Geht es nach den produzierten Schlagzeilen und dem unfassbaren Bohei bereits vor der Wahl, dann ist die Auszeichnung des Ballon d’Or des besten Fußballers der Welt mindestens mit den Oscars und dem Friedens-Nobelpreis gleichzusetzen. Mindestens einen Monat wurde der Fußball-Interessierte nolens volens mit Selbstbeweihräucherung der vermeintlich aussichtsreichsten Aspiranten bombardiert. Die egozentrischsten Werber in eigener Sache waren Kylian Mbappè und Lamine Yamal der beiden spanischen Erzrivalen Real Madrid und FC Barcelona, die den Mannschaftssport Fußball mit ihrem Ich-ich-ich-Gockel-Verhalten ad absurdum führten (absurderrweise auch dann nicht mit ihrem Egotrip aufhörten, als die Stimmen längst abgeben waren). Schlimmer als bei jedem Zickenkrieg fielen sie übereinander her oder über jeden anderen. Wie sagte zum Beispiel Yamal so nett, jeder Zoll ein fairer Sportsmann? „Der beste Fußballer (also ich) muss die Wahl gewinnen und nicht der, der 80 Tore im Jahr geschossen hat

Da war es sehr tröstlich, das letztlich doch Harry Kane (der mit den 80 Toren, die in Wirklichkeit „nur“ 73 waren für Bayern und England) die Wahl gewann. Kane, der sich im Vorfeld extrem wohltuend vollständig aus jeglicher Gockelei heraushielt. Und dennoch so gerührt war, wie ich ihn noch selten gesehen habe, als er am Ende einer schier endlosen Show (die ich nicht gesehen habe) der brasilianischen Legende Ronaldo (genannt „Fenomeno“ oder „echter Ronaldo“) als Preisträger auf die Bühne gerufen wurde; um dann in seiner Dankesrede (in de Tat!) allen und jedem dankte, der nur irgendwie mit ihm zu tun hat (so viel echter als jeder Oscar-Preisträger). Er dankte natürlich seinem Club FC Bayern, aber auch dem Ex-Verein Tottenham, allen Trainern, Mitspielern, Verantwortlichen, dem englischen Nationalcoach Thomas Tuchel und natürlich der Familie. Und mag ein Jammerlappen wie Yamal noch so zetern: Kane hat die Wahl absolut verdient, nicht nur wegen seiner zahllosen Treffer für Bayern und England, sondern vor allem wegen seiner unaufgeregten, immer mannschaftsdienlichen, effektiven und effizienten Spielweise. Er hat sich ja auf seine alten Tage noch mal neu erfunden. Nach der Idee von Trainer Vincent Kompany spielt er bei den Bayern auf jeder Position (außer Torwart) und das gefühlt gleichzeitig. Wenn es denn jemanden gibt, so mein flüchtiger Gedanke, der seine eigene Flanke selbst einköpfen kann, dann bestimmt Harry Kane. Dabei nie prätentiös oder gar selbstdarstellerisch oder zaubernd allein des zauberns Willen.

Harry Kane ist der erste auserwählte Bayern-Spieler seit Karl-Heinz Rummenigge 1981 und der erste Engländer seit Michael Owen 2001. Eine Wahl, an der genau 100 handverlesene Journalisten aus 100 Ländern sich beteiligen (nur mal so: Die FIFA hat 205 Verbände). Für Deutschland ist das der ehemalige (!) Kicker-Chefredakteur Karlheinz „Carlo“ Wild, der seit 15 (!) Jahren für Deutschland das Zettelchen ausfüllen darf. Warum er und kein anderer (im Fußball muss ich zu dieser Frage wirklich nicht gendern, weil eine Frau in dieser Position schlicht unvorstellbar wäre), niemand weiß es.

Wie gesagt, die Show im festlich geschmückten Palladium Theatre zu London und sehr, sehr vielen Fußballern in Smoking und Fußballerinnen im Abendkleid dauerte schier endlos, offenbar mehr als 4 Stunden. Es gab ja viel zu ehren, und die meisten Preise räumte Spanien ab, kein Wunder, das Land ist derzeit im Fußbvall das Um und auf, gerade gleichzeitig Weltmeister und Weltmeisterin. Vor Kane wurde die Spielerin des Jahres erkoren, die Wahl fiel auf Alexia Putellas, die Frauenfußball auf ein völlig neues Niveau gehoben hat und bereits zum dritten Mal ausgezeichnet wurde; für mich etwas überraschend, weil sie nach ihrer schweren Verletzung nicht mehr ganz so dominant wirkte). Außerdem triumphierten die Spanier Vicky Lopez und Lamine Yamal als beste Nachwuchsspieler, Cata Coll und Unai Simon als beste Torhüter, Pere Romeu und Luis de la Fuente als beste Trainer für Frauen und Männer, der FC Barcelona und Paris St. Germain (nanu) als bestes Frauen- und Männer-Team.

Jetzt kehrt wieder Ruhe ein. Aber spätestens im Septembe 2027 wird die Gockelei von Lamine Yamal und Kylian Mbappé wieder losgehen.