Zwei Amerikaner auf Mission Titel und die Szene des Jahres

 

Was für ein Tennis-Tag, was für Dramen. Mittendrin die Amerikaner, die endlich seit 2003 (Andy Roddick) den Einzel-Titel bei den US Open erringen wollen. Zunächst das inner-US-Duell Alex Mikkelsen gegen Frances Tiafoe. Mehr als zweieinhalb Sätze dominierte der Außenseiter Mikkelsen die Partie, glänzte mit schnörkellosem, aber fast fehlerfreiem Tennis, das dem so kamptstarken Tiafoe die Luft zum Atmen raubte. Beim Stand von 7:5, 6:3 und 5:4 schlug er aufs Match auf, doch wie so viele Tennisspieler und vor allem auch Tennisspielerinnen verlor er die Nerven. Plötzlich zitterte die Hand, die zuvor so souverän auch die schwierigsten Schläge ausgeführt hatte. Tiafoe, der nie aufgab, witterte die Chance, holte sich nicht nur das Break zum 5:5, sondern kurze Zeit später auch den Durchgang zum 7:5.
Nachdem Tiafoe sich auch den 4. Satz sicherte, musste der 5. Satz entscheiden, und hier kulminierte die Spannung im sogenannten Matchtiebreak. Den gewinnt, der als erster 10 Punkte erreicht hat. Tiafoe erwies sich als der Bessere (der Glücklichere), und im Moment des Triumphes zeigte er seine ganze Größe. Mikkelsen nämlikch überwältigten die Gefühle. Eine Ewigkeit weinte er in den Armen seines Kontrahenten. Unvergessliche Bilder, die niemanden kalt lassen können; die wieder einmal zeigen, wie toll Sport sein kann, wenn die Beteiligten fair bleiben, wenn sie den Gegner achten. Der gegenseitige Respekt war schon während der gesamten Partie zu bemerken, jetzt merkte jeder mehr als 23.000 begeisterten Zuschauer und an den Fernsehgeräten im vollbesetzten Artur-Ashe-Stadium. Das waren Freunde. Wenn Sport und das Leben immer so fair wären, es wäre so viel einfacher auf der Welt (großer und pathetischer Seufzer).

Und doch war dieses großartiege Duell nur der Vorgeschmack auf das bisher vielleicht beste Tennismatch des Jahres mit so vielen Absurdidäten: Ben Shelton gegen Carlos Alcáraz. Hier der so auschlagsstarke Amerikaner, dort der spanische Titelverteidiger bei seinem Turnier-Comeback nach mehr als vier Monaten, bei dem er in den 4 partien zuvor nicht einen Satz abgegeben hatte. Die Vorzeichen waren allerdings ungewöhnlich, denn das Spektakel begann erst kurz nach 23 Uhr Ortszeit. Was dann die beiden im ersten Satz an Tennis-Feuerwerk und -Kunst ablieferten voller Traumschläge und begeisternder Ballwechsel, haben wir in diesem Jahr (und auch sonst sehr selten) nicht gesehen. Nach 62 Minuten sicherte sich Alcáraz den ersten Satz.
Doch gerade der Spanier konnte dieses Nieveau nicht halten. Geradezu vorgeführt wurde er in den folgenden beiden Durchgängen, die Shelton mit seinem grandiosen Aufschlag, aber auch tollen Grundschlägen dominierte. Da waren einige der 23.000 Zuschauer allerdings schon nach Hause gegangen. New York mag die Stadt sein, die niemals schläft, aber viele ihrer Einwohner brauchen doch zumindest ein paar Stunden in ihrem Bett, um für den nächsten Arbeitstag gewappnet zu sein.
Die die geblieben waren (es waren immer noch weit über 10.000 Menschen) sahen im vierten Satz, warum Alcáraz im Moment vielleicht der begabteste Tennisspieler ist. Obwohl er wegen seiner Handverletzung sicher nicht mit 100 Prozent aufschlagen kann, dominierte er seine Aufschlagspiele mit seinen faszinierendenen und fanstasievollen Grundschlägen und ließ den nur etwas nachlassenden Shelton nicht die geringste Chance.
Es musste also auch hier der fünfte Satz entscheiden. Shelton brachte dabei seine Aufschlagsspiele locker durch, Alcáraz nur mit Mühe, wobei ihm Shelton mit inigen dummen Fehlern half. Die Diskrepanz beim Service war unverkannbar, hier der Ami mit bis zu 150 Meilen pro Stunden, dort der Spanier mit meist nicht einmal 120. Trotzdem fanden sich die beiden Profis ebenfalls im Matchtiebreak wieder, mittlerweile war es in New York weit nach 3 Uhr morgens; die Ränge hatten sich weiter gelichtet, und die Spieler standen bereits mehr als 4 Stunden auf dem Platz. Bis zum 6:6 war auch der Decider völlig ausgeglichen, ehe ein eher überflüssiger Fehler von Alcáraz dem Amerikaner den entscheidenden Vorteil gab. Kurze Zeit später verwandelte er seinen zweiten Matchball und durfte den vielleicht wichtigsten Sieg seiner Karriere feiern. Alc#araz erwies sich als großer Verlierer. Als er die Arena verließ, da umspielte ein Lächeln seine Lippen. So erleichtert war er, dass er nach diese langen Pause wieder mit den Besten der Besten mithalten kann. Und das zeichen an die Tennis-Welt war eindeutig: Mit Alcáraz ist in zukunft wieder zu rechnen

Am Freitag kommt es aber zum inneramerikanischen Halbfinal-Showdown. Tiafoe gegen Shelton, eine Vorhersage scheint fast unmöglich

Die beiden anderen Viertelfinali fielen gestern doch gewaltig ab. Die Sieger Karen Katschanow (gegen Alexander Blockx) und Alexander Zverev (gegen Boric van de Zandschulp) hatten wenig Mühe. Katschanow profitierte im 3. Durchgang gar von der Aufgabe seines belgischen Kontrahenten, der nach seinen Kraftakten in den Runden zuvor schlicht nicht mehr konnte und aufgeben musste. Zverev wiederum war für Überraschungsmann van de Zandschulp eine Nummer zu groß, und er ist auch im Halbfinale gegen den Russen klarer Favorit.

 

Top-Frauen unter sich

 

Das hat es seit 2009 (Wimbledon) nicht mehr in einem Grand-Slam-Turnier gegeben. Die besten Vier der Setzliste stehen auch im Halbfinale. In denen treffen nun Aryna Sabalenka und Jessica Pegula sowie Lena Rybakina und Coco Gauff aufeinander. Wer den Titel letztlich gewinnt, vermag ich nicht zu prognostizieren, aber eines steht jetzt schon fest: Rybakina wird unabhängig von Turnierausgang die neue Nummer 1 der Welt, sie wird ab Montag als dann 51. Spielerin die Rangliste anführen.

 

Frauen, Halbfinale

 

Fr., 01:00:       Sabalenka (Weißrussland) – Pegula (USA)
anschließend: Rybakina (Kasachstan) – Gauff (USA)

Zweimal also USA gegen Osteuropa, zweimal dürften also die Sympathien im Stadion klar verteilt sein. Mich würde allerdings wenig wundern, wenn sich dennoch die (noch) Weltranglistenerste Sabalenka und ihre Nachfolgerin Rybakina durchsetzen würden. Wenn die Weißrussin und die Kasachin jeweils ihre Nerven trotz der feindlichen Atmosphäre im Griff behalten.

 

Männer, Halbfinale (Freitag, Nacht auf Samstag, die Partien sind noch nicht angesetzt)

 

Shelton (USA) – Tiafoe (USA)
Zverev (Deutchland) – Katschanow (Russland)

 

Im US-Duell sehe ich keinen klaren Favoriten. Shelton ist der etwas begabtere Spieler, hat mit Sicherheit den besseren Aufschlag. Aber den Kämpfer Tiafoe darf niemand zu keinem Zeitpunkt abschreiben, das hat er gerade bei diesem Turnier scho des öfteren bewiesen.

Zverev ist auch gegen Katschanow der klare Favorit. Er würde mit einem Sieg zum dritten Mal in Folge in ein Grand-Slam-Finale einziehen (Sieg gegen Cobolli in Paris, Niederlage gegen Sinner in Wimbledon).