Plötzlich steht die Tür zum ersten Grand-Slam-Titel weit offen. Plötzlich gilt Alexander Zverev als der große Favorit auf den Triumph bei den French Open, und damit würde der beste deutsche Tennisspieler seit Boris Becker und Michael Stich in dern 90er-Jahren seine überaus erfolgreiche Karriere krönen.
Denn der in diesem Jahr Unbesiegbare Jannik Sinner ist raus aus dem Turnier (und der andere vermeintlich unbezwingbare Top-Mann Carlos Alcáraz fehlt wegen einer Handverletzung). Besiegt von einem Kontrahenten, gegen den der Italiener kein Mittel hat. Das Wetter, besser: die ungewöhnliche Hitze, die Paris in der ersten Turnierwoche heimgesucht hat. Dass der rothaarige und hellhäutige Sinner mit hohen Temperaturen seine Schwierigkeiten hat, ist schon länger bekannt; spätestens seit seinem Zweitrunden-Drama in Melbourne im Januar, als ihn nur glückliche Umstände, ein gnädiger Schiedsrichter und ein plötzlich zugezogenes Dach vor einem frühen Aus bewahrten.

Am Donnerstag half ihm niemand, auch nicht die zunehmend verzweifelte Entourage auf der Tribüne. Er musste seinen Kampf allein ausfechten und er vorlor ihn auf fast tragische Weise. Mit 2:0 Sätzen und 5:1 hatte Sinner gegen den zähen Argentinier Juan Manuel Cerundolo geführt, ein winziges Game fehlte also noch zu einem eher lockeren Dreisatzsieg trotz brütender Hitze in Roland Garros mit Temperaturen weit über 30 Grad. Und dann? Der Komplett-Zusammenbruch. Sinner hielt sich nur noch mühsam auf dem Beinen, und Cerundolo kannte kein Erbarmen, holte Spiel für Spiel auf, sicherte sich den 3. Satz noch mit 7:5 und die folgenden Durchgänge jeweils mit 6:1. „Ich habe mich schon am Morgen schlecht gefühlt. Die Hitze war nicht der Grund“, behauptete Sinner, der sich nicht auf die Umstände herausreden wollte. Aber jetzt weiß jeder: Der unangreifbare Italiener hat eine riesige Schwachstelle.

Mit der Nummer 1 ist also der Top-Favorit aus dem Turnier, und da gestern auch der Rekord-Champion Novak Djokovic in einem sagenhaften Fünfsatz-Thriller (allein darüber könnte ich seitenlang schreiben) gegen den aufstrebenden Brasilianer Joao Fonseca die Segel streichen musste, scheint der Weg frei für Zverev. Kein einziger Grand-Slam-Sieger ist mehr im Rennen, so früh im Turnier hat es das seit der Open Ära (1968) noch nie bei einem Grand Slam gegeben, wie die offizielle Website der French Open schreibt. Überhaupt ist in diesem durchs Extrem-Wetter beeinflussten Turnier neben Zverev ist nur noch ein weiterer Top-10-Spieler im Rennen: der Kanadier Felix Auger-Alliasime, für Heldentaten in Paris wahrlich nicht bekannt.

Zverev selbst kam bisher sehr gut durchs Turnier, musste nur einen Satz abgeben gestern Abend gegen den Lokalmatadoren Quentin Halys und hat enorm Kräfte sparen können, auch weil er zweimal in der nicht mehr so heißen Nacht-Session spielen durfte. Geht es nach Papierform und den Wettanbietern, ist er nun der klare Favorit; die Quote ist auf 2,35 gefallen. Aber der Kopf muss mitspielen, mehr denn je gilt: Runde für Runde angehen, und die werden kompliziert genug, denn jetzt wittert quasi jeder im Feld die einmalige Grand-Slam-Chance, die durch „Sincaraz“ auf Jahre verbaut schien. Und das Wetter hat die nächste Pointe bereit. Ab morgen sinken die Temperaturen dramatisch, es wird regnerisch und kühl, und damit wird der Sport ein ganz anderer, die Bälle schwerer, die Plätze langsamer. Was Zverev wiederum gar nicht entgegenkommt, denn der Hamburger liebt die Hitze (Hamburger liebt Hitze: ein Treppenwitz für sich), die jetzt aber verschwindet. Bevor „wir“ also schon den ersten Grand-Slam-Triumph eines deutschen Mannes im Einzel feiern seit Boris Beckers Triumph in Melbourne 1996, sind noch 4 sehr komplizierte Spiele zu bewältigen, das erste am Sonntag gegen den erstaunlichen holländischen Lucky Loser Jesper de Jong.