Messi vorm ultimativen Triumph

Nach mehr als fünf Wochen ist es jetzt endlich soweit: das mit Spannung erwartete Finale. Spanien gegen Argentinien, das kommt jetzt nicht völlig unerwartet, immerhin trifft der amtierende Europameister auf den Südamerika-Champion. Kaum zu glauben: Zuletzt trafen Spanien und Argentiniene in einem Pflichtspiel 1966 aufeinander.

Das Vorspiel machte schon mal Appetit auf mehr. In einer extrem unterhaltsamen Partie um Rang 3 bezwang England Spanien mit 6:4

 

Spanien – Argentinien So., 21:00 in New York/New Jersey ZDF und Magenta sowie ORF und SRF

 

Was beide Teams vereint? Jeder Feldspieler ist technisch perfekt am Ball, großartig ausgebildet. Der große Unterschied. Während die Spanier auf Team-Fußball schwören und das perfekte Zusammenspiel forcieren, dreht sich bei Argentinien alles um Lionel Messi. 39 Jahre ist er mittlerweile alt, seit fast zwei Jahrzehnten gehört er zu den besten Fußballern der Welt (viele sagen, er ist der Beste). Und doch ist das jetzige Turnier vielleicht sogar sein stärkstes, zumindest von den Zahlen her. Acht Tore und 4 Assists sind ihm gelungen, so viele waren es noch nie bei einer WM und auch bei keiner Copa America.

 

Players to Watch

 

Marc Cucurella: der beste Linksverteidiger des Trniers, ich würde behaupten, mit einigem Abstand. Extrem lästig in der Defensive, wo er keinem Zweikampf aus dem Weg geht, dazu gefährliche Vorstöße. Und auch wenn dem Lockenkopf nicht alle Zuspiele gelingen, Cucurella kann den sogenannten tödlichen Pass spielen. Wechselt nach dem Turnier von Chelsea zu Real Madrid.

Enzo Fernandez: das Arbeitstier, gerne mit Zweikämpfen jenseits der Grenze des Erlaubten. Verfügt über einen unglaublich guten Weitschuss, die Torhüter von Kap Verde und England werden es leidvoll bestätigen. Wie Cucurella spielte er zuletzt beim Club-Weltmeister FC Chelsea.

 

X-Faktoren

 

Lionel Messi Die große und wahscheinlich spielentscheidene Frage: Inwieweit bekommt der argentisnische Superstar Zugriff aufs Spiel. Wenn er erst einmal in Faht kommt wie in der Schlussphase gegen England, wird es unheimlich schwer für die Spanier. Er vermag es wie kaum ein anderer, seine Mitspieler gut einzusetzen (die gerne für ihn zusätzliche Meter rennen), dazu verfügt er über einen brandgefährlichen Schuss. Andrerseits ist er halt auch schon 39 jahre alt, das Turnier war zehrend. In einigen Partien ist Messi regelrecht untergegangen, beteiligte sich minutenlang nicht am Geschehen. Ganz auszuschalten wird Lionel Messi nicht sein, aber wenn es den Spaniern gelingt, die magischen Momente auf ein Minimum zu reduzieren und diese unbeschadet überstehen, dann dürften sie die besseren Chancen haben.

 

Die Bankspieler

 

Je fünfmal dürfen die beiden Trainer wechseln, einen zusätzlichen gäbe es in der Verlängerung. Es treffen die beiden Teams mit der besten Bank aufeinander. Bei Spanien braucht ein Mikel Merino nur Minuten, um ins Spiel zu finden (er erzielte nach jeweils fünf Uhr-Umdrehungen die Siegtore gegen Portugal und Belgien). Der Außenspieler Nico Williams bringt neuen Schwung, ähnlich wie Mittelfeldmotor Pedri.

Auch die Argentinier haben Waffen wie Lautaro Martinez. Und sollten sie einen Vorsprung über die zeit retten müssen, gibt es die ekligen Männer wie Simeone, denen kein Trick, kein nickeliges Nachtreten, keine Spielverzögerung zu billig ist, um Minuten von der Uhr zu nehmen.

 

Die Bedingungen:

 

Gespielt wird in East Rutherford im MetlLife Stadium, wo die NFL-Footballer der New York Giants und New York Jets ihre Heimat haben. Der Rasen gilt als der schlechteste des gesamten Turniers, zu stumpf, zu trocken – das ist tödlich fürs Passspiel, das beide Teams pflegen. Die ganz große Hitze bleibt wohl aus, zum Zeitpunkt des Anstoßes (15 Uhr Ortszeit) werden 27 Grad erwartet. Der befürchtete Rauch aus Kanada, wo die Wälder unkontrolliert brennen, hält sich offenbar auch in Grenzen.

 

Verlängerte Halbzeitpause

 

Es soll wie beim Super Bowl werden. Eine gigantische Halbzeitshow wird die Pause überbrücken mit Auftritten von absoluten Superstars der Pop-Szene: So haben sich Shakira, Madonna, Justin Bieber und die südkoreanische Boygroup BTS angekündigt, Moderator soll Coldplay-Sänger Chris Martin werden. Ob das alles innerhalb von den vorgeschriebenen 15 Minuten zu bewerkstelligen ist (inklusive Auf- und Abbau), ist die ganz große Frage. Martin verspricht dies, aber vorsorglich hat die FIFA schon angekündigt, dass es länger dauern könnte (nur um wie viel länger, das ließ sie offen). Keine Frage, dass der Rhythmus durch eine allzu lange Pause verloren geht, andrerseits sollten es die Trainer schaffen, dass sich die Spieler nicht allzu viele Gedanken darüber machen.

 

🧠 Spanien (ganz knapp)

 

Die Leistung gegen Frankreich hat mich schwer beeindruckt. Diese unfassbare Ballfertigkeit, das tolle Kombinationsspiel, das ich in dieser Form nur von eingespielten Club-Teams kenne. Jeder einzelne ist ein Top-Kicker, ich sage nur: Rodri, Yamal, Olmo. Die große Frage: wie gehen die Spanier mit einem eventuellen Rückstand um. Im Viertelfinale gegen Belgien sah das nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich längst nicht so so souverän aus.
Was für Argentinien spricht: Sie geben nie auf, sind in diesem Turnier schon mehrfach dem Ausscheiden von der Schippe gesprungen. Nicht mit Glück (zumindest nicht nur), sondern dank des Urvertrauens in die eigene Stärke. Die ja auch bei jedem einzelnen Spieler vorhanden ist (Alvarez, Di Paul), nicht nur bei diesem Zaubermenschen Lionel Messi.

 

Frankreich – England 4:6 (0:4)

 

Satz und Sieg, das liegt bei diesem Tennisergebnis nahe. Das es noch nie in der Geschichte von WM-Endrunden (mehr als 1000 partien) gegeben hat (ein sogenantes Scorigami).

Es war eine wilde Partie, in der die Offensive Trumpf war. Wie so oft bei einem Spiel 3, wenn der ganz große Wunsch Titel unerreichbar geworden ist und (wie man hört) der Frust-Alkohol noch in den Knochen steckt). Von Beginn an hatten die Engländer mehr Lust auf Fußball, und in der 1. Halbzeit war jeder Schuss ein Treffer, was zum absurden 4:0 führte. Offenbar fand Frankreichs scheidender Trainer Didier Deschamps bei seiner letzten Pausen-Ansprache die richtigen Worte, und er packte die Seinen an der Ehre. Tor um Tor holten die Franzosen auf zum 3:4. Die Schlussphase war dann eher wie aus Absurdsistan gescripted. Über 5:3, 5:4 und 6:4 retteten die Engländer die Partie und sicherten sich mit Platz 3 tatsächlich die beste Platzierung seit 1966, als sie im heimischen Wembley-Stadion sogar den Titel holten.
Für Trainer Thomas Tuchel war das ein ganz wichtiger Erfolg. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der 4:0-Vorsprung noch hergegeben worden wäre. Einige der englischen Journalisten und Experten (wie in Deutschland eine echte Plage, die alles, aber auch alles besser wissen) wittern eh schon Blut und fordern die Ablösung.

Trotz der Niederlage hatte zumindest Kylian Mbappé Grund zur Freude. 2 Treffer steuerte der Angreifer in der Aufholjagd bei und erhöhte sein Torekonto bei dieser WM auf 10. So viele Treffer bei einer einzigen WM waren zuletzt Gerd Müller gelungen, im Jahr 1970 (!), wozu der damalige Bayern-Stürmer allerdings nur 5 Partien brauchte und nicht nacht wie Mbappé. Der jetzt 22-mal bei WM-Turnieren erfolgreich war, damit führt er die ewige Rangliste an vor Messi (bisher: 21).

Ob Mbappé tatsächlich Torschützenkönig wird, steht allerdings noch nicht fest. Sollte Messi heute Abend zweimal treffen, hätte er wie Mbappé Tore auf dem Konto. Da der Argentinier mehr Assists geleistet hat, würde ihm der Goldene Schuh überreicht werden.

 

Das selbst erzielte Tor, das England lähmte

Zwei bemerkenswerte Halbfinali haben wir gesehen; mit überraschenden, allerdings nicht sensationellen Siegern. Heraus kommt ein WM-Endspiel zwischen Argentinien und Spanien, das es in dieser Konstellation seit 60 Jahren nicht mehr in einem Pflichtspiel gegeben hat.

 

Frankreich – Spanien 0:2

 

„Wenn Spanien das Mittelfeld beherrscht, wir es schwer für Frankreichs Starstürmer“, habe ich in meiner Vorschau sinngemäß geschrieben. Genau das ist eingetreten, wobei ich nie und nimmer gedacht hätte, dass Mbappé und Co. dermaßen chancenlos und buchstäblich ohne Torchancen bleiben würde.
Wass für eine unglaublich tolle (Mannschafts)Leistung der Spanier. Elf perfekt eingestellte und top ausgebildete Spieler machten den Franzosen die Partie zur Qual, die Unterlegenheit war trotz nahezu gleichwertigen Ballbesitz teilweise grotesk. Wo auch immer ein Franzose den Ball erhielt, zwei oder gar drei Iberer warteten schon, um ihm das Spielgerät wieder abzunehmen.

Spätestens nach der Führung durch den glasklar berechtigten Elfmeter war klar, dass das für die Equipe tricolore an diesem Nachmittag in der überdachten Dallas-Arena ein fast aussichtsloses Unterfangen werden würde. Phänomenal der zweite Treffer durch Pedro Porro nach perfektem Doppelpass.

 

Die Besten der Sieger

 

Marc Cucurella und Dani Olmo: Es ist immer schwer, bei einer tollen Teamleistung einzelne Spieler herauszuheben. Aber gerade was Marc Cucurella auf der linken Abwehrseite veranstaltet (schon das gesamte Turnier), sucht im Weltfußball seinesgleichen. Defensiv mit (fairer) Zweikampfstärke ohnehin, aber auch offensiv schaltete er sich immer wieder ein, auch wenn ihm da nicht alles gelang.
Der deutsche Fußball-Fan hasst ja Cucurella nach dessem vermeintlichen, aber nicht geahndeten Handspiel im Stuttgarter EM-Viertelfinale. Die groteske Abneigung hat sich noch immer nicht gelegt (siehe die abwertenden Kommentare in entsprechenden Portalen). So ist es mir geradezu ein Bedürfnis, diesen grandiosen Kicker zu würdigen.
Dani Olmo wiederum ist der unumstrittene Chef der Offensive. Mit so vielen tollen und erstaunlichen Ideen (die brillante Vorarbeit zum 2:0). Umso wichtiger, weil die ansonsten überragenden Außenstürmer Yamal und Nico Williams nicht in absoluter Top-Form sind (wobei ein Yamal sich toll gesteigert hat und großartige Aktionen hatte).
Und dann natürlich Rodri: der beste Balleroberer im defensiven Mittelfeld. Will also sagen: Auch Spanien hat nicht nur ein überragendes Kollektiv, sondern alles überragende Einzelkönner.

 

Die französischen Starspieler

 

Kylian Mbappé stemmte sich wenigstens gegen die Niederlage, blieb aber mit seinen Aktionen glücklos. Regelrecht erschüttert war ich über die schwache Leistung von Michael Olise und auch Ousmane Dembélé. Olise habe ich während deer gesamten Spielzeit beim FC Bayern nicht einmal so schwach gesehen: ohne Esprit, ohne Kraft, ohne Willen. Gerade der Kräfteverschleiß deutete sich schon in den vergangenen K.o.Spielen an.

 

England – Argentinien 1:2

 

Die erste Halbzeit war nicht anzusehen und hatte mit Fußball wenig zu tun. Sehr viele Fouls, Nickligkeiten über Nickligkeiten, meist initiiert (aber beileibe nicht ausschließlich) von den Südamerikanern, die genau eines im Sinn hatten: Es möge nicht Fußball gespielt werden. Der amerikanische Schiri ließ das zu, verzichtete lange auf Gelbe Karten, die dem Treiben (vielleicht!) ein Ende bereitet hätten.

Mehr als entschädigt wurden die Fußballfans von der mitreißenden 2. Halbzeit. Ausgerechnet der Führungstreffer der Engländer durch Gordon (55.) nach einem brillantem Konter änderte alles. Plötzlich besannen sich die Argentinier aufs Fußballspielen. Trainer Lionel Scaloni wechselte echte Könner wie Rodrigo De Paul, Nico Gonzalez und Lautaro Martinez ein und holte die schlimmsten Treter und Provokateure Simeone und Paredes vom Platz. Der Weltmeister entwickelte enormen Druck, auch weil die Engländer sich komplett aufs Verteidigen der knappen Führung beschränkten und sich viel zu weit zurückdrängen ließen. Entlastungsangriffe blieben nahezu aus, auch weil Trainer Thomas Tuchel nur noch kopfballstarke Innenverteidiger einwechselte, die das Flankengewitter des Gegners unschädlich machen sollten. Offensivkräfte waren kaum noch auf dem Feld, Torschütze Gordon und Declan Rice mussten runter.
Ich habe getitelt „das Tor, das England lähmte“. In der Tat habe ich sehr wenige Fußballspiele gesehen, wo ein Treffer der eigenen Mannschaft so wenig gutgetan hat wie das von Gordon dem englischen Team. Sicher fehlte auch die Kraft, geschuldet unter anderem der extrem zehrenden Partie vor einer Woche in der Höhe von Mexiko-Stadt, als die Engländer 30 Minuten in Unterzahl agieren mussten. Aber das Sich-Einigeln und irgendwie den Vorsprung über die Zeit retten, das war der Tuchel-Fußball bei dieser WM.

Und gegen Argentinien konnte das einfach nicht gutgehen, weil das offensiv schlicht ein ganz anderes Kaliber darstellt als etwa das einfallslose Mexiko. Die scharfen und großartig getimten Flanken und namentlich von Messi brachten stets größte Gefahr. Zunächst rettete Schlussmann Jordan Pickford sensationell gegen Alexis MacAllisters Kopfball, Minuten später stand der Pfosten im Weg (wieder nach Kopfball McAllisters). Doch die Angriffe wurden immer gefährlicher, und in der 86. Minute war es dann soweit. Messi bediente Enzo Fernandez, und der Spezialist für Fernschüsse (schon das Siegstor in der Zwischenrunde gegen die Kap Verden) überwand Pickford aus 20 Metern. Ob der gar nicht sooo platzierte, aber technisch brillant abgefeuerte Schuss unhaltbar für den Torwart war, der recht spät reagierte? Schwer zu sagen, zumal gefühlt ein Dutzend Spieler vor der Nase herumwuselten und eventuell die Sicht nahmen.

Unbeschreiblicher Jubel auf den Rängen in Atlanta, fest in argentinischer Hand. Und als es weitergeht, wird schnell klar, dass die Südamerikaner gegen die waidwunden Engländer noch in der regulären Spielzeit die Entscheidung suchen würden. Mac Allister zieht ab – erneut Pfosten. Aber Messi erwischt den Abpraller, geht an der rechten Seite am hüftsteifen O’Reilly vorbei und seine Maßflanke verwandelt der erstaunlich freistehende (wo waren all die Innenverteidiger?) Lautaro Martinez zum 2:1 – die Entscheidung.

Erneut ist England gegen Argentinien geschlagen – nach den epischen Thrillern 1998 in Frankreich und 1986 im Azteka.

Wie zum Hohn müssen die Three Lions am Samstag zum Spiel im Platz 3 ran, gegen die ebeso zutiefst enttäuschten Franzosen. Tags darauf dann vor den Toren New Yorks das große Finale. Eine nähere Vorschau wird kommen.

 

Bester der Argentinier

 

Lionel Messi: Ja, langweilig. Aber in der 2. Halbzeit sahen wir den besten Messi in diesem Turnier, obwohl er selbst keine Treffer erzielt hatte. Da leistete er sich kaum Kunstpausen, seine unfassbare Ballfertigkeit und schlauen Ideen stürzten die Engländer von einer Verlegenheit in die nächste. Die großartigen Flanken und Zuspiele taten letztlich das Entscheidende (Vorarbeit zu beiden Treffern). Und sogar wenn er nicht am Ball war, strahlte er in „seiner“ Zone etwa 20, 25 Meter eine extreme potenzielle Gefahr aus und „fesselte“ Abwehrkräfte, die woanders fehlten.

 

Die Stars der Engländer

 

Jude Bellingham: eine einzige Enttäuschung. Kaum eine gelungene Aktion brachte der Real-Star zustande. Zwar ließ ihn Tuchel als einen der wenigen englischen Offensiv-Kräfte auf dem Feld, dort setzte er aber überhaupt keien Akzente.
Harry Kane: Ebenfalls ohne nennenswerte Offensiv-Aktion, vom schönen Pass aus de eigenen Hälfte vor dem Führungstreffer abgesehen. Im Offensiv-Feuerwerk der Argentinier stand er als Verteidiger seinen Mann mit starken Kopfball-Befreiuungen.

Die besten Vier sind unter sich

Da sage noch einer, dass die Fußball-Weltrangliste erratisch zusammengewürfelt ist nach nicht nachvollziehbaren Kriterien (so wie ich es wiederholt tue). Die Top 4 jedenfalls sind im Halbfinale unter sich, auch weil die FIFA in einem erstaunlichen Anflug von Weisheit eine Setzung vorgenommen hat. Sprich: Sie hat die Gruppen so gelegt, dass Frankreich, Spanien, England und Argentinien nicht aufeinandertreffen konnten, wenn sie denn ihre Gruppe als Erste abschließen (was allen Vieren mehr oder weniger souverän gelungen ist). Mir persönlich gefällt dieses Setzen sehr, es gibt aber auch Gegenstimmen, beispielsweise in der SZ. Ich sage nur (jenseits von subjektiven Vorlieben): Ich finde es gut, dass wir jetzt im Halbfinale zwei absolute Top-Begegnungen erwarten dürfen; ob es dann auch Top-Spiele werden, bleibt dann abzuwarten

 

Frankreich – Spanien

Di., 21.00 in Dallas (ZDF und Magenta sowie ORF 1 und SRF)

 

Die Partie findet in Dallas statt, Spielbeginn 14 Uhr Ortszeit. Die texanische Hitze ist allerdings kein Problem, denn das Stadion ist voll überdacht und voll klimatisiert.  Das letzte Aufeinandertreffen war ein wildes 5:4 der Spanier im Halbfinale der Nations League 2025. 4:0 und 5:1 führten die Spanier, ehe die Franzosen noch auf 4:5 herankamen, ehe ihnen die Zeit ausging. Auch ein Jahr zuvor im EM-Halbfinale hatten die Spanier mit 2.1 das bessere Ende für sich.

Was das fürs heutige Halbfinale bedeutet? Nichts, nada, rien. Denn gerade die Franzosen sind ein ganz anderes Team. Eines, das endlich seine Angriffs-Power auch auszunutzen geruht und sein Heil in der (kontrollierten) Offensive sucht. Die Spanier verlassen sich dagegen weiter auf ihre tolle Deckungsarbeit und ihr hervorragendes Kombinationsspiel.

 

 

Die Stars

 

Kylian Mbappé: Für mich bisher der Spieler des Turniers. Der selbst Chancen kreieren kann und auch selbst vollenden. Der auch die vortrefflichsten Zuarbeiter hat, vor allem Michael Olise, der allerdings in den vergangenen Partien gegen Paraguay und Marokko nicht mehr ganz so auffällig agierte. Mbappé hat wieder das Selbstvertrauen, lässt sich auch durch einen ziemlich erbärmlich vergebenen Elfmeter nicht aus dem Konzept bringen. Und wenn er an die Kette gelegt wird, dann ist da auch noch ein gewisser Ousmane Dembélé, der amtierende Weltfußballer.

Bei den Spaniern sehe ich nicht den herausragenden Einzelspieler. Lamine Yamal war für diese Rolle vorgesehen: Der 18-jährige Außenspieler spielt auch gut, mannschaftsdienlich, aber nicht überragend. Zumindest nicht so überragend und mit so tollen Treffern, wie wir ihn schon im spanischen Dress und beim FC Barcelona gesehen haben.
Wenns nicht so abgedroschen klingen würde: Der Star der Spanier ist die Mannschaft, herausheben würde ich dennoch einen Dani Olmo, ein Mann mit so vielen schlauen Einfällen. Und auch wenn vorne Mikel Oyarzabel nicht ganz so auffällig spielt wie die Stürmerstars Kane und Haaland und Co., aus den Augen darf ihn niemand verlieren.

 

Die Verteidiger

 

Wirklich geprüft wurden die französischen Abwehrspieler bisher noch nicht, egal ob Dayot Upamecano innen oder Lucas Digne außen. Für mich wirkt der Abwehrverbund nicht hundertprozent sicher, das ist eher ein Gefühl, als dass ich es belegen könnte. Aber wann immer sich gegnerische Mannschaften nach vorne aufgemacht hatten (was selten genug vorkam), es kam Gefahr auf.
Ich bin wirklich sehr gespannt, wie Digne und auch Kounde mit den bärenstarken Außenstürmern Yamal und vielleicht sogar Nico Williams zurechtkommen.

Die Spanier haben den vielleicht besten Innenverteidiger des Turniers in ihren Reihen. Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und dennoch strahlt der Jungspund des FC Barcelona eine Ruhe und Abgeklärtheit und Klasse aus wie ein schlachtenerprobter Haudegen. Marc Cucurella ist der beste Linksverteidiger des Turniers, wobei „Verteidiger“ angesichts seine Dauer-Vorstöße eine sehr unzureichende Bezeichnung ist.

 

Die Torhüter

 

Mike Maignan blieb zuletzt nahezu ohne Beschäftigung. Er verfügt über glänzende Reflexe, wirkt aber im Herauslaufen nicht immer souverän.

Unai Simon würde ich stärker einschätzen. Für viele ist ja schon überraschend, dass der unfassbar gute David Raya vom FC Arsenal nicht die Nummer 1 ist. Simon von Athletic Bilbao genießt das uneingeschränkte Vertrauen von Trainer de la Fuente.

 

X-Faktoren

 

Die Bankspieler:

Das sind die Spanier vielleicht noch breiter aufgestellt als die Franzosen, auf extrem hohem Niveau. Die Franzosen haben ihr A-Team, allenfalls die Frage ob Doué oder Barcola als vierte Offensivkraft aufgestellt wird, ist strittig.

Die Spanier haben sehr viel nachzulegen, gerade auch offensiv. An erster Stelle natürlich Mikel Merino, der Super-Joker. Nur jeweils fünf Minuten brauchte er gegen Portugal und Belgien, ehe er als Einwechselspieler das jeweilige Siegtor erzielte. Wenn Nico Williams als Linksaußen in die Partie kommen sollte, ist das ein weiterer sehr schwer zu stoppender Gefahrenherd.

 

Defensives Mittelfeld

 

Die Schaltstation: Es gilt die gegnerischen Angriffe abzufangen und seinerseits Offensiv-Aktionen zu innitiieren. Vielleicht der größte Vorteil der Spanier, denn Rodri ist mit der Beste auf dieser Position und mittlerweile auch wieder gut in Form. Bei den Franzosen fällt Rabiot dem gegenüber doch leicht ab.

 

🧠 Frankreich

Ich sehe die Equipe tricolore hauchzart vorn. Kleinigkeiten werden entscheiden (ich hoffe sehr, dass es keine Fehler der Unparteiischen sind). Mbappé wird den Unterschied ausmachen, doch wehe, das spanische Mittelfeld bekommt die Hand aufs Geschehen.

 

England – Argentinien

 

Mittwoch, 21 Uhr in Atlanta, ARD und Magenta sowie ServusTV und SRF

 

England gegen Argentinien, wer von den Älteren erinnert sich nicht an das WM-Viertelfinale 1986 im Aztekenstadion zu Mexiko-Stadt mit Hauptdarsteller Diego Maradona. Zuerst die Hand Gottes, dann das tollste Solo der WM-Geschichte. Am Ende stand es 2:1 für Argentinien, und eine Woche später waren die Südamerikaner Weltmeister.

Wenn die Neutralen das schon nicht vergessen, dann natürlich erst recht nicht die Beteiligten. Die Engländer fiebern dem Duell förmlich entgegen, Veteranen aus dem Falklandkrieg melden sich zu Wort. Kühlen Kopf zu bewahren und sich der aktuellen Aufgabe zu stellen, ist also gar nicht so einfach. Wenn es einer kann, dann doch der eher technokratische deutsche Trainer Thomas Tuchel!? Der das Spiel damals als Zwölfjähriger verfolgte (ich geh mal davon aus, dass er das tat). Und die Engländer haben ja schon eine Azteka-Nemesis überwunden, nämlich als sie im Achtelfinale in eben dieser Spielstätte den fulminanten 3:2-Erfolg über Gastgeber Mexiko bewerkstelligten.

Die Argentinier sind die letzten Nicht-Europäer im Feld. Von allen Halbfinalisten geben sie mir die meisten Rätsel auf, was ihr Leistungsvermögen betrifft. Einerseits Zittereien gegen die afrikanischen no names (nona) Kap Verden und Ägypten, und auch der Auftritt im Viertelfinale gegen die Schweiz offenbarte Schwächen. Ändererseits: Wenn sie denn gefordert waren, dann waren sie zur Stelle. Das Powerplay gegen Ägypten bei 0:2-Rückstand, den sie in ein 3:2 verwandelten, war faszinierend und sollte jedem eine Warnung sein, der dieses Team unterschätzen will.

 

Die Stars

 

Bei England sind es zwei, auf die sich alles konzentriert: Harry Kane und Jude Bellingham. zwei absolute Unterschiedsspieler. Hier der Torjäger des FC Bayern mit dem vielleicht besten Torschuss im Weltfußball, dort der eher filigrane, enorm ideenreiche Bellingham von Real Madrid. Wo er eine recht lausige Saison hinter sich hat und sich unter anderem mit dem inzwischen gefeuerten Xabi Alonso zerstritt.
Als Tuchel die Mannschaft und auch Bellingham kritisierte, trotz seiner jeweils zwei Tore gegen Mexiko und Norwegen, da schlug Bellingham zurück, stellte die Kompetenz von Tuchel in Frage (naja, so schlimm war es nicht, aber er sagte sinngemäß, der Trainer habe auf so hohem Niveau nie gespielt).
Im Zweifel werden die Wogen sich glätten. Dann hat England ein veritables Offensiv-Duo, das auch den Argentiniern viel Ärger machen könnte.

 

Bei den Argentiniern dreht sich natürlich alles um Lionel Messi. Ein Faszinosum. Der 39-Jährige rennt kaum, er kämpft kaum, er verteidigt kaum, oft steht er fast teilnahmslos herum. Stehgeiger nennen die Österreicher so einen Künstler. Doch wenn Messi am Ball ist, dann kann  jederzeit Magisches geschehen. Nicht nur bei den Frei- und Eckstößen, die er so gefährlich wie kaum ein Zweiter zu treten weiß. Auch während des Spiels kann er jederzeit den Unterschied ausmachen. Wenn er etwa 25 Meter vorm Tor am Ball ist, herrscht allergrößte Gefahr. Die erste Pflicht der Engländer lautet also: Messi also erst gar nicht an den Ball kommen lassen.

Acht Tore hat Lionel Messi mittlerweile erzielt, nur bei der vermeintlich einfachsten Übung, dem Elfmeter versagt er („Messi“ und „versagen“, ich kann so etwas kaum schreiben). Zweimal trat er an, einmal schoss er daneben, einmal in die Hände des gegnerischen Torwarts.

 

Die Verteidigung

 

Im Mexiko-Spiel, als die Engländer nur noch zu zehnt waren, konnten sich die Engländer auf ihre Verteidger verlassen, die alle allerdings auch recht einfallslosen Angriffe der Gastgeber unschädlich machten. Im Mittelpunkt stand da zum Beispiel der eingewechselte Burn, der alle Bälle wegköpfte, die da in den Strafraum flogen. Auch den Norwegern gelang es gegen England nicht, ihren Starstürmer Erling Haaland einzubinden. Wie es allerdings aussieht, wenn der Gegner mit Tempo agiert, muss sich noch herausstellen.

Die Argentinier verteidigen hart, überhart monieren manche, und die eher laxe Spielleitung der Schiedsrichter kommt dem entgegen. Wirklich sicher wirken sie allerdings nicht, obwohl sie sich seit Jahren kennenwie die insgesamt fünf Gegentreffer in den drei K.o-Spielen zeigen (mit Abstand die meisten aller Halbfinalisten).

Im defensiven Mittelfeld sehe ich klare Vorteile für England, vielleicht sogar die spielentscheidenden. Während ein Paredes auf Argentiniens Seite zwar efensiv ordentliche Arbeit verrichtet, ist  Elliot Anderson der Shooting Star der Three Lions. Ein Laufwunder (14,81 Kilometer gegen England in Miamis schwüler Hitze), sehr stark im Bälle erobern, mit denen er dann auch etwas Vernünftiges anzufangen weiß. Vor der WM wechselte er für sagenhafte 136 Millionen Euro von Nottingham Forest zu Manchester City, wo er der designierte Nachfolger von Rodri ist (den ich vorher so gelobt habe).

 

Die Torhüter

 

England und die Torhüter – ein Kapitel für sich. Jordan Pickford sehe ich als solide im besten Sinne des Wortes an, kein Hexer zwischen den Pfosten, keiner, der die „Unhaltbaren“ reihenweise entschärft, aber auch kein stetiger Unglücksrabe, der sich die Bälle selbst reinwirft. Überkritische Experten kreiden ihm das Zaubertor des Norwegers Schjelderup an (auch wegen seiner „nur“ 1,85 Meter Körpergröße), da würde ich allerdings nicht unbedingt mitgehen.

Emiliano Martinez hat Pickford vieles voraus, auf jeden Fall 10 Zentimeter Körpergröße. Vor allem ist er schon Weltmeister. Er hatte 2022 gehörigen Anteil daran, als er im WM-Finale zunächst mit einer fast unwirklichen Parade in letzter Minute ein fast sicheres Gegentor und die Niederlage verhinderte (Frankreichs Kolo Muani träumt heute noch davon) und dann auch im Elfmeterschießen den letztlich entscheidenden Versuch von Kingsley Coman entschärfte (leider file er durch einen verachtenden Jubel extrem negativ auf). Martinez ist wie Pickford ein Spezialist für Elfmeterschießen. Im WM-Viertelfinale 2022 wehrte er gegen Holland sogar zwei Schüsse ab, und bei der Copa 2021 setzte er sich im Halbfinale gegen Kolumbiens als Elfmeterkiller durch.

 

X-Faktoren

 

Argentiniens Weltmeister: Wie es aussieht werden gleich neun Spieler, die im WM-Finale 2022 begannen, auch am Mittwoch in der Startelf stehen, und auch die Auswechselspieler Lautaro Martinez und Otamendi waren in Katar schon dabei. Erfahrung für heikle Spiele haben sie also genug, fragt sich halt, ob sie auch genug Kraft und Energie aufwenden können. Wie schnell das dann geht mit einem positiven Erlebnis, hzeigte im Viertelfinale Julian Alvarez. Der Stürmer von Atlético Madrid spielte ein lausiges Turnier, und entschied die Partie mit einem sagenhaften Tor.

Die Kraft: Sowohl Argentinien als auch England brauchten im Viertelfinale eine Verlängerung zum Weiterkommen. Gerade die Argenitnier wirkten zeitweise gegen die Schweiz sehr müde. Sogar ihre Überzahl in der Verlängerung konnten sie kaum zu vernünftigen Angriffe nutzen.

 

🧠 England

 

Vieles spricht fürs Tuchel-Team. Und doch: Argentinien muss erst mal bezwungen werden. Keine Mannschaft ist außerdem dermaßen gut eingespielt – und kein anderes Team würde dermaßen ergeben und aufopferungsvoll versuchen, ihren nicht kämpfenden Starspieler zu kompensieren. Wie kein anderer Halbfinalist hangelte der Titelverteidiger schon am Abgrund, und zog sich doch immer wieder mit eigener Kraft heraus. Bösartige Kritiker behaupten allerdings auch, dass kein Team so sehr die Hilfe der Schiedsrichter in Anspruch genommen hat. Die pfiffen schon reichlich Argentinien-freundlich, um es in aller Vorsicht zu formulieren.

Geistesblitze der Argentinier sind immer drin, von Messi, von Àlvarez, von Lautaro Martinez; außerdem unfassbar gefährliche Standards, die man nicht alle vermeiden kann. De Engländer müssten mehr Frische in die Wagschale werfen können, und Standards können sie auch. Und sie haben Harry Kane, meinen potenziellen Matchwinner. Hier zuerst gelesen.

 

 

 

 

 

 

 

Alexander Zverev – ganz nah dran und doch chancenlos

Es war ein faszinierendes Wimbledon-Finale, sicher nicht das Beste alle Zeiten oder auch nur dieses Jahrzehnts, aber doch eines der Besseren, Interessanteren, Spannenderen, eines, an das man sich auch noch in Jahren erinnern wird. Hier Jannik Sinner, der Titelverteidiger, die Nummer 1 der Welt. Der Italiener, der dieses Tennisjahr beherrscht (5 Masters-Turniersiege), aber ausgerechnet bei den beiden bisherigen Grand-Slams in Melbourne und Paris geschwächelt hatte.
Dort Alexander Zverev. Vor einem Jahr gebeutelt vom Erstrunden-Aus und nachfolgendem Seelenstriptease. Der ebenfalls ein faszinierendes Tennisjahr hinter sich hat mit dem Höhepunkt des French-Open-Triumphes in Paris vor gut einem Monat. Als ihm aber die ewigen Kritiker vorwarfen, ja wirklich vorwarfen!, er habe ja nur gewonnen, weil Sinner vorher ausgeschieden war und der andere überragende Mann auf der Tour, Carlos Alcáraz, wegen einer Handverletzung gar nicht dabei war.
Jetzt hatte das Schicksal Sinner und Zverev ins Wimbledon-Finale geführt, erneut in Abwesenheit des hand-verletzten Alcáraz; beide mehr (Zverev) oder weniger (vor allem anfangs: Sinner) souverän. Sinner galt als leichter Favorit: wegen des überzeugenden Halbfinalerfolgs gegen den ewigen und alterslosen Novak Djokovic, vor allem aber wegen des unglaublich anmutenden direkten Vergleichs. Die letzten neun Duelle mit Zverev hatte allesamt der Südtiroler für sich entscheiden, allein fünf in diesem Jahr – und jedes Mal war Zverev absolut chancenlos geblieben.

Es entwickelte sich eine vom jeweiligen Aufschläger dominierte Partie. Der erste Satz ging in den Tiebreak, den Zverev gewann. Der zweite Durchgang ging ebenfalls ohne Aufschlagverlust in den Tiebreak – und diesmal hatte Sinner das bessere Ende für sich. Vielleicht die Vorentscheidung beim Stand von 3:3 im dritten Satz. Zverev hatte einen der raren Breakbälle, doch als er den Stop von Sinner erlaufen wollte, rutschte er aus und schlug aufs Knie. Er verlor nicht nur den Punkt, sondern kurze Zeit später auch das Spiel und danach auch den eigenen Aufschlag. „Ich konnte nicht mich nicht mehr ganz so abdrücken beim Service, deshalb fehlte es an Geschwindigkeit“, bekannte er hinterher. Ansonsten habe er sich aber problemlos bewegen können.

Ähnlich der 4. Durchgang. Ein Break genügte Sinner letztlich zum Triumph. Obwohl Zverev wirklich alles versuchte. Beim Stand von 4:5, 30:30 aus seiner Sicht vielleicht der Ballwechsel der Partie. Zverev dominierte, und gegen jeden anderen Spieler hätte er mit Gewissheit den Punkt gemacht. Aber Sinner vermag Bälle auszugraben wie kein Zweiter, und wie kein Zweiter kann er bei der geringsten Möglichkeit in den Angriffsmodus umschalten. Er gewann also den Punkt, das Spiel  und das insgesamt hochklassige Match. Zverev war ganz nah, so nah wie vielleicht in keinem der andere Duelle (unter anderem eine Art Hinrichtung im Australian-Open-Finale 2025). Er hatte sich diesmal nichts vorzuwerfen. „Er wird besser und besser“, konstatierte auch Sinner. Das ist nicht nur so dahergesagt, sondern zeugt von tiefem und ehrlichem Respekt. Auch dem größten Zverev-Kritiker müsste aufgefallen sein, dass der Hamburger in den vergangenen zwölf Monaten sein Spiel wesentlich verbessert hat, dass er viel aggressiver agiert und viel näher an der Grundlinie steht.

 

Tschechinnen-Finale an Noskova

 

Den Sieg bei den Frauen holte sich Linda Noskova, die in einem inner-tschechischen Duell in drei Sätzen gegen Karolina Muchova erfolgreich war. Eine verrückte Partie. Insgesamt fünf Matchbälle vergab Noskova im zweiten Satz, ehe sie ihn mit 5:7 abgeben musste. Die 21-Jährige verschwand zur Toilettenpause, und kehrt zurück, als sei nichts geschehen. Ihr gelang sofort das Break zum 2:0, und diesen Vorsprung transportierte sie bis zum Triumph. Den sie mit einem krachenden Aufschlag sicherte. Die eigentlich untröstliche Muchova zeigte bei der Siegerehrung Humor. „Meine Ex-Freundin“, rief sie in Richtung Noskova; jeder weiß, wie gut sich die beiden verstehen, die ja auch schon einige Doppel miteinander bestritten hatten.

Damit setzt sich eine erstaunliche Serie fort. Im zehnten Jahr hintereinander gab es auf dem Heiligen Rasen einen Premierensieg. Also zehn verschiedene Triumphatorinnen, die vorher noch nie in Wimbledon erfolgreich waren. Darunter gleich vier Tschechinnen: Petra Kvitona, Marketa Vondrousova, Barbora Krejcikova und eben Linda Noskova. Mich würde wenig wundern, wenn die hochbegabte Karolina Muchova im Juli 2027 die Serie auf 11 Jahre und fünf Tschechinnen ausbauen würde.

100 Spiele – und die 4 Topteams sind im Halbfinale

Frankreich, Spanien, Argentinien und England: Wer auf diese 4 Mannschafften im WM-Halbfinale gesetzt hat, ging auf Numer sicher und behielt recht. Es waren die Top-4 der Weltrangliste. Erstmals wurden sie so in die Gruppen gesetzt, dass sie erst im Halbfinale aufeinandertreffen würden, wenn alles nach Plan geht.
Hätte man sich also den ganzen Spaß sparen können und gleich mit dem Halbfinale beginnen? Das hätte uns doch einiges sehr unterhaltsame Fußballspiele gekostet, seltsame Irrungen und Wirrungen.

Ich will jetzt gar nicht großartig auf die 4 Viertelfinals eingehen, in denen sich die jeweiligen Favoriten durchgesetzt haben. Außer vielleicht Frankreich gegen Marokko brauchten die Teams auch Glück, den besonderen Moment, den fatalen Fehler des Gegners

 

Frankreich – Marokko 2:0

 

Marokko erwies sich als der erwartet harte Kontrahent, zumindest in der Defensive. Offensiv hatte das letzte verliebene Team aus Afrika leider überhaupt nichts zu bieten. Kylian Mbappé erlaubte sich gar den Luxus und scheiterte mit einem Elfmeter an Schlussmann Bono (nach zuvor endloser Diskussion und VAR-Besichtigung, ob es wirklich eine elfmeterreifes Foul gewesen war). Groß beeindrucken ließ sich der Real-Star nicht: Mit feinem Schlenzer erzielte er das 1:0, und als Stürmerkollege Dembélé auf 2:0 erhöhte, waren alle Unklarheiten beseitigt.

 

Spanien – Belgien 2:1

 

Knackpunkt: Die Verletzung von Thibault Courtois (68). Der 1,98-Meter-Riese gilt als einer der besten Torhüter der Welt. Er schien zwar nicht in absoluter Topform, aber nach und nach schien er sich einzugrooven, und in den Köpfen der Spanier hat sich der Real-Madrid-Keeper eh eingenistet (Julian Nagelsmann würde es „Aura“ nennen). Als er nach 68 Minuten beim Stand von 1:1 das Spielfeld verlassen musste, war das mehr als ein Verlust eines sicheren Rückhalts. Die Belgier, ohnehin extrem verletzungsgeplagt, sackten regelrecht zusammen, während Spenien neues Selbstvertrauen gewann. Es gehört dann zu den Grausamkeiten des Fußballs, dass ausgerechnet Courtois-Ersatz Senne Lammens den entscheidenden Fehler vorm 1:2 machte, als er einen harmlos wirkenden Ball nach vorn abprallen ließ, und Superjoker Mikel Merino ohne Mühe vollendete.

 

England – Norwegen 2:1

 

Knackpunkt: Der Ausgleich für England noch vor der Pause. Norwegen war durch ein Traumtor von Schjeiderup in Führung gegangen und bastelte gar am 2:0. Dann ein Energie-Anfall von Englands Jude Bellingham, der im gegnerischen Strafraum sich gekonnt durchsetzte und unhaltbar einschoss.
So weit, so ärgerlich. Doch Norwegens Torwart Nyland protestierte lautstark und wies immer wieder nach oben. Was er monierte? Unmittelbar vor dem Tor soll der Ball nach einem Befreiungsschlag ein Kabel der Spider Cam berührt haben; jedenfalls fiel er nach erstaunlicher Flugkurve zu Boden, wo ihn die Engländer aufsammelten und das Tor vorbereiteten. Ob das tatsächlich der Fall war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ein paar Kamera-Einstellungen legen den Eindruck nahe. Wenn ja, dann hätte die Partie unter allen Umständen unterbrochen werden müssen. Die FIFA behauptet jetzt, am eingebauten Ball-Sensor habe es keinerlei Ausschläge gegeben. Aber wer der FIFA und insbesondere ihren Schiris nach all den Skandalen und Trump-Einmischungen noch ein Wort glaubt, ist selbst schuld.
Schiedsrichter Taupin hörte vielleicht aufmerksam zu, er dachte allerdings nicht mal daran, das Ganze überprüfen zu lassen.
In der 2. Halbzeit wurde dann ein Treffer de Norweger zu recht aberkannt, weil zuvor Haaland einen Verteidiger umgerissen hatte. Entschieden wurde auch hier das Ganze durch einen Torwartfehler. Ausgerechnet der bis dato starke Nyland ließ einen Schuss nach vorne prallen, und abermals Bellingham war zur Stelle.

 

Argentinien – Schweiz 3:1 n. V.

 

Knackpunkt: die Gelb-Rote Schwalben-Karte für Embolo (69.). Gerade hatten die Schweizer ausgeglichen gegen extrem müde Argentinier. Alle Vorteile schienen bei den Eidgenossen zu liegen, da geschah die entsetzliche Dummheit von Embolo, die allerdings erst per VAR erkannt wurde. Nach einem Zweikampf mit Paredes ging Embolo zu Boden. Schiedsrichter Pinheiro erkannte auf Foulspiel und zeigte dem Argentinier die Gelbe Karte. Seit dieser WM gibt es nun die Regelung, dass Gelbe Karten bei Spielerverwechslung überprüft werden können. Und so meldete sich der VAR und monierte, dass hier gar keine Berührung von Paredes (in vielen anderen Aktionen wirklich kein Kind von Traurigkeit) vorgelegen habe. Vielmehr zeigten die Fernsehbilder, dass Embolo ohne Berührung abgehoben war und den sterbenden Schwan markierte. Pinheiro tat das einzig Mögliche, nahm Gelb für Paredes zurück und   zeigte seinerseits Embolo den Gelben Karton. Und weil dieser schon verwarnt war, flog dieser mit Gelb-Rot vom Platz. Letztlich die richtige Entscheidung. Der Treppenwitz des Ganzen ist: Hätte Pinheiro Paredes nicht verwarnt, hätte er die Entscheidung Foul überhaupt nicht überprüfen dürfen. Embolo wäre auf dem Platz geblieben, und wer weiß was die Schweizer in Gleichzahl mit den wie paralysiert wirkenden Argentiniern angestellt hätten.
Die Schweizer schäumten henach und sprachen von Betrug. Niemand allerdings klagte Embolo an, der mit seiner extrem unsportlichen Schwalbe einen unerlaubten Vorteil herausschinden konnte.

Die Überzahl wirkte wie ein Boost für Argentinien. Plötzlich ein Spiel auf ein Tor der sich jetzt verbarrikadierenden Schweizer, allerdings ohne großen Druck oder gar Top-Chancen zu entwickeln. Es gehört zu den Aburditäten des Fußball, dass dann ausgerechnet Julian Alvarez mit einem Zauberschuss das vorentscheidende 2:1 erzielte. Ausgerechnet deshalb, weil Alvarez, einer der WM-Helden 2022 zuvor im gesamten Spiel (und wenn man ehrlich ist: im gesamten Turnier) wenig bis nichts zustandegebracht hatte. Das 3:1 war dann nur noch etwas für die Statistiker.

Der „Spiegel“ hat es recht treffend kommentiert: Von Spiel zu Spiel wird Argentinien und auch ihr Supersar Messi schwächer und müder: Trotzdem steht der Titelverteidiger im Halbfinale, wer weiß, wozu das noch hinführt..