Verdiente Sieger

Vorbemerkung: In diesem Text gehe ich auf die Finali um die EURO und die Copa ein. Ich plane für morgen noch eine längere Analyse der EM samt EM-Elf. Heute Nachmittag folgt noch der Wochenrückblick mit Hauptaugenmerk Wimbledon und Tour.

Spanien – England 2:1

Keine Frage: Spanien ist der verdiente Europameister: 7 Spiele, 7 Siege. Den Engländern ist letztlich ihr Ergebnisfußball zum Verhängnis geworden.
Die 1. Halbzeit kann ich getrost vergessen. Insgesamt gab es einen einzigen Torschuss beider Mannschaften. Lange krebsten die Engländer bei einem expected goals Wert von 0,02 (wer zum Teufel ermittelt eine 2-prozentige Torchance?).
Umso verheißungsvoller begann die 2. Halbzeit, als Jungstar Nico Williams ein Zuspiel des anderen Jungstars Lamine Yamal verwertete. In der Folge hätte Spanien nachlegen können, vergabn aber einige sehr gute Möglichkeiten, auch weil Englands Schlussmann Jordan Pickford vorzüglich hielt. Mitte der 2. Halbzeit lösten die Briten ihre auferlegten Fesseln, und siehe da nach einer wunderbaren Kombination über Saka und Bellingham traf der eingewechselte Palmer zum Ausgleich. Danach zog sich England für mich völlig unverständlich wieder zurück und ließ die durchaus beeindruckten Spanier wieder zurück ins Spiel. Ich hoffte schon auf eine Verlängerung, doch der eingewechselte Mikel Oyarzabal von Real Sociedad San Sebastian traf nach Zuspiel des erneut ausgepfiffenen Marc Cucurella. Dabei stand der Stürmer hauchzart nicht im Abseits, wie uns zumindest das Computer-Standbild vermittelte. Darf ich glauben oder eben auch nicht. Es folgte ein letzter Ansturm der Engländer, doch spätestens, als Dani Olmo für seinen geschlagenen Torwart auf der Linie per Kopf rettete, waren die Hoffnungen vorbei

Mann des Spiels
Nico Williams: Nicht nur wegen seines Tors der auffälligste Spanier. Ein ständiger Gefahrenherd

Stark trotzt der Niederlage
Bukayo Saka: Der Arsenal-Profi war defensiv stark und leitete auch einige vielversprechende Angriffe ein. Insgesamt ohnehin der konstanteste Engländer des Turniers.

Ausblick der Sieger
Was für eine rasante Entwicklung der Spanier. Im Vorfeld gehörte das Team höchstens zum erweiterten Kreis der Favoriten, es galt noch zu unerfahren für so ein langes Turnier, und der Höhepunkt war eigentlich erst für 2026 oder gar 2028 geplant. Die perfekte Mischung aus jung (Yamal, Nico Williams), mittel (Rodri, Fabian) und alt (Carvajal, Laporte). Und wer da noch so alles auf der Bank saß (Grimaldo, Ferran Torres) bzw verletzt fehlte (Pedri, Gavi) – es muss einem Angst und bange werden. Und Trainer de la Fuente, schon erfolgteich mit dem Olympia-Team und diversen Junioren-Mannschaften, hat gezeigt, dass er auch die Seleccion anleiten kann.
Fazit: Das Maß aller Dinge in Europa und vielleicht eine neue Ära.

Und die Verlierer?
Jetzt ist die EM rum, und ich weiß immer noch nicht Bescheid, was dieses Team wirklich auf der Pfanne hatte. Sie wirkten für mich wie ein Windhund, der nicht von der Leine gelassen wird. Immer wenn sie doch mal in den Offensiv-Modus schalteten (1. Halbzeit vs Holland, die 10 Minuten vor dem Ausgleich vs Spanien), zeigte sich das enorme Potenzial, und das obwohl einige Topspieler (Kane, Foden) nicht mehr in Top-Form waren. Ich wage die Behauptung, das andere Trainer als Southgate, nach dem 1:1 vs Spanien die Entschedung offensiv gesucht hätten, die Iberer nicht mehr ins Spiel zurückgelassen hätten.
Auf dem Papier ist die 2. Finalteilnahme bei einer EM hintereinander sicher ein Erfolg, auch für Gareth Southgate, aber es bleibt immer das blöde Gefühl des what if …
What if, wenn wir konsequent auf Sieg gespielt hätten. Wir werden es nie wissen.
Und doch: Die Engländer werden ihre Lehren ziehen. Das Potenzial ist da, auch in diesem Team steckt sehr viel Potenzial, wie auch die eingewechselten Palmer und Watkins zeigten, die das Spiel sichtlich belebten.

Argentinien – Kolumbien 1:0

Der Dreier ist perfekt. Argentinien hat nach der Copa 21, WM 22 alo auch die Copa 24 gewonnen. In einem sehr ausgeglichenen Finale war es auch hier ein eingewechselter Spieler, der die Entscheidung herbeiführte. Lautaro Martinez, Edeljoker der Albiceleste, traf nach brillanter Vorarbeit von Giovani Lo Celso.
Die Partie begann mit 90 Minuten Verspätung, weil es am Einlass Riesen-Probleme gab. Einige Fans versuchten, das Gelände zu stürmen. Kolumbien startete etwas aktiver, aber nicht konsequent genug. Den Cafeteros fehlt ein absoluter Klassestürmer im sonst so starken Kader. Insgesamt war es ein Abnutzungskampf, nicht wirklich schön anzusehen, aber von großer Intensität. Exzellente Abwehrreihen, weitgehend fehlerlose Torhüter. prägten das Geschehen.

Mann des Spiels
Emiliano Martinez: Hielt, was zu halten war. Sicherer Rückhalt einer ohnehin sehr starken Offensive.

Stark trotz der Niederlage
Carlos Cuesta: Hielt die Abwehr zusammen. Starker Defensiv-Verbund mit Davinson Sánchez.

Und sonst?
– Lionel Messi bestritt sein 5. Copa-Finale, Rekord! Er musste nach einer Verletzung (ohne Einwirkung des Gegners) nach 66 Minuten vom Platz.
– Wie beim Super Bowl gab es eine auf 25 Minuten verlängerte Pause. Shakira hatte einen großen Auftritt.

Ausblick der Sieger
Für einige Spieler (di Maria, Otamendi) war es der letzte große Auftritt im Team der Argentinier. Ob das auch für Messi gilt, müssen wir abwarten. Die nächste Generation steht jedenfalls bereit.

Und die Verlierer?
Kolumbien gehört zur absoluten Weltspitze. Es war die erste Niederlage nach 28 Partien, und sie waren nicht das schlechtere, sondern am Ende das unglücklichere Team. Für die WM erwarte ich einiges, auch wenn dann ein James Rodriguez noch mal 2 Jahre älter ist.

Tag der Endspiele

Was für ein Sport-Sonntag. Drei äußerst wichtige Endspiele stehen auf dem Programm. Die EURO in Deutschland wird mit der Partie Spanien gegen England abgeschlossen, bei der Copa America in den USA kämpfen Argentinien und Kolumbien um den Titel, und im Tennis-Endspiel in Wimbledon kommt es zur Neuauflage des Finals 2023 Carlos Arcáraz vs Novak Djokovic. Und quasi als Dreingabe steigt in den Pyrenäen die Königsetappe der Tour de France mit dem Schlussanstieg nach Plateau de Beille

So., 21.00: Spanien – England in Berlin (ARD und Magenta)

Gegensätzlicher könnten die beiden Finalisten das Turnier kaum bestritten haben. Hier die Spanier mit sechs meist überzeugenden Siegen in 6 Partien, hier die Engländer, die sich zumindest bis ins Halbfinale regelrecht durchgemogelt haben, aber dort gegen Holland zeigten, dass hinter den tollen Namen eben auch sehr gute Fußballer stehen. Trotzdem sind die Spanier bei vielen der Favorit, auch der des Herzens, weil der Fußball-Romanitker eben der besser und vor allem schöner spielenden Mannschaft den Titel gönnt. Und die Yamals, Nico Williams´und Olmos begeisterten, während auf der anderen Seite Foden, Bellingham und Kane nur sehr selten auftrumpften.
Ich persönlich sehe die Sache ausgeglichen, denn die Engländer haben die so wichtige Eigenschaft des Nicht-Aufgebens, des Nicht-Verlieren-Wollens. Im Achtelfinale gegen die Slowaken waren sie doch schon draußen, und dann gelingt Bellingham per Fallrückzieher (nicht ganz so klassisch-schön wie einst Klaus Fischer) noch der Ausgleich, aber das musst du erst mal hinbekommen. Und die Spanier? Haben bei all ihrer Klasse jetzt ihre K.-o.-Gegner auch nicht demontiert und gegen Deutschland etwa das nötige Glück gehabt, ohne das man die Titel halt auch nicht gewinnt.
Mein Herz ist zwiegespalten: Einerseits liebe ich seit jeher den englischen Fußball, den Elan. Ich litt mit beim oft tragischen Scheitern auch vom Elferpunkt (1996 und 2021 gar in Wembley), nach 1966 endlich den verdammten EM- oder WM-Titel zu holen. Auf der anderen Seite soll das doch nicht ausgerechnet dieses zynische Ergebnis-Team schaffen.
🧠 England. Reines Bauchgefühl     ❤️ Spanien

Mo., 02.00: Argentinien – Kolumbien in Miami (DAZN/sportdigital oder relive am nächsten Morgen, Störer vermeiden!)

Zum ersten Mal bestreiten diese beiden Teams das Copa-Finale. Mir haben die Kolumbianer bisher am besten gefallenmit dem erstaunlichen James Rodriguez, der 10 Jahre nach seiner tollen WM in Brasilien im xten Frühling ist und bisher der auffälligste Spieler im Turnier unter anderem mit 6 direkten Torvorlagen. So sind seine Freistöße und Eckbälle jederzeit brandgefährlich.
Die Argentinier haben insgesamt aber die besten Einzelspieler. Messi ist zwar in die Jahre gekommen, aber immer für einen Geniestreich durch. Lautaro Martinez hat schon 4 Treffer erzielt. Trainer Lionel Scaloni vertraut weitgehend auf seine Weltmeister 2022, für Otamendi und di Maria dürfte es das letzte Turnier sein.
🧠 Argentinien              ❤️ Kolumbien (es wäre die 2. Copa)

So., 15.00: Carlos Alcaraz – Novak Djokovic in Wimbledon (Prime)

Endspiel wie 2023, das viele ja gleich episch nannten. Diesmal sind die Vorzeichen anders, denn Carlos Alcaraz muss als klarer Favorit gelten. Er hat den viel schwierigeren Weg ins Finale am Ende souverän geschafft. Zumindest ich kann dagegen Djokovic immer noch nicht einschätzen. Schon ein medizinisches Wunder, dass er gut 3 Wochen nach einer Knie-Operation wieder spielfähig war. Die Auslosung meinte es mehr als gut für ihn, weil ihm zunächst gefährliche Rasenspieler erspart blieben und er sich einspielen konnte. Und im Achtelfinale und Halbfinale traf er mit Holger Rune und Lorenzo Musetti auf Kontrahenten, die ihm mit ihrer Spielweise auf Dauer nicht gefährlich werden können, vom Nichtantreten von De Minaur im Vietelfinale ganz zu schweigen.
Seis drum, der Djoker ist im Finale, und das ist allen Respekt wert. Er gefällt sich ja sehr in seiner Rolle als Buhmann, als Ungeliebter Superstar, eine Rolle die er auch jetzt immer wieder mit Wonne ausspielte und ihn keineswegs sympathischer machte. Disclaimer: Ich kann ihn seit Jahren nicht leiden, respektiere natürlich sein fantastisches Tennis. Dennoch

🧠 Alcaraz.       ❤️ Alcaraz (auch er ist übrigens nicht mein Lieblingsspieler der Tour)

So., – ca. 17.30: Tour, Loudenville – Plateau de Beille (BAK) ARD und Eurosport

Der zweite Ritt durch die Pyrenäen, vielleicht noch anspruchsvoller als gestern mit Tourmalet und Bergankunft Plat d´Adet. Denn am Ende wartet der brutale Anstieg hinauf nach Plateau de Beille (Horse Categorie) nach zuvor schon 3 Bergen der 1. Kategorie, und dort könnte schon am Ende der zweiten Tour-Woche eine Vorentscheidung im Kampf um den Gesamtsieg fallen, wenn Tadej Pogacar seinen Vorsprung von 1:57 Minuten hält oder gar ausbaut. Er ist der beste Kletterer im Feld, hat ein starkes Team um sich. Jonas Vingegaard und Remco Evenepoel (2:22) haben nach ihren schweren Stürzenim April  ihre Blessuren erstaunlich gut überwunden, aber für einen Pogacar in dieser  Form reicht es wohl nicht. Der hat gestern bewiesen, dass er der beste Mann im Feld ist. Oder können sie heute zurückschlagen?
Diese Drei machen den Toursieg unter sich aus, wenn nichts Außergewöhnliches passiert. Pogacar könnte seinen dritten Gesamtsieg feiern sowie das Doppel Giro/Tour. Für Vingegaard wäre es der dritte Sieg in Folge, und Evenepool wäre er erste Triumphator aus dem Radsportland Belgien seit Kletterkönig Lucien van Impe 1976.

🧠 Pogacar.        ❤️ Evenepoel

Aufholjagd der Astros

Blick über den Teich, MLB

Mehr als die Hälfte der regulären Saison ist jetzt absolviert (gut 90 Spiele), höchste Zeit für eine neue Übersicht. Was gleich auffällt. Die Houston Astros sind mächtig in Fahrt gekommen, sind mit 21:9 Siegen das beste Team der vergangenen 30 Partien. Anmerkung: Immer noch sind jeweils etwa 70 Spiele zu absolvieren, es kann also noch sehr viel passieren.

American League

Eastern Division
Die New York Yankees sind wieder etwas eingenordet (11:19), die Baltimore Orioles trotzen dem Verletzungspech bei den Pitchern, und die Boston Red kommen stark auf. Zurzeit trennen diese drei Teams gerade mal 5,5 Spiele. Sie dürften den Divisionssieg und die Wildcard-Plätze unter sich ausmachen, die Tampa Bay Rays und Toronto Blue Jays scheinen nicht mehr eingreifen zu können.

Central
Die Cleveland Guardians sind jetzt das beste Team der AL und führen ihre Division mit 4,5 Siegen vor den Minnesota Twins und 7,0 vor den Kansas City Chiefs an. Die Twins haben wieder ihre Scoring-Maschine angeworfen.

West
Da war ich wohl etwas vorschnell, als ich die Houston Astros abgeschrieben habe. Sie sind wieder bestens im Rennen, nur noch 2 Siege vor dem Sivisions-Führenden Seattle Mariners entfernt. Weiterhin nicht gut steht es um die Texas Rangers. Der Titelverteidiger hat weiter eine negative Bilanz.

WildCard
Die Spreu hat sich schon vom Weizen getrennt. Nach Lage der Dinge können mindestens die Rays, BlueJays, im Osten, die Detroit Tigers und Chicago White Sox (Mitte) sowie die Texas Rangers,  LA Angels und Oakland As die Saison abschreiben. Nur eine exorbitante Siegesserie würde da noch helfen.

National League

East
Dien Philadelphia Phillies marschieren weiter souverän voran, liegen weiter 9,5 Siege vor den Atlanta Braves und sind auch auf Kurs des Conference-Sieges (6,5 vor den LA Dodgers). Sie haben mit+123 mit Abstand das beste Verhältnis erzielter und erhaltener Runs. Die Mets haben sich aufgerafft und haben mittlerweile eine positive Bilanz mit tollem Trend (20:10, Bestwert NL).

Central
Die Milwaukee Brewers sind weiter vorn, aber die große Überraschung sind die St. Louis Cardinals, die mit nur 4 Siegen Abstand mittlerweile Divisionszweite sind und beste Chancen im Wildcard-Rennen haben. Die hatte ich ehrlich gesagt gar nicht mehr auf dem Schirm. Enttäuschend dagegen die Pittsburgh Pirates und vor allem die Chicago Cubs und Cincinatti Reds.

West
Die LA Dodgers werden sich den Divisionssieg kaum noch nehmen lassen. Immerhin haben sich die San Diego Padres und auch die Arizona Diamondbacks aufgerafft. Wöhrend die San Francisco Giants wenigstens noch im Sichtfeld herumschwirren, sind die Colorado Avalanche abgeschlagen.

WildCard
Zwischen Dodgers und Brewers gibt es ein nettes Duell um Platz 2 und den sicheren Play-off-Platz. Der Verlierer ist ziemlich sicher Divisionssieger und deshalb an 3 gesetzt. Ansonsten mischen noch fast alle Teams mit mehr oder weniger guten Chancen mit. Nur die Washington Nationals, Colorado Rockies und Miami Marlins habe ich abgeschrieben.

Stats
Home Runs: Aaron Judge hat mit 32 die meisten  vor Shohei Ohtani (28), aber die Produktion hat etwas nachgelassen: nur 4 in den vergangenen 15 Spielen, 0 in den letzten 7 Spielen).
Schlagdurchschnitt: Steven Kwan hat bei 297 At Bats satte 97-mal den Ball getroffen (0,361, das ist grandios).
Pitching: Seth Lugo hat als Starting Pitcher einen tollen ERA von nur 2,21. Für mich erstaunlich: In der gesamten Saison haben erst 16 Werfer ein komplettes Spiel absolviert, Max Fried von den Braves als einziger sogar zwei.

Kepler Watch
Das Auf und Ab geht weiter: Nachdem er lange nicht einmal einen Möbelwagen getroffen hat, schaffte er in den letzten 24 At Bats satte 9 Hits und musste nur 2 Strikeouts hinnehmen. Homerun-Maschine wird er diese Saison wohl keine mehr. Erst 6 stehen zu Buche, da wird er die 24 von der vergangenen Saison wohl nicht mehr schaffen.

Wundermann Southgate?

Halbfinale, Tag 2

England hat es geschafft und das Finale erreicht. Danke eines Siegtores in der 90. Minute des eingewechselten Ollie Watkins nach Vorarbeit des eingewechselten Cole Palmer. Hat Trainer Gareth Southgate also alles richtig gemacht. Ich überleg mir noch ein Fragezeichen.

England – Holland 2:1

Meine Erwartungen ans englische Team tendierten angesichts der bisherigen Leistungen gegen Null. Es konnte also nur besser werden als geglaubt. Und es wurde besser, denn von Beginn an beteiligte sich die Mannschaft aktiv am Spiel. Die Folge waren äußerst unterhaltsame erste 20, 25 Minuten, ähnlich wie beim 1. Halbfinale. Auch hier fielen frühe Tore: Xavi Simons brachte Oranje mit einem satten Schuss in den Winkel in Führung. Für mich unhaltbar für Jordan Pickford, doch es gab wenige, die dem Schlussmann eine Schuld atestierten, vielleicht auch einfach aus Gewohnheit, weil englische Torhüter grundsätzlich Schuld haben müssen. Schon in der 18. Minute besorgte Harry Kane per Strafstoß den Ausgleich, und dieser Strafstoß wurde leidenschaftlich diskutiert. Was war passiert? Harry Kane hatte abgezogen, klar übers Tor,  Hollands Verteidiger Denzel Dumfries kam beim Abwehrversuch zu spät und traf das ausschwingende Schussbein von Kane – oder umgekehrt?. Schiedsrichter Felix Zwayer konsultierte das Videogerät und entschied auf Strafstoß. Da zeigt sich der Wandel der Regel, denn früher wäre eine solche Aktion nicht strafwürdig gewesen, weil aus Stürmersicht die Situation schon abgeschlossen war.

In Folge hatte beide Teams Chancen. Dumfries traf mit seinem Kopfball die Oberkante der Latte, Phil Foden mit sattem Schuss den Außenpfosten, und einmal rettete Dumfries nach wunderbarem Solo von Foden (nicht wiederzuerkennen!) auf der Torlinie.
In der 2. Halbzeit waren die Holländer das aktivere Team mit besseren Chancen und hätten sich mE den Sieg verdient. Die Engländer wurden zunehmend passiv, aber längst nicht so destruktiv wie bisher im Turnier. Southgate nahm unter anderem die schwächer werdenden Kane und Foden aus der Partie und brachte eben Palmer und Watkins. Wohl dem, der eine solche Bank hat.

Mann des Tages
Phil Foden: Vor allem in der 1. halbzeit ein steter Unruheherd, kaum zu fassen von der Oranje-Abwehr.

Stark trotz der Niederlage:
Xavi Simons: Nicht nur wegen seines Tores der auffälligste Holländer. Glänzender Ballverteiler, allerdings fehlte die letzte Konsequenz.Gab alles und wurde entkräftet ausgewechselt.

Und sonst?
– Der deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer pfiff grundsolide und ohne große Fehler. Ließ viel laufen und lange Zeit auch die Karten stecken. Am Ende wurde die Partie hektischer, und er verlor ein bisschen seine Linie.
– endlich wieder Regen in Dortmund: Die Wasserfälle im Westfalenstadion wurden zum running Gag des Turniers.

Ausblick der Sieger
Ein Sieg fehlt jetzt den Engländern noch zum ersten großen Titel seit 1966. Die Hürde könnte mit Spanien kaum höher sein, aber sie sind schon viel weiter, als es ihnen wohl jeder nach den bestürzenden Leistungen zugetraut hätte. Was auch daran liegt, dass zwei Kardinalschwächen vieler englischer Teams, das Elfmeterschießen und der Torwart, diesmal eher stärken sind.
Fun fact 1: Noch nie stand ein englisches Männer-Team in einem Turnierfinale außerhalb der Insel.
Fun fact 2: England vs Spanien, dieses Duell zweier absoluter Fußball-Großmächte gibt es erst das zweite Mal bei einem großen Turnier, und zwar erstmals auf neutralem Boden. 1996  in England setzten sich die Gastgeber im Viertelfinale, 1982 bei der WM in Spanien gab es in der berüchtigten Zwischenrunde ein trostloses 0:0, weswegen die Deutschen ins Halbfinale einziehen durften.

Und die Verlierer?
Wie so viele anderen Teams fahren die Holländer heim, ohne wirklich zu wissen, was sie von diesem Turnier halten sollen. Als Gruppendritter ins Halbfinale zu kommen, klingt erst mal gut. Dort als gleichwertiges Team auszuscheiden, eher nicht. Fragen bleiben: Etwa die, warum Trainer Ronald Koeman konsequent auf den in der Bundesliga überragenden Jeremy Frimpong verzichtet hat, zumal ja viele Bundesliga-Spieler diesem Turnier den Stempel aufdrücken. Das Team insgesamt scheint jung aus ausgeglichen, zumal mit Frenkie de Jong und Teun Koopmeiners zwei ganz starke Mittelfeldakteure veletzt fehlten. Für mich haben die Holländer mit die beste Perspektive von allen EM-Teams.

Beschämende Pfiffe – und zwei Traumtore

Spanien – Frankreich 2:1

Offensive lacht

Leichtes Aufatmen bei mir: Das pragmatische Frankreich ist draußen. Bezwungen vom Turnierfavoriten Spanien.
Es ging fulminant los, fast mit offenem Visier auf beiden Seiten, was mich gerade bei den bisher so zurückhaltenden Franzosen ziemlich verwundert hat. Les Bleus hatten die linke Abwehrseite der Spanier als Schwachstelle ausgemacht, weil dort der 38-jährige Jesus Navas den gesperrten Daniel Carvajal ersetzen musste. Von dort fiel auch der Führungstreffer, als Kylian Mbappé einen hohen Ball kunstvoll unter Kontrolle brachte und eine maßgeschneiderte Flanke auf den Kopf von Ex-Frankfurter Kolo Muani setze, der nahezu ungehindert einnetzte.
Die Spanier nahmen das zur Kenntnis, ohne in Hektik zu verfallen, es war ja auch noch genug Zeit. Zwei Tore drehten die Partie, und was für welche! Erst narrte das 16-jährige Supertalent Lamine Yamal die französische Deckung und zirkelte den Ball fast aus dem Stand punktgenau via Innenpfosten in den Winkel. Für mich fast noch schöner war das 2:1 durch Dani Olmo. Nach einer schnellen Kombination nahme er das Spielgerät virtuos an, versetzte William Saliba mit einer sehenswerten, an Eleganz nicht zu überbietende Finte und schloss beherzt ab. Das nötige Glück half ihn, denn eigentlich hätte Jules Kounde den Schuss noch klären können.
So toll die Partie begann – sie flachte zunehmend ab. Auch als die Franzosen in der 2. Halbzeit endlich die Offensive suchten – es kam erstaunlich wenig Gefährliches zustande. So wurde Spaniens Torwart Unai Simon nicht ein einziges Mal ernsthaft geprüft. Gute Schussmöglichkeiten der Franzosen landeten in den Wolken. Die beste hatte Mbappé von der Strafraumgrenze nach herrlicher Vorarbeit des ansonsten sehr blassen Theo Hernandez, auch der Starstürmer verfehlte das Ziel weit. Apropos Mbappé: Insgesamt ein extrem enttäuschendes Turnier des zurzeit angeblich besten Fußballers der Welt. Ein Attribut, das er allerdings zumindest in diesem Jahr absolut nicht verdient hat, denn zuletzt war er auch bei PSG alles andere als in Top-Form. Natürlich behinderte ihn seine gebrochene Nase, obwohl er ohne Maske spielte, aber die alleine lasse ich als Entschuldigung nicht gelten, denn er ließ sich ja aufstellen.
Am Ende, keinerlei Aufbäumen, kein letztes Risiko gegen die ballfertigen Spanier, die sich wie gegen Dutschland allzusehr auf ihrem Vorsprung ausruhten. Aber im Gegensatz zu den Deutschen, die ja einige Top-Chancen herausspielten und sich den Ausgleich mehr als verdienten, blieben Les Bleus blass, trotz der tollen Namen, die da vorne so rumturnten. Namen, denen sie allerdings keine Ehre machten.Jetzt stellt sich die fast schon philosophische Frage: Hat Trainer Didier Deschamps erkannt, wie wenig mit seiner Offensive zu gewinnen ist und ließ deshalb so ultra-defensiv spielen. Oder hat der Coach mit dieser Defensivtaktik in einem Monat jegliche Spielfreude und Kreativität  ausgetrieben, dass sie diese nicht mehr finden konnten, als sie gebraucht waren.

Das pfeifende Ärgernis

Der Buhmann der Deutschen ist seit Freitag der Spanier Marc Cucurella. Jener Verteidiger, der mit seinem „hundertprozentig strafbarem Handspiel“ (Michael Ballack u.v.a.m.) einen doch so klaren Elfmeter verursachte, den der tomatenblinde Schiedsrichter Michael Taylor nur leider, leider nicht gab. Der Boulevard feuerte kräftig nach („die Hand Zottels“), und „Hand-TäterCucurella bekam den Zorn eines nicht kleinen Teils der deutschen Fans zu hören. Bei jeder seiner Ballberührungen drang ein gellendes Pfeifkonzert durch die Arena. Man stelle sich das vor: Zuschauer zahlen mehrere hundert Euro für ein Fußballspiel, sind dann beleidigt, dass ihr deutsches Team nicht mitspielt und pfeifen sich die Seele aus dem Leib – und das 90 Minuten lang. Ich fand das zum Fremdschämen, und wenn ich einige relativierende Kommentare lese (neben vielen, die das wie ich höchst unsportlich finden) schäme ich mich gleich noch mal fremd. Unter anderem wird Cucurella vorgeworfen, nicht nur dieses verbrecherische Handspiel begangen, sondern sich danach auch noch lustig gemacht zu haben. Ich kann das zumindest in diesem Interview zu keiner Sekunde erkennen.
https://www.youtube.com/watch?v=fE2h2P38PAA

Den besten Spruch dazu hat Patrick Strasser gebracht: „Cucurella auszupfeifen ist gerade so, als würde ich die zerlaufene Butter anschreien, weil der Kühlschrank seinen Dienst aufgegeben hat.“
Ein Letztes: Zeugen vor Ort haben beobachtet, dass auch einige Franzosen sich am Pfeifkonzert beteiligten. Das kann niemanden wirklich verwundern, wer bei den French Open das sich absurd echauffierende Publikum verfolgt. Diese Unfairness sucht ihresgleichen auf den Tenniscourts dieser Welt.

Mann des Tages
Dani Olmo: Erneut eine herausragende Leistung des Leipzigers, der angesichts seiner Glanzvorstellungen vielleicht nicht mehr lange für Red Bull spielt. Ballfertig, viel Spielübersicht und auch noch torgefährlich. Primus inter pares. Lamine Yamal setzt vielleicht noch glitzerndere Glanzlichter, aber er verstrickt sich in seinem jugendlichem Genietum manchmal in nicht aufzulösende Situationen. Das muss er auch unbedingt tun, und in zwei, drei jahren wird er dann ein absoluter Ausnahmeakteur sein. Vorausgesetzt, er darf sich bei Barca unter Trainer Hansi Flick weiter so entwickeln.

Stark trotz der Niederlage
Ousmane Dembele:Er versuchte es immer wieder über die Flügel mit Tempodribblings, aber er fand schlicht zu wenig Unterstützung

Und sonst?
letzte deutsche Revanche? Beim Versuch, nach dem Spiel einen Flitzer zu stoppen rutschte ein deutscher Ordner aus und prallte gegen das Bein von Spaniens Kapitän Alvaro Morata. Nein, es war natürlich keine Absicht, aber trotzdem sichtbar schmerzhaft für Morata, der höchstwahrscheinlich dennoch am Sonntag wieder fit sein dürfte.

Ausblick der Sieger
Wer soll sie stoppen, die Spanier? Vielleicht ihr eigener Stolz, eine gewisse Überheblichkeit. Doch Trainer Luis de la Fuente hat es bisher geschafft, das Team bei der Stange zu halten, warum sollte er seinen Weg verlassen. Zumal die gesperrten Carvajal und LeNormand wieder zurückkehren?

Die Verlierer
Zurück bleibt herbe Enttäuschung: Und zumindest bei mir der Gedanke, dass ich nie das „wahre“ Frankreich gesehen habe, dass mir perlender Champagnerfußball von einem allzu pragmatisch denkenden Didier Deschamps versagt wurde. Nicht wirklich überraschend angesichts der vergangenen Turniere, höchstens das Ausmaß, wie konsequent die Franzosen ihren „uns-völlig-wurscht-dass unser-Fußball-unnattraktiv ist, schaut doch was anderes“ Stiefel heruntergespielt haben. Ich hab ja auf die Fubßall-Verweigerer getippt und bin froh, danebengelegen zu haben.