von Münchner Löwe | Juli 24, 2026 | MLB
Blick über den Teich, MLB
Bis zum Juni war die Saison für die vielen Fans der Red Socks eine verdammt zähe Angelegenheit. Dann kamen die Fußball-Schotten nach Boston, sie machten Partie im altehrwürdigen Fenway Park, und seitdem läuft es wie geschnitten Brot.
Vorführ-Effekt: Ich wollte die 15-Siege-Serie loben, da endete diese mit einer Niederlage zu Hause gegen den ebenfalls aufkommenden Divisions-Rivalen Baltimore Orioles.
Rund 100 Spiele haben die 30 Teams absolviert (plusminus): höchste Zeit, mal einen Überblick aufs Geschehen und noch viel mehr auf die Play-off-Aussichten, zumal jetzt die Ablenkungen wie Play-offs in NBA und NHL (schon länger) und Fußball-WM vorbei sind.
Es ist allerdings alles noch so eng beisammen, dass (fast alle) Teams mit außergewöhnlichen Serien hochkommen oder abstürzen können.
AMERICAN LEAGUE
Im Vegleich zur National League klar die Schwächere. Zurzeit haben gerade mal 5 der 15 Teams eine positive Bilanz. Es kann durchaus sein, dass eine mannschaft mt ausgeglichenem ode gar knapp negativem Rekord ist die Post Season kommt.
East
Die „beste“ Division der Liga. Mich würde wenig wundern, wenn sich nicht nur der Sieger direkt für die Play-offs qualfizieren würde, sondern darüberhinaus zwei, vielleicht sogar drei Teams für die Wld-Card-Runde.
Seit ungefähr einem Monat haben die Tampa Bay Rays die Tabellenführung übernommen vor den New York Yankees. Das Team aus Florida hat nicht den ganz großen Superstar (sorry, Senor Caminero), aber sie spielen sehr fein, sogenannten small ball. Also auf Base kommen, Bases stehlen, dann kommen die Punkte fast automatisch. Dazu ordentliches Pitching.
Zurzeit führen sie mit 2 Spielen vor den New York Yankees. Diese leiden extrem unter dem verletzungsbedingten Ausfall von Aaron Judge, der seit gut anderthalb Monaten wegen eines Rippenbruchs fehlt (nicht nur sehr schmerzhaft, sondern äußerst lästig gerade im Baseball, weil man hier den Körper so verdrehen muss). Wann und in welcher Form der MvP der vergangenen beiden Spielzeiten zurückkommt, steht in den Sternen. Dass die Yankees überhaupt noch in Schlagdistanz sind, haben sie dem außergewöhnlichen Pitching zu verdanken, und jetzt ist nach Gerrit Cole auch noch Max Fried zurückgekommen.
Und dann folgen schon die Red Sox auf Rang 3 mit sehr guten Chancen zumindest auf einen Wild-Card-Spot (siehe dort). Fast aus dem nichts ist bei den Schlagmännern der Knopf aufgegangen, die zum Teil absurd hohe Trefferquoten haben. Trotz erheblicher Verletzungsprobleme (Star-Werfer Garret Crochet fällt vielleicht für die komplette Saison aus) funktioniert auch das Pitching bestens. Wo das noch hinführt, ist die große Frage.
Nicht einmal die Baltimore Orioles und Toronto Blue Jay würde ich komplett abschreiben. Bei den Kanadiern spielt da allerdings auch der Bonus der vergangenen Saison eine Rolle, als sie nur Zentimeter vom Titel entfernt waren.
Central
Es führen (man lese und staune) die Chicago White Sox. In der vorvergangenen Saison die Lachnummer der Liga, haben die Team-Verantwortlichen die Zeit genutzt, und ein schlagkräftiges Team zusammengestellt. Das zumindest für den Divisionssieg gut ist, wenngleich der Vorsprung auf die Cleveland Guardians nur 1,5 Siege beträgt – das ist eine halbe Dreispiele-Serie. Auch die Minnesota Twins (4,5 Siege zurück) können noch ein gewichtiges Wort mitspielen. Die Detroit Tigers und vor allem die Kansas City Chiefs würde ich aufgrund der bisher erbrachten Leistungen abschreiben.
West
Die schwächste Division der Liga. Schon jetzt steht praktisch fest, dass nur der Sieger in die Play-offs kommt (und dort als „schlechtester“ Divisionssieger eine Wildcard-Serie bestreiten muss). Wer das sein wird, ist allerdings völlig offen.
Die besten Karten und auch das beste Potenzial haben die Seattle Mariners (51:52), die ich immer noch stärker einschätze als die Texas Rangers (51:51). Auch hier mag die vergangene Saison eine Rolle in meiner Einschätzung liegen, als die Mariners im Halbfinale nur knapp an den Blue Jays scheiterten. Dann wäre es allerdings hilfreich, wenn etwa Catcher Cal Raleigh in die Gänge kommen würde. In de vergangenen Saison begeisterte der Catcher offensiv (63 Homeruns) und defensiv, jetzt bringt er am Schlag überhaupt nichts mehr zu Stande (und es wird von Monat zu Monat schlimmer).
Während die Houston Astros noch im Dunstkreis schwingen (weit weg von Traum-Spielzeiten vergangener Jahre), können die abgeschlagenen Athletics und LA Angels für die nächste Saison planen
Wild Cards
Wie in der vergangenen Saison qualifizieren sich neben den 3 Divisionssiegern (egal mit welcher Bilanz) die drei besten Teams für die Vorausscheidung. Fast sicher dabei ist dabei der Zweite der AL East (Rays respektive Yankees). Sehr gute Chancen haben auch die Boston Red Socks sowie der Zweite der AL East. Die anderen Teams bis hinunter zu den Blue Jays (47:56) brauchen schon mehr oder weniger lange Sieges-Serien. Nicht auszuschließen, aber die Formumkehr (wie zuletzt bei den Red Socks gesehen) wird halt von Woche zu Woche unwahrscheinlicher, zumal ganz langsam auch die Spiele ausgehen.
Vorhersage (Bauchgefühl ohne Spielplanabwägung und Ähnlichem)
Divisionssieger werden die Yankees, White Sox und Mariners, die Wild-Card-Plätze schaffen die Rays, Guardians und Red Socks.
NATIONAL LEAGUE
Hier dürfte ein Team mindestens 88 Siege brauchen (mit Hochrechnungen habe ich es absolut nicht), um in die Play-offs aufzusteigen.
East
Klar in Führung sind die Atlanta Braves, die fünf Spiele vor den Philadelphia Phillies führen. Letztere knabbvern immer noch am furchtbaren Saisonstart. Jetzt läuft es allerdings prima, auch weil Klyee Schwarber und Derek Harper regelmäßo9g Homeruns abliefern und da Öiching bestens funktioniert. Vielleicht können die Phillies sogar noch den braves gefährlich werden, aber auch wenn nicht, für einen Wild–Card-Platz dürfte es auf jeden Fall reichen.
Bis Anfang Juli sah es kurzfristig so aus, als könnten die Miami Marlins oben mitmischen, eine grausame Niedelagenserie von 9 Partien hat diese Hoffnungen zerstoben.
Während die Wahsington Nationals wenigstens ab und zu ein Lebenszeichen von sich geben und zumindest offesiv erfreuen (die meisten Home Runs aller Teams) , breite ich über die entsetzliche New York Mets, die trotz des Luxuskaders offenbar komplett zerstritten vor sich hin dümpeln, den Mantel des Schweigens.
Central
Klar in Führung die erstaunlichen Milwaukee Brewers, die wieder mal auch ohne Superstar eintolles Team zusammengestellt haben. Spektakulär Jacob Misiriowski, der serienweise Würfe von mehr als 102 meilen pro Stunde produziert (völlig ungewöhnlich für einen Starting Pitcher). Gott sei dank hat sein Coaching Staff einen blick auf den jungen Mann und verheizt ihn nicht.
Die Chicago Cubs sind zwar schon sieben Spiele hinter den Brewers, doch im Wild-Card-Rennen haben sie beste Chancen. Auch Pittsburgh Steelers und St. Louis Cardinals dürfen sich in dieser starken Division noch etwas ausrechnen. Nur die Cincinatti Reds haben eine negative Bilanz (47:54) und dürften sicht mehr ins Play-off-Rennen eingreifen.
West
Der Titelverteidiger kreist wieder in der eigenen Umlaufbahn, trotz so mancher Formdelle. Die 65:38 Siege machen die LA Dodgers zum derzeit besten Team der Liga, obwohl nicht jede Partie mit vollem Ernst angegangen wird (dafür ist die 162-Spiele-Saison) auch viel zu lang. Wenns drauf ankommt, dann zeigen Pitcher (Yamomoto) und schlagmänner (Ohtani) ihre ganze Klasse.
Dahinte haben sich zu meiner großen Freude „meine“ Arizona Diamondbacks (nicht fragen warum) etabliert. Angeführt wird das Team vom venezolanischen Weltmeister-Pitcher Eduardo martinez, der eine großartige Saison spielt. Der Abstand zu den Dodgers ist zwar kaum einzuholen (- 9 Siege), aber das Team aus der Wüste ist bestensim Wild-Card-Rennen.
Das gilt eher weniger für die San Diego Padres. angetreten waren das Team, um dem kalifrnischen Rivalen aus LA die Stirn zu bieten. nach einigermaßen vernünftigem Saisonstart wird die Formkurve schwächer und schwächer. Die jetzige Bilanz von 50:53 kann niemanden zufriednstellen.
Doch was sollen da erst die Fans der San Francisco Giants sagen? Bei 42:60 bleibt nur das blanke Entsetzen, und es ist kein Trost, dass es in der NL West mit den Colorado Rockies ein noch schlechteres Team gibt (41:63). Die haben sich wenigstens im Vergleich zur vergangenen Saison klar gesteigert. Nach nicht einmal zwei Drtitteln der Spiele haben sie schon fast so viele Siege geschaft wie 2025, als sie 43-mal erfolgreich waren.
Wild Card
Zwei Teams (Phillies und Cubs) scheinen einen Platz sicher zu haben. Um den letzten verbleibenden Spot gibt es noch ein wüstes Gerangel vom derzeit Drittplatzierten Diamondbacks (54:49) bis zu den San Diego Padres (50:53).
Vorhersage
Divisionssieger werden die Braves, Brewers und Dodgers; die Wild-Cards werden die Phillies, Cubs und Diamondbacks (Wunsch der Vater des Gedanken) erobern.
Kepler-Watch
Seit Juli mischt der Berliner wieder in de MLB mit, nämlich im Dress der Diamondbacks (das ist aber nicht der Grund für meine Sympathie). Nach Anlaufschwierigkeiten nach der 80-Spiele-Sperre wegen Dopings schlägt er sich ordentlich. Zuletzt schaffte er einen siegbringenden Hit gegen die St. Louis Cardinals (sogenannter Walk-off), und 2 Homeruns stehen auch in seiner Bilanz. Dazu exzellentes und vor allem fehlerloses Spiel in der Verteidigung. Ein Schnäppchen für die Backs, die ja nur den Mindestlohn (immerhin auch knapp eine Million Dollar) überweisen müssen.
Eines ist allerdings jetzt schon klar: Wegen seiner Doping-Vergangenheit wäre er nicht für die Play-offs spielberechtigt.
von Münchner Löwe | Juli 22, 2026 | Fußball, Nachruf
Erstmals wirklich mit Bedacht gesehen habe ich Kevin Keegan 1977. Damals im Dress des mit Stars (Clemence!, Hughes! McDermott!) gespickten FC Liverpool im Europapokal-Endspiel gegen Borussia Mönchengladbach im Römer Olympiastadion. Für einen Briten nach meiner mir überbrachten Vorstellung (damals bewegte Bilder aus England zu sehen, war fast unmöglich) war er klein, dafür sehr schnell und trickreich und gewitzt. Ein Tor ist ihm zwar nicht gelungen, aber er hatte sehr starke Momente (gerade gegen den noch kleineren Berti Vogts) und holte den entscheidenden Elfmeter heraus, als ihn deutsche Nationalverteidiger rüde von den Beinen holte. Phil Neal verwandelte zum 3:1-Endstand.
https://www.youtube.com/watch?v=eHMS0dZAsQ8
„Mighty Mouse“ nannten sie Kevin Keegan damals schon auf der Insel: Weil er zwar mit 1,70 Metern regelrecht schmächtig war neben all den Abwehrriesen, aber diese eher hölzernen Kerle dennoch beherrschte. Der damalige HSV-Präsident Peter Krohn hatte (neben reichlich skurrilen Einfällen wie Elefanten im Stadion und rosa Trikots) die sensationelle Idee, diesen wirbelnden Engländer mit dem Lockenkopf und der charmanten Ausstrahlung in die Bundesliga zu holen. Eine echte Sensation, denn Keegan war zu diesem Zeitpunkt der beste und auffälligste Spieler des besten Teams in England: Mit dem FC Liverpool holte er von 1972 bis ’77 insgesamt drei Meistertitel, zweimal den UEFA-Pokal und eben 1977 den Europapokal der Landesmeister, dem Vorgänger der Champions League.
Es war ja ein echtes Wunder, dass Keegan den Weg nach Deutschland fand. Er hätte viel lukrativere Angebote aus Italien oder Spanien annehmen können, wo Lire und Pesetas viel reichlicher flossen als die Mark. Aber das sportliche Potenzial des HSV (immerhin amtierender Europacup-Sieger der Pokalsieger) in der damals so starken Bundesliga reizte mehr als noch mehr Geld, ebenso der Charme der Hafenstadt. Und hatten nicht Liverpool und Hamburg eine gemeinsame Vergangenheit, weil die Beatles in der Hansestadt ihre ersten fulminanten Auftritte hatten?
Also ein echter Coup von Krohn, und alle gewannen. Kevin Keegan avancierte nach kleineren Anlaufschwierigkeiten zum Publikumsliebling nicht nur der HSV-Fans, sondern von ganz Fußball-Deutschland. Sportlich ohnehin über alle Zweifel erhaben, eroberte er die Massen, wurde zum ersten Pop-Star der Liga, die zu dieser Zeit erst ganz langsam über die Fußball-Blase hinaus die Massen begeisterte. Er wurde zum Traum aller Schwiegermütter, plötzlich verzeichneten die Standesämter erstaunlich viele „Kevins“ – sehr, sehr lange, bevor ein gleichnamiges Kerlchen im Film „Allein zu Haus“ war. Sogar die Hitparade stürmte Keegan: „Head over Heals in Love“ (produziert vom sagenhaften (nona) Pop-Schreiber Chris Norman) – seht selbst die ganz große Kunst im „Musikladen“ von Manfred Sexauer, damals das Um und Auf der Pop-Musik im deutschen Fernsehen.
https://www.youtube.com/watch?v=yJdW7-MnXtc
Sehr viel berauschender war dann doch sein Fußballspiel. Die Verteidiger verzweifelten regelrecht, wenn sie es mit der Spiel- und Dribbelkunst der mächtigen Maus zu tun bekamen; die zudem sehr mannschaftsdienlich agierte und richtig kämpfen konnte – und zwar in jedem verdammten Spiel. Spätestens, als 1978 der grandiose Branko Zebec das Traineramt übernahm und Günter Netzer den Manager-Posten, wurde der HSV zum ernsthaften Konkurrenten der damaligen Platzhirsche Gladbach, Bayern und Köln. Mit deutschen Abwehr-Haudegen wie „Eiche“ Nogly und Manni Kaltz, mit Elfmeter-Töter Rudi Kargus im Tor, mit Zuträgern wie Casper Memering, dem jungen Felix Magath im Mittelfeld und natürlich dem Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch. Dazwischen wuselte und zauberte Kevin Keegan, der Künstler, der Ball-Virtuose: der endlich Abwechslung, ja Farbe ins Bundesliga-Einerlei brachte.1979 holten die Hamburger völlig verdient den Titel, überschattet wurde die Meisterfeier im Volksparkstadion am letzten Spieltag allerdings von der Stadion-Katastrophe, als sich insgesamt 70 Menschen beim Stürmen des Spielfelds zum Teil schwer verletzten.
1980 kamen die Hamburger ins Europapokal-Finale unter anderem nach einem unglaublichen 5:1 gegen Real Madrid; diesmal endete das Endspiel allerdings für Keegan nicht erfolgreich wie in Rom, und seine englischen Landsleute von Nottingham Forest behielten die Oberhand.
Nur drei Jahre blieb Keegan in der Bundesliga, und doch hat er bei jedem, der damals das Geschehen verfolgte, bleibenden Eindruck hinterlassen (das zeigen die unendlich vielen Trauerbezeugungen auch aus meinem Freundeskreis). Zweimal in dieser Zeit wurde er Fußballer Europas. Er hatte dann noch ordentliche Jahre wieder in der Premier League, die damals noch schnöde First Division geheißen hatte. Nur mit der Nationalmannschaft war ihm kein größerer Erfolg beschieden, seine Landsleute waren zu diesem Zeitpunkt schlicht zu schwach. Ein WM-Halbfinale fü England wie gerade in Amerika? Schlicht undenkbar.
Nach Ende seiner Fußballer-Karriere verschwand Keegan erst mal aus der Öffentlichkeit. Erst 1992 tauchte er wieder auf, als er das Traineramt bei Newcastle United übernahm; die Magpies führte er 1996 zur sensationellen Vize-Meisterschaft. Danach warf er trotz bestehenden Vertrags hin („zu viel Stress“). 1999 wurde Keegan noch englischer Nationalcoach, doch schon nach zwei Jahren war Schluss, ohne dass er dort bleibende Spuren hinterlassen hätte (die Deutschen werden das nach einem 1:5 im Jahr 2000 im Münchner Olympiastadion vielleicht anders sehen.
Am Montag ist Kevin Keegan gestorben, nur 75 Jahre wurde er alt. Der Tod kam nicht überraschend, denn erst im Januar hatte er „unheilbaren Magenkrebs“ öffentlich gemacht. Zurück bleiben bei mir und sehr vielen Fußball-Fans unauslöschliche Bilder eines wunderbaren Fußball-Virtuosen und eines tollen, ungemein sympathischen Menschen.
Machs gut da oben, liebe mighty mouse Kevin Keegan!
von Münchner Löwe | Juli 21, 2026 | Allgemein, Fußball, Radsport, Rugby, Tennis
Die letzte Tour-Woche, deutsche Finals in Hannover und tatsächlich schon wieder Fußball-Champions-League, wenn gleich „nur“ Qualifikation.
Pogacar ohne Gegner – oder?
Die Tour de France ist in der letzten Woche vor dem Ziel am Sonntag in Paris. Doch schon heute ist ein klarer Anwärter aufs Podest wegen eines Sturzes ausgeschieden. Bei einer sehr tückischen Abfahrt im Zeitfahren rutschte Florian Lipowitz in einer engen Kurve mit dem Hinterrad weg, er schlitterte mit der Schulter gegen eine nicht abgesicherte Bordsteinkante und konnte nicht weiterfahren. Stattdessen wurde er mit dem Krankenwagen abtransportiert.
Für mich ein absolutes Unding: zum einen so eine gefährliche Abfahrt in das Einzel-Zeitfahren einzubauen und diese zum anderen nicht im Geringsten zu schützen. Ein Sturz war fast naheliegend und offenbar von den sensationslüsternen Organisatoren fast schon eingepreist. Auch der klar Führende Tadej Pogacar hatte an dieser Stelle seine Mühe, obwohl der Slowene nicht das Letzte riskiert haben dürfte.
Pogacar dürfte nach Rang 2 hinter Remco Evenepoel, aber nur 28 Sekunden Zeitverlust auf den absoluten Spezialisten im Kampf gegen die Uhr, der Gesamtsieg nicht mehr zu nehmen sein bei 4:32 Minuten Vorsprung auf den Belgier. Auch wenn die anstehenden Alpenetappen unter anderem mit zweimal Alpe d’Huez kein Zuckerschlecken werden. Evenepoel hat beste Chancen auf Rang 2, es wäre seine mit Abstand beste Tour-Platzierung in Paris. Allerdings fehlt ihm mit Lipowitz ein sehr wichtiger Helfer in den Bergen, der Rest des Red-Bull-Hansgrohe-Team ist dort kein Faktor. Mal schauen, ob er über die ganz hohen Berge auch gut rüberkommt, das war in den vergangene jahren sien Problem.
Sehr spannend wird der Kampf um Platz 3 (nach dem Ausfall von Lipowitz und zuvor Jonas Vingegaard). Der Mexikaner Isaac del Toro und der Franzose Paul Seixas kämpfen nicht nur um den Podestplatz, sondern auch ums Weiße Trikot es besten Nachwuchsfahrers (bei der Tour sind das alle Profis unter 25 jahren).
Deutsche Titel im Hunderterpack
Ab Donnerstag ist es wieder soweit. In gleich 23 Sportarten kämpfen Athletinnen und Athleten um deutsche Meistertitel. Neben Traditions-Sportarten wie Schwimmen, Bogensport und Turnen, die schon öfter in den sogenannten deutschen Finals dabei waren, kämpfen erstmals auch solche aus Jiu Jitsu und Rapid Surfen, aber auch Beachvolleyball und Wasserball um Meisterehren. Die Wettbewerbe sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt, für diejenigen, die sich nicht extra nach Hannover aufmachen (ich gehe mal davon aus, dass keiner meiner Leser dort wohnt …), bietet die ARD zahlreiche Live-Streams an.
Mein persönlicher Liebling: die 3×3-Basketballer und das Rugby-7-Turnier (jeweils Frauen und Männer), auch wenn hier die Nationalspieler wegen der nahen Europameisterschaft unabkömmlich sein werden.
Extrawurscht der Leichtathleten – aus Gründen!
Auch diese kämpfen dieses Wochenende um Titel und Platzierungen. Allerdings nicht in Hannover, sondern in Bochum-Wattenscheid, im altehrwürdigen Stadion an der Lohrheide, wo in den 80er-Jahren auch die Bundesliga-Kicker von Wattenscheid 09 spielten (heute Regionalliga).
Der Grund für den Sonderweg ist profan: Nach dem Umbau des Niedersachsenstadions in eine reine Fußball-Arena (für die WM 2006!) gibt es dort keine wettkampftaugliches Leichtathletik-Stadion. Der Zuschauer daheim wird nix merken, auch hier ist das Fernsehen live dabei, wahrscheinlich sogar besonders ausführlich, wie es sich für die olympische Kernsportart gehört.
Sturms erster Schritt zur Königsklasse
Sturm Graz gegen Hearts of Midliothian – so lautet aus meiner austriaphiler Sicht der Schlager der 2. Qualifikationsrunde (Di., 20:30, ORF1). Beide Teams wurden in der nationalen Meisterschaft Zweiter, die Hearts verpassten herzzerreißend in fast letzter Minute mit einer Niederlage beim direkten Konkurrenten Celtic Glasgow den Titel. Sowohl Österreicher als auch Schotten waren ja bei der WM dabei, beide Teams schieden früh aus. Inwieweit Spieler fehlen, vemag ich nicht zu sagen, noch weniger weiß ich über die Form: Aber gerade die Hearts haben im Sommer einen erheblichen Aderlass erlitten, die besten Profis haben sich davongemacht.
Ansonsten sticht noch die Partie FC Thun gegen Dinamo Zagreb heraus (Di., 20 Uhr/SRF), immerhin der Schweizer Meister (ohne Meistercoach Lustrinelli, der in Richtung 1. FC Union nach Berlin entschwand) gegen den Titelträger Kroatiens.
Insgesamt sind vier Qualifikationsrunden zu überstehen, bevor die Geldtöpfe der Königsklasse anvisiert werden können. In der 3. Runde greift dann auch der österreichische Titelträger LASK ein.
Und sonst?
- Formel 1: Letzter Lauf vor der einmonatigen Sommerpause in Budapest (Sonntag, 15 Uhr). WM-Leader Kimi Antonelli im Mercedes muss sich de stärker werdenden Konkurrenz der Ferraris und von max Verstappen (Red Bull) erwehren.
- Tennis: Traditionelle Sandplatzturniere der Männer in Kitzbühel (unter anderem mit Bublik, Vacherot, Struff und Altmaier) und Estoril (Rublew, Darderi, Wawrinka). Die Frauen messen sich in Hamburg (Olyinikova, Kalinina, Korpatsch) und Prag (Bouskova, Krejikova, Tagger).
Das Gros der Spielerinnen und Spieler hat sich bereits nach Nordamerika aufgemacht, wo ab nächste Woche die Sommer-Hartplatz-Saison mit dem Höhepunkt US Open (ab 31. August) ansteht.
von Münchner Löwe | Juli 20, 2026 | Doping, Golf, Leichtathletik, Radsport
Vingegaard muss aufgeben
Aus der Traum vom Toursieg. Auf der 15. Etappe in den Vogesen stürzte Jonas Vingegaard in einem Kreisverkehr so schwer, dass er aufgeben musste. Einer ersten Diagnose zufolge erlitt der Däne einen Schlüsselbeinbruch, er wird eine längere Pause einlegen müssen.
Vingegaard galt als schärfster Verfolger des souveränen Gesamtführenden Tadej Pogacar. Wobei „scharf“ bei einem Rückstand von fast fünf Minuten relativ ist, normalerweise hätte er wohl keine Chance mehr gehabt, den Slowenen noch einzuholen. Zu souverän agierte Pogacar, der gerade in den Bergen bisher naheuzu unantastbar schien.
Am heutigen Montag ist Ruhezag, der zweite und letzte der Tour. Pogacar führt mit genau fünf Minuten auf Remco Evenepoel und schon 5:58 Minuten auf seinen mexikanischen Teamgefährten Isaac del Toro. Evenepoel macht dieses Jahr gerade in den Bergen einen viel stärkeren Eindruck als in den vergangenen Jahren, am Sonntag entschied er das sehr schwierige Teilstück mit der Bergankunft am Plateau de Solesan im Spurt vor Pogacar für sich. Die Frage ist, ob seine Form auch fürs Hochgebirge reicht, denn in der letzten Woche steht nach dem 21-Kilometer-Zeitfahren (in dem der Spezialist im Kampf gegen die Hhr noch aufholen kann) enorm schwierige Bergetappen in den Alpen an: Gleich zweimal geht es hoch nach Alpe d’Huez, allerdings nur einmal von der schwereren 21 Serpentiven langen Seite.
Zumindest vorerst aber hat Evenepoel auch im teaminternene Bora-Red-Bull-Duell die Nase vor Florian Lipowitz. Der Deutsche at schon 1:48 Minuten Rückstand auf Evenepoel und 6:48 auf Pogacar. Hinter dem potenziellen Toursieger (nona, ein Sturz kann schnell passieren) dürfte es einen beinharten Vierkampf um die Platze 2 und 3 geben,in den neben Evenepoel und Lipowtz auch del Toro (3./5:50 auf Pogacar) und das französische Supertalent Paul Seixas (4./6:23) eingreifen werden.
Überschattet wird aber alles vom Sturz Vingegaards und die Begleiterscheinungen. In der Nacht zuvor war der Däne nämlich um 2 Uhr nachts zur Dopingprobe gebeten (also befohlen) worden. Gerade vor eine solchen Etappe ein absolutes Unding, auch wenn sich Vingegaard bedeckt hielt. „Man kann wohl sagen, dass es nicht förderlich war.“ Auch Pogacar berichtete, dass er um 5 Uhr morgends vor einer Etappe zur Blutentnahme aus dem Bett geklingelt wurde. „Schlaf ist sehr wichtig. Gerade für die Konzentration.“
Deutsche Läufer überzeugen
Ein fantastisches Leichtathletik-Meeting erlebten 60.000 Zuschauer in London. Höhepunkt war der (angekündigte) Meilen-Weltrekord des Schotten Josh Kerr, der die 1609 Meter in 3:42,66 Minuten absolvierte. Damit blieb er um gut eine halbe Sekunde unter der bisherigen Bestmarke des algerischen Ausnahmeläufers Hicham El Guerrouj. Robert Farken aus Leipzig ließ sich von der fantastischen Stimmung im Olympiastadion bei diesem Rennen mitreißen und schaffte in 3:46,82 Minuten einen großartigen Deutschen Rekord.
Es war nicht die einzige nationale Bestleistung eines deutschen Läufers. Emil Agyekum brauchte für die 400 Meter Hürden nur 47,45 Sekunden und unterbot den (in der Tat) alten Rekord um drei Hundertstel. Dieser datiert aus dem Jahr 1982 (und 87) und wurde jeweils von der deutschen Lauflegende Harald Schmid aufgestellt. Zum Sieg reichte es für Agyekum allerdings nicht. Weltrekordler Karsten Warholm schwebte mit 46,61 Sekunden in ganz anderen Sphären (passend bei einem Hürdenlauf, oder?). Dennoch gelten sowohl Agyekum als auch Farken zu den heißesten Medaillenkandidaten aus Germany für die EM in Birmingham in knapp einem Monat (10. bis 16. August).
Das gilt auch für Malaika Mihambo. Mit der Einschränkung, dass die Weitspringerin auch den Balken trifft. Im 5. Versuch segelte die Olympiasiegerin von 2020 auf 7,05 (Bestleistung für diese Saison). Doch in einem EM-Wettkampf wäre sie gar nicht mehr dabei gewesen, denn ihr gelang das Kunststück und übertrat bei allen vier Versuchen. Statt salto nullo nach 3 Versuchen also Diamond-League-Sieg. Wenn das kein Omen ist.
Rekordsprinter droht Dopingsperre
Viel Aufregung um Owen Ansah. Der deutsche Rekordsprinter (9,98 Sekunden) hat ernsthaften Ärger mit der Doping-Agentur. Vor 10 Tagen suchten ihn Kontrolleure auf, doch der Sprinter verweigerte die Probe. Aus gutem Grund, wie er glaubte, denn er war auf dem Weg zum Meeting nach Monaco, wo er ganz kurzfristig eingeladen wurde. Er sei spät dran gewesen für sein Flugzeug und gerade auf der Toilette gewesen, begründete Ansah.
Die Strafe für eine verweigerte Probe ohne Grund sind hart: nämlich mindestens 4 Jahre Sperre, also wie nach einem positiven Befund. Und die Regularien erlauben auch einen Überraschungsbesuch der Kontrolleure (die ja letztlich erst dem Ganzen einen Sinn geben, siehe oben beim Radsport). 2 Fragen drängen sich jetzt auf:
- Ist ein wartendes Flugzeug für ein Meeting ein dringender Grund (bisherige Rechtsprechung: eher nein). Und: Hätte der Kontrolleur nicht anbieten müssen, zusammen mit Ansah zum Flughafen zu fahren und dort die Probe zu entnehmen?
- Hat der Kontrolleur auf die Tatsache hingewiesen, dass ein verweigerter Test diese drakonische Folge hat. Im Gegensatz von einem sogenannten Missed Test, wo der Kontrolleur den Athleten trotz Anwesenheits-Pflicht nicht antrifft (davon darf sich jeder drei „leisten“).
Zur Wahrheit gehört außerdem, dass Ansah in den Tagen danach mehrfach kontrolliert wurde. Ob das hilfreich ist? Keine Ahnung, aber viele Dopingmittel sind ziemlich schnell nicht mehr nachweisbar. Also kein unbedingter Freispruch-Grund.
Die Nationale Dopingagentur hat den Fall zwar zur Anklage gebracht, doch bisher gibt es keine Suspendierung seitens des Deutschen Lei htathletik-Verbandes. Ob eine solche noch vor den Meisterschaften am Wochenende in Hannover ausgesprochen wird, bleibt zwar fraglich, aber so leicht wird Ansah diese Causa wohl nicht vom Tisch bringen.
Der Golfschlag seines Lebens – ganz schnell ausgeführt
Da stand Ryan Fox vorm wichtigsten Putt seines Lebens, und er musste erst mal warten auf seinen Flight-Partner Sam Burns, der noch zu Ende spielen wollte. Minuten des Wartens wurden wahrscheinlich zu Stunden, denn Fox würde mit einem eingelochten Schlag Golf-Geschichte schreiben. Der Putt hatte mit etwa 2 Metern Länge genau die Distanz, die die Profis so fürchten. Unter normalen Umständen meist kein Problem, doch wenn ein Major-Sieg wie am Sonntag dranhängt bei den Open Championships im englischen Royal Birkdale, dann erscheinen die 2 Meter eher wie 20.
Als Fox dann endlich dran war (Burns wurde letztlich Dritter), machte er es ganz schnell. Fix das Loch und den eigenen Ball fixiert, schon wer der Schlag ausgeführt, der wie an der Schnur gezogen im Ziel versank. Fox jubelte ungläubig, sein Caddy sank reichlich entnervt zu Boden, und die Golfwelt hat einen neuen, aber doch recht alten Helden. 39 Jahre ist Fox mittlerweile alt, er ist damit der älteste Premierensieger bei einem Major seit Hendrik Stenson (40) vor zehn Jahren; seine bisherigen Erfolge halten sich in Grenzen (Sieg bei den BMW Championships 2023). Jetzt ist er erst der dritte Neuseeländer, der eines der vier wichtigsten Golfturniere der Welt gewann.
Es war eine unterhaltsame Schlussrunde am Sonntag, die ich erst heute nachgeschaut habe (irgendwie hatte ich im Vorfeld eines nicht ganz unwichtigen Fußballspiels anderes vor). Mit einer grandiosen 64er-Schlussrunde war Cameron Young aus den Tiefen des Mittelfelds an die Spitze gestürmt. Eine gefühlte Ewigkeit verfolgte der Amerikaner im Clubhaus wahrscheinlich mit einigem Amüsement, wie die Konkurrenz unter den immer schwieriger werdenden (Wind)-Bedingungen (sowie den eigenen Nerven) litt und Schlag um Schlag verlor. Wie etwa Bryson DeChambeau, dem das Kunststück gelang, einen Ball trotz tausender Zuschauer und zig Fernsehkameras derart tief in ein mit dichtem Gras bewachsenen Feld zu versenken, dass dieser trotz angestrengter Suche nicht aufzufinden war (da muss man schon drauftreten, sagen die Golfer). Auch Fox hatte zu kämpfen (nach seiner 62er-Glanzrunde vom Vortag), doch er hielt sich immer in Schlagdistanz zum Führenden. Vor der letzten Bahn war er gleichauf mit Young. Ein Par würde ihn ins Stechen bringen (Young übte schon fleißig an der Driving Range), ein Birdie den schnellen Triumph. Also lieber einfach als kompliziert, wenns nur immer so zuginge im Leben.
Und sonst?
- Formel 1: Kimi Antonelli im Mercedes wieder auf der Erfolgsspur. Nach ganzen drei Rennen ohne Sieg triumphierte der italienische WM-Führende im belgischen Spa-Franchorchamps vor Charles LeClerc aus Monaco und dem Holländer Max Verstappen. Antonelli führt nun inn der Fahrerwertung mit 45 Punkten Vorsprung auf Ferrari-Pilot Lewis Hamilton und gar 50 auf Teamkollege George Russell, der gleich zum Start nach einer Kollision ausfiel.
- Tennis: Turniersiege feierten Barbora Kerejikova in Athen, Stefanos Tsitsipas in Gstaad und Alexander Rublew in Bastad.
von Münchner Löwe | Juli 20, 2026 | Allgemein
Der Albtraum nahm bei mir kurz vor der Geisterstunde Gestalt an, spätestens in der Verlängerung. Diese widerwärtige Argentinien-Truppe würde sich ins Elfmeterschießen mogeln, wo sie dann triumphieren und Weltmeister werden würde. Widerwärtig deshalb, weil die Südamerikaner nur foulten und bissen und kratzten und traten und nachtraten und provozierten und protestierten und reklamierten. Ekelerregend. Das hatte mit Fußball nix zu tun, sondern glich eher einer Straßenschlacht in Buenos Aires oder Rosario. Dass ein Dauer-Fouler und -Aufwiegler wie Leandro Paredes zum Zeitpunkt des Schlusspfiffs noch auf dem Spielfeld stand: unglaublich angesichts seiner serienweise Sauereien! Vielleicht ist er ja eine sehr netter Mensch, als Fußballer widert er mich an.
Und dann die Erlösung. Gegen 10 Argentinier, weil Enzo Fernandez nach einem üblen Tritt tatsächlich vom Platz flog (und die Stirn hatte, lautstark zu jammern und protestieren). Endlich das Tor des eingewechselten Ferran Torres, dessen satter Schuss nach Kopfball-Ablage aus kurzer Entfernung endlich an Schlussmann Emiliano Martinez vorbeiplatziert war. Martinez, meine Albtraum-Nemesis, mein potenzieller Elfmeter-Töter im Elferschießen wie im Finale 2022 gegen Frankreich (nach einem zuvor allerdings begeisternden WM-Endspiel). Es war der 20. Schuss der Spanier, der zwölfte aufs Tor (zuvor gefühlt alle direkt auf Martinez). Die Argentinier hatten bis dato an „Offensive“ zu verzeichnen: nicht ein Schuss, nicht mal ein Abschluss. Expected Goals: 0,00 Prozent! Also nix, nada, niente. Furchterregend. Wären Argentinier Künstler gewesen, das Publikum hätte die Elf gnadenlos von der Bühne gebuht!
Und dann? Nach dem Rückstand? Plötzlich spielte Argentinien Fußball, begeisternden und auch gefährlichen Angriffsfußball. Angeleitet vom endlich erblühenden Lionel Messi, dem bis dahin unsichtbaren Spaziergänger. Argentinien drängte die stolzen und so ballsicheren Spanier nach hinten, attackierte, kombinierte, dominierte, spielte Chancen heraus (Simeone MUSS treffen). Der Ausgleich lag in der Luft, jeder Spanier hing in den Seilen – bis zur Erlösung, als Schiedsrichter Vincic die Partie endlich mit fünf Minuten Nachspielzeit abpfiff.
Danach ging die Treterei und Rangelei munter weiter, mittendrin mein besonderer Freund Paredes, der nach einer Würgattacke gegen Gavi endlich das verdiente Rot sah. Auch Trainer Lionel Scaloni war kein guter Verlierer. Der nur seine angeblich so heroischen Spieler heraushob und es nicht fertigbrachte, den Spaniern zum Triumph zu gratulieren (das zusammengebissene „bessere Mannschaft“ kann beim besten Willen als ernsthafte Ehrerbietung gewertet werden.
Dass der Sieg der Spanier verdient war, wird wohl niemand bestreiten; auch nicht Menschen, denen Argentinien und deren Einwohner sympathisch sind und ihnen den Triumph von Herzen gegönnt hätten. Spanien hat sich über das gesamte Turnier als die beste mannschaft erwiesen. Die Iberer gerieten allenfalls im Viertelfinale gegen Belgien in Verlegenheit nach dem Ausgleich, dem einzigen Gegentreffer im gesamten Turnier. Das Team verfügt vielleicht nicht über den absolut überragenden Offensivmann, zumal der junge Außenstürmer Lamine Yamal wie Nico Williams weit hinter seiner Top-Form zurückblieb. Dafür stellt es herausragende Defensivkräfte. Den sensationellen Innenverteidiger Pau Cubarsi, erst 19 Jahre alt und bester Jungprofi der WM, dem ich eine große Zukunft prophezeie; den unermüdlichen Marc Cucurella, weltbester auf der linken Außenbahn; und schließlich Rodri, der unnachahmliche Balleroberer und -Verteiler im defensiven Mittelfeld, der völlig zu Recht zum besten Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde. Wie ich schon vor der Partie schrieb: Es gibt keine Schwachstelle, und vor allem spielen die 11 Jungs auf dem Feld blendend zusammen.
Katastrophaler Rasen
Die Umstände rund um die Partie waren eines WM-Finals unwürdig. Da war zum einen der Rasen: zu holprig zu stumpf, zu trocken; der Ball rollte nicht richtig, ein furchtbarer Acker. Normalerweise spielen die NFL-Footballer der New York Jets und New York Giants im MetLife Stadium, und auch hier ist die Spielfläche berüchtigt und für die eine oder andere schwere Verletzung verantwortlich. Man hat so vieles bei dieser WM bewerkstelligt, aber einen gut bespielbaren Rasen fürs wichtigste Spiel in einem Vierjahres-Turnus, das konnte und wollte man offensichtlich nicht schaffen.
Es drängte sich ohnehin das Gefühl auf, dass dieses (End)Spiel eigentlich nur störte. Vor der Partie ein ewig langer Music Act, meist nur per Playback vorgetragen (hier zitiere ich nur Berichte, angeschaut habe ich mir das Elend nicht). Dann die erbärmliche Halbzeit-Show. Man wollte so was Ähnliches wie beim Super Bowl präsentieren, aber es war nur ein katastrophaler Abklatsch. Statt einem oder bestenfalls zwei Künstlern zu geben (wie beim Super Bowl üblich), waren es gleich 7 Acts, zusammengestellt ohne Sinn und Verstand. Und deshalb wurde die seit mehr als 100 Jahren festgeschriebene Pausenzeit von 15 Minuten handstreichartig fast verdoppelt? Das passt zum fußball-hassenden Gianni Infantino, der das Ganze veranlasst hat.
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