entsetzlichen Dauergesang vor allem in der Bundesliga. Naturgemäß haben die relativ nahen Südamerika-Teams den meisten Anhang mitgebracht. Viele Migranten in den USA nutzen (trotz ICE!) die Chance, um „ihr“ Team anzufeuern.
Getoppt wird allerdings alles durch die schottischen Fans, der „Tartan Army“. 50.000 haben sich in Richtung Boston aufgemacht, und die Stadt hat sie mit offenen Armen aufgenommen. Diese fantastischen Menschen, immer fröhlich, immer leicht angetrunken, und doch immer friedlich. Wir in Deutschland und eben auch in München hatten ja 2024 das Vergnügen mit den besten Fans der Welt. Wenn die FIFA schlau ist (sie ist es natürlich nicht!), vergibt sie für alle großen Turniere eine Wild Card an Schottland. Dass ihr Fußball überschaubar unterhaltsam ist, spielt da kaum eine Rolle.
Wohltuend und sicher beabsichtigt: ER hat sich bisher nicht blicken lassen. Natürlich hat Donald Trump auch anders zu tun wie den Iran-Krieg oder um eine Wasserfläche in Washington wieder blau zu bekommen (nicht mal ein Dekret hilft offenbar), aber es ist schon auffällg, dass das Staatsoberhaupt beim größten Sportereignis der Welt (FIFA-Eigenwerbung) bisher so gar nicht in Erscheinung tritt, nicht einmal bei den Partien des durchaus ansprechenden US-Teams. Das kann und wird sich noch ändern, aber jeder Tag ohne Mr. President ist ein gewonnener Tag.
Ähnliches gilt übrigens auch für die Staatenlenker der Co-Gastgeber Kanada und Mexiko
Sogar Gianni Infantino hält sich auffallend zurück (nona). Zwar jettet er per Privatflugzeug zu jeweils 2 Spielen pro Tag und verbraucht dabei Unmengen von Kerosin. Aber er sitzt eher still auf seinem Ehrenplatz. Sicher zieht Gianni im Hintergrund Fäden, die ihm und de FIFA noch mehr Geld versprechen, aber wer das alles nicht wissen will, kann sich dem durchaus entziehen.
Das Fernsehen
Magenta hat für Deutschland die Rechte für alle 104 Partien erworben und je 30 Spiele an ARD und ZDF sublinzensiert. Sie fahren ein unfassbares Star-Aufgebot an Experten vor Ort auf unter anderem mit Jürgen Klopp, Thomas Müller und Mats Hummels. Über Vor- und Nachberichterstattung kann ich allerdings nichts sagen, das läuft bei mir praktisch komplett vorbei.
Die Spiele werden durchweg in UHD ausgestrahlt, das ist in dieser Bildschärfe in der Tat ein völlig neues Fernseherlebnis. So toll Bild und auch Ton sind, so dürftig ist mancher Kommentator. Hier nämlich hat Magenta gespart: Aus Kostengründen sind nur 2 Reporter nach Amerika geflogen, der Rest kommentiert aus einem Studio in München; am falschem Ende gespart, denn man merkt einfach, dass jemand nicht live vor Ort ist. Manche sind schlichtweg unterirdisch (wie der entsetzlich rumbrüllende Christian Straßburger, obwohl dieser sogar nach Amerika mitfahren durfte. Der für mich Angenehmste ist Jonas Friedrich – trotz Studio; ausgerechnet dieser wird sich in einer Woche verabschieden, weil er zum Tennisturnier nach Wimbledon darf/muss.
Die Trinkpause
Diese Nacht hat sich Infantino dann doch gemeldet. Thema war der wahrscheinlich bisher größte Aufreger des Turniers: Die vom FIFA-Chef praktisch im Alleingang durchgepaukte Trinkpause. Nach etwa der Hälfte einer Halbzeit unterbricht der Schiri die Partie. Offizieller Grund: Trinkpause und Erholung wegen der Hitze. Inoffizieller Grund: Diese 3 Minuten sind eine Gelddruckmaschine für die übertragenden Sender. Obwohl das Ganze erst recht kurzfristig im Frühjahr endgültig beschlossen wurde, konnten auch die deutschen Rechte-Inhaber diese Zeit locker und offenbar für sehr viel Geld an Werbepartner verkaufen. Besser gehts ja auch nicht. Die 3 Minuten sind lang genug für einige Werbespots, aber für den Zuschauer zu Hause viel zu kurz, um etwas Sinnvolles damit anzufangen. Vor allem die Wettanbieter wittern das ganz große Geschäft – gruselig. Ich persönlich bediene wenigstens die Mute-Taste.
Die Pause gibt es selbstredend nicht nur bei Hitzespielen, sondern der Gerechtigkeit wegen bei jedem Spiel. Absurd wurde es gestern bei England gegen Ghana in Boston, als die Spieler bei 19 Grad und Dauerregen schauen mussten, dass sie nicht über Gebühr abkühlten.
Diese 3 Minuten Pause verändern das Fußball-Spiel extrem. Jetzt haben die Trainer tatsächlich Zeit und Ruhe, Änderungen an jetzt konzentrierte Spieler weiterzugeben (das Trinken selbst dauert ja nur Sekunden) anstatt sinnlos ins Spielfeld hineinzubrüllen (tun sie natürlich trotzdem noch!). Also eine Art Auszeit, wie sie in anderen Sportarten Ganz und Gäbe ist. Es gibt durchaus Stimmen, die dadurch einen positiven Effekt fürs Spiel an sich sehen. Ich bin zwiegespalten, aber eines wäre halt wichtig gewesen: Dass so eine gravierende Änderung nach einer langanhaltenden Diskussion offiziell eingeführt worden wäre und nicht aus kommerziellen Gründen durch die Hintertür von einem Mann (Gianni) beschlossen.
Die großen Ligen und auch der europäische Verband haben vorerst angekündigt, dass sie diese Pause nicht übernehmen; mal schauen, wie lange angesichts der potenziellen Mehreinnahmen (spätestens zur nächsten großen Rechte-Vergabe) dieses Ansinnen hält.
Die Hand-vor-dem-Mund-Regel
Mit Rot bestraft werden all jene, die in einem Disput mit einem Gegenspieler (also nicht: Absprachen mit dem Mannschaftskollegen) die Hand vor dem Mund halten. Das lex Vini jr.: Denn eine potenziell rassistische Beleidigung eines Benfica-Spielers gegen den brasilianischen Real-Star ist der Grund für diese Regel. Gianluca Prestianni hatte in einem Champions-League-Spiel Vini nach dessen Aussage rassistisch beleidigt. Zu beweisen war das nicht, weil Prestianni eben die Hand vorm Mund gehalten hatte (und hinterher zumindest den Rassismus dementierte). Trotzdem sperrte die UEFA den Verteidiger, und jetzt zog die FIFA nach (ebenfalls handstreichartig). Bisher gab es allerdings nur einen Spieler, der in die Mund-Falle stolperte. Der Paraguayo Miguel Almiròn hielt bei einem Disput mit einem Türken die Hand vorm Mund und flog prompt vom Platz (nach freundlicher Intervention der Türken, hinter vorgehaltener Hand wohlgemerkt: sehr sportlich).
Ich persönlich finde das bei Weitem überzogen (auch weil das Problem der vorgehaltenen Hand bis zum Vini-Fall nicht wirklich existent war); eine Gelbe Karte (gerne auch stellvertretend fürs Team als letzte Warnung): vor allem auch angesichts der Knochenbrecherfouls, die nicht mit glattem Rot bestraft werden (die es aber zum Glück wirklich selten gibt bei dieser WM).
Die Schiedsrichter
Womit wir bei den Unparteiischen sind: Die ihre Sache alles in allem sehr gut machen. Vor allem schaffen sie zumindest nach meiner Beobachtung eine sehr gute und vor allem meist auch schnelle Zusammenarbeit mit dem VAR (Video-Assistent). Die Prüfungen umstrittener Szenen dauern gefühlt und tatsächlich bei Weitem nicht so lange wie in der Bundesliga.
Natürlich gibt es auch unfassbare Fehlentscheidungen wie die beiden nicht geahndeten Fouls am Franzosen Mbappé (vs Irak) und dem Ghanaer Adu (vs England), aber im Großen und Ganzen bin ich mehr als zufrieden. Wobei die Spiele äußerst fair ablaufen, wirklich nickelig und rau geht es recht selten zur Sache; das könnte sich natürlich ändern, wenn die Partien endlich wichtig werden.
Das 48er-Format
Womit wir beim größten Übel der WM sind, nämlich dem überflüssigerweise weiter aufgeblähtem Turnier. 48 Teams (statt bisher 32() sind diesmal dabei. So sehr den Neulingen Kap Verde, Curacao, Jordanien und Usbekistan die WM-Premiere zu gönnen ist (gerade die Kap Verden begeistern wirklich!) oder den Rückkehrern nach langer Pause (jeweils 1998 zuletzt dabei: Norwegen, Österreich, Schottland), so schrecklich ist das Format. Denn es entwertet die Partien erheblich, weil auch die acht Gruppenbesten weiterkommen. Nicht nur werden dann Äpfel mit Birnen verglichen, einen großen Vorteil haben auch diejenigen Teams, die per Spielplan-Fügung spät und ganz spät ihren dritten Spieltag bestreiten. Während zum Beispiel die Gruppen A, B und C damit schon heute dran sind, spielt die Gruppe J erst am Sonntagmorgen: wo dann klar ist, wie viele Punkte und Tore der Dritte braucht, um weiterzukommen.
Aus reiner Profitgier (mehr Spiele= mehr Geld) wurde ein nahezu perfektes Format mit 32 Teams zerstört und das Turnier weiter aufgebläht – es dauert gut eine Woche länger als bisher. Und wenn man wirklich mehr Teilnehmern eine Turnier-Chance geben will: Warum dann nicht gleich auf 64 Teams erweitern? Auf die zusätzlichen 24 Spiele kommt es dann auch nicht mehr an.
Die Deutschen
Die deutsche Mannschaft hat nach zwei Siegen gegen Curacao (7:1) und die Elfenbeinküste (2:1) bereits die K.o.-Runde sicher als Gruppenerster erreicht, die letzte Partie morgen gegen Ecuador ist für die Nagelsmann-Truppe also ohne sportlichen Wert (die Südamerikaner müssen dagegen gewinnen, um weiterzukommen). Auf wen sie im ersten K.o.Spiel (Montag in Boston) trifft, steht allerdings noch nicht fest. Es wird ein Gruppendritter sein: Wer das sein wird, steht erst nach Abschluss der Vorrunde fest, also Sonntagfrüh.
In den Vordergrund gespielt hat sich Denis Undav: Im März hat ihn der Bundestrainer noch beschimpft, jetzt erzielte er sls Einwechselspieler je 2 Tore gegen Curacao und die Ivorer. Gerade das Siegestor in der Nachspielzeit könnte das gesamte Turnier beeinflussen. Wie wichtig der Erfolg offenbar war, konnte ich dem ekstatischen (und weit übertriebenen) Jubel von Julian Nagelsmann entnehmen.
Ich hab nur das Spiel gegen die Elfenbeinküste gesehen: Offensiv durchaus gute Ansätze, defensiv allerdings bedenkliche Lücken, die ein abschlussstärkeres Teams als die Afrikaner vielleicht ausgenutzt hätten. Der Elefant im Raum heißt Frankreich: Einiges deutet auf ein Achtelfinale gegen den Titelträger 2018 hin. Wohl und Wehe?
Die Favoriten
Den zwingenden Weltmeister habe ich noch nicht gesehen (den eine Vorrunde auch noch nie gezeugt hat). Sehr gut gefallen die Franzosen mit ihrem Ausnahmestürmern Mbappé, Dembélé und Olise, die Argentinier wirken sehr gefestigt und pragmatisch, vorne entscheiden dann Messis Tore. 5 Treffer erzielten die Argentienier bisher, fünfmal war der bald 39-Jährige erfolgreich gegen Algerien und Österreich. Zu Defensiv-Arbeit fühlte er sich dagegen bisher nicht bemüßigt, solche Leute nannte man früher Stehgeiger.
Ansonsten nenne ich die üblichen Verdächtigen: England mit dem deutschen Trainer Thomas Tuchel, Spanien und Portugal sehe ich am ehesten vorn.
Geheimfavorit Norwegen mit dem sagenhaften Torjäger Erling Haaland in Glanzform (4 Treffer) wird bisher seiner Rolle mehr als gerecht, dürfte aber den Status „Geheim“ schon verloren haben.
Aber viel ist Spekulatius, mehr dann unmittelbara vor Beginn der K.-o.-Phase (1. Spiel am Sonntag um 21 Uhr zwischen A2/Südkorea? und B2/Schweiz?), dann steht auch der weitere „Turnierbaum“ und auch der Gegner der Deutschen fest, und die Spielereien, wie es wirklich weitergeht, machen erst Sinn und Spaß.
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