Mr. President hatte sich lange zurückgehalten bei der Heim-WM. Weder besuchte er die Spiele der USA, noch tönte er auf seinem Kanal Truth, wie supertoll doch alles sei.
Bis Sonntag. Jetzt ist die WM endlich „sein“ Turnier, dank eines Einsatzes darf die USA im Achtelfinale heute Nacht gegen Belgien höchstwahrscheinlich auch den besten Mann einsetzen.
Was war passiert. Imn Zwischenrundenspiel USA vs Bosnien-Herzegowina sah der Stürmer Folarin Balogun (ein Name wie Musik) die Rote Karte, weil er einem Bosnier böse auf den Knöchel gestiegen war. Eine harte Entscheidung (keine Absicht erkennbar), vielleicht sogar eine falsche (weil erst nach Konsultation des VAR getroffen). Aber auf keinen Fall eine skandalöse (der Fuß traf unstrittig den Knöchel).
Auch zu zehnt gewannen die Amis mit 2:0 und zogen ins Achtelfinale (in de Nacht zu Dienstag vs Belgien) ein; in dem würde Balogun fehlen wegen der obligatorischen Sperre, die nach Roten Karten fällig ist. So weit, so normal wäre es gewesen.
Am Sonntag dann die komplett überraschende Nachricht. Balogon dürfe spielen, teilte die FIFA in dürren Worten mit. Die Sperre werde auf Bewährung ausgesetzt, hieß es, Paragraph soundso ließe das zu. Diesen Passus gibt es tatsächlich, wurde aber seit 1962 (!) noch nie (!!) angewandt. Was steckte also dahinter?. Mr. President himself, wie sich schnell herausstellte. Der hatte sehr bald nach dem Spiel zum Telefon gegriffen und mit seinem guten Freund „Johnny“ geredet. Gianni Infantino, der FIFA-Boss. Ob man wegen der Sperre was machen könnte? Flankiert wurde das Ganze von einer beispiellosen Kampagne hölchstrangiger US-Lobbyisten und -Top-Anwälte, die eine – in diesem Fall unmögliche – Berufung vorbereiteten. Der FIFA-Boss, Best Buddy von Trump, konnte, natürlich! Per ordre de mufti befahl also Infantino seinen zuständigen FIFA-Gremien, die Sperre auszusetzen. Oder das Schiri-Team um den absurd verkommenen Boss Pierre-Luigi Collina handelte im vorauseilenden Gehorsam, das lässt sich nicht exakt feststellen.
Egal wie der unfassbare Freispruch zustandekam: Am Ende bleibt die Tatsache, dass ein Staatsoberhaupt sich aktiv in einen sportlichen Wettkampf eingemischt und der oberste Verbandsfunktionär geltende Regeln außer Kraft gesetzt hat. Das erinnert an finsterste Zeiten: Etwa an 1934, als Mussolini vorm Halbfinale mit dem Schiedsrichter tafelte (der dann skandalös Italien-hörig pfiff; an 1978, als Argentiniens Schlächter die Spiele beeinflussten. Trump selbst jubelte! „Danke an die Fifa, dass sie das Richtige getan und ein großes Unrecht wiedergutgemacht hat!“ Auch US-Trainer Pocchettino findts toll! Statt demütig auf seinen Stürmer zu verzichten, tönte der Argentinier: „Das ist eine fantastische Entscheidung. Wir müssen sie feiern.“
Wie „fantastisch“ die Entscheidung ankam, zeigten die Reaktionen: Allgemeines Entsetzen – nicht nur bei den betroffenen Belgiern, dessen Trainer Raul Garcia „an einen Aprilscherz“ glaubte. Sogar der Europäische Verband, der bisher alle FIFA-Sauereien in Sachen WM tatenlos abnickte, tritt auf den Plan. „Eine Rote Linien ist überschritten“, schrieb die UEFA. „Wir bringen unsere Fassungslosigkeit angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung zum Ausdruck.“ Belgiens Verband hat mittlerweile offiziell Protest eingelegt, über den ein neutrales Gremium (nicht aus nordamerikanischen oder europäischen Verband) entscheidet, aber offenbar nicht zwingen vor dem Spiel, häh?
Ich sags jetzt mal etwas pathetisch, wie viele andere auch: Die Integrität des Sports steht auf dem Spiel, zumindest der winzig kleine Rest, der bei all dem Geldverdienen und FIFA-Schweinigeleien noch übriggeblieben ist.
Nur Verlierer bleiben übrig
- das Spiel selbst: Das mit so großer Spannung erwartete Achtelfinale USA – Belgien in der US-Soccerstadt Seattle ist komplett überschattet. Es wäre die größte Partie des US-Verbandes gewesen (ja, ich weiß: 1:0 gegen England 1950). Jetzt ist es die Balogun-Skandal-Partie, egal ob er letztendlich mitmacht oder nicht.
- Sollte Balogun spielen und die USA gewinnen (möglichst noch mit Balogun-Toren), wird es heißen, nur wegen unzulässiger Hilfe. Das angeschlagene Turnier, das wider Erwarten durchaus Spaß macht, wäre komplett ruiniert
- Sollte Balogun nicht spielen und die USA ausscheiden, wird es heißen: nur weil die FIFA wieder eingeknickt ist.
- Das US-Team hat jede (in Europa ohnehin recht kleine) Sympathie verloren, die es mit durchaus ambitionierten Auftritten verdient hätte. Jetzt gilt es elendiger Trickser-Versammlung, die eine neue Kategorie geschaffen hat.
Bisher gab es schlechte Verlierer und auch schlechte Gewinner. Die USA sind das ersten schlechte „bevor-es-überhaupt-los-geht-Team“. - Balogun selbst: ein herausragender Stürmer, der bei der WM begeistert hat. Jetzt ist er nur noch ein erbärmlicher Wicht, der die Hilfe eines der anerkannt größten Schurken des Welt bedarf. Willst Du so jemanden in Deinem Verein (zurzeit AS Monaco) haben?
Funfact: Balogun gar kein Amerikaner (nach Trumpscher Lesart)
Kurz vor seiner Geburt von Balogun weilte die Mutter zum Urlaub in New York City. Die Nigerianerin wollte dann nach England zurückkehren, doch da spielte die Airline nicht mit. Der Airline war der Babybauch wohl schon zu groß, das Risiko einer Geburt während des Fluges sei zu groß gewesen. Deshalb wurde Balogun schließlich in New York geboren, hat automatisch die Staatsbürgerschaft des Landes. Später reiste seine Mutter mit ihm zurück nach England, wo er beim FC Arsenal die Jugendmannschaften durchlief.
Also genau die Art von Staatsbürgerschaft, die Trump mit aller Macht und bis zum Supreme Court anfechten wollte
In diesem Sinne: Alle guten Wünsche für BELGIEN
Sogar DFB-Chef Bernd neuendorf meldet „Besorgnis“ an. Der bisher jede FIFA-Sauerei abgenickt hat, sogar den Friedenspreis.
Da ist so unfassbar!
Auf diesen Beitrag von dir habe ich gewartet! Sehr gute Zusammenfassung!