Alles Kloppo oder was

Zehn Tage ist das beschämende Ausscheiden der deutschen Fußballer her, doch die Zukunft scheint golden. Denn unser Jürgen Klopp steht bereit, und vielleicht schon dieses, spätestens nächstes Wochenende wird auch vertraglich festgezurrt, was alle erhoffen: Dass nämlich der Wundertrainer das Team übernimmt, flugs alle Missstände im deutschen Fußball beseitigt und zu den gar nicht sooo lange vergangenen Hochzeiten zurückführt. Der EM-Titel 2028, noch dazu in Klopps zweiter Wahlheimat England, scheint da doch nur Formsache, oder?

 

Tolle sportliche Bilanz

 

An der sportlichen Expertise besteht kein Zweifel, das zeigen auch die Erfolge seiner drei Profiteams FSV Mainz 05 (Aufstieg und Etablieren in der 1. Bundesliga), Borussia Dortmund (2 Meistertitel und ein Pokalsieg, dazu ein verlorenes Champions-League-Finale) und dem FC Liverpool (u. a. 1 Meistertitel,  Champions League und 2 verlorene Finals, 1 Pokalsieg). Klopp machte jedes seiner drei Teams deutlich besser, mit eine klaren und durchaus attraktiven Spielphilosphie. Bei all seinen Stationen war er extrem beliebt, in Liverpool steht er als Manager auf einer Stufe mit den Club-Legenden Bill Shankley und Bob Paisley; er war zeitweise in der Stadt mindestens so beliebt wie die Beatles (nona).

 

Der Charakter

 

Klopp gilt als Menschenfänger, als sehr guter Motivator. Aber auch als sehr selbstbewusst. Der auch nie verhehlte, dass ihn der Job des Bundestrainers reizen würde. Doch mir geht das alles jetzt viel zu schnell. Dass und wie hartnäckig Klopp sich geradezu aufdrängte über Magenta, wo er eigentlich nur als Experte angestellt war. Diesen Job missbrauchte geradezu schamlos als Eigen(be(werbung. Kaum dass Jonathan Tah den letzten Elfmeter in die Wolken von Boston gejagt hatte, war die Nachricht Klopp-Bundestrainer schon offiziell vermeldet auch von Klopp (noch vor Nagelsmann Rücktrittserklärung). Und das, obwohl er bei Red Bull „Head of Soccer“ einen bestens dotierten Job (10 Mios/Jahr) hat ohne Ausstiegsklausel, wie es heißt. Eine Lappalie, findet Klopp, um dann zu heucheln: „Ich halte Verträge liebend gerne ein.“ Besser lügen kann nur Fritze Merz.

Auch wie der DFB allzu willfährig auf alle Forderungen von Klopp eingeht, gefällt mir nicht. So eilig ist es dann doch nicht, als dass man nicht in Ruhe auch Alternativen seriös prüfen könnte. Etwa das bisherige Undenkbare, nämlich einen ausländischen Trainer, der nicht mit dem ganzen DFB-Muff zu tun hat; den indiskutablen Funktionären, die jetzt offenbar alle ihren Job behalten dürfen. Ob sich dann wirklich so viel ändert, bleibt abzuwarten.

 

Rudi Völlers indiskutable Rolle

 

Offiziell war Rudi Völler Sportdirektor. Rudi Völler ist der Deutschen allerliebster Fußballer und Trainer, dem man alles verzeiht: auch und vor allem Abkanzeln von Kritikern. Inoffiziell war er so etwas wie das Kindermädchen und der Aufpasser von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Klang hervorragend: Der WM-erfahrene Völler (3 Turniere als Spieler/Weltmeister 1990 und Vizeweltmeister1986), eines als Trainer (Vize-Weltmeister 2002) sollte dem Turnier-Novizen Nagelsmann helfen. In der Praxis war es dann so, dass Völler sämtliche Fehler von Nagelsmann mittrug. Das begann mit der entsetzlichen Rückholaktion von Neuer und hörte mit den Spieler-Frauen im WM-Camp noch längst nicht auf. Kein Wort der Kritik seitens Völlers, alles schien supi: das Quartier, die Stimmung. Bis Paraguay.
Erst nach dem Ausscheiden motzte Völler und lederte gegen den Bundestrainer in schamlosester Weise, wie katastrophal alles gewesen sei. Die absurden Berichte aus Winston-Salem (die hochbezahlte Profis spielen aus purer Langeweile VERSTECKEN!) taten ihr Übriges. Völler tut jetzt so, als habe er damit absolut nichts zu tun gehabt. Zur Belohnung darf er weiter dilettieren, immerhin für ein Salär von 1 Million Euro/Jahr. (Disclaimer: Ich liebe Rudi Völler seit seiner Löwenstprmer-Zeit 1981 und 82. Falls das jetzt nicht ganz so rüber kam …)

Immerhin ist Rudi nazionale ein Schnäppchen im Vergleich zum Salär des sehr geschäftstüchtigen Klopp. Angeblich pocht dieser nicht auf jeden Euro und will nur ein bisschen mehr als 7 Millionen Euronen jährlich, also nur etwas mehr als Nagelsmann verdiente. Immerhin erspart sich der DFB offenbar ein Herauskaufen von Klopp aus dem Red-Bull-Vertrag. Der Brausegigant erkennt den irrsinnigen Werbewert von Klopp, der dem Vernehmen nach Werbebotschafter bleibt. Mit Werbung kennt Klopp sich ja aus: Von Autohersteller über Bier, Schokoriegel, Finanzberatung (sehr finster) bis hin zu Fitnessgeräten – keine Branche ist vor ihm und seinem künstlichem Zahn-Grinsen sicher.

 

Kann Klopp auch Bundestrainer?

 

Die Klopp-Teams zeichnete eine ganz spezielle Spielphilophie aus. Die sich allerdings nur in täglicher Zusammen- und Kleinstarbeit erschließen ließ. Trotzdem dauerte es sowohl in Dortmund als auch in Liverpool einige Zeit, bis die Rädchen ineinandergriffen und die Spieler begriffen, was Klopp wollte. Dieses tägliche Zusammenarbeiten fällt in Nationalteams praktisch aus. Zu Länderspielblocks kommt die Mannschaft gut eine Woche zusammen, in denen bestenfalls Feinjustierung gelingen kann. Dazwischen haben die jeweiligen Clubtrainer mit ihren eigenen, durchaus auch gegensätzlichen Vorstellungen das Sagen: Trainern, denen die Belange der Nationalspieler gleichgültig sind und im Vereinsinteresse auch sein müssen.
Was Klopp auch nicht kann: Spieler einfach dazukaufen. Beispiel FC Liverpool. Schnell war klar, dass dem Team ein überdurchschnittlicher Abwehrspieler fehlt. Die Engländer griffen tief in die Vereinsschatulle und eisten den Holländer Virgil van Dijk für 85 Millionen Euro vom Liga-Konkurrenten FC Southampton los.

 

Und doch: Positives überwiegt

 

Auch wenn Zweifel durchaus vorhanden und auch berechtigt sind. Klopp wird dem Nationalteam gut tun, schlimmer kann es auch wirklich nimmer werden nach jetzt drei Katastrophen-WMs mit ganz frühem Aus vorm Achtelfinale. Er genießt die uneingeschränkte Unterstützung der Bundesliga und auch die der Boulevard-Journalisten, die ihren Kloppo  schon seit Jahren als Wunsch-Bundestrainer proklamieren. Interessant wird sein, ob und wie tief Klopp auch den Verband durcheinanderwirbeln kann. Wenn ich höre, dass praktisch alle Funktionäre weiterwurschteln dürfen wie bisher, trübt das meinen Optimismus. DFB-Chef Neuendorf müsste weg, ebenso Völler! Neue Männer und gerade auch Frauen braucht das Land!

Herausragende junge Spieler geben mir Anlass zu Hoffnung, die Karls, El Malas und Co. Die U 21 wurde im vergangenen Jahr Vize-Europameister, die U 19 kämpft am Samstag im EM-Finale gegen Spanien um den Nachwuchs-Titel. Spieler aus diesen Teams hochzuziehen und in der Nationalmannschaft zu integrieren – wenn Klopp das gelingt, könnte es tatsächlich was werden, auch angesichts der hochbegabten Wirtz, Musiala und Co, die da so rumlaufen. Obs dann wirklich zum Titel reicht, ist fast nebensächlich, Spaß sollten deutsche Spiele wieder machen.

Bis zum ersten Länderspiel Ende September ist es gar nicht mehr so lang hin. Bis dahin werden  alle Vertragsdetails fixiert sein. Gegner in Amsterdam wird Holland sein, wie die Deutschen extrem enttäuscht über das allzu frühe Aus in der Zwischenrunden. Wichtiger ist allerdings ohnehin das Fernziel: die EURO 2028 in Großbritannien, wo Klopp dank seiner Zeit beim FC Liverpool mindestens so viel Ansehen genießt wie hierzulande.

 

 

Debakel für Amerikas Fußball

Sieben Teams aus Nord- und Südamerika hatten sich fürs WM-Achtelfinale qualifiziert, nur Argentinien kam trotz des 0:2-Rückstands gegen Ägypten weiter. Auch weil der französische Schiedsrichter sehr großzügig mit Messi und Co. verfuhr. Ich will nicht von „Betrug“ sprechen, wie die am Ende total aufgebrachten Nordafrikaner, aber wie das Unparteiischen-Team um Monsieur Letexier Argentinien in praktisch jeder strittigen (und manches Mal auch unstrittigen) bevorzugt hatte, erzeugte bei mir schon einen üblen Geschmack, ein mulmiges Gefühl. Und angesichts der Irrsinnigkeiten der FIFA finden Verschwörungstheorien zurzeit halt sehr fruchtbaren Boden, zB diese: dass ein Messi fürs Turnier sehr viel gewinnbringender ist als ein Mo Salah und die Herrschaften Geldgeber ihn sehr gerne noch ein oder zwei oder sogar drei Spiele dabei hätten.

Ausgeschieden sind dagegen die drei Gastgeber (die ihre Schuldigkeit mit dem Achtelfinal-Einzug getan haben). Während Kanada gegen Marokko (0:3) und die USA gegen Belgien (1:4) praktisch chancenlos waren, lieferten die Mexikaner im bisher stimmungsvollsten Spiel des Turniers den Engländern einen fantastischen und mitreißenden Fight und verloren im legendären Azteka trotz langer Überzahl mit 2:3. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte besiegten damit die Engländer einen WM-Gastgeber

 

Durchmarsch der Europäer

 

Der Alte Kontinent stellt jetzt sechs der acht Viertelfinalisten, und allein Marokko und Argentinien können ein rein europäisches (Halb)-Finale verhindern. Einzig Portugal scheiterte im Achtelfinale im Iberoclasssico an Spanien. Ob trotz oder wegen eines Cristiano Ronaldo, bleibt mal dahingestellt. Der Altsstar zeigt in manchen Szenen immer noch seine Klasse, aber meines Erachtens steht er der Entwicklung seiner hochbegabten (allerdings etwas müde wirkenden) Mitspieler im Weg.

Während ich den torlosen Südamerika-Teams aus Kolumbien (gegen die Schweiz im Elferschießen nach 0:0 trotz Verlängerung) und vor allem Paraguay (0:1 nach übelster Treterei vs Frankreich) keine Träne nachweine, verhält sich das mit Brasilien etwas anders. Die Selecao scheiterte mit 1:2 an der „Goldenen Generation“ Norwegens mit deren Überstürmer Erling Haaland. Der erzielte zwei unglaublich tolle Tore, wie sie zurzeit auf der Welt allenfalls noch Englands Harry Kane zustandebringt. Letztlich ein verdienter Sieg der Wikinger, aber wer weiß, wie das Spiel verlaufen wäre, hätte zu Beginn Bruno seinen Elfmeter für Brasilien verwandelt. Das beliebte „was wäre, wenn“, ohne das kein Fußballfan auskommt …
Eines ist allerdings klar: Den Brasillianern fehlt es zurzeit an individuell überragenden Einzelspielern. Ein Grund dafür wird oft angegeben: Viel zu früh würden  sich die Profis nach Europa aufmachen, um dort das große Geld zu verdienen. Sehr nachvollziehbar, auch angesichts der Armut, aus der sie häufig entfliehen, aber für die Entwicklung eben nicht gut.

 

Und jetzt, das Viertelfinale

 

Ansetzungen (MESZ)

Do., 22:00:  Frankreich – Marokko in Boston (16 Uhr Ortszeit)
Fr., 21:00: Spanien – Belgien in LA (12 Uhr Ortszeit)
Sa., 23:00: Norwegen – England in Miami (17 Uhr Ortszeit)
So., 03:00: Argentinien – Schweiz in Kansas City (20 Ortszeit) in Argentinien: 22 Uhr.

Wieder vier verschiedene Anstoßzeiten (sogar nach Ortszeit). Auch nach einem Monat bin ich nicht dahintergestiegen, nach welchem Schema oder gar übergeordneten Sinn dieser Spiel“plan“ erstellt wurde.

 

Frankreich – Marokko

 

Die große Frage: Ist den Franzosen beim hartumkämpften 1:0 ohne Glanz gegen Paraguay ein Zacken aus der Zauberkrone gefallen oder braucht es für den Titel ein solches Schweinespiel? Ich neige zur zweiten These, und tatsächlich bleiben die Franzosen für mich Titelkandidat Nummer 1 – neben Spanien.

Die Aufgabe Marokko wird allerdings keineswegs einfach(er). Die Afrikaner haben sich als das klar beste/erfolgreichste Team ihres Kontinents etabliert und bestätgten letztlich eindrucksvoll ihre Halbfinal-Teilnahme 2022, in dem sie an Frankreich scheiterten …
Vielleicht fehlt Marokko der überragende Angreifer, der Knipser, der die Chancen auch verwertet (ein Grundübel aller afrikanischen Mannschaften), aber die Mannschaft ist glänzend organsiert und hat mit Hakimi den vielleicht besten (Außen)-Verteidiger des Turniers in ihren Reihen

 

🧠 Frankreich

Es wird wahrscheinlich extrem mühsam, aber letztlich dürfte die individuelle Ausnahmeklasse des Angriffs um Mbappé, Olise und Dembélé entscheiden. Ein Geistesblitz wird schon runterfallen …

 

Spanien – Belgien

 

In meinem „kicktipp“-Wettspiel vor dem Turnier erwählte ich die Spanier zum kommenden Weltmeister. Viele Gründe geben mir die Iberer nicht, warum ich davon abkommen sollte. Sie mögen nicht so zaubern wie die Franzosen, aber das fast perfekt zusammengestellte Team gibt kaum Angriffsflächen. Noch immer musste (der sehr starke) Schlussmann Unai Simon keinen Gegentreffer hinnehmen. Das kompensiert die vielleicht nicht ganz so großartige Offensive, weil einerseits Jungstar Lamine Yamal nicht in absoluter Top-Form ist (es reicht immer noch, um Abwehrspieler kirre zu machen) und Mittelstürmer Oyarzabal nicht an die überragenden Kane und Haaland heranreicht (wer tut das schon?).

Belgien hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Dass 4:1 gegen die USA war ungeachtet des Balogun-Irrsinns ein spielerisches und taktisches Meisterwerk. Es wäre sehr leichtfertig von den Spaniern, wenn man die „Roten Teufel“ unterschätzen würde, nur weil die USA vermeintlich nicht so gut waren. Für mich ist Belgiens Trainer Raul Garcia einer der Helden: Weil er es gewagt hat, die vermeintlichen Topstars mit klangvollen Namen De Bruyne, Doku und Lukako (erst mal) auf die Bank zu setzen. Das Team scheint gefestigt, auch fantasievoll im Angriff, und Torwart Thibault Courtois kann in einem Spiel ohnehin über sich und seine 1,98 Meter hinauswachsen.

🧠  Spanien

Es ist keine gmahde Wiesn, wie der Münchner so schön sagt. Aber mir fehlt dann doch die Fantasie, wie Belgien dieser perfekt eingespielten Seleccion ernsthaft gefährlich werden will.

 

Norwegen – England

 

Das ist viel mehr als das Duell der beiden Ausnahmestürmer Erling Haaland und Harry Kane. Den Trainern Sture Solbakken und Thomas Tuchel ist es gelungen, sehr gut aufeinander abgestimmte Teams zu bilden (im besten Sinne des Wortes). Will sagen: Da spielen jeweils elf Leute toll zusammen nach einem vorher aufgestellten Plan, der unter anderem beinhaltet, dem Superstürmer Chancen zu kreiieren.
Die Norweger haben gerade eine „Goldene Generation“ mit mehreren absolut herausragenden Akteuren wie der wunderbare Mittelfeldmann Martin Ödegaard, der gegen Braslien eingewechselte Schelderup und nicht zuletzt der vortreffliche Schlussmann Örjan Nyland. Und Haaland!

Thomas Tuchel seinerseits musste sich ja viel Kritik anhören, weil er Spieler mit klangvollen Namen (Foden, Palmer) zu Hause gelassen hat. Wer sein Team im Aztekenstadion hat kämpfen sehen (in Höhenlage, in Unterzahl, gegen fanatisch-feindliches Publikum im besten Sinn), der muss ihm jetzt Abbitte leisten. Was die Experten at home schon längst getan haben; die ihm Blumen streuen und vom besten K.o-Spiel seit der WM 1966 (!) sprechen (schon erwähnt, dass der Engländer im Fußball zu Superlativen neigt?).
Natürlich wird derselbe (Boulevard-)Experte Tuchel und sein Team verdammen nach einer Niederlage, erst recht gegen Norwegen, aber hier kann wirklich etwas entstehen.

🧠 England, Norwegen

Für mich eine komplett offene Partie. Gewinnen wird, wer den Top-Stürmer am besten in Stellung bringt. Oder das Elferschießen, und sogar das sollen die Engländer gelernt haben …

❤️ England

Die Norweger mögen es mir verzeihen. Aber England ist einfach mal dran. Nicht nur fürs Halbfinale, sondern für den ganz großen Wurf. Und wenn es doch die Norweger werden? Dann werde ich als Erster gratulieren und im Fitness-Center eine Ruder-Einheit einlegen. Eine tolle Anleitung habe ich ja

https://www.welt.de/sport/fussball/wm/video6a4adca2b183fd3b3d5cf49c/brasilien-norwegen-highlights-bewegende-szenen-hier-laesst-haaland-norwegen-rudern.html

 

Argentinien – Schweiz

 

„Die Schweiz wird Weltmeister“, sagte mein guter Freund F. vorm Turnier, als wir gemeinsam am Bodensee waren – ein Monat ists schon her. Wie ernst er es gemeint hat? – keine Ahnung. Aber das Team von Murat Yakin ist eines der großen Turnier-Gewinner, fast egal, wie es ausgeht. Im besten Sinne Teamarbeit verrichten die Granit Xhakas und Co, und wenn im Achtelfinale gegen Kolumbien (vor einer Auswärtskulisse in Vancouver) der bis dato auffälligste Offensivmann Manzambi vom SC Freiburg verletzungsbedingt fehlt, so what?

Ob das allerdings auch gegen Argentinien reicht? Zweifel sind dann doch angebracht, obwohl für mich die Südamerikaner immer noch nicht greifbar sind. Gegen Ägypten stand das Team nach 0:2-Rückstand und bis dato enttäuschender Leistung vor dem Aus, ehe man sich aufraffte und noch mit 3:2 gewann. Entscheidend die Füße dabei im Spiel hatte mal wieder Lionel Messi mit einer Torvorlage zum 1:2 und dem Tor (seinem achten Turniertreffer) zum 2:2.
Messi – das große Phänomen dieser WM. Minutenlang sieht man ihn gar nicht. Er läuft mit Abstand am wenigsten, aber wenn er mal am Ball ist, dann geschieht meist etwas Sinnvolles und für den Gegner Kreuzgefährliches. Ausschalten konnte bisher niemand diesen Ausnahmespieler, und jetzt soll das ausgerechnet ein Durchschnittskicker wie Nico Elvedi vom Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern schaffen?

Und das übrige Team: Zeigte Willen nach dem 0:2-Rückstand. Die Titelverteidigung bleibt das große Ziel (es wäre die erste nach Brasiliens Doppel 1958/62). Noch immer habe ich außerdem das dumpfe Gefühl, dass ein Julian Alvarez, ein Fernandez (Siegtor gegen Ägypten), auch ein MacAllister noch viel mehr auf dem Kasten haben.

🧠 Argentinien

Messi wirds richten oder Alvarez oder, oder. Und wenn alle Stricke reißen, Schlussmann Martinez im Elferschießen. Lieber F., es tut mir Leid …

 

USA raus – wegen Trump?

Das präsidiale Eingreifen ging also komplett nach hinten los. Ein furchtbares US-Team mit dem von Trump und Infantino begnadigten Balogun (offiziell war es  eine unabhängige FIFA-Kommission, wers glaubt) hatte gegen wie aufgeputscht wirkende Belgier nicht den Hauch einer Chance und verabschiedete sich mit einem 1:4 als letzter der drei nordamerikanischen WM-Gastgeber aus dem Turnier.

Während Belgien hochkonzentriert und wegen des absurden Eingriffs von ganz oben in jede Sportgerechtigkeit besonders motiviert wirkte, schienen die bisher so lebhaften US-Boys wie gelähmt. Noch nicht mal ein geschenkter Freistoß des ansonsten vorzüglichen Schiedsrichters zum zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich half. Quasi im Gegenzug schafften die Belgier wieder die Führung, die sie in der 2. Halbzeit zunächst sicher verwalteten, dann nach 2 haarsträubenden US-Abwehrfehlern auf 4:1 ausbauten.

Balogun, um dessen skandalöse Spielberechtigung (trotz Roter Karte und damit zwingender Sperre für mindestens ein Spiel) war ein Schatten seiner selbst, dem praktisch nichts gelang. Er hatte ja dem Vernehmen nach selbst nicht mehr mit seiner Spielberechtigung gerechnet. Dass er jetzt doch auflaufen durfte (gar MUSSTE per präsdialem Dekret?), schien ihn und die gesamte Mannschaft weitaus mehr zu verunsichern als den Gegner.

 

Alle Sympathien verloren

 

Was Trump nachhaltig geschafft hat (und vielleicht war das tatsächlich seine Intention): aufkommende Sympathie zu zerstören mit den US-Spielern, die diese mit ihren munteren und fairen Auftritten (trotz der Roten Karte) zuvor gewonnen hatten.
Ich muss es ja klar sagen: Die WM ist trotz allen Unbills (Politik, Kartenpreise etc) ein Erfolg. Die mitgereisten Fans aus Europa und der Welt sind begeistert von den freundlichen Gastgebern, und die Amerikaner sind begeistert von den so toll und meist friedlich feiernden Fans (Boston wollte die Schotten dem Vernehmen nach gar nicht mehr aus der Stadt lassen, die New Yorker nicht die Ruder-Norweger). Überall Verbrüderung.

Trump war ja bis dato bei der WM unsichtbar, er hatte noch nicht mal das Turnier als „seinen“ Erfolg reklamiert. Umso entsetzlicher die jetzige Zerstörung, die all die Freude fast zur Makulatur werden ließ. „Fast“, weil das US-Team ausschied.

Ich könnte mir also gut vorstellen, dass ich nicht der einzige bin, der trotz der Irrsinns-Politik zumindest Grundsympathie mit den USA (nur im Fußball!) entwickelt hatte, der allerdings angesichts der Umstände allerdings komplett ins belgische Lager geschwenkt ist. Zyniker sagen ja: So viel Zuneigung auch von neutralen Anhängern hat noch nie ein belgisches Team erfahren. Nicht nur aus Europa übrigens, sondern weltweit. Auch vielen US-Anhängern wird dieses unfassbare Einmischen peinlich gewesen sein. Sie legen ja im Sport noch viel mehr Wert darauf, dass Regeln eingehalten werden. Die der disruptive Trump dagegen immer bricht, in der Politik wie im Golf.

 

Der Fall muss heiß bleiben!

 

Will heißen: Mit dem Ausscheiden trotz unzulässigem Eingreifens hat sich die Sache nicht erledigt, wie vielleicht die FIFA hofft. Die europäischen Verbände müssen dran bleiben und das skandalöse Verhalten gerade des FIFA-Präsidenten beleuchten (Trump scheint dann doch außer Reichweite der Sportfunktionäre zu sein …). Gianni Infantino behauptet in einer nachgereichten Stellungnahme allen Ernstes, dass eine unabhängige Kommission entschieden habe, aufgrund besonderer Umstände die Sperre auszusetzen (welche Umstände das waren, wurde nicht gesagt). Mit dieser Erklärung darf sich niemand zufriedengeben.
Wenn sogar der ansonsten Infantino-hörige DFB-Chef Bernd Neuendorf um „Aufklärung“ bittet und „Rote Linien überschritten sind“, muss auch entsprechend gehandelt/nachgeforscht werden. Dass Infantino und sein FIFA-Machtzirkel allerdings ernsthaft in Gefahr geraten, wie hier und da suggeriert wird, bezweifle ich allerdings stark. Dazu ist seine Basis zu stark, sind seine Handlanger zu mächtig

 

Collinas erbärmliche Rolle

 

Vorweg: Ich liebe Pierluigi Collina, aber nur den fantastischen Schiedsrichter der Nuller-Jahre mit der markanten Glatze. Die trägt er immer noch (gestern in der Stadion-Box im Seattle-Stadion war eine erschütternde Ähnlichkeit mit dem ebenfalls barhäuptigen Infantino erkennbar), aber als Chef der Schiedsrichter-Kommission macht er seit Jahren eine entsetzliche Figur. Mit seltsamen SR-(Nicht)-Ansetzungen und noch seltsameren Erklärungen, warum diese oder jene haarsträubende Entscheidung doch richtig gewesen sei. Wie bei dem Tor der Deutschen gegen Paraguay (es scheint Lichtjahre her), als plötzlich eine strafbare Torwartbehinderung herhalten musste, die ansonsten wirklich niemand sah (Ähnliches bei der Partie Spanien vs Österreich).

Jetzt bisher kein Wort zu den Balogun-Vorkommnissen;  auch nicht zum Skandal-Schiedsrichter aus Usbekistan bei der Partie Frankreich gegen Usbekistan, der offensichtlich die Anweisung hatte, die starken Franzosen zu eliminieren – anders ist diese (Nicht)-Pfeiferei schlicht nicht zu erklären. Nein, der sonst so wortgewaltige Italiener schweigt beredter als jede Mafia-Omertà.

 

Die Sperren-Regel selbst

 

Ein Gutes bringt dieser entsetzliche Vorgang, hoffe ich. Es wird vielleicht ernsthaft über die zwingende Sperre nach einer Roten Karte nachgedacht. Die ja weltweit gilt, in jeder Liga. Den einzelnen Verbänden ist es verboten, davon abzurücken: Abweichlern drohen  drakonische Strafen (bis hin zum Ausschluss von FIFA-Wettbewerben). Egal wie ungerecht der Platzverweis gewesen ist, 1 Spiel Sperre war bisher absolut das Minimum und obligatorisch (einzige Ausnahme, aber auch nur vielleicht: Spielerverwechslung). Dass dieser Absolutismus jetzt aufgeweicht wurde, und seien die Umstände noch so skandalös, wäre doch ein Signal zum Nachdenken!

Die Gelegenheit dazu ergibt sich sehr früh. Im Achtelfinale England gegen Mexiko (3:2) sah Jarell Quansah die Rote Karte. Das Vergehen des Engländers war ganz ähnlich wie das von Balogun. Wie beim Amerikaner wurde auch hier erst nach Konsultation der Fernsehbilder überhaupt auf Foul erkannt, das zudem Rot-würdig gewesen sein soll. Wenn die FIFA-Kommission es ernst meint mit den „besonderen Umständen“: Hier liegen sie dann ebenfalls vor, und die Engländer haben Protest eingelegt. Das Blöde: Nicht durch King Charles, sondern den Regeln entsprechend nur durch den Verband, immerhin ist dort Prinz William Schirmherr.

 

Präsident Trump schäumt – die FIFA kuscht

Mr. President hatte sich lange zurückgehalten bei der Heim-WM. Weder besuchte er die Spiele der USA, noch tönte er auf seinem Kanal Truth, wie supertoll doch alles sei.

Bis Sonntag. Jetzt ist die WM endlich „sein“ Turnier, dank eines Einsatzes darf die USA im Achtelfinale heute Nacht gegen Belgien höchstwahrscheinlich auch den besten Mann einsetzen.

Was war passiert. Imn Zwischenrundenspiel USA vs Bosnien-Herzegowina sah der Stürmer Folarin Balogun (ein Name wie Musik) die Rote Karte, weil er einem Bosnier böse auf den Knöchel gestiegen war. Eine harte Entscheidung (keine Absicht erkennbar), vielleicht sogar eine falsche (weil erst nach Konsultation des VAR getroffen). Aber auf keinen Fall eine skandalöse (der Fuß traf unstrittig den Knöchel).
Auch zu zehnt gewannen die Amis mit 2:0 und zogen ins Achtelfinale (in de Nacht zu Dienstag vs Belgien) ein; in dem würde Balogun fehlen wegen der obligatorischen Sperre, die nach Roten Karten fällig ist. So weit, so normal wäre es gewesen.

Am Sonntag dann die komplett überraschende Nachricht. Balogon dürfe spielen, teilte die FIFA in dürren Worten mit. Die Sperre werde auf Bewährung ausgesetzt, hieß es, Paragraph soundso ließe das zu. Diesen Passus gibt es tatsächlich, wurde aber seit 1962 (!) noch nie (!!) angewandt. Was steckte also dahinter?. Mr. President himself, wie sich schnell herausstellte. Der hatte sehr bald nach dem Spiel zum Telefon gegriffen und mit seinem guten Freund „Johnny“ geredet. Gianni Infantino, der FIFA-Boss. Ob man wegen der Sperre was machen könnte? Flankiert wurde das Ganze von einer beispiellosen Kampagne hölchstrangiger US-Lobbyisten und -Top-Anwälte, die eine – in diesem Fall unmögliche – Berufung vorbereiteten. Der FIFA-Boss, Best Buddy von Trump, konnte, natürlich! Per ordre de mufti befahl also Infantino  seinen zuständigen FIFA-Gremien, die Sperre auszusetzen. Oder das Schiri-Team um den absurd verkommenen Boss Pierre-Luigi Collina handelte im vorauseilenden Gehorsam, das lässt sich nicht exakt feststellen.

Egal wie der unfassbare Freispruch zustandekam: Am Ende bleibt die Tatsache, dass ein Staatsoberhaupt sich aktiv in einen sportlichen Wettkampf eingemischt und der oberste Verbandsfunktionär geltende Regeln außer Kraft gesetzt hat. Das erinnert an finsterste Zeiten: Etwa an 1934, als Mussolini vorm Halbfinale mit dem Schiedsrichter tafelte (der dann skandalös Italien-hörig pfiff; an 1978, als Argentiniens Schlächter die Spiele beeinflussten. Trump selbst jubelte! „Danke an die Fifa, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht wiedergutgemacht hat!“ Auch US-Trainer Pocchettino findts toll! Statt demütig auf seinen Stürmer zu verzichten, tönte der Argentinier: „Das ist eine fantastische Entscheidung. Wir müssen sie feiern.“

Wie „fantastisch“ die Entscheidung ankam, zeigten die Reaktionen: Allgemeines Entsetzen – nicht nur bei den betroffenen Belgiern, dessen Trainer Raul Garcia „an einen Aprilscherz“ glaubte. Sogar der Europäische Verband, der bisher alle FIFA-Sauereien in Sachen WM  tatenlos abnickte, tritt auf den Plan. „Eine Rote Linien ist überschritten“, schrieb die UEFA. „Wir bringen unsere Fassungslosigkeit angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung zum Ausdruck.“ Belgiens Verband hat mittlerweile offiziell Protest eingelegt, über den ein neutrales Gremium (nicht aus nordamerikanischen oder europäischen Verband) entscheidet, aber offenbar nicht zwingen vor dem Spiel, häh?

Ich sags jetzt mal etwas pathetisch, wie viele andere auch: Die Integrität des Sports steht auf dem Spiel, zumindest der winzig kleine Rest, der bei all dem Geldverdienen und FIFA-Schweinigeleien noch übriggeblieben ist.

Nur Verlierer bleiben übrig
  • das Spiel selbst: Das mit so großer Spannung erwartete Achtelfinale USA – Belgien in der US-Soccerstadt Seattle ist komplett überschattet. Es wäre die größte Partie des US-Verbandes gewesen (ja, ich weiß: 1:0 gegen England 1950). Jetzt ist es die Balogun-Skandal-Partie, egal ob er letztendlich mitmacht oder nicht.
  • Sollte Balogun spielen und die USA gewinnen (möglichst noch mit Balogun-Toren), wird es heißen, nur wegen unzulässiger Hilfe. Das  angeschlagene Turnier, das wider Erwarten durchaus Spaß macht, wäre komplett ruiniert
  • Sollte Balogun nicht spielen und die USA ausscheiden, wird es heißen: nur weil die FIFA wieder eingeknickt ist.
  • Das US-Team hat jede (in Europa ohnehin recht kleine) Sympathie verloren, die es mit durchaus ambitionierten Auftritten verdient hätte. Jetzt gilt es elendiger Trickser-Versammlung, die eine neue Kategorie geschaffen hat.
    Bisher gab es schlechte Verlierer und auch schlechte Gewinner. Die USA sind das ersten schlechte „bevor-es-überhaupt-los-geht-Team“.
  • Balogun selbst: ein herausragender Stürmer, der bei der WM begeistert hat. Jetzt ist er nur noch ein erbärmlicher Wicht, der die Hilfe eines der anerkannt größten Schurken des Welt bedarf. Willst Du so jemanden in Deinem Verein (zurzeit AS Monaco) haben?

 

Funfact: Balogun gar kein Amerikaner (nach Trumpscher Lesart)

 

Kurz vor seiner Geburt von Balogun weilte die Mutter zum Urlaub in New York City. Die Nigerianerin  wollte dann nach England zurückkehren, doch da spielte die Airline nicht mit. Der Airline war der Babybauch wohl schon zu groß, das Risiko einer Geburt während des Fluges sei zu groß gewesen. Deshalb wurde Balogun schließlich in New York geboren, hat automatisch die Staatsbürgerschaft des Landes. Später reiste seine Mutter mit ihm zurück nach England, wo er beim FC Arsenal die Jugendmannschaften durchlief.

Also genau die Art von Staatsbürgerschaft, die Trump mit aller Macht und bis zum Supreme Court anfechten wollte

 

In diesem Sinne: Alle guten Wünsche für BELGIEN

 

Die bewusste Unsportlichkeit von Paraguay ist ekelerregend

Wo soll ich nur anfangen bei all den widerlichen Aktionen der Paraguayos im WM-Achtelfinale gegen Frankreich. Der Schlag gegen Kylan Mbappé weit jenseits des Balles. Das Ellenbogenrempler in den Magen von Upamecano. Der absurde Versuch von gleich zwei Paraguay-Spielern, den Elfmeterpunkt zu zerstören, damit Mbappé einen völlig berechtigten Strafstoß verschießen möge (was er nicht tat). Die fortwährenden Provokationen, Meckereien, Streitereien, angezettelte Raufereien? Die allein den Sinn hatten, dass einem oder mehreren Franzosen im Glutofen von Philadelphia (40 Grad) die Nerven verliert und zurückschlägt und Rot bekommt.

Nein, es würde den Rahmen sprengen, all die Sauereien der Paraguayos zu benennen. Aber diese Untaten hätten sich nicht so dramatisch angehäuft, wäre ein Unparteiischen-Team auf dem Platz gestanden. Offiziell lief da zwar ein Mann im Schiedsrichter-Gewand herum, doch Ilgiz Tantashev hatte offenbar genau ein Ziel: irgendwie die bisher so großartigen Franzosen aus dem Turnier zu befördern. Der Usbeke tat wirklich alles dafür, außer den Ball selbst ins Tor zu schießen und die alte Luftregel wieder anzuwenden*. Er ignorierte die übelsten Schläge, „übersah“ klarste Fouls. Sogar den Tritt im Strafraum an Desire Doué, obwohl es einen Meter vor seiner Nase stattfand. Das reichte sogar dem ansonsten vor sich hin dämmernden VAR aus Katar, und es gab tatsächlich Elfmeter, den Mbappé trotz zerstörten (naja, das gelang nicht) Elferpunkt sicher verwandelte. Womit wirklich „die Guten“ weiterkamen, denn dieses Tor stellte schon den Endstand her. Noch nie hat ein Außenseiter so viel Widerwillen erzeugt – nicht nur bei mir, man sehe sich die weltweiten Reaktionen an.

Wer allein die Statistik anschaut, wird sich wundern und relativieren, dass alles nicht so schlimm gewesen sei. 0 Gelbe Karten für Paraguay, dafür 3 für Franzosen. Eine davon sah der Münchner Michael Olise. Sein Vergehen: Er stand daneben, als Matias Galarza – der absolut unsportlichste der erbärmlich-unsportlichen Paraguayos – zu Boden sank. Ach ja: eine Gelbe Karte gabs dann doch, für Paraguay: Der Assistenstrainer hatte nach dem Spiel den Schiedsrichter angemeckert – weil dieser den Ball nicht ins Franzosen-Tor geschossen hatte? 0 Gelbe Karten für die Paraguyer??? – nie wurde ein Spielverlauf so verhöhnt

Es war ein regelrechtes Wunder, dass die Franzosen angesichts der Dauer-Benachteiligung plus der sengenden Hitze nicht die Nerven verloren (Schweden-Legende Zlatan Ibrahimovic: „Ich hätte fünfmal Rot gesehen“). Wahrscheinlich ist so ein Sieg auch über sich selbst viel mehr wert als ein Zaubertriumph gegen überforderte Schweden. Mbappe brachte es auf den Punkt. „Sie dachten, dass wir kommen würden, um im Smoking zu spielen, dass wir nur kommen würden, um schöne Aktionen und Eins-Zwei zu machen. Wir wissen auch, wie man schmutzigen Fußball spielt.“

Was bleibt, ist ein zerstörtes Fußballspiel. Für mich die große Frage, warum die Paraguayer dermaßen übertrieben haben. Sie sind ja überragende Verteidiger (wie wir Deutschen bestätigen können). Das zeigten sie in vielen Szenen, in den fair geführten zweikämpfen (die gabs tatsächlich auch) gegen Mbappé und Co. Abwehrspieler wie Caceres, auch Galarza sind herausragend. Gerne auch mit Haken und Ösen, gerne leicht übers erlaubte Maß hinaus (mit einem Schiri, der schon Einhalt fordert), gerne Trashtalk. Geschenkt. Das gehört zum Fußball wie eine Torwartparade. Eine Begründung, warum sie sich so entsetzlich verhalten haben, blieben die Südamerikaner schuldig. Tenor: wir sollen uns alle nicht so anstellen, das sei doch „normal“ gewesen. Vielleicht sollten wir alle mehr Paraguay-Liga gucken, damit wir nicht so entsetzt sind.

Während Paraguay Gott sei Dank nach Hause fliegt (und sich dort ausgiebig für den Deutschland-Sieg feiern lässt), geht das Turnier für Frankrecih weiter. Am Donnerstag wartet Marokko. Es ist die Wiederholung des Halbfinals von Katar 2022, in dem die Franzosen 2:0 gewannen. Die Afrikaner setzten sich nach durchwachsener ersten Halbzeit am Ende doch sicher mit 3:0 gegen Kanada durch. Es gehört zu den Absurdidäten dieses Turniers, dass der Co-Gastgeber Kanada weit weg von der Grenze in Houston/Texas antreten musste – Spielplan ist Spielplan.

 

*Regelkunde: Bis vor ein paar Jahren galt der Schiedsrichter als Luft. Wenn er angeschossen wurde, ging es weiter, als sei nichts passiert. Es gibt Tore, bei denen der Schiri als Letzter am Ball war. Diese Regel gibt es aber seit der Saison 2019/2020 nicht mehr, jetzt gibt es Schiedsrichterball.