Ich kann es natürlich nicht wissen, was bei mir tatsächlich für Jahre hängen bleibt, aber ein paar Höhepunkte (welche Wettkampf hat mich geflasht) und Momente (für Jahre, wenn nicht die Ewigkeit) werden sich bestimmt über den Tag hinaus in mein Gedächtnis eingegraben haben.

 

Absolute Höhepunkte (ohne Abstufung)

 

Abfahrt der Männer

 

Die erste Entscheidung überhaupt. Auf der monumentalen Stelvio (eh mein Liebling –  noch vor der Streif), die sich bei Kaiserwetter zwar als schwierig, aber doch fahrbar und fair präsentierte (das haben wir im Weltcup jeweils Ende Dezember schon anders gesehen). Mit dem grandiosen Sieger Franjo van Allmen und den zwei Italienern Giovanni Franzoni und Dominik Paris auf dem Podium. Besser konnte es nicht (los)gehen, zumal auch keiner der Starter zu Sturz kam. Die beste Olympia-Abfahrt aller Zeiten, hatte ich geschrieben, dieser Eindruck hat sich komplett verfestigt.

Franjo van Allmen gewann dann noch zwei Gold-Medaillen, ist vielleicht der größte Olympia-Held, den die Schweiz je hervorgebracht hat.

 

Big Air – tollkühne Männer auch ohne verrückte Kiste

 

Schon die Frauen lieferten ein grandioses Sprung-Spektakel ab, doch was die Männer zeigten, sprengte zumindest mein Vorstellungsvermögen. Passend das Winter-Ambiente, die verschneite Schanze in Livigno und die tanzenden Schneeflocken im Flutlicht. Und dann die 12 tollkühnen Männer auf ihren Skiern, die sich von der Riesenschanze in die Luft schleudern ließen und nach unzähligen Schrauben und Saltis (bis zu sechsfach, wie die Super-Slomo ergab) wieder zu landen, nicht immer sicher, aber fast immer gut drauf.
Was mir aber am besten gefiel: Wie locker die Aktiven miteinander umgingen, wie grandiose Leistungen des Anderen mit echter Freude quittiert wurden. Vielleicht manches auch aufgesetzt und geschauspielert, aber gerade hier, im eher abgelegenen Livigno, da tauchte er auf, der Olympische Geist. Jeder tat sein Bestes, freute sich, wenn ein zusätzliches Schräubchen hier und ein Saltolein mehr dort gelang, und die anderen freuten sich mit und klatschten ab (im Zweifel wird der Viertplatzierte trotzdem vor Ärger in ein Kantholz gebissen haben).
Wer am Ende gewann? Ich müsste nachschauen, ist auch egal. Bleiben wird der Eindruck einer der tollsten Olympia-Stunden (die tollste?), die ich in den vergangenen 2 Wochen erleben durfte.

 

(Eis)Kunst, zum Weinen schön

 

Mit Eiskunstlauf habe ich es nun wirklich nicht, aber bei Olympia gucke ich doch gerne den Besten zu. Beinahe hätte ich die Japaner Riku Miura und Ryuichi Kihara verpasst, weil sie schon als Fünftletzte zu ihrer Kür starteten. Es folgten 4 Minuten des Glücks, der technischen Perfektion und der großen Kunst, die die beiden aufs Eis zauberten. Kein Wackler, kein Auspendeln, dafür perfekte Harmonie und ganz leises Gleiten, Ausdruck höchster Klasse. Gott sei Dank auch wenig Dazwischengequatsche des Kommentators. Als es vorbei war, war Ryuichi Kihara völlig aufgelöst. Den Kampf gegen seine Tränen verlor er haushoch, aber er wusste halt, dass er und seine Partnerin einen der ganz großen Momente der olympischen Geschichte geschaffen hatten. Wie die Eistänzer Jane Torvill und Christopher Deans mit ihrem Bolero 1984 (!).
Gut eine halbe Stunde später stand dann auch fest, dass Riku Miura und Ryuichi Kihara Gold gewonnen hatten (auch weil die Deutschen Minerva Hase und Nikita Volodin gepatzt hatten). Doch das war an diesem magischen Abend fast schon egal. Domo Arigato.

3 Tage später die Frauen-Kür. Und hier Alysa Liu aus den USA. Die sehr viel durchgemacht und zeitweise sogar mit Leistungssport aufgehört hatte. Jetzt war sie wieder zurück, freiwillig, wie sie bekannte – und wie. Ein nahezu perfektes Programm gelang ihr, voller Esprit und sportlicher Höchstschwierigkeiten. Noch viel beeindruckender allerdings die Minuten danach. Normalerweise ist die Kiss-and-Cry-Szenerie so gar nicht mein Ding. Jetzt strahlte da eine junge Frau, vollkommen mit sich im Reinen. Sie hatte ihren Knoten aufgelöst und lange Haare mit abwechselnd braunen und platingoldenen Streifen fielen hinab („wie Jahresstreifen“, erklärte sie). „Ich liebe das Leben“, betonte Alysa Liu dann noch. Wenn ich irgendjemanden irgendetwas glaube, dann dieser wunderbaren 22-Jährigen – und zu diesem Glück, da wette ich, bedurfte es nicht der olympischen Goldmedaille.

 

Torwart Hellebuyck – Kanadas Nemesis (und damit meine …)

 

Die letzte Entscheidung am Sonntag: Eishockey der Männer, das Traumfinale USA gegen Kanada – die ohnehin heikle Partie zusäthlich aufgeputscht durch die Übernahmefantasien von Donald Trump. Für Kanada ist Eishockey-Gold das mit Abstand wichtigste bei jeden Spielen, manche sagen sogar: das einzige Gold, was zählt. Vor allem, weil 2026 zum ersten Mal seit 2014 wieder alle NHL-Profis (außer die Russen, aus Gründen) dabei waren.
Erzrivalen für die Ewigkeit, eine enorm umkämpfte Partie, insgesamt 62 Minuten Rasanz. Und schnell kristalliserte sich heraus: Es sollte das Match des Connor Hellebuyck werden, dem Giganten im US-Tor. Mit stoischer Ruhe, dafür unfassbaren Reflexen wehrte er auch die gefährlichsten Schüsse ab, ließ sich nur einmal bezwingen; chancenlos war er beim 1:1, das die Kanadier im 2. Drittel erzielten.
Gerade im 3. Drittel wuchs er über sich hinaus, als die Kanadier sich im Minutentakt die besten Chancen erarbeiteten und jedes Mal doch scheiterten. An Hellebuycks Schonern, an den Handschuhen, einmal sogar am Schläger (noch immer weiß niemand, wie Hellebuyck das geschafft hat). Sogar eine 3:5-Unterzahl überstanden die US Boys mehr als eine Minute, allein wegen Hellebuyck (und Nathan McKinnon, der das leere Tor nicht traf – ein nie mehrwegzulöschender kanadischer Albraumschuss).

So retteten sich die USA in die Overtime, wo sie dann nicht mehr 5 gegen 5 spielen, sondern 3 gegen 3. Eine komplett andere Sportart ist das, zwar äußerst  unterhaltsam, aber mit dem beinharten Hockey hat das absolut nichts mehr zu tun. Völlig andere Raumaufteilung. „Die USA werden gewinnen“, sagte ZDF-Expertin Kathrin Lehmann, und sie sollte recht behalten. Jack Hughes traf schon nach 1:41 Minuten – trotz zwei verlorener Zähne, wie sein Siegeslächeln verdeutlichte. Doch als strahlenden Helden und Matchwinner feierten die US Boy – Connor Hellebuyck.

Die Kanadier? Versteinert. Äußerst schweigsam. Leere Gesichter, als sie erst die Silbermedaille, dann noch das Plüsch-Hermelin überreicht bekamen. Conor McDavid, der Superstar der vielen Topstars: Wieder ohne Titel nach 2 verlorenen Finals im Stanley Cup mit den Edmonton Oilers. Wieder mal eine persönliche Auszeichnung als bester Spieler, aber die sind ihm völlig egal. In Erklärungsnot sind nicht nur die Spieler, sondern auch alle Trainer. Das ganze  eishockey-verrückte Land verlangt Aufklärung, warum dieses Spiel verloren ging. Die naheliegende Antwort  „Hellebuyck“ wird trotz aller Richtigkeit nicht genügen.

Hellebuyck verdient sein Geld übrigens in Kanada – beim NHL-Team Winnipeg Jets. Mal sehen, ob sie ihn mit seinem Gold und der Auszeichnung „bester Torwart des Turniers“ überhaupt zurück ins Land lassen.

Leider hat es ein übles Nachspieltreten gegeben. Der Typ im Weißen Haus ließ es sich nicht nehmen, die Kanadier aufs Übelste zu verhöhnen. Fast noch schlimmer: Kein einziger US-Spieler erhob Einspruch, im Gegenteil: Sie können es gar nicht erwarten, der Einladung ins White House zu folgen. Widerliche Opportunisten. Die Frauen haben dagegen die Einladung abgesagt. Toughe Girls, muss ich sagen.

 

Die Unbesiegbare

 

Außerhalb der Eisrinne lief es für die deutschen SportlerInnen nicht so gut, um es noch nett zu formulieren. Daniela Maier allerdings legte im Ski-Cross eine Leistung hin, die mir allerhöchsten Respekt abnötigte. Wenn es nicht den ubezwingbaren Johannes Klaebo (damit ist der sechsfache Triumphator auch genannt) gegeben hätte, würde ich sogar sagen: Ihr Sieg war das überlegenste Gold der Spiele.

Ski-Cross, das ist eine extrem enge Angelegenheit. Ein sehr knapper Vierkampf um beste Positiionen, bei denen auch gedrängelt und gerempelt und geschoben werden kann. Nicht so bei den Läufen von Daniela Maier: Sie startete immer perfekt, raste als Erste in die erste Kurve und ward nicht mehr gesehen. Vier K.o.Runden gab es, viermal landete Daniela Maier einen Start-Ziel-Sieg, ohne dass ihr eine Konkurrentin auch nur nahe gekommen wäre. Keine hatte nicht mal den Hauch einer Chance, auch nur in ihren Windschatten zu kommen, um daraus zu profitieren.

Dass Daniela Maier auch noch eine besondere olympische Vergangenheit hatte, machte die Sache erst recht rund. Vor vier Jahren in Peking kam sie im Endlauf mit der Schweizerin Fanny Smith ins Gehege und wurde nur Vierte. Ein deutscher Protest hatte Efolg – doch noch Bronze, ein Gegenprotest ebenfalls – doch wieder Rang 4. Am Ende gab es das salomonische Urteil und zweimal Bronze. „Ich wollte schon aufhören“, bekannte Maier vor den Spielen. Sie ist das Paradebeispiel für alle, dass es die Möglichkeit zum Wiedergutmachen gibt, wenn man es nur erneut probiert. Das sollte allen Pechmaries und Pechvögeln dieser Spiele (siehe unten) ein Trost sein.

 

Momente, die bleiben

 

Fede, die Große

 

Das unglaubliche Comeback, das gelang. Im April zertrümmerte sich Federica Brignone bei den nationalen Meisterschaften das gesamte linke Bein: Schien- und Wadenbeinbruch, dazu ein Kreuzbandriss. Cortina nur 10 Monate danach? Das klang völlig utopisch. Doch der Gedanke ans Heim-Olympia mobilisierte alle Kräfte, ließ die schlimmsten Schmerzen ertragen. Im Januar die ersten zaghaften Schwünge im Weltcup, in denen Federica Brignone andeutete, dass sie nix verlernt hat. Nur gehen, oder gar hpüpfen, das konnte sie nicht.
Das Olympische Märchen. Sieg im Super-G, Sieg im Riesenslalom. Unten im Ziel warteten die beiden zeitgleichen Zweiten Thea Louise Stjernesund und Sara Hector. Als Fede mit klarer Bestzeit abschwang, gingen sie in die Knie vor Ehrfurcht, mehr Wertschätzung geht nicht. Wertschätzung, die sich die Italienerin in ihrer unfassbar erfolgreichen Karriere mit dem krönenden Abschluss (ist es wirklich der Abschluss?) mehr als verdient hat.

Wer immer Lindsey Vonn für ihren Comeback-Irrsinn kritisiert, muss auch das erfolgreiche Comeback der Federica Brignone im Hinterkopf behalten.

Apropos Lindsey Vonn. Alles gesagt und wie mir scheint auch von allen einschließlich mir. Die Bilder und Schreie des Schmerzes und der Enttäuschung (sehr leider) werden uns verfolgen.

 

Der Bronze-Endspurt

 

Viel war ja von den dauernden vierten Plätzen der Deutschen die Rede (siehe auch Teil III, wenn ich jemals dazu komme …). Reden wir lieber vom schönsten und ergreifensten Bronze, das Deutschland errungen hat.

Teamsprint der Frauen, letzter Wechsel. Coletta Rydzek übernimmt, die Schwedinnen und (sehr erstaunlich) Schweizerinnen sind uneinholbar, nicht aber die Norwegerin Julie Drivenes. Rydzek kämpft sich heran, gleichauf biegen die beiden in die Zielgerade, und es beginnt der wettbewerbs-übergreifend großartigste Schlussspurt dieser Spiele. Rydzek schiebt und skatet wie verrückt, Drivenes hält dagegen, doch die Deutschin hat die Nase vorn. 2 Zehntel entscheiden, mit dem bloßen Auge nicht erkennbar.
Viele deutsche Fans haben sich am Rand die Kehlen heiser geschrien, am lautesten wohl Bruder Johannes (mein Leser Alcides, der auch vor Ort war, wirds bestreiten …). Johannes Rydzek, der Kombinierer, vor vier Jahren selbst Gold-Triumphator. Jetzt hat auch die kleine Schwester ihre Medaille.

 

Und nun – das Wetter

 

(Zu) warm wars, kalt wars, sonnig wars, regnerisch wars, und geschneit hats auch. Der normale Februar-Winter in den italienischen Bergen. Meist alles im grünen (sic!) Bereich, außer …

… Skispringen, die Entscheidung im Super-Team-Wettbewerb der Männer. Zweier-Mannschaften. Alles scheint einen normalen Verlauf zu nehmen. Nach zwei Durchgängen führt Favorit Österreich vor den sensationellen Polen und Norwegen, Deutschland ist Vierter, in Schlagdistanz wenigstens zum Silber-Rang. Die Chancen verschlechtern sich, als Andi Wellinger bei seinem 3. Sprung an Boden verliert. Jetzt beginnt das Drama. Dem zweite Deutschen, Einzel-Olympiasieger Philipp Raimund, gelingt bei sich schon verschlechternden Verhältnissen ein grandioser Satz. Eine echte Kampfansage an die oben verbliebenen Springer, zumal sich das sekündlich Wetter verschlechtert. Die Jury wartet ab, und das ist der Riesenfehler. Denn aus dem „sich verschlechterndem Wetter“ wird ein veritabler Schneesturm. Irgendein irrer Mensch lässt den Polen Kacper Tomasiak vom Bakken, der bleibt chancenlos wegen der wegen des Schnees viel zu langsamen Anlaufspur. Weiteres Zuwarten, das Schneetreiben wird noch dichter. Jeder weiß, bei diesen Verhältnissen wird den Deutschen die Medaille nicht mehr zu nehmen sein, wenn denn gesprungen wird …
Plötzlich jubeln die Österreicher. Das kann nur bedeuten, dass der Wettbewerb abgebrochen wurde, das kommt im Skispringen ziemlich häufig vor. Es zählt also die Wertung nach Durchgang 2: Hinter Gold-Austria und Silber-Polen jubelt Norge über Bronze, um ganze 0,3 Punkte (das ist weniger als eine einzige minimal bessere Haltungsnote) haben die Deutschen die ersehnte Medaille verpasst. Sicher der unglücklichste der 14 vierten Plätze des Olympia-Teams.
Groß ist die Wut bei den Deutschen. Sportdirektor Horst Hüttel prangert an, sehr unsportlich, wie mir scheint. Er hat wohl gehofft, dass die Jury trotz der irregulären Verhätnisse die restlichen  Springer aus Norwegen, Slowenien und Österreich ins Elend hüpfen lässt, auch das hat es schon oft gegeben.
10 Minuten nach dem Abbruch haben sich die Verhältnisse wieder beruhigt, wie es im übrigen die Wetterkarten vorhergesagt. Warum die Jury nicht zugewartet hat, eines der größten Rätsel dieser Spiele.

 

Man will sie nur umarmen und trösten …

 

Wo Sieger sind, da sind auch Besiegte – das sind die brutalen Regeln des Sports. Manche sind leider schon wieder vergessen, manche werden immer in unserem Gedächtnis bleiben oder zumindest sehr lange

 

Der Einsame im Wald

 

Atle Lee McGrath wollte nur noch allein sein. Als klar Führender des ersten Durchgangs hatte er im zweiten Lauf eingefädelt, die ewige Drohung jedes Slalom-Artisten. Sieg weg, alle Gold-Träume weg.
Atle McGrath warf die Stöckle weg, dann begab er sich in Richtung des nahegelegenen Waldstückes und legte sich dort in den Schnee. Der Inbegriff des traurigen Verlierers, es wird bleiben. Hinterher erzählte er, dass sein geliebter Großvater kurz vor den Spielen gestorben sei. Eigens, damit er starten konnte, wurde die Beisetzung verschoben. Schicksal ist eine Bitch.

Ein ähnlich ikonisches Foto gibt es über Lena Dürr. Gerade war sie Zweite des 1. Durchgangs im zweiten Lauf am ersten Tor gescheitert, da stand sie fassungslos noch im Slalomhang. Hinter ihr der strahlend blaue Himmel und die fantastische Bergkulisse um Cortina. Selten habe ich so viel Schönheit und so viel Traurigkeit in einem Foto vereint gesehen.

 

Auch der Superstar ist nur ein Mensch

 

Wie gesagt, im Eiskunstlauf kenne ich mich nicht aus. aber natürlich war mirt Ilia Malinin und seine Quad-Kür ein Begriff. Jene vier Minuten, die er mit sieben Vierfachsprüngen samt Rückwärtssalto zum sportlichen Nonplusultra erhoben hatte. Laut ARD war seine (gelungene) Kür der meistgeklickte Sportclip 2025.

Er musste also das Gold „nur“ noch abholen, erst recht nach dem besten Kurzprogramm, also schon mit gewissem Vorsprung. Es wurden die wohl verheerendsten Minuten, die je ein Top-Favorit überstehen musste (ein sehr großes Wort, ich weiß). Nachdem der vierfache Flip missglückte, ging gar nichts mehr. Plötzlich war da nicht mehr ein absolute Superstar des Sports auf dem Eis, sondern ein verzweifelter Mensch, der plötzlich bei einfachsten Schrittpassagen ins Stolpern geriet. Irgendwie brachte er die Kür zu Ende (was für ein Wille, nicht einfach aufzugeben, sogar den Rückwärtssalto wagte und schaffte er) und wie ein Gespenst saß er mit den fassungslosen Trainern in der Kiss-and-Cry-Ecke und wartete stoisch auf die Noten, die nur verheerend werden konnten (und es auch wurden).
Wahrscheinlich zur Überraschung aller stellte sich Ilia Malinin hinterher den Medien, eine Erklärung hatte er natürlich nicht, wie niemand eine Erklärung für dieses Desaster hatte. Aber jener aufrechte, tapfere Malinin gibt Hoffnung, dass er an diesen schlimmen vier Minuten zuvor nicht zerbrechen wird.

 

Und da waren noch …

 

Selbstverständlich gab es noch viel mehr strahlende Sieger, (googlelt Philipp (sic!) Raimund) und traurige Verliererinnen (Ebba Andersson/Staffel samt Auferstehung im 50er). Aber vor allem gab es wie bei jeden Spielen die skurillen, (aber)witzigen Momente, die niemand vorhersehen kann. An die wir uns alle lange erinnern und die uns alle erinnern, dass hier Menschen (und sogar Tiere) am Werk sind.

 

Endspurt um Platz 27

 

Massenstart der Männer im Biathlon: Die Sieger und fast alle Platzierte sind schon längst im Ziel, da tauchen auch die Letzten in der Schlusskurve auf. Es sind Fabien Claude, Nicola Romanin und Campbell Wright: Plötzlich bleiben sie stehen, anstatt gemächlich auszutrudeln. Auf ein Zeichen fangen die Drei plötzlich an wie wild zu sprinten und zu endspurten, als hinge ihr Leben (oder wenigstens eine Medaille) davon ab. Ein Zielfoto musste letztlich entscheiden, und da hatte der Franzose Claude (Biathlon: klar ein Franzose!) die Nase Skibindung (diese ist maßgeblich) knapp vor Romanin aus Italien und dem Ami Wright. Einen schöneren Sprint um Platz 27 hat es wahrscheinlich noch nie gegeben, die begeisterten Zuschauer dankten es mit frenetischem Applaus.

 

Er will doch nur spielen

 

Langlaufsprint, Qualifikation. Die Besten sind schon durch, aber trotzdem wird noch (verbissen wollte ich schreiben, aber …) um jede Zehntelsekunde gekämpft. Normalerweise nimmt niemand mehr groß Notiz davon, aber plötzlich tauchte ein ungebetener Gast auf. „Nazgul“, ein zweijähriger tschechischer Wolfshund war vom nahen Zuhause ausgebüxt, und seine fassungslose Besitzerin sah am Fernseher, wie er die Läuferinnen Konstantina Charalampidou und Tera Hadzic ins Ziel begleitete. Die fanden das weniger lustig  – Hadzic: Ich wusste nicht, ob es ein Wolf ist“ (die es in den nahen Bergen gibt), wohl aber das Publikum, das regelrecht verzückt dem äußerst verspielten Nazgul beim Laufen, Toben und Schnüffeln zusah, bevor ihn ein mutiger Funktionär einsammelte. Der Sportwelt bleibt das tierische Tun beim Gott sei Dank nicht verbissenen Endspurt erhalten, es gibt sogar ein offizielles Zielfoto. Zumindest die Griechin hat ihren Frieden geschlossen. „Ich bin jetzt berühmt wegen eines Hundes, der über die Ziellinie gelaufen ist, und jetzt wollen alle mich interviewen. Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt Interviews gebe“, sagte Charalampidou.

 

Der Curling-Brawl

 

Gemeinhin gelten Curling-SpielerInnen als extrem fair. Sogar WM-Partien bestreiten sie der Sage nach ohne Schiedsrichter, die Gentlemen und Ladies regeln das gerne selbst. So verwunderte es doch sehr, dass in einem Vorrundenspiel Schweden und Kanadier aneinandergerieten. Ein Schwede monierte einen Regelverstoß (eine zweite Berührung beim Anschieben), was der Kanadier mit einem herzhaften „Fuck off!“ antwortete (der überblendende Piep-ton bei derlei Beleidigungen war offenbar grade ausgefallen …). Ein heftiger Wortwechsel war die Folge, den das staunende Publikum wegen der verkabelten Spieler in den Wohnzimmern zuhause verfolgen durften.
Auch hinterher (die Kanadier hatten letztlich gewonnen) glätteten sich die Wogen nicht, die gegenseitigen Beschuldigungen hielten an. „Es ist Olympia“, hatte die ZDF-Expertin und aktive Curlerin Sara Messenzehl eine Erklärung. Immerhin fand der Kanadier Kennedy so etwas wie eine Entschuldigung. „Ich habe zwar Recht, aber die Wortwahl war nicht in Ordnung.“

 

Ich nehm mir die Ski, wie es mir gefällt

 

Am Schlusstag wurde die Welt noch Zeuge eines dreisten Diebstahls. Skilanglauf, 50 Kilometer, nicht nur olympische Premiere für die Frauen, sondern auch Stresstest für Mensch und Material. Weswegen die Regelhüter den Skiwechsel vorgesehen haben, in einer extra ausgewiesenen Wechselzone. Jeder Läuferin „gehört“ eine Wechselbox, in der frisch (und vielleicht besser) gewachste Skier bereitstehen. Die Startnummer entspricht der Boxennummer, so weit, so gut, so einfach.
Menschen irren, und die Russin Darja Neprajewa irrte. Nämlich zur Nummer 12 anstatt zur Nummer 14. Sie schnallte sich die Skier an und stob davon, nicht gerade unerkannt, doch uneinholbar. Blöd halt, dass die Skier weg waren für die tatsächliche Besitzerin Kathrin Hennig-Dotzler. Blöd vor allem für die deutschen Techniker, die sich nach vermeintlich getaner Arbeit (ein zweiter Skiwechsel ist nicht mehr vorgesehen) schon zurückgezogen hatten in ihren Truck und das Equipment schon abgebaut. Plötzlich also viel Hektik statt Ruhe nach dem äußerst anstrengenden Olympia. Irgendwie kriegten sie es hin und stellten Hennig-Dotzler noch ein paar Skier in die Box.
Und Neprajewa? Die wurde mit ihrer Beute auch nicht glücklich. „Ich merkte schnell, dass ich mit den Skiern nicht zurechtkam“, berichtete sie reichlich zerknirscht. Obwohl oder weil sie bestens präpariert waren. Den Regeln entsprechend wurde sie disqualifiziert (aber nicht aus dem Rennen genommen). Der deutsche Bundestrainer fand den treffendsten Vergleich. „Das war, als ob ein McLaren in die Ferrari-Box kommt, um sich dort frische Reifen abzuholen.“ Wers erratische Ferrari kennt: Sie hätten diese aufgezogen, wenngleich nur drei.

 

Das war dann der zweite Teil. Ob ich mich noch zu einer „deutschen“ Analyse aufraffe, ich bezweifle es und verweise auf die ausufernde Berichterstattung zu diesem Thema.

Apropos Ausruhen. Bis frühestens Sonntag ist dieser Laden nun geschlossen, deutscher Fußball-Clasico hin oder her.