Frankreich, Spanien, Argentinien und England: Wer auf diese 4 Mannschafften im WM-Halbfinale gesetzt hat, ging auf Numer sicher und behielt recht. Es waren die Top-4 der Weltrangliste. Erstmals wurden sie so in die Gruppen gesetzt, dass sie erst im Halbfinale aufeinandertreffen würden, wenn alles nach Plan geht.
Hätte man sich also den ganzen Spaß sparen können und gleich mit dem Halbfinale beginnen? Das hätte uns doch einiges sehr unterhaltsame Fußballspiele gekostet, seltsame Irrungen und Wirrungen.

Ich will jetzt gar nicht großartig auf die 4 Viertelfinals eingehen, in denen sich die jeweiligen Favoriten durchgesetzt haben. Außer vielleicht Frankreich gegen Marokko brauchten die Teams auch Glück, den besonderen Moment, den fatalen Fehler des Gegners

 

Frankreich – Marokko 2:0

 

Marokko erwies sich als der erwartet harte Kontrahent, zumindest in der Defensive. Offensiv hatte das letzte verliebene Team aus Afrika leider überhaupt nichts zu bieten. Kylian Mbappé erlaubte sich gar den Luxus und scheiterte mit einem Elfmeter an Schlussmann Bono (nach zuvor endloser Diskussion und VAR-Besichtigung, ob es wirklich eine elfmeterreifes Foul gewesen war). Groß beeindrucken ließ sich der Real-Star nicht: Mit feinem Schlenzer erzielte er das 1:0, und als Stürmerkollege Dembélé auf 2:0 erhöhte, waren alle Unklarheiten beseitigt.

 

Spanien – Belgien 2:1

 

Knackpunkt: Die Verletzung von Thibault Courtois (68). Der 1,98-Meter-Riese gilt als einer der besten Torhüter der Welt. Er schien zwar nicht in absoluter Topform, aber nach und nach schien er sich einzugrooven, und in den Köpfen der Spanier hat sich der Real-Madrid-Keeper eh eingenistet (Julian Nagelsmann würde es „Aura“ nennen). Als er nach 68 Minuten beim Stand von 1:1 das Spielfeld verlassen musste, war das mehr als ein Verlust eines sicheren Rückhalts. Die Belgier, ohnehin extrem verletzungsgeplagt, sackten regelrecht zusammen, während Spenien neues Selbstvertrauen gewann. Es gehört dann zu den Grausamkeiten des Fußballs, dass ausgerechnet Courtois-Ersatz Senne Lammens den entscheidenden Fehler vorm 1:2 machte, als er einen harmlos wirkenden Ball nach vorn abprallen ließ, und Superjoker Mikel Merino ohne Mühe vollendete.

 

England – Norwegen 2:1

 

Knackpunkt: Der Ausgleich für England noch vor der Pause. Norwegen war durch ein Traumtor von Schjeiderup in Führung gegangen und bastelte gar am 2:0. Dann ein Energie-Anfall von Englands Jude Bellingham, der im gegnerischen Strafraum sich gekonnt durchsetzte und unhaltbar einschoss.
So weit, so ärgerlich. Doch Norwegens Torwart Nyland protestierte lautstark und wies immer wieder nach oben. Was er monierte? Unmittelbar vor dem Tor soll der Ball nach einem Befreiungsschlag ein Kabel der Spider Cam berührt haben; jedenfalls fiel er nach erstaunlicher Flugkurve zu Boden, wo ihn die Engländer aufsammelten und das Tor vorbereiteten. Ob das tatsächlich der Fall war, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ein paar Kamera-Einstellungen legen den Eindruck nahe. Wenn ja, dann hätte die Partie unter allen Umständen unterbrochen werden müssen. Die FIFA behauptet jetzt, am eingebauten Ball-Sensor habe es keinerlei Ausschläge gegeben. Aber wer der FIFA und insbesondere ihren Schiris nach all den Skandalen und Trump-Einmischungen noch ein Wort glaubt, ist selbst schuld.
Schiedsrichter Taupin hörte vielleicht aufmerksam zu, er dachte allerdings nicht mal daran, das Ganze überprüfen zu lassen.
In der 2. Halbzeit wurde dann ein Treffer de Norweger zu recht aberkannt, weil zuvor Haaland einen Verteidiger umgerissen hatte. Entschieden wurde auch hier das Ganze durch einen Torwartfehler. Ausgerechnet der bis dato starke Nyland ließ einen Schuss nach vorne prallen, und abermals Bellingham war zur Stelle.

 

Argentinien – Schweiz 3:1 n. V.

 

Knackpunkt: die Gelb-Rote Schwalben-Karte für Embolo (69.). Gerade hatten die Schweizer ausgeglichen gegen extrem müde Argentinier. Alle Vorteile schienen bei den Eidgenossen zu liegen, da geschah die entsetzliche Dummheit von Embolo, die allerdings erst per VAR erkannt wurde. Nach einem Zweikampf mit Paredes ging Embolo zu Boden. Schiedsrichter Pinheiro erkannte auf Foulspiel und zeigte dem Argentinier die Gelbe Karte. Seit dieser WM gibt es nun die Regelung, dass Gelbe Karten bei Spielerverwechslung überprüft werden können. Und so meldete sich der VAR und monierte, dass hier gar keine Berührung von Paredes (in vielen anderen Aktionen wirklich kein Kind von Traurigkeit) vorgelegen habe. Vielmehr zeigten die Fernsehbilder, dass Embolo ohne Berührung abgehoben war und den sterbenden Schwan markierte. Pinheiro tat das einzig Mögliche, nahm Gelb für Paredes zurück und   zeigte seinerseits Embolo den Gelben Karton. Und weil dieser schon verwarnt war, flog dieser mit Gelb-Rot vom Platz. Letztlich die richtige Entscheidung. Der Treppenwitz des Ganzen ist: Hätte Pinheiro Paredes nicht verwarnt, hätte er die Entscheidung Foul überhaupt nicht überprüfen dürfen. Embolo wäre auf dem Platz geblieben, und wer weiß was die Schweizer in Gleichzahl mit den wie paralysiert wirkenden Argentiniern angestellt hätten.
Die Schweizer schäumten henach und sprachen von Betrug. Niemand allerdings klagte Embolo an, der mit seiner extrem unsportlichen Schwalbe einen unerlaubten Vorteil herausschinden konnte.

Die Überzahl wirkte wie ein Boost für Argentinien. Plötzlich ein Spiel auf ein Tor der sich jetzt verbarrikadierenden Schweizer, allerdings ohne großen Druck oder gar Top-Chancen zu entwickeln. Es gehört zu den Aburditäten des Fußball, dass dann ausgerechnet Julian Alvarez mit einem Zauberschuss das vorentscheidende 2:1 erzielte. Ausgerechnet deshalb, weil Alvarez, einer der WM-Helden 2022 zuvor im gesamten Spiel (und wenn man ehrlich ist: im gesamten Turnier) wenig bis nichts zustandegebracht hatte. Das 3:1 war dann nur noch etwas für die Statistiker.

Der „Spiegel“ hat es recht treffend kommentiert: Von Spiel zu Spiel wird Argentinien und auch ihr Supersar Messi schwächer und müder: Trotzdem steht der Titelverteidiger im Halbfinale, wer weiß, wozu das noch hinführt..