Besser geht’s nicht. Finale der US Open auf dem größten Center Court der Welt, der mit knapp 24.000 Zuschauern restlos gefüllt war. Auf der anderen Seite mit Ben Shelton der umjubelte Lokalmatador, der in diesem Turnier so begeisternden Tennis gezeigt hat, insbesondere bei seinen Siegen gegen Carlos Alcáraz und Landsmann Frances Tiafoe. Den Aufschlag-Weltrekordler (zumindest für ATP Tour). Und was macht der Hamburger? Entzauberte den US Boy nach allen Regeln der Kunst.
Von Beginn an diktierte Zverev die Partie, nahm Shelton gleich den Aufschlag ab und transportierte das Break sicher zum Satzgewinn. Im zweiten Durchgang musste der Tiebreak entscheiden, und hier zeigte Zverev schlicht und ergreifend das best vorstellbare Tennis und deklassierte Shelton beim 7:2.
Noch nicht einmal vom Rückschlag im 3. Durchgang ließ sich Zverev durcheinanderbringen, als er mit einer leichten Unkonzertiertheit das Service zum 5:7 und Satzverlust abgab. Laut Statistiker war ihm das zuvor bei 50 Aufschlagspielen gegen Shelton nicht passiert.
Die Zuschauer eskalierten, witterten noch mal eine Chance für ihren Landsmann Shelton. Der doch als erster US Amerikaner seit 2003 den Männertitel wieder für die USA holen sollte. Doch Shelton war mit der Situation überfordert gegen den fast gleichmütigen Zverev. Sofort gab er den Aufschlag im 4. Satz ab (trotz 30:0-Führung), das Momentum war wieder dahin. Und Zverev ließ sich die Chance nicht entgehen. So fokussiert war er auf jeden einzelnen Punkt, dass er gar nicht merkte, als er den Matchball verwandelt hatte. Erst als ihm die Schiedsrichterin signalisierte, das das Spiel vorbei sei, brach der Jubel aus ihm heraus.

Besser gehts nicht! Oder etwa doch? Denn kaum war die Siegerehrung beendet, meldeten sich die Bedenkenträger. Zverev habe ja nur gewonnen, weil Jannik Sinner nicht dabei gewesen war (wegen einer Knieverletzung) und Alcaraz nach seiner Handverletzung noch nicht hundertprozentig fit gewesen sei. Das mag stimmen (oder auch nicht), ist aber völlig belanglos. Man kann nur den Gegner bezwingen, der auf der anderen Seite des Platzes steht. Und Zverev bezwang in New York eben alle Sieben, die auf der anderen Seite des Platzes standen. Schwer genug ist so ein Parforceritt, und viel hätte ja auch nicht gefehlt und Zverev wäre in der ersten oder zweiten Runde bei seinen Fünfsatz-Thrillern gescheitert. Er wankte zwar gegen Lorenzo Sonego und Quentin Halys, fiel aber nicht. Und genau das unterschied ihn von all den chancenreichen Mitbewerbern wie Fils und Auger-Alliasime und Medwedew und Fritz, die bei ihren Niederlagen gegen Außenseiter eben im entscheidenden Moment nicht zulegen konnten wie Zverev.

Der Deutsche weiß selbst seine Leistung einzuordnen. „Zurzeit bin ich der beste Spieler der Welt. Das war ich nicht, als Sinner fit war.“ Über ein potenzielles Finalduell mit Sinner zu spekulieren, führt allerdings zu gar nichts, zumal jede Partie ohnehin erst mal gespielt werden muss.

Bleiben wir also  bei den unumstößlichen Fakten: Zverev, dem trotz Olympiatriumphes und zweier WM-Titel lange nachgesagt wurde, bei den Grand Slams nie gewinnen zu können, hat ein geradezu märchenhaftes Jahr bei diesen ganz großen Turnieren hinter sich: Halbfinale Melbourne (nur denkbar unglücklich gescheitert an späteren Sieger Alcáraz), Sieg Paris, Finale Wimbledon (recht chancenlos gegen Sinner) und jetzt Sieg New York. Macht 25:2 Matchsiege, das ist zum Beispiel ein besseres jahr als es ein Boris Becker je hatte. Noch sieht ihn die Weltrangliste als Nummer 2 hinter Sinner, aber in der Jahreswertung hat er bereits einen gewaltigen Vorsprung auf den Italiener. Von dem niemand weiß, in welcher Verfassung er die restlichen Turniere des Jahres bestreiten kann. Sehr wahrscheinlich also, dass Alexander Zverev dieses unfassbar erfolgreiche 2026 als bester Tennisspieler der Welt abschließen wird, um etwas weiter in die Zukunft zu blicken.

Ich habe jetzt gelesen, dass Alexander Zverev unbedingt Deutschlands Sportler des Jahres werden muss. Diese Ehrung ist in der Tat sehr wahrscheinlich. Ich allerdings würde dafür den Schwimmer Johannes Liebmann präferieren. Dessen unfassbarer Weltrekord über 1500 Meter Freistilstellt in der ganz persönlichen Löwen-Wertung sogar einen Alexander Zverev in den Schatten.

 

Rybakinas Triumphzug

 

Seit ziemlich genau 50 Jahren schaue ich jetzt Tennis, auch Frauen-Tennis. Doch was Besseres als Lena Rybakina der 3. Satz im Finale der US Open gegen eine keineswegs schwache Aryna Sabalenka hat meines Erachtens noch nie eine Spielerin fabriziert. Eine sehr steile These, ich weiß, aber ich begründe mal:  Toller Aufschlag, knallharte Grundschläge und sogar tödliche (ja ja, die Tennissprache …) Volleys. All das im vielleicht wichtigsten Spiel des Jahres. Falls also die geringsten Zweifel bestanden, ob Lena Rybakina tatsächlich eine verdiente Nummer 1 der Welt ist (als die sie die heutige Weltrangliste ausspuckt), dann sind diese Zweifel verflogen. Hoffentlich auch bei Sabalenka, die bei der Siegerehrung nur mit zusammengebissenen Zähnen der Kontrahentin ein „well deserved“ rauspresste, ansonsten leider mal wieder eher darüber schwadronierte, was sie selbst alles falsch gemacht habe. Man kann jetzt philosphieren, ob Sabalenka eher eine sehr schlechte oder sehr enttäuschte Verliererin war.

Der Triumph der Kasachin Rybakina ist umso höher einzuschätzen, weil sie vor dem Turnier angeschlagen war nach einer recht komplizierten Fußverletzung und sie wahrscheinlich selbst nicht wusste, woran sie ist. Doch schnell war klar, dass die Pause ihrer Form keineswegs abträglich war – vielleicht sogar im Gegenteil, weil sie pausieren musste. Denn keine Spielerin war frischer und agiler. Wenn sie aber gut zum Ball steht, dann wird es für jede Gegnerin schwer bis unmöglich dagegenzuhalten.
Sabalenka, die Titelverteidigerin und amtierende Nummer 1, tat ihr bestes. Nur noch ein Raunen ging durch die Ränge, wenn sich die Kasachin Rybakina und die Weißrussin Sabalenka die Bälle um die Ohren knallten. Beide hatten ja schon im Januar das Finale der Australian Open bestritten (ebenfalls mit dem besseren Ende für Rybakina). Beide waren ab April in ein Formtief gefallen mit jeweils erstaunlichen Niederlagen unter anderem in Paris und Wimbledon. Jetzt zeigten die beiden, dass sie die zwei besten Tennis-Frauen der Welt sind, trotz der Amerikanerinnen Gauff und Pegula, trotz Iga Swiatek und wie sie alle heißen.

Ein Trost für die Konkurrenz: So gut wie im 3. Satz wird auch eine Lena Rybakina nicht jeden Abend spielen.