von Münchner Löwe | Juli 2, 2024 | EM, Fußball
Achtelfinale, Tag III
Ein toll klingendes Spiel, das endlos erscheint und mein Favorit, der ein Elferschießen braucht. Und immer wieder die Frage an mich und jeden Fußball-Fan, warum man sich das antut …
Frankreich – Belgien 1:0
Theoretischverheißt diese Paarung ein ausgesprochenes Fußball-Schmankerl. Doch all diejenigen, die sich die Vorrundenpartien dieser beiden Teams angeschaut haben, wird nicht überrascht sein über dieses sehr ereignislose Spiel. Beide Trainer schwören auf die Defensive, der eine weniger (Frankreichs Deschamps), der andere mehr (Belgiens Tedesco). Und das, und deshalb kann ich meinen Ärger nicht verhehlen, trotz erwiesener Offensivkunst und -Power, die die vorhandenen Spieler schon so oft gezeigt haben. Nur sind die Mbappes, die de Bruynes, die Lukakus und die Thurams, zur Disziplin gezwungen. Esprit und Spielfreude ist offebar bei Todesstrafe verboten.
Heraus kommt dann so ein Spiel, wie wir es gestern gesehen haben. Die Franzosen mit sehr kontrollierter Offensive, jedes Risiko scheuend, die Belgier in einem gut funktionierenden Defensiv-Verbund. De Bruyne als Antreiber wie bei ManCity? – da sei Tedesco vor. Also de Bruyne so defensiv wie noch nie, und auch das kann er. Doch ob es ihm wirklich Spaß macht, wage ich sehr zu bezweifeln.
Und doch hatten die Belgier ihre Chancen, die aber der treffliche Maignan im Franzosentor vereitelte. Auf der anderen Seite kam Koon Casteels gar nicht in die Verlegenheit, sein Können zu zeigen, denn die Franzosen verfehlten bei ihren Schüssen mit bemerkenswerter Konsequent das Ziel, schossen fast 20 Schüsse daneben und auch drüber, sodass die NFL-Scouts sich fleißig Notizen gemacht haben dürften, ob nicht einer als Kicker für die Footballer geeignet wäre. In dieser Disziplin ist allerdings der Engländer Kevin Trippier unübertroffen … https://www.kicker.de/freistehend-in-die-wolken-trippiers-fehlschuss-von-der-strafraumgrenze-1035499/video
Es passt zum Spiel, dass ein abgefälschter Schuss der Franzosen das Spiel entschied, wobei die UEFA gemeinerweise das Tor noch als Eigentreffer wertet. Dem immer mehr leidenden Fans blieb somit eine Velängerung erspart, obwohl die vielleicht, siehe Spiel 2, vielleicht sogar ganz vergnüglich geworden wäre.
So steht die Bilanz zwei eigentlich extrem guter Offensivreihen.
Frankreich: 4 Spiele, 3 erzielte Treffer 2 Eigentore, ein Elmer),
Belgien: 4 Spiele, 2 Tore (3 Partien ohne Treffer)
Noch fragen? Das „Mann des Spiels“ und „Stark in der Niederlage“ Geschreibsel erspare ich mir.
Ausblick des Sieger
Jetzt geht es für „Les Bleus“ gegen Portugal, und das dürfte wenigstens ein bisschen munterer werden, weil die Portugiesen (hoffentlich) mehr wagen. Das muss man, um die sichere Abwehr der tricolore zu knacken. Trainer Didier Deschamps wird bestimmt keinen Champagner-Fußball ausrufen, der Erfolg gibt ihm ja recht. Diskussionen interessieren nicht, siehe England …
Und die Verlierer?
Die Goldene Generation ist in die Jahre gekommen. Der ewige Geheimfavorit vergangener Großturniere blieb ohne Titel. Und so sehr ich das Aus der Belgier manchmal bedauert habe, weil sie so wunderbar gespielt haben, so wenig tue ich es diesmal, weil sie so wenig wunderbar gespielt haben. Zurück bleiben tragische Figuren wie Kevin de Bruyne und Romelu Lukaku, aber auch viele gute Spieler, die ihr (Angriffs)-Können nicht zeigen durften (Jeremy Doku). Womit ich beim Trainer wäre. Domenico Tedesco wählte die Sicherheits-Variante, zwang seine „roten Teufel“ in ein Korsett, das nicht zu ihnen passte. Wahrlich nicht überraschend, wenn man seine bisherigen Trainer-Stationen verfolgt hat. Dabei hatte Tedesco sogar noch das Glück, dass nicht eine Torwart-Diskussion aufkam, weil er freiwillig auf einen der weltweit Besten seines Fachs (Courtois) verzichtete. Castells machte seine Sache gut, wurde aber auch nicht geprüft wg der fehlschießenden Franzosen. Tedesco hat noch einen Vertrag bis 2026, der Verband will daran festhalten. On verra.
Portugal – Slowenien 3:0 n. E.
3:0 – das ist ein normales und für viele auch erwartetes Ergebnis. 3:0 nach Elfmeterschießen ist ein Vekehrsunfall, bedeutet hier die erste Nullnummer, die eine Nation in einem EURO-Endturnier fabriziert hat. Der Schweiz gelang dieses „Kunststück“ bei der WM 2006 ebenfalls im Achtelfinale gegen die Ukraine.
Insgesamt fand ich dieses Spiel unterhaltsamer (weit weg von unterhaltsam). Wegen der technischen Beschlagenheit der Portugiesen. Allerdings auch wenig zielführend, weil sie am Ende immer ihren Cristiano Ronaldo suchen. der ist zwar noch immer gut, aber halt nicht mehr so gut wie in besten Zeiten. Das merkte man an seinen Abschlüssen, aber vor alle an den von ihm verpassten Flanken, weil er nicht mehr so hoch springen kann und vor allem das richtige Timing verletzt hat.
Und da sind noch seine Freistöße. Alles, was auch nur ansatzweise in Tornähe ist, wird selbstredend zu seiner Sache, egal welche Könner da sonst noch herumstehen. Die Erfolgs-Aussichten sind geleich null. Jemand hat sich den Spaß gemacht, all seine Versuche bei EM-Turnieren zusammenzuzählen: 45-mal, probierte er es danach, kein mal traf er. Nicht dass die Schüsse haarsträubend schlecht wäre – im Gegenteil. Im Gegensatz zu vielen anderen in diesem Turnier schießt er nicht sinnlos in die Mauer, sondern an ihr vorbei, nur leider knapp übers Tor oder in die Hände des Torwarts.
Und dann wurde Cristiano Ronaldo doch noch zum Hauptdarsteller. In der 105. Minute gab es Elfmeter (für mich sehr zweifelhaft, weil der Portugiese in die Verteidigung schlicht hereinrannte und zu Fall kam), und natürlich schritt CR7 zur Tat. Wie immer mimte er den Pistolero – und fand im glänzend reagierenden Jan Oblak seinen Meister. Darauf weinte er bittere Tränen; die einen litten da mit, andere verhöhnten ihn.
Im Elferschießen zeigte er Ronaldo dann, was in ihm steckt: Er trat zum ersten versuch an, und diesmal verwandelte er, genau wie Bruno Fernanes und Bernardo Silva. Drei Slowenen scheiterten allesamt an Diogo Costa. Wenigstens gibt es zumindest hier nicht den einzig „Schuldigen“. Zuvor allerdings hatte der Leipziger Sesko die Chance aller Chancen, als er nach einem Ausrutscher von Oldie Pepeallein aufs Tor zusteuerte, allerdings an Costa scheiterte.
Mann des Spiels
Diogo Costa: 24 Jahre alt ist der Torwart des FC Porto erst alt, doch er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus, vefügt über tolle Reflexe und stählernde Nerven. Drei gehaltene Elfmeter, und auch im Spiel immer zur Stelle, wenn er gebraucht wurde.
Stark trotz der Niederlage
Jan Oblak: Gehört schon seit Langem zu den besten Torhütern weltweit. Doch zum Titel reicht es halt meist nicht, bei Atlético genauso wenig mit mit Slowenien. Insgesamt passt es zu seiner Karriere, wie die Faust aufs Auge, dass Slowenien ohne Niederlage nach regulärer Spielzeit, aber auch ohne Sieg das Turnier verlassen muss.
Ausblick des Siegers
Ich habe die Portugiesen vor dem Turnier als Europameister getippt, und weiter kann dieser Tipp aufgehen. Wenn es denn gelingt, den Faktor Ronaldo effektiver einzubringen. Torgefährlich ist er weiterhin, aber muss wirklich jeder Ball letztlich auf ihn gehen. Das wirkt mir zu vorhersehbar. Geradezu grotesk ist es bei den Freistößen. Jeder weiß, das Ronaldo schießt, da wirken die Spieler um ihn herum, die eine Variante andeuten, zu der es doch niemals kommt, schlicht absurd. Wie man einen in die Jahre gekommenen Ausnahmespielen gut einbindet, zeigen gerade die Weltmeister aus Argentinien bei der Copa in den USA. Ich traue den Portugiesen also durchaus einen Sieg auch gegen Frankreich zu.
Und die Verlierer?
Die Slowenen zeigten, dass sie schwer zu bezwingen sind. Mit Oblak und Sesko verfügen sie über zwei absolute Klassespieler, der Rest bildet ein gutes, allerdings nicht aufsehen-erregendes Kollektiv. Das Achtelfinale war das erklärte Ziel, mehr war einfach nicht drin.
von Münchner Löwe | Juli 1, 2024 | EM, Fußball
Achtelfinale, 2. Tag
Hauptsache gewinnen. Wenn diese Maxime große Nationen pflegen und grauenhaft, aber erfolgreich spielen. schäumen die Fußball-Romantiker. So wie die deutschen 82, 86 und auch 2002. Den Protagonisten wie jetzt die Engländer ist es wurscht. Ich schäume mit, und delektiere mich an den Spanier.
England – Slowakei 2:1 n. V.
Der englische Titeltraum lebt. Für jeden Fußball-Romantiker wäre es ein ziemlicher Albtraum, wenn dieses uninspirierte, sterbenslangweilige Team wirklich Europameister werden würde. Dabei mag ich den englischen Fuzßball, habe schon oft mit ihren Nationalspielern mitgelitten, wenn sie in einem großen Turnier mal wieder in einem Elfmeterschießen gescheitert sind. Aber die? Mit diesem grausigen Fußball? Die eigentlich doch gar nicht wollen? Wirklich nicht.
Es ist schon erstaunlich, wie diese Ansammlung von Könnern (zumindest in der Theorie) sich auf den minimalistischsten, zynischsten Fußball reduzieren lassen, ohne jegliche Lust daran, was sie da so fabrizieren. Als würden sie sich schämen.
In dieses enge Konzept hat sie der Trainer gezwängt -in seiner aktiven Zeit ein Verteidiger. Und er kommt mit seiner Art des Fußballs durch, erst in dieser schrecklichen Vorrunde, und jetzt auch gegen die von vornherein doch ziemlich limitierten Slowaken. Die durch einen wunderbaren Treffer durch Ivan Schranz in Führung gingen. Die allerdings die Engländer kaum aufweckte, vielleicht auch wenig erschreckte. In der 2. Halbzeit spielten sie, als ginge sie das nicht an, und die Slowaken versäumten es nachzulegen, verbarrikadierte sich mehr und mehr in der eigenen Hälfte. Die beste Chance hatte nochDavid Strelec, der quasi von der Mittellinie den weit vor seinen Kasten weilenden England-Schlussmann Jorda Pickford überlisten wollte, sein Ziel aber haarscharf verfehlte.
Dabei war das wahrlich kein Abwehrbollwerk, das die Slowaken da errichtet hatten. Das zeigte sich jedes Mal, wenn die Engländer dann doch einmal einen konsequenten Angriff spielten. Der schön freigespielte Phil Foden traf zwar ins Tor, stand aber klar im Abseits. Ein Kopfball von Kane rauschte knapp daneben, und ein Schluss von Declan Rice ging nur an den Pfosten. Ansonsten viel Lethargie, auch auf den Rängen, wo die Zuschauer auf Schalke sanft entschlummerten.Die Slowaken? Gingen sehr rustikal zur Sachem und ihr Torwart Martin Dubravka fing nicht eine Flanke, sondern faustete
6 Minuten Nachspielzeit, warum nur so viele, und es kam, wie es kommen musste. Eine schöne Hereingabe verwandelte Jude Bellingham in der 5. Minute per herrlichem Seitfallzieher. Sie haben es also nicht verlernt. Auch Harry Kane nicht. Der traf kurz nach Beginn der Verlängerung: Wieder faustete Dubravka eine Ecke weg, Marc Guehi flankte, und der völlig freistehende Bayern-Stürmer verwandlete eiskalt. Danach wieder schnöder Ergebnisfußball, umjubelt von den Fans, die ihre Spieler und vor allem den Trainer kurz vorher noch am liebsten zum Teufel gejagt hätten.
Mann des Spiels
Jude Bellingham: Nur selten blitzte sein Können auf, handelte sich Gelb ein und konnte von Glück reden, dass seine ärmliche Schwalbe nicht mit Gelb-Rot bedacht wurde. Aber dann halt sein Magic Moment, bezeichnenderweise in der Nachspielzeit, in der er in der vergangenen Saison so viele Tore für Real erzielt hatte.
Stark trotz der Niederlage
Ivan Schranz: Erzielte sein drittes Turniertor. Bester Offensivakteur neben Strelec. Der Spieler von Slavia Prag hat das Interesse der Scouts geweckt, dürfte dort nicht mehr lange spielen.
Ausblick des Siegers
Für die Engländer geht es jetzt gegen die Schweiz, das dürfte ein ganz anderer Prüfstein werden als die doch sehr biederen Slowaken. Und die werden nicht in Ehrfurcht erstarren, andererseit aber auch aufpassen müssen einen jederzeit möglichen Geistesblitz eines Könners wie Bellingham, Foden oder Kane.
Und die Verlierer
Haben mit dem Achtelfinale ihr Ziel erreicht. Und manch Spieler von ihnen hat bei manchen vermögenderen Verein als in der Halbzeit Interesse geeweckt.
Spanien – Georgien 4:1
Was für ein Unterschied im zweiten Sonntagsspiel. Mit Spaniern, die vor Spielfreude sprühten und Georgiern, die wieder ihre ganze Seele auf dem Feld ließen. Am Ende war es klar. Sie durften ja sogar von der ganz großen Sensation träumen nach der Führung durch, fast schon klar, ein Eigentor. Ganz kurz wirkten die Spanier angezählt, aber die Georgier konnten oder wollten nicht nachlegen. Es dauerte dann allerdings nicht lang, bis die Spanier die Georgier mehr und mehr einschnürten. Manch Betrachter fühlte sich an ein Überzahlspiel wie im Eishockey erinnert. Dabei waren sie auch zielstrebig mit brillanten Dribblern wie Nico Williams und Lamine Yamal, doch zunächst vereitelte der erneut ganz starke Schlussmann Giorgi Mamadashvili den Ausgleich. Den besorgte dann noch vor der Pause Rodri.
Nach der Pause hatte der Georgier Khvicha Kvarazschelia einen Geistesblitz, wollte Schlussmann Unai Simon mit einem Schluss noch vor der Mittellinie überlisten, doch verfehlte das Ziel ganz knapp. Die Spanier ließen sich nicht beeidnrucken, spielten teilwweise brillant. Babian Ruiz verwandelte eine Maßflanke von Yamal per Kopf zum 2:1, Nico Williams ließ nach herrlichem Konter und tollem Abschluss unter die Latte das 3:1 folgen. Die Entscheidung gegen die tapferen Georgier, die noch das 1:4 durch den eingewechelten Leipzig-Profi Dani Olmo schlucken mussten.
Mann des Tages
Rodri: Er behielt in der heiklen Phase nach dem Rückstand den Überblick, ordnete schnell die Reihen. Sehr überlegter Schuss zum Ausgleich unhaltbar für Mama.
Stark trotz der Niederlage
Giorgi Mamadashvili: Trotz der 4 Gegentreffer wieder eine großartige Leistung des Torwarts des Turniers. Vielleicht hätte er die Flanke vor der Führung durch ganz beherztes Herauslaufen abblocken können, und am Ende hatte er auch nicht mehr den Elan. Aber auch absolute Spitzenclubs werden ihre Torwartfrage noch mal überdenken.
Ausblick des Siegers
Sie waren nach der Vorrunde mein Turnierfavorit, (auch wenn ich n einem Tippspiel aus taktischen Gründen Portugal zum Europameister erkor, um Rückstand aufzuholen): 11 Könner, die auch ihr Können zeigen dürfen. Jetzt gegen Deutschland, das ist für die Nagelsmann-Truppe der Wahrsager. Die Spanier sind nicht unverwundbar, wie die 1. Halbzeit gezeigt hat, aber es muss schon sehr viel zusammenpassen. Was den Gastgeberen Mut machen könnte: Wirklich unter Druck allerdings ist die neuformierte Abwehr der Spanier noch nicht. Das müssen Musiala und Co. austesten.
Und die Verlierer
Die Georgier waren eine echte Bereicherung. Sehr fantasievoller Fußball mit zwei absoluten Topstars (Mama+Kvaradona). Die kannte ich vorher schon, abe auch andere haben tolle Vorstellungen gezeigt. Fast schade, dass die Reise jetzt zu Ende ist, dazu ein sympathischer Auftritt. Vielen Dank Sagnosvili und hoffentlich auf Wiedersehen.
von Münchner Löwe | Juni 30, 2024 | EM, Fußball
talien raus, Deutschland weiter – und endlich mal wieder eine Diskussion über den VAR. Und aus dem Sommermärchen ward ein Donnermärchen
Italien – Schweiz 0:2
Was für eine furchtbare Vorstellung für Italien. Der Europameister von 2021 schied sang- und klanglos aus mit einer haarsträubend schlechten Leistung vorne und hinten. Die Schweiz dagegen bekommt endlich ihr Potenzial auch umgemünzt.Sicher nicht frei von Schwächen, aber doch sehr kompakt. Sie haben eine tolle Achse
Mann des Spiel
Ruben Vargas: Kaum zu stoppen von den Italienern mit vielen feinen Aktionen. Und nicht nur für die Galerie. Das 1:0 durch Urs Remo Freuler bereitete er mustergülig vor, das zweite Tor erzielte er selbst durch einen sehenswerten Schlenzer. Auch wenn er von der italienischen Abwehr hier nur Geleitschutz erzielt, den Ball muss man erst mal so kunstfertig treffen. Ehemalige italienische Verteidigungsheroen wie Cannavaro, Chiellini und alle anderen werden entgeistert zugeguckt und gedacht haben: wo zum Teufel ist bei uns der gute alte Catenacchio geblieben?
Stark trotz der Niederlage
Gianluca Donnarumma: Am Torwart lag es wirklich nicht. Der Kapitän hielt, was es zu halten gab, und er bewahrte sein Team durch einige Glanzparaden vor weiteren Gegentreffern. 2021 wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt. Das wird ihm dieses Jahr nicht gelingen.
Ausblick des Siegers
Die Schweizer haben endlich mal ein echtes Team. Newben Vargas hat mir besonders Granit Xhaka gefallen. Gott sei Dank für die Schweizer, dass er und Trainer Yakin ihre Auseinandersetzung beigelegt haben und an einem Strang ziehen. Und der so engagierte Xhaka kam auch ohne Gelb(sperre) aus. Das Viertelfinale muss noch nicht das Ende der Fahnenstange sein, egal ob gegen England oder die Slowakei.
Und der Verlierer?
Ein Turnier, bei dem von vorne bis hinten (fast) alles schiefging. Erinnert sei an das Gegentor gegen Albanien in der ersten Partie nach nur 22 Sekunden. Ich habe wirklich gedacht, dass der Last-Minute-treffer gegen Kroatien Italien beflügeln könnte, ein ekliger Kontrahent in einer K.-o.-Phase waren sie eigentlich immer. Nichts von alledem. Welche Schuld Luciano Spalletti daran trägt, vermag ich nicht zu urteilen aus der Ferne. Tatsache ist, dass er zu keiner Zeit den Zauber versprühte, mit dem er die SSC Napoli 2023 zum Meistertitel führte.
Deutschland – Dänemark 2:0
Eine Partie für die Geschichtsbücher. Nicht, weil das Spiel an sich besonders aufregend war, aber wegen der Umstände. So sorgte ein Gewitter direkt über dem Westfalenstadion nach 35 Minuten für eine rund halbstündige Pause. Die den Deutschen durchaus zupass kam, denn nach einer fulminanten Anfangsviertelstunde den Faden verlor. Zunächst mehrere Großchancen und eine aberkannten Tor von Nico Schlotterbeck (für mich die richtige Entscheidung, aber den Einsatz zuvor von Kimmich, der einen Gegner wegblockte, hätte ein großzügigerer Schiri, zumal ein Engländer, auch durchgehen lassen können. Auffällig war, wie viele Kopfballduelle die Deutschen im dänischen Strafraum für sich entschieden.Nach einer knapp halbstündigen Pause, in der die zum Teil völlig durchnässten Zuschauer lautstarke Kostproben ihrer Sangeskunst ablegten, ging es weiter. Trainer Julian Nagelsmann hatte die Unordnung erkannt, das Team wirkte wieder sicherer.
Nach 10 Minuten folgte die reguläre Halbzeitpause, wobei die Frage schon gestellt werden darf, warum man sich diese nicht schenkte. Magenta hatte zwar mit Ittrich einen Schiedsrichter an Bord, diese Frage wurde aber nicht gestellt. Regeltechnisch wäre das wohl möglich gewesen.
Seis drum. Kurz nach der Pause folgten fünf Minuten, die der dänische Sportskamerad Joachim Andersen Zeit seines Lebens nicht vergessen wird. In der 48. Minute drosch er nach einem Getümmel im Strafraum den Ball ins Netz. Unhaltbar für Neuer, aber der hat ja den beühmten Reklamierarm. Tatsächlich konsultierte Schiedsrichter Michael Oliver den Fernseher am Spielfeldrand, und relativ schnell kam er zum Entschluss: Abseits, Tor zählt nicht. Im Vorfeld stand der Däne Thomas Delaney um einen Zentimeter tatsächlich in der verbotenen Zone, vermittelte uns zumindest ein Standbild. https://www.sueddeutsche.de/
Fluch der Technik, und wer sagt mir bitte, dass dieses Standbild wirklich auf die Hunderstelsekunde genau im entscheidenden Moment gemacht wurde? Laut UEFA ist das tatsächlich der Fall wegen der sogenannten Semi-automated offside technology, SAOT, die alle Spieler zu jedem Zeitpunkt an 26 Stellen des Körpers trackt. „Semi“, also halb nur deshalb, weil anders als etwa im Tennis noch ein Mensch, also der Schiri, anhand der übermittelten Daten zu einer Entscheidung führen muss; er muss also auf dem Fernsehschirm richtig erkennen, was ihm die Maschine zeigt.
Unglück Nummer 1, und Unglück Nummer 2 sollte folgen. Praktisch im Gegenzug flog ein Ball an Andersens Hand, soweit so unstrittig. Doch die Regeln velangen auch eine Absicht des „Täters“ für eine Strafe. Da die Schiris nicht in die Köpfe der Spieler schauen können (KI hilf bitte auch!“), gibt es Kriterien, unter anderem das der unnatürlichen Armbewegung. Jeder, der sich mal bewegt hat weiß, dass gerade bei schnellen Wendungen die Arme automatisch vom Körper wegfliegen. Und der scharfe Ball an Andersens Hand kam aus höchstens einem Meter. Für Mr. Oliver reichte es trotzdem für einen Elfmeter, regelkonform und ohne Ermessensfehler. Kai Havertz ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen und verwandelte sehr gekonnt. das war die Entscheidung gegen doch sehr limitierte Dänen, die dann Jamal Musiala endgültig herbeiführte. Bei dem Treffer den Nico Schlotterbeck mit einem weiten Ball vorbereitete, stellt sich allerdings schon die Frage, ob der ansonsten sehr gut haltende Kasper Schmeichel nicht durch konsequentes herausstürmen den Ball hätte abfangen können. Danach hatten die Deutschen noch einige Riensenchancen, die sie aber vergaben, schade bei meinem 3:0-Tipp. Besonders sehenswert: eine geniale Ball-Annhame von Havertz an einem Dänen vorbei, aber dann ein leider nicht so genialer Abschluss.
Letztlich ein verdienter Sieg der Deutschen, das sahen auch die Dänen so. Und doch halt die Frage aller Fragen, wie sie einen Rückstand verkraftet hätten. Aber von diesem „what if“ lebt der Sport, lebt der Fußball.
Mann des Tages
Nico Schlotterbeck: Souveräne Vorstellung hinten (weit besser als sein Nebenmann Anthony Rüdiger). Pech, dass sein Kopfballtor nicht zählte. Mit vielen guten Aktionen. Mehr als nur ein Ersatz für den Gelb-gesperrten Jonathan Tah. Ich bin gespannt, ob er sich auch im Viertelfinale beweisen darf.
Stark trotz der Niederlage
Kasper Schmeichel: Also auch hier der Torwart, der ein paar wirklich tolle Taten zeigte. Ansonsten nur ganz vereinzelte gute Aktionen eines insgesamt enttäuschenden Teams.
Ausblick des Siegers
Die Deutschen haben das Minimalziel Viertelfinale erreicht, was folgt, ist erfreuliche Zugabe. Wenn aber wie allgemein erwartet nächsten Freitag in Stuttgart Spanien (heute vs Georgien) der Kontrahent sein sollte, muss eine gehörige Steigerung her. Sogar die so harmlosen Dänen legten Abwehrschwächen offen. Gerade wenn es schnell geht, wirkt der Defensivverbund überfordert. Auf der anderen Seite gibt es offensiv viele Optionen – und zwar nicht nur den spielerisch so federleichten Musiala und den Brecher Niklas Füllkrug.
Und die Verlierer?
Danish Dynamite – das war einmal. Höchstens Fehlzündungen. Letztlich fährt man ohne Sieg und mit nur zwei Toren (eines sehr sehenswert) nach Hause, und niemand wird sie vermissen. Zumindest die Spieler, nicht die wunderbaren Fans, von denen ich mir ja am Dienstag in München ein Bild machen durfte. Einfach nette Leute, die Spaß haben wollten. Ob sie diesen in den nächsten Jahren an ihrem Team haben werden, wage ich zu bezweifeln.
von Münchner Löwe | Juni 29, 2024 | EM, Fußball
Ab heute starten die Achtelfinali (so sagte es immer der ehemalige ORF-Reporter und -Sportchef Franz Krynedl) bei „unserer“ EM. Für viele beginnt nach der teils doch ermüdenden Vorrunde das Turnier erst richtig. Wer allerdings Fußball-Feuerwerke erwartet, könnte enttäuscht werden. Mich würde es im Gegenteil sehr überraschen, wenn etwa Franzosen und Engländer ihr bisher zwar ziemlich unansehnliches, aber letztlich doch erfolgreiches Defensiv-Konzept aufgeben würden. In vielen Partien gibt es zumindest namentlich einen klaren Favoriten und einen Außenseiter. Mals sehen, wer gerade von den nicht so hoch gehandelten Teams das Heil in der Flucht nach vorn suchen. Georgien und Rumänien könnte ich mir gut vorstellen.
Hier gibt es jetzt erst mal eine Vorschau auf alle acht Partien chronologisch von heute bis Dienstag. Dann tippe ich „mein“ viertuelles Turnier durch (sportlerdeutsch: Bracket=Turnierbaum) durch, allerdings nur den Sieger und nicht das genaue Ergebnis.
Sa., 18.00: Schweiz – Italien in Berlin (RTL und Magenta)
Für mich eine ziemlich offene Partie. Die Schweizer haben mir zumindest teilweise gegen Deutschland gut gefallen, aber das ist keine Übermannschaft. Italien war praktisch draußen, um sich mit einem Tor in der letzten Minute der Nachspielzeit ins Achtelfinale zu retten. Dort fehlt ihnen mit Riccardo Calafiori beste Mann wegen einer Gelbsperre, die Schweizer müssen aus dem gleichen Grund auf Silvan Widmer verzichten. Für Italien spricht, dass sie in K.-o.-Spielen nur schwer zu schlagen sind
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Granit Xhaka. Der Schweizer hat seine formidable Leverkusen-Form zur EM transportiert. Vielleicht seine besten Spiele im Dress der Nati. Bei den Italienern zeigt Torwart Gianluca Donnarumma seine Klasse.
Sa., 21.00: Deutschland – Dänemark in Dortmund (ZDF und Magenta)
Meine Erwartungshaltung an die Dänen tendiert nach dem Trauerspiel am Dienstag gegen Serbien gegen Null. Ihr mit Abstand bester Kicker Christian Eriksen hat eine Darmgrippe und musste gestern aussetzen. Die Deutschen haben eine mögliche Schmach eines Vorrunden-Aus souverän vermieden. Sicher nicht alles Gold, was glänzt, aber insgesamt doch überzeugende Leistungen. Und der Last-Minute-Ausgleich am Sonntag war für die Stimmung im Team und auch im Land vielleicht Gold wert. Auch hier fehlen zwei Spieler wegen einer Gelbsperre. Jonathan Tah wird von Nico Schlotterbeck eersetzt, bei den Danen fehlt Morten Hjulmand, der so spektakulär gegen die Engländer traf.
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Niclas Füllkrug: Noch hat Julian Nagelsmann nicht endgültig entschieden, ob er von Anfang an spielt oder doch Kai Havertz. Seine Einwechslung ist praktisch sicher. Er hat im deutschen Team eine unglaubliche Trefferquote (13 Tore in 19 Spielen). Die Dänen hoffen, dass Rasmus Höjlund endlich was reißt.
So., 18.00: England gegen Slowakei in Gelsenkirchen (ZDF und Magenta)
Zu den bisher so furchtbaren Engländern ist schon so viel gesagt. Trotz viel Kritik aus der Heimat: Trainer Gareth Souhtgate ist zufrieden, verweist durchaus zu recht auch auf den Gruppensieg. Pragmatismus at its worst. Grausig anzuschauen, aber erfolgreich. Besonders in der Kritik steht Jude Bellingham, den viele gerne auf der Bank sähen, aber zumindest einige gute Aktionen hatte. Die Slowaken haben auch keine Bäume ausgerissen. Wirklich herausragende Spieler sehe ich nicht, aber alle können Fußballspielen. Gelingt ein frühes Tor, kann es ein richtig tolles Spiel werden.
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Phil Foden: Bisher zeigte er sehr wenig von seiner Riesenklasse. Doch er kommt mit extrem viel Glücvkshormonen von einem Kurztrip nach Hause, ist er doch zum dritten Mal Papa geworden. Mutter und Kind sind wohlauf, wenn das nicht beflügelt … Bei den Slowaken hoffe ich auf ein paar Geistesblitze von Stanislav Lobotka.
So., 21.00: Spanien – Georgien in Köln (ARD und Magenta)
Der zurzeit am meisten gehandelte Turnierfavorit gegen den vermeintlich größten Außenseiter. Die georgier haben mich in allen drei Partien begeistert mit ihrem fantasiereichen Spiel. 11 technisch brillante Spieler stehen da auf dem Platz, alle auch mit einem Riesenherz. Die Spanier sind das einzige Team mit drei Vorrundensiegen, noch dazu alle zu null, und das gegen starke Gegner wie Kroatien, Italien und, jawoll, auch Albanien. In dieser Partie wird der Gegner des Deutschland-Spiels ermittelt.
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Nico Williams: Seine Tempodribblings sind eine Augenweide, auch wenn sie manchmal ins Nichts führen. Aber für solche Leute zahlen die Leute Eintrittsgeld. Den Laden zusammen hält vor allem Rodri. Die Kroaten haben allerdings im ersten Spiel gezeigt, dass die Abwehr trotz der Null nicht unangreifbar ist. Bei den Georgiern möchte ich den grandiosen Torwart Goiorgi Mamardashvili und Kvicha Kvazchelia herausheben. Auch für Kvaradona gilt: tolle Dribbling, aber manchmal wäre ein Blick und gar ein Pass zu einem besser postierten Mitspieler hilfreich-
Mo., 18:00: Frankreich – Belgien in Düsseldorf (ZDF und Magenta)
Fast ein Heimspiel im nahen Düsseldorf für beide Teams, die eine heiße Rivalität pflegen. Kylian Mbappé hatte ein paar weitere Tage, um sich an seine Masken zu gewöhnen. Die Franzosen agieren wie die Engländer: Erst mal schauen, dass hinten nichts passiert, und vorne wird Mbappé schon treffen. Mit dierser Taktik sind sie 2018 Weltmeister und 2022 Vizeweltmeister geworden. Jetzt klappte bisher nur beim ersten Teil des Plans, der Defensive. Die Offensiv-Bilanz lautet dagegen nach 3 Spielen: 2 Tore, nämlich ein Eigentor und ein Elfer. Die Belgier enttäuschten mich ebenfalls und überstanden ihre Gruppe gerade mal so. Vom Potenzial her könnte es ein tolles Spiel werden, genug Klasse-Akteure gibt es auf beiden Seiten. Wenn man sie nur von der Leine ließe …
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NGolo Kanté: Kaum jemand wusste, wie dem Mittelfeldmann sein Jahr in Saudi-Arabien bekommen ist. Offenbar hervorragend, insgesamt war er der beste Mann der Franzosen der Vorrunde. Bei den Belgiern schau ich genau auf Romelu Lukaku. Vielleicht wäre mein Urteil über die Mannschaft viel politiver, wenn denn wenigstens eines seiner drei nachträglich aberkannten Tore gezählt hätte.
So., 21:00: Portugal – Slowenien (ARD und Magenta)
Die Portugiesen waren vor dem Turnier mein EM-Favorit (in einem kicktipp), und bisher gibt es keinen Anlass, diesen Tipp zu bereuen. Sie starteten mit zwei letztlich souveränen Siegen, ihr „zweiter Anzug“ verlor zwar gegen Georgien, doch ich fand sie da gar nicht so schlecht, aber sie scheiterten halt am überragenden Mamardaschwili. Blödsinn, da von Wettbewerbs-Verzerrung zu reden. Gerade die Deutschen sollten wissen, was ein portugiesisches B-Team in einem letzten Vorrundenspiel anrichten kann, remember 2000 und nenne den Namen Conceicao. Die Slowenen ihrerseits waren der andere Teil des Trauerspiels gegen Dänemark, meine Sympathien für sie halten sich deshalb eher in Grenzen.
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Rafael Leao: Ein hochinteressanter Stürmer, der bei Milan sehr auftrumpfte, hier bisher sein Können allerdings höchstens aufblitzen ließ. Die Slowenen brauchen einen Jan Oblak in Top-Form (dann ist dieser sehr schwer zu bezwingen), und vorne kann Benjamin Sesko von RB Leipzig immer eine großartige Aktion zeigen.
Mo., 18.00: Rumänien gegen Holland in München (ARD und Magenta)
Da gewinnen die Rumänen eine Gruppe und bekommen es zur Belohnung mit Holland zu tun. Künstlerpech. Und Rumänen können tatsächlich Ballkünstler sein, auch wenn vom jetzigen Kader niemand an den unvergleichlichen Gheorghe Hagi heranreicht, auch nicht sein Sohn Ianis. Die Holländer haben den viel namhafteren Kader, aber es gibt halt Gründe, warum sie nur Gruppendritter hinter Österreich und Frankreich geworden sind. Die verschiedenen Mannschaftsteile passen nicht zusammen, und gerade im Mittelfeld hapert es.
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Cody Gaakpo vom FC Liverpool hat mir bisher ganz gut gefallen,und er ist auch torgefährlich. Womit auch die ausrede von Englands Teamchef Southgate widerlegt ist, die schwere Premier-League-Saison wäre schuld an den schwachen Spielen seiner Mannen. Aus detscher Sicht sind natürlich die in der Bundesliga harausragenden Frimpong und Xavi Simons zu beachten.
Mo., Österreich -Türkei in Leipzig (Magenta)
Die Österreicher haben die ohnehin schon hohen Erwartungen noch übertroffen, denn an einen Gruppensieg unter anderem gegen Frankreich und Holland hätten auch größte Optimisten nicht geglaubt. Und wie es so ist in unserem Nachbarland: Die Euphorie kennt kaum noch Grenzen. Schon wird an einen Durchmarsch ins Finale geglaubt, angesichts des leichteren Turnierastes nicht völlig herfantasiert, was auch deutsche Medien bestätigen. Wenn es halt nicht die Kombination Österreich und Fußball wäre, wo letzten Endes frei nach doch alles schiefgeht, was eigentlich gar nicht schiefgehen kann. Und eine Partie gegen die Türkei ist geradezu prädestiniert dafür. Keine Frage, aufgrund der Turnierleistungen bisher sind die Ösis zu favorisieren, zumal sie in einem Test im April denselben Gegner gleich mit 6:1 überfuhren. Allerdings war da eben auch gehöriges Spielglück dabei. Die Türken haben ihre unendliche Leidenschaft entgegenzusetzen, der Ausfall von Hakan Calhanoglu wegen einer völlig überzogenen Gelben Karte trifft sie allerdings hart. Unterschätzen darf sie niemand, aber das ist bei Österreichs deutschen Nationaltrainer Ralf Rangnick kaum zu erwarten. So gefeiert wurde in Österreich kein Deutscher seit 1938, äh lassen wir das lieber.
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Marcel Sabitzer: Er knabberte von allen Dortmundern am heftigsten an der Niederlage gegen Real Madrid. Aber spätestens im Holland-Spiel hatte er seine starke Form wiedergefunden, gekrönt durch sein herrliches Siegestor kurz vor Schluss. Ansonsten bilden die Österreicher das am besten harmonierende Team der EM, dass das Fehlen echter Superspieler mehr als kompensiert. Bei den Türken richten sich die Blicke nach Calhanoglus Ausfall noch mehr auf das Supertalent Arda Güler. Wenn der in den Flow kommt, wird es für Austria sehr gefährlich.
Und hier mein getipptes Bracket (fettgedruckte Teams weiter)
Achtelfinale (Sa. – Di.)
Spanien – Georgien
Deutschland – Dänemark
Portugal – Slowenien
Frankreich – Belgien
Schweiz – Italien
England – Slowakei
Rumänien – Holland
Österreich – Türkei
Viertelfinale (5./6. Juli)
Spanien – Deutschland
Portugal – Frankreich
Italien – England
Holland – Österreich
Halbfinale (9./10. 7.)
Spanien – Portugal
England – Holland
Endspiel: 14. 7. in Berlin
Portugal – Holland
von Münchner Löwe | Juni 28, 2024 | EM, Fußball
Die Vorrunde ist überstanden. Nach 36 teilweise sehr unterhaltsamen (Österreich – Holland, Italien Kroatien, Georgien – Türkei), aber auch unterirdischen Partien ist es gelungen, auch mittels Rechenschiebers aus 24 Teams 16 Achtelfinalisten zu ermitteln. Ab morgen beginnt also die K.-o.-Runde, die Do-or-die-Spiele. Ob die dann immer zu aufregenden Spielen führen, wage ich zu bezweifeln, zu (zumindest ergebnismäßig) pragmatisch agieren manche Mannschaften. Konkrete Vorschauen auf die K.-o.-Spiel mache ich hier morgen, heute gibt es eine Rückblick, was so aufgefallen ist.
Der pragmatische Ergebnisfußball lebt
Negativ hervorzuheben sind hier besonders die Engländer. Angesichts der klangvollen Namen wie Phil Foden, (Spieler des Jahres in England),Jude Bellingham (Spieler des jahres in Spanien), aber auch Harry Kane (Europas Torschützenkönig der Saison) und Declan Rice (Tuchels Super Holding Six) ist das schon mehr als dürftig, was die Three Lions bisher abgeliefert haben. Zwei mickrige Tore gelangen, der Unterhaltungswert der Spiele tendiert gegen Null. Das ficht Trainer Gareth Southgate nicht an, verweist auf den (letztlich ungefährdeten ( Gruppensieg) und das gerade defensiv vieles zu stimmen scheint. Ohne meiner morgigen Vorschau zuviel vorwegzunehmen: Die Launen des Turnierbaumes haben den Engländern einen durchaus gangbaren Weg bis in ein mögliches Finale beschert, was auf der Insel dementsprechend gefeiert wird. Wenn das gerade deutsche Fußball-Fans ärgert, denen sei ein Blick auf die Finalteilnahmen und den Weg 1982, 1986 und 2002 empfohlen.
Fast genauso enttäuschend waren bisher die Belgier; der ewige Geheimfavorit hat sich nachhaltig von dieser Rolle verabschiedet. Für sie könnte gegen Frankreich im Achtelfinale Schluss sein. Auch Les Bleus und Trainer Didier Deschamps setzen auf eine sichere Verteidigung (die tatsächlich auch sicher steht, wenn da nicht Upamecano für manchen Bock gut wäre). Und vorne hilft der liebe Gott oder Maskenmann Kylian Mbappé
Der Modus half dem Pragmatismus, weil auch 4 der 6 Gruppendritten das Achtelfinale erreicht haben.
Die wunderbaren Georgier
Ich muss gestehen: Wirklich ein Begriff vom Team war mir vor Turnier-Beginn nur der brillante Torwart Mamardaschwili und Kwarazchelia von der SSC Napoli, einer der prägenden Spieler des Meisterteams 2023. Die beiden sind tatsächlich die Auffälligsten. Mamardaschwili ist mit Abstand der beste Torwart des Turniers, „Kwaradona“ spielt den Gegnern Knoten in die Beine. Doch Akteure wie Korataschwili und Mikautadse haben sich in den Vordergrund gespielt. Die unfassbare Begeisterung und Spielfreude ist anstecken,d Trainer und Ex-Bayern-Profi Willy Sagnol ist offenbar genau der richtigen Mann am richtigen Ort. Wahrscheinlich geht das Märchen jetzt gegen Spanien zu Ende.
Dazu auch eine statistische Anmerkung: Der Außenseiterstatus der Georgier wird ja gerne mit der Weltrangliste und Platz 75 belegt. Die ist allerdings derart undurchaschaubar, das sie als ernstzunehmendes Kriterium über Stärke/Schwäche eines Teams praktisch gar nichts aussagt. Das ist ähnlicher Quatsch wie das dauernde Heranziehen des 1,5-Milliarde-Euro schweren Kaders der Engländer, weil auf der Insel Fantasiesummen gezahlt werden, die mit der Wirklichkeit und dem eigentlichen Wert der Spieler nichts zu tun haben.
Tu felix Austria
Die Österreicher gingen ja mit viel Rückenwind ins Turnier. Verhalten war man allerdings dennoch angesichts der sogenannten Todesgruppe mit Frankreich, Holland und Polen. Mit dem Gruppensieg hätte wohl niemand gerechnet. Und der wurde eben nicht ermauert, sondern das Team von Ralf Rangnick spielte mit den attraktivsten Fußball der Vorrunde. Bei Rot-Weiß-Rot sehe ich eine klare Spielidee, nämlich die unerbittliche Balljagd des gesamten Teams bis tief in die gegnerische Hälfte. Hier ist im besten Sinne des Wortes ein Kollektiv zu sehen, greift im Idealfall ein Rädchen ins andere. Und bei allem Respekt vor Arnautovic, Sabitzer und den anderen: Es fehlt der alles überragende Einzelkönner, zumal mit David Alaba der beste Spieler des Landes nicht aktiv dabei ist, sondern nur als Non-playing-Captain. Wie weit der Weg führt, muss man sehen, aber beim Sieg gegen Polen hat die Truppe gezeigt, dass sie auch unter größtem Druck die Leistung abrufen kann.
Die indiskutable Gruppe C
Ja, ich bin auch persönlich beleidigt über das wirklich furchtbare Spiel Dänemark gegen Serbien, weil ich dieses live vor Ort in der Münchner Arena ertragen musste. Wers wirklich noch mal nachlesen will: https://blickueberdenteich.de/ein-furchtbares-spiel-und-doch-vergnueglich/
Insgesamt schafften es England, Dänemark, Slowenien und Serbien in 6 Spielen auf satte 7 Tore, und das nicht weil die Abwehrreihen oder gar Torhüter so brillant agiert hätten. Keiner wollte, jeder schaute auf Blitztabellen. Und ein gewisses Maß an offensiver Unfähigkeit kommt dann noch dazu. Das Traurige ist, dass allein die Serben die Koffer packen müssen, der Rest darf weiter dilletitteren.
Der bescheuerte Modus
24 Teams – das ist von vornherein dämlich, weil es eben keine Zweierpotenz (8, 16, 32) ist, die man dann in einer K.-o.-Runde herunterspielen kann. Also musste der Kunstgriff der „besten 4 Dritten“ her, um auf 16 zu kommen – und damit war die Ungerechtigkeit programmiert. Denn die Gruppen spielten ihre jeweils letzten Spieltage nicht alle gleichzeitig (was bei 12 Spielen und nur 10 Stadien schon logistisch unmöglich ist, von der Vermarktung ganz zu schweigen), sondern nach und nach. Die Ungarn waren als Erste dran am Montag und wussten dann bis zum Abpfiff der Gruppe F am Mittwoch nicht, ob sie dabei sind oder nicht, sie waren es am Ende nicht. Die anderen wussten dagegen immer deutlicher Bescheid, was sie an Ergebnissen zum Weiterkommen bräuchten. Exemplarisch etwa die Österreicher. Die wussten vor dem Holland-Spiel, dass sie dieses sogar mit 4 Toren Unterschied verlieren könnten und trotzdem ganz sicher weiterkommen würden. Da kann man es natürlich ganz anders angehen lassen, was Ralf Rangnick hinterher ja auch unumwunden zugab, als er einige Spieler zunächst schonte.
Klar, je mehr Teilnehmer, desto mehr Länder sind involviert, die es normalerweise in ein 16er-Feld nicht schaffen, und die sog. Kleinen waren fürs Turnier sehr gewinnbringend wie Georgien und Albanien. Aber dann kann man gleich auf 32 Teams aufstocken mit acht Gruppen. Würde der Qualität auch nicht über Gebühr schaden, wenn dann die diesmal zuschauenden Schweden (Tradition!), Norweger (Haaland!) und Griechen (Europameister 2004!) auch noch mitgemacht hätten.
Und noch ein Gustostückerl aus der Regelecke: Es kam tatsächlich zu einem Tiebreaker in der (natürlich!) Gruppe C, als die Anzahl der Gelben Karten über die Platzierung und erst so den Deutschen die Dänen als Gegner bescherte. Was so recht niemand auf dem Schirm zu haben schien, den Eindruck vermittelten zumindest die Trainer hernach. So darf sich der Slowene Novakovic, ein Co-Trainer, rühmen, mit seiner Gelben Karte mitentschendend gewesen zu sein, das seinem Team Deutschland als Achtelfinalgegner erspart bleibt und „nur“ Portugal heißt. Blöd natürlich, dass diese Karte im mir vorliegenden Spielberichtsbögen nirgends auftauchte und das Gelb-Zusammenrechnen während der Partie zur Makulatur werden ließ.
Tolle Regel, warum nicht schon vor 50 Jahren?
Vor Beginn des Turniers gab es eine bedeutende Änderung. Nach einem Schiedsrichterpfiff darf nur noch der Kapitän mit dem Schiri diskutieren. Was hatten alle Angst vor einer Kartenflut, angesichts der bisher üblichen, oft endlosen Streitereien um jeden Einwurf. Es passierte: wenig bis nicht. Die Spieler waren sehr diszipliniert, und die (meisten) Schiris legten die Regel auch nicht buchstabengetreu aus, sondern mit Augenmaß. Die traurige Ausnahme war der Ungar Kovac bei der jetzt schon sagenumwobenen Partie Türkei gegen Tschechien, als er insgesamt 21 (!) Gelbe Karten zog – EM-Rekord.
Insgesamt klappte es aber wirklich gut, und die Frage darf (nicht nur) ich schon stellen: Warum nicht viel, viel früher, zumal Sportarten wie Eishockey und Rugby schon ewige Zeiten nach diesem Modus verfahren. Klar, es gab merkwürdige Besonderheiten. So erhielt Italiens Torwart Donnarumma wegen Meckerns Gelb. Der ist zwar Kapitän, aber auch Torhüter. Und damit diese im Fall eines Falles nicht übers ganze Feld laufen müssen, wird ein Feldspieler als Ersatzkapitän benannt, aber eben mit der Folge, dass der echte Kapitän Donnarumma nichts mehr sagen darf.
Zu guter Letzt
- Die Torschützenliste führt souverän Hans (Jimmy) Eigentor ein, der bereits siebenmal teils auf extrem skurrile Weise (Sami Akaydin https://www.sportschau.de/fussball/uefa-euro-2024/das-eigentor-von-sametakaydin-gegen-portugal,eigentor-tuerkei-100.html erfolgreich war. Romelo Phantomtor netzte auch schon dreimal ein; der bedauernswerte Belgier Romelo Lukaku erzielte drei wunderbare Treffer, die allesamt wegen Abseits (zweimal hauchzart) und angeblichen Handspiels (bestenfalls gestreift) nach Video-Ansicht kassiert wurden
- Schreckmoment mit glimpflichen Ausgang: Der Ungar Vargas stieß heftigst mit einem Schotten zusammen und blieb bewegungslos liegen, war zeitweise bewusstlos. Man musste das Schlimmste befürchgten. Am nächsten Tag die leichte Entwarnung: zwar böse Brüche im Gesicht, aber offenbar keine bleibenden Schäden. Gute Besserung!
Und jetzt viel Spaß beim Achtelfinale!
von Münchner Löwe | Juni 26, 2024 | EM, Fußball
Gestern war ich live in der Münchner Arena beim EM-Spiel Dänemarkj gegen Serbien. Es war entsetzlich. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es ohne die nette Gesellschaft ausgehalten hätte.. Gesellschaft, die ich zuvor nicht kannte, sondern nur von einem anderen Blog, wo die Leserin „Clubwanze“, die auch hier schon (zu selten!) kommentiert, Karten angeboten hat für besagtes Spiel. Gewissermaßen also ein Blind Date, und es ist schon witzig, wenn aus dem Nickname erst ein Klarname wird, der Klarname dann am Telefon auch eine Stimme bekommt und gestern dann in Natura vor einem steht („Du erkennst mich an meinem grünen Deutschland-Trikot“).
Zum Spiel: Ich kann mich an keine schlechtere Partie erinnern, die ich live vor Ort gesehen habe, und ich habe Schlimmes gesehen. Bei 60, bei Energie Cottbus. Das von dieser Elend Gruppe jetzt drei Mannschaften weiterkommen, ist der Treppenwitz schlechthin. Ich hab auch zur Clubwanze gesagt. Die ganze Gruppe wird disqualifiziert wegen Seelischer Grausamkeit, Und dafür dürfen wir die Schotten noch mal sehen und die Georgier. Und die Griechen fliegen wir ein, aber natürlich nur, wenn Otto Rehakles Rehagel auf der Bank sitzt..
Völlig unverständlich waren für mich die Serben, die als einzige dieser Gruppe unbedingt ein Tor gebraucht haben und so überhaupt nichts, bis auf die letzten 10 Minuten darauf aus waren. Wenn Deutschland diese Dänen nicht weg schießt, verstehe ich die Welt nicht mehr. Einfach Katastrophe.
Zum Spiel passte die irre Abfahrt. Eine ruhige Stimme empfahl uns, nicht die U-Bahn zu nehmen, sondern einen Bus. Dem folgten wir, ein großer Fehler, denn Busse standen zwar da, doch keiner fuhr weg. Die stehen wahrscheinlich jetzt noch da. Irgendwann zogen wir die Reißleine und gingen doch zum U-Bahnhof. Dort war zwar ein irrsinniges Gedränge, aber wenigstens bewegte sich etwas. Ich bin ja jetzt oft schon auch von ausverkauften Stadion wieder per U-Bahn heimgefahren, aber so ein Chaos habe ich noch nie erlebt. Wenn das tatsächlich bei jedem Bayernspiel so chaotisch ist, dann habe ich wenigstens ein ganz kleines bisschen Verständnis für all jene, die 10 Minuten vor Schluss das Spiel verlassen, obwohl das ein absolutes Nogo ist.
Die Stimmung war anfangs gut, aber sie wurde immer müder, Kein Vorwurf an irgendeinen Fan, erstaunlich viele sind eh andauernd was trinken holen gegangen. Verständliches schön saufen nennt man so etwas wohl.
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