4:3-Erfolg, wechselnde Führung und das Siegestor in der letzten Minute. Das sind Ergebnis und Spielverläufe, die vielleicht in Fußball-Büchern vorkommen, so gleich zweimal bei Sammy Drechsels Jugend-Klassiker „Elf Freunde müsst ihr sein …“. In der Wirklichkeit kommt so etwas nie vor; zumindest in meinem Sechzig-Fan-Leben noch nicht (einmal ein 3:2 in letzter Minute gegen Lautern, einmal ein 4:3 nach 0:3 gegen Düsseldorf).
Bis Freitagabend, als die Münchner Löwen in der Regionalliga Buchbach eben mit 4:3 bzwangen. Durch Fielders Flachschuss in der fünften und letzten Minute der Nachspielzeit. Und damit ein unfassbares Spiel noch zu einem großartigen Ergebnis führte. Ein Spiel, das wahrlich die Nerven aller aufs Höchste und Schlimmste und Schönste strapazierte. „Das ist nur im Fußball möglich“, heißt es dann. Welcher der 15.000 Zuschauer im Grünwalder Stadion würde es ernsthaft bezweifeln?
Früh waren die Buchbacher durch Heiland (sic) mit 1:0 gegangen, die Löwen antworteten noch in der 1. Halbzeit, stellten durch Treffer von Niederlechner und Weber auf 2:1, hatten die Partie weitestgehend im Griff. Bis erneut Buchbachs Heiland aus der Ferne Maß nahm und den Ball aus etwa 20 Metern in den linken Winkel drosch, diesmal in der Tat unhaltbar für Schlussmann Eicher. Und weil es so schön war für Buchbach, zog kurze Zeit später Bahar nach einem fürchterlichen Löwen-Ballverlust aus ähnlicher Position ab, diesmal flach in die Ecke, aber wirklich auch unhaltbar? Ich melde Zweifel an. Drei Tore durch Fernschüsse von außerhalb des Strafraums, da darf man schon mal überlegen, zumal auch in den Partien zuvor ähnliche Gegentreffer gefallen waren. Wobei gerne auch mal ein Verteidiger-Bein abblockend dazwischenfahren darf.
Mit 3:2 für Buchbach gings in die Pause. Nach dem Wechsel taten sich die Löwen sehr schwer, die dichtgestaffelte Abwehr zu unter Druck zu setzen, echte Gefahr fürs Gäste-Tor entwickelte sich nicht. Was allerdings deutlich zu sehen war: das stete Bemühen. Umso mehr ärgerten mich die „Wir wolln euch kämpfen sehn“-Rufe, die ein paar grendebile Krakeeler Mitte der Hälfte anstimmten. Nicht nur einmal, sondern immer wieder. Hirnberbrannter geht es wirklich nicht: „Wir wollen euch kämpfen sehn“ ist meiner Erfahrung nach zu 95 Prozent ausgemachter Blödsinn – bei allen Teams. Hinterher plustern sich diese sogenannten Fans dann auf, dass es erst ihre Schreie gewesen seien, die die Mannschaft „aufgeweckt“ hätten. Alles schon gehört (allerdings nicht gestern).
Als zumindest ich schon nicht mehr mit Toren rechnete, drehten die Löwen noch mal auf. Der eingewechselte und sehr agile Calderon bugsierte den Ball über die Linie, angeblich abseits (in der Regionalliga gibts keinen VAR). Aber in der 82. Minute hatte auch das Schiri-Gespann nichts gegen Calderons Treffer einzuwenden – 3:3. Immerhin nicht verloren, so der Trost am recht kühlen Abend. Bevor sich Lance Fiedler ein Herz fasste und ebenfalls aus recht weiter Entfernung zum Siegestreffer einnetzte. Zum 4:3. In der letzten Minute. Sammy Drechsel hätte es nicht schöner erfinden können, vielleicht/wahrscheinlich aber besser beschrieben.
Die Löwen sind jetzt tatsächlich Zweiter und hat realistische Chancen auf den Aufstieg. Was nach dem chaotischen Sommer samt Zwangsabstieg und kündigungsbedingte Trennung vom vermeintlich lebenswichtigen Geldgeber Hasan Ismaik sehr viel mehr ist, als ich in den kühnsten Träumen erwartet hätte. Zu viel spekulieren möchte ich über die Chancen noch nicht, zumal in der Regionalliga Bayern gar nicht klar ist, welche Vereine einen Aufstieg in die 3. Liga überhaupt stemmen wollen (und können), weil dort sehr hohe Auflagen herrschen, die für einen Dorfclub wie Buchbach (größter Respekt vor deren Leistung) gar nicht zu erfüllen sind.
Sicher ist jedenfalls, dass Sechzig für die Spitze der Regionallliga ein mehr als konkurrenzfähiges Team beisammen hat. Trotz all der Fehler, die die meist noch jungen Akteure noch machen. Ich sehe viel Potenzial nach oben in fast allen Mannschaftsteilen, vielleicht kann das Team schon im Winter entscheidend verstärkt werden. Obs dann tatsächlich für den Meister reicht? Wir werden es sehen, zumal für den Bayern-Vertreter noch 2 Entscheidungsspiele gegen den Nordmeister (Flensburg? Lübeck? Drochersen-Assel?) anstehen; über diesen katastrophalen Modus rege ich mich dann auf, wenn es soweit ist
Sehr guter Bericht – wie immer, aber der Siegestorschütze heißt Lance Fiedler, nicht Aigner.
Natürlich. Denke ich etwa voller Grauen an Halloween an eine Buprä in spe?