Jetzt ist es also offiziell. Jürgen Klopp wird die Fußball-Nationalmannschaft betreuen. Ein äußerst zuversichtlicher Mann stellte sich am Freitag im Frankfurter DFB-Campus vor; voller Tatendrang und wie es scheint auch voller Kraft und Energie. Die vergangenen anderthalb Jahre als Head of global Soccer bei Red Bull und dazu als Magenta-WM-Experte scheinen nicht allzu zehrend gewesen sein. Apropos Rote Bullen, wo er noch unter Vertrag stand. Das Thema scheint elegant gelöst zu sein: 1 Million Euro überweist der DFB an die Stiftung Wings for Live, die sich für gelähmte Menschen einsetzt (bekannt durch einen jährlich stattfindenden Wettbewerb an mehreren Orten gleichzeitig), außerdem soll es bis 2030 drei Länderspiele in der Red-Bull-Stadt Leipzig geben.
Klopp verbreitete Aufbruchstimmung. Was er will? Das ganze Land wieder begeistern für Fußball, wenn möglich sogar ändern. In drei Städten, Mainz, Dortmund und Liverpool sei ihm das gelungen. An mangelnder Unterstützung soll es nicht fehlen. Kloppo durfte sein Wunschteam an Assistenz zusammenstellen. Nicht nur seine langjährigen Co-Trainer Peter Krawietz und Pepijn Lijnders verstärken das Team, sondern auch Sven Bender, einst beim BVB einer seiner Lieblingsspieler. Als großer Stratege dient zudem sein Intimus Marc Kosicke, dem er seit Jahrzehnten in allen relevanten Dingen auch jenseits des Fußballs vertraut. Der DFB nickte alle Personalien und Vorstellungen ab, Alternaltiven zu Klopp hat er er auch nicht zur Hand.
Eines darf man gewiss sein: Jürgen Klopp wird sich reinknien. Auch wenn sein Job offiziell erst am 15. August beginnt, er wird jetzt schonh mit der Sichtung von Profis beginnen. 55 Spieler habe er erst mal unter Beobachtung, berichtete er. Und im Gegensatz zum eher reisefaulen Vorgänger Julian Nagelsmann werde er sehr viel unterwegs sein: nicht nur in den Bundesligastadien, sondern überall auf der Welt, „wo unsere Jungs unterwegs sind“. Eines habe er sich auf jeden Fall vorgenommen. Die Leute sollen Spaß an den Spielen haben und zufrieden nach Hause gehen.
Klopps merkwürdige Wutrede
Alles paletti also? Jürgen Klopp wäre nicht Jürgen Klopp, würde er nicht anecken! Das Fett bekamen die anwesenden Medien ab (und zwar bevor die überhaupt tätig wurden). „Wenn ihr mich euch danebenbenehmt, bin ich weg!“ Nein, eine Stimme reiche nicht. „Aber auch wenn der DFB findet, dass es scheiße ist, bin ich weg.“ Ohne Abfindung, wie er betonte (erstaunlich genug).
Diese maßlose Kritik und vor allem dieser raue Ton, der ohne Not gesetzt wurde, erzürnen mich; vor allem, weil sie vermeintlich völlig ansatzlos und unbegründet quasi aus dem Nichts kam. Wohl kein Bundestrainer seit Franz Beckenbauer 1984 hat dermaßen fast unbegrenzten Vorschusslorbeer erfahren. Vor allem ist er der Held der Boulevard-Presse, die schon seit Dortmunder Zeiten von einem Bundestrainer Klopp träumen. Offenbar hat er aber mitbekommen, wie mit seinem Vorgänger Julian Nagelsmann umgesprungen wurde. Einer seiner schärfsten Kritiker war: Jürgen Klopp. der bei Magenta sehr schnell sehr große Lust verbreitete, wie sehr ihn (Kloppo) dieser Job reizen würde. Kurz gesagt: Klopp hat vor einem wie Jürgen Klopp Angst.
Die Philippika rührt auch von einem seltsamen Verständnis des Journalisten-Berufs. Auch wenn man es oft nicht glauben will, es gilt bei vielen immer noch der Leitsatz von Hanns-Joachim Friedrichs, der Journalisten und Reporter davor warnt, sich mit einer Sache gemein zu machen, auch mit einer guten.
Völlig in Ordnung finde ich es allerdings, dass sich Klopp Einmischungen oder besonders tiefes Graben in sein Privatleben, zumal er selbst dieses praktisch völlig unter Verschluss bleibt.
Trotzdem Aufbruchstimmung
Trotz dieses leichten Misstons (den ich jetzt auch nicht überbewerten will): die positive Grundstimmung überwiegt, zumal an der Kloppschen Fußball-Expertise kaum seriöse Zweifel bestehen. Vor allem die Hoffnung, dass Klopp und die Seinen auch den arg verbrämten DFB durchschütteln, was vielleicht sogar zu einer Demission des komplett überforderten Verbands-Chef Bernd Neuendorf führt. Ich darf ja wohl noch träumen!
Wie schnell dann der Erfolg eintritt (wie auch immer der zu definieren ist), muss man sehen. Wunderdinge kann Klopp nicht bewirken, zumal er sich die Spieler nicht backen (oder auch nur einkaufen kann). Schon gar nicht bei seiner Länderspiel-Premiere am 25. September in Amsterdam gegen Holland.
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