Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika

 

Es ist vollbracht. Heute Nacht endete die schier endlose Vorrunde mit insgesamt 72 (!) Partien. Diese waren in 12 Vierer-Gruppen nötig, um aus 48 Teilnehmern 32 zu machen. Kein optimaler Wirkungsgrad, würden Techniker sagen.

Entsprechend spannungslos ging es meistens zu, zumal bei den jeweils dritten Partien. Wenige Ausnahmen gab es. Zum einen das 2:1 der Ecuadorianer gegen Deutschland, das die Südamerikaner trotz frühen Rückstands (nach irregulärem Tor von Leroy Sané) noch drehten und sich damit das Zwischenrunden-Ticket sicherten. Nebenher führte der Auftritt der Nagelsmann-Truppe zu längst vergessen geglaubten Diskussionen ums deutsche Team. Insbesondere um ihren zurückgeholten Schlussmann Manuel Neuer, der bei beiden Gegentreffern nicht glücklich aussah, um es noch vorsichtig auszudrücken.

Österreich in der Nachspielzeit: erst Rückstand, dann Ausgleich

Die verrückteste Partie der Vorrunde kam aber ganz zum Schluss: Österreich gegen Algerien. Schon zu Beginn war klar, dass beide Teams mit einem Remis weiterkommen würden (Österreich als Zweiter, Algerien als einer der besten acht Dritten), aber jedes Team bei einer Niederlage ausscheiden würde (also kein Spekulatius mehr, dass  Österreich mit einer knappen Niederlage den vermeintlich schwächeren Zwischenrunden-Gegner Schweiz und nicht Spanien erwischen würde. Befürchtet wurde die Schande von Kansas: angelehnt an die Schande von Gijon, wo 1982 Deutschland und Österreich mit einem (angeblich unausgesprochenen) Nichtangriffspakt und einem beiden genehmen 1:0 Algerien aus dem Turnier kegelten. Doch daraus wurde nichts: Die Österreicher gingen zweimal in Führung, zweimal glich Algerien aus. 20 Minuten vor Schluss hatten sich die Mannschaften dann beruhigt, und nichts deutete auf eine verrückte Nachspielzeit hin.
Plötzlich aber ein tolles Zuspiel auf Algeriens Star Ryan Mahrez, der Alexander Schlager im Ösi-Tor bezwang. Plützlich unfelix Austria, weil ausgeschieden? Ein letztes hohes Zuspiel auf Michael Gregoritsch, Kopfballablage auf Sasa Kalajdzic, und der vollendet per Kopf ins Tor. Ausgleich, der ORF-Reporter wird mal wieder naarrisch! (O-Ton: „bist du deppert!“), und jetzt ist Österreich wieder glücklich – trotz des jetzt feststehenden Gegners Spanien – High Noon in LA 12 Uhr mittags am Donnerstag (Ortszeit).

 

Resümee der Vorrunde

 

Wenn ich aufs vorläufige Ergebnis meines Tippspiels schaue (großer Seufzer), hat es einige überraschende Resultate gegeben. Die aber zu einem insgesamt erwarteten 32er-Ko-Runden-Feld führten. Eine echte Sensation ist eigentlich nur das Aus des zweifachen Weltmeisters Uruguay in der vermeintlich einfachen Gruppe mit Capo Verde und Saudi-Arabien (neben Spanien). Ansonsten haben sich die Favoriten mit mehr Bauchweh (Belgien) und weniger (Argentinien) durchgesetzt.

Auf den ersten Blick mögen die 9 afrikanischen Teams in der Zwischenrunde überraschen (nur Tunesien blieb auf der Strecke), doch den Gruppensieg errang keines der Mannschaften. Maßlos enttäuschend dagegen die Asiaten. Allein die Japaner kamen weiter (und die Australier, die dem Kontinentalverband angehören). 7 Teams schieden aus, fünf davon als sieglose Gruppenletzte.

 

Das Abschneiden der Kontinente im Überblick

 

Europa: 13 von 16 Teams in der Zwischenrunde. Ausgeschieden Tswchechien, die Türke und Schottland. Die Tartan Army wieder tragisch. Ihre Fans gewinnen regelmäßig das Herz der Turnier-Gastgeber, aber sie schaffen es einfach nicht, wenigstens einmal die Gruppenphase zu überstehen. Der Kalauer „die Mannschaft ist früher daheim als die Postkarten“ findet die traurige Fortsetzung.
Afrika: 9 von 10 Teams in der Gruppenphase. Ausgeschieden sind nur die Tunesier; mit der verheerenden Bilanz von 0 Punkten und 2:12 Toren. Auch ein Trainerwechsel während des Turniers brachte keine Besserung.
Nordamerika/Karibik: 3 von 6 Teams in der Gruppenphase. Der zweigeteilte Kontinentalverband. Während die Co-Gastgeber Mexiko, USA und Kanada souverän die Zwischenrunde erreichten, gewannen die Karibikstaaten Haiti, Curacao und Panama insgesamt nur einen Punkt (den Curacao gegen Ecuador ermauerte) bei einem Torverhältnis von insgesamt 3:21. Panama blieb als einzige Mannschaft ohne jedes eigene Tor.
Südamerika: 5 von 6 Teams in der Gruppenphase. Nur Uruguay scheiterte, auch wegen der kapitalen Fehler von Torwart-Legende Muslera, der gleich bei drei Gegentreffern mehr als unglücklich aussah. Brasilien, Argentinien und Kolumbien schafften den Gruppensieg, sind jetzt aber alle in einer Turnierhälfte, was ein südamerikanisches Finale ausschließt (und ein rein europäisches ziemlich sicher auch).
Asien: 2 von 9 Teams weiter (inklusive Australien). Gemessen an den Einwohnern mag Asien unterrepräsentiert sein, gemessen an der fußballerischen Klasse eher nicht. Sehr unglücklich das Aus für den Iran, der ungeschlagen blieb, aber eben auch kein Spiel gewann. Neuntbester Dritter und damit knapp raus. Hätten die Algerier ihre Führung gegen Österreich behalten, hätte sich das Team trotz widriger Begleitumstände (Einreise ins Feindesland USA jedes Mal ein kräftezehrendes Abenteuer) für die Zwischenrunde qualifiziert. Tragisch: Ein vermeintlicher Iraner Treffer vs Ägypten im letzten Spiel in der Nachspielzeit wurde wegen einer ganz knappen Abseitsstellung nachträglich vom VAR (zu Recht) zurückgenommen.
Ozeanien: Der einzige Vertreter Neuseeland scheiterte als Letzter in einer keineswegs überstarken Gruppe mit Belgien, Ägypten und Iran.

 

Jetzt gehts aber los, oder?

 

In der Tat. Ab heute die 16 Zwischenrundenpartien, in denen das Feld bis einschließlich Freitag (Ortszeit) auf 16 Mannschaften halbiert wird. Aber einige Partien habern doch einen arg klaren Favoriten: Argentinien vs Kap Verde oder England vs Kongo. Auch Deutschland sehe ich klar als Sieger gegen Paraguay (nona). Weniger wegen einer überzeugenden Nagelsmann-Truppe, schon eher, weil ich Paraguay nach den Vorrunden-Auftritten für das schwächste der verbliebenen Mannschaften halte: klare Niederlage gegen Gastgeber USA, ein absurdes 1:0 gegen die Türken, weil der Gegner. trotz einstündiger Überzahl nicht einen seiner 32 Schüsse im Tor unterbringen konnte und letztlich ein 0:0 gegen Australien – ein Ergebnis, das beiden Teams weiterhalf.

 

Die Ansetzungen (Turnierbaum)

 

Mo., 22:30: Deutschland – Paraguay
Di., 23:00: Frankreich – Schweden

So., 21:00: Südafrika – Kanada
Di., 03:00: Holland – Marokko

Fr., 01:00: Portugal – Kroatien
Do., 21:00: Spanien – Österreich

Do., 02:00: USA – Bosnien
Mi., 22:00: Belgien – Senegal

Mo., 19:00: Brasilien – Japan
Di., 19:00: Cote d’Ivoire – Norwegen

Mi., 03:00: Mexiko – Ecuador
Mi., 18:00: England – DR Kongo

Sa., 00:00: Argentinien – Capo Verde
Fr., 20:00: Australien – Ägypten

Fr., 05:00: Schweiz – Algerien
Sa., 03:30: Kolumbien – Ghana

In jedem Quartett spielen die jeweiligen Sieger im Achtelfinale gegeneinander. Die willkürlich-unterschiedlichen Anfangszeiten resultieren aus den verschiedenen Zeitzonen und den klimatischen Begebenheiten der Gastgeberstädte. Trotzdem der helle Wahnsinn, wobei positiv anzumerken, dass die Ortszeit diesmal eher eine Rolle spielt und eher nicht die Wünsche der Europäer. Das war 1994 noch ganz anders