Sieben Teams aus Nord- und Südamerika hatten sich fürs WM-Achtelfinale qualifiziert, nur Argentinien kam trotz des 0:2-Rückstands gegen Ägypten weiter. Auch weil der französische Schiedsrichter sehr großzügig mit Messi und Co. verfuhr. Ich will nicht von „Betrug“ sprechen, wie die am Ende total aufgebrachten Nordafrikaner, aber wie das Unparteiischen-Team um Monsieur Letexier Argentinien in praktisch jeder strittigen (und manches Mal auch unstrittigen) bevorzugt hatte, erzeugte bei mir schon einen üblen Geschmack, ein mulmiges Gefühl. Und angesichts der Irrsinnigkeiten der FIFA finden Verschwörungstheorien zurzeit halt sehr fruchtbaren Boden, zB diese: dass ein Messi fürs Turnier sehr viel gewinnbringender ist als ein Mo Salah und die Herrschaften Geldgeber ihn sehr gerne noch ein oder zwei oder sogar drei Spiele dabei hätten.
Ausgeschieden sind dagegen die drei Gastgeber (die ihre Schuldigkeit mit dem Achtelfinal-Einzug getan haben). Während Kanada gegen Marokko (0:3) und die USA gegen Belgien (1:4) praktisch chancenlos waren, lieferten die Mexikaner im bisher stimmungsvollsten Spiel des Turniers den Engländern einen fantastischen und mitreißenden Fight und verloren im legendären Azteka trotz langer Überzahl mit 2:3. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte besiegten damit die Engländer einen WM-Gastgeber
Durchmarsch der Europäer
Der Alte Kontinent stellt jetzt sechs der acht Viertelfinalisten, und allein Marokko und Argentinien können ein rein europäisches (Halb)-Finale verhindern. Einzig Portugal scheiterte im Achtelfinale im Iberoclasssico an Spanien. Ob trotz oder wegen eines Cristiano Ronaldo, bleibt mal dahingestellt. Der Altsstar zeigt in manchen Szenen immer noch seine Klasse, aber meines Erachtens steht er der Entwicklung seiner hochbegabten (allerdings etwas müde wirkenden) Mitspieler im Weg.
Während ich den torlosen Südamerika-Teams aus Kolumbien (gegen die Schweiz im Elferschießen nach 0:0 trotz Verlängerung) und vor allem Paraguay (0:1 nach übelster Treterei vs Frankreich) keine Träne nachweine, verhält sich das mit Brasilien etwas anders. Die Selecao scheiterte mit 1:2 an der „Goldenen Generation“ Norwegens mit deren Überstürmer Erling Haaland. Der erzielte zwei unglaublich tolle Tore, wie sie zurzeit auf der Welt allenfalls noch Englands Harry Kane zustandebringt. Letztlich ein verdienter Sieg der Wikinger, aber wer weiß, wie das Spiel verlaufen wäre, hätte zu Beginn Bruno seinen Elfmeter für Brasilien verwandelt. Das beliebte „was wäre, wenn“, ohne das kein Fußballfan auskommt …
Eines ist allerdings klar: Den Brasillianern fehlt es zurzeit an individuell überragenden Einzelspielern. Ein Grund dafür wird oft angegeben: Viel zu früh würden sich die Profis nach Europa aufmachen, um dort das große Geld zu verdienen. Sehr nachvollziehbar, auch angesichts der Armut, aus der sie häufig entfliehen, aber für die Entwicklung eben nicht gut.
Und jetzt, das Viertelfinale
Ansetzungen (MESZ)
Do., 22:00: Frankreich – Marokko in Boston (16 Uhr Ortszeit)
Fr., 21:00: Spanien – Belgien in LA (12 Uhr Ortszeit)
Sa., 23:00: Norwegen – England in Miami (17 Uhr Ortszeit)
So., 03:00: Argentinien – Schweiz in Kansas City (20 Ortszeit) in Argentinien: 22 Uhr.
Wieder vier verschiedene Anstoßzeiten (sogar nach Ortszeit). Auch nach einem Monat bin ich nicht dahintergestiegen, nach welchem Schema oder gar übergeordneten Sinn dieser Spiel“plan“ erstellt wurde.
Frankreich – Marokko
Die große Frage: Ist den Franzosen beim hartumkämpften 1:0 ohne Glanz gegen Paraguay ein Zacken aus der Zauberkrone gefallen oder braucht es für den Titel ein solches Schweinespiel? Ich neige zur zweiten These, und tatsächlich bleiben die Franzosen für mich Titelkandidat Nummer 1 – neben Spanien.
Die Aufgabe Marokko wird allerdings keineswegs einfach(er). Die Afrikaner haben sich als das klar beste/erfolgreichste Team ihres Kontinents etabliert und bestätgten letztlich eindrucksvoll ihre Halbfinal-Teilnahme 2022, in dem sie an Frankreich scheiterten …
Vielleicht fehlt Marokko der überragende Angreifer, der Knipser, der die Chancen auch verwertet (ein Grundübel aller afrikanischen Mannschaften), aber die Mannschaft ist glänzend organsiert und hat mit Hakimi den vielleicht besten (Außen)-Verteidiger des Turniers in ihren Reihen
🧠 Frankreich
Es wird wahrscheinlich extrem mühsam, aber letztlich dürfte die individuelle Ausnahmeklasse des Angriffs um Mbappé, Olise und Dembélé entscheiden. Ein Geistesblitz wird schon runterfallen …
Spanien – Belgien
In meinem „kicktipp“-Wettspiel vor dem Turnier erwählte ich die Spanier zum kommenden Weltmeister. Viele Gründe geben mir die Iberer nicht, warum ich davon abkommen sollte. Sie mögen nicht so zaubern wie die Franzosen, aber das fast perfekt zusammengestellte Team gibt kaum Angriffsflächen. Noch immer musste (der sehr starke) Schlussmann Unai Simon keinen Gegentreffer hinnehmen. Das kompensiert die vielleicht nicht ganz so großartige Offensive, weil einerseits Jungstar Lamine Yamal nicht in absoluter Top-Form ist (es reicht immer noch, um Abwehrspieler kirre zu machen) und Mittelstürmer Oyarzabal nicht an die überragenden Kane und Haaland heranreicht (wer tut das schon?).
Belgien hat sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Dass 4:1 gegen die USA war ungeachtet des Balogun-Irrsinns ein spielerisches und taktisches Meisterwerk. Es wäre sehr leichtfertig von den Spaniern, wenn man die „Roten Teufel“ unterschätzen würde, nur weil die USA vermeintlich nicht so gut waren. Für mich ist Belgiens Trainer Raul Garcia einer der Helden: Weil er es gewagt hat, die vermeintlichen Topstars mit klangvollen Namen De Bruyne, Doku und Lukako (erst mal) auf die Bank zu setzen. Das Team scheint gefestigt, auch fantasievoll im Angriff, und Torwart Thibault Courtois kann in einem Spiel ohnehin über sich und seine 1,98 Meter hinauswachsen.
🧠 Spanien
Es ist keine gmahde Wiesn, wie der Münchner so schön sagt. Aber mir fehlt dann doch die Fantasie, wie Belgien dieser perfekt eingespielten Seleccion ernsthaft gefährlich werden will.
Norwegen – England
Das ist viel mehr als das Duell der beiden Ausnahmestürmer Erling Haaland und Harry Kane. Den Trainern Sture Solbakken und Thomas Tuchel ist es gelungen, sehr gut aufeinander abgestimmte Teams zu bilden (im besten Sinne des Wortes). Will sagen: Da spielen jeweils elf Leute toll zusammen nach einem vorher aufgestellten Plan, der unter anderem beinhaltet, dem Superstürmer Chancen zu kreiieren.
Die Norweger haben gerade eine „Goldene Generation“ mit mehreren absolut herausragenden Akteuren wie der wunderbare Mittelfeldmann Martin Ödegaard, der gegen Braslien eingewechselte Schelderup und nicht zuletzt der vortreffliche Schlussmann Örjan Nyland. Und Haaland!
Thomas Tuchel seinerseits musste sich ja viel Kritik anhören, weil er Spieler mit klangvollen Namen (Foden, Palmer) zu Hause gelassen hat. Wer sein Team im Aztekenstadion hat kämpfen sehen (in Höhenlage, in Unterzahl, gegen fanatisch-feindliches Publikum im besten Sinn), der muss ihm jetzt Abbitte leisten. Was die Experten at home schon längst getan haben; die ihm Blumen streuen und vom besten K.o-Spiel seit der WM 1966 (!) sprechen (schon erwähnt, dass der Engländer im Fußball zu Superlativen neigt?).
Natürlich wird derselbe (Boulevard-)Experte Tuchel und sein Team verdammen nach einer Niederlage, erst recht gegen Norwegen, aber hier kann wirklich etwas entstehen.
🧠 England, Norwegen
Für mich eine komplett offene Partie. Gewinnen wird, wer den Top-Stürmer am besten in Stellung bringt. Oder das Elferschießen, und sogar das sollen die Engländer gelernt haben …
❤️ England
Die Norweger mögen es mir verzeihen. Aber England ist einfach mal dran. Nicht nur fürs Halbfinale, sondern für den ganz großen Wurf. Und wenn es doch die Norweger werden? Dann werde ich als Erster gratulieren und im Fitness-Center eine Ruder-Einheit einlegen. Eine tolle Anleitung habe ich ja
Argentinien – Schweiz
„Die Schweiz wird Weltmeister“, sagte mein guter Freund F. vorm Turnier, als wir gemeinsam am Bodensee waren – ein Monat ists schon her. Wie ernst er es gemeint hat? – keine Ahnung. Aber das Team von Murat Yakin ist eines der großen Turnier-Gewinner, fast egal, wie es ausgeht. Im besten Sinne Teamarbeit verrichten die Granit Xhakas und Co, und wenn im Achtelfinale gegen Kolumbien (vor einer Auswärtskulisse in Vancouver) der bis dato auffälligste Offensivmann Manzambi vom SC Freiburg verletzungsbedingt fehlt, so what?
Ob das allerdings auch gegen Argentinien reicht? Zweifel sind dann doch angebracht, obwohl für mich die Südamerikaner immer noch nicht greifbar sind. Gegen Ägypten stand das Team nach 0:2-Rückstand und bis dato enttäuschender Leistung vor dem Aus, ehe man sich aufraffte und noch mit 3:2 gewann. Entscheidend die Füße dabei im Spiel hatte mal wieder Lionel Messi mit einer Torvorlage zum 1:2 und dem Tor (seinem achten Turniertreffer) zum 2:2.
Messi – das große Phänomen dieser WM. Minutenlang sieht man ihn gar nicht. Er läuft mit Abstand am wenigsten, aber wenn er mal am Ball ist, dann geschieht meist etwas Sinnvolles und für den Gegner Kreuzgefährliches. Ausschalten konnte bisher niemand diesen Ausnahmespieler, und jetzt soll das ausgerechnet ein Durchschnittskicker wie Nico Elvedi vom Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern schaffen?
Und das übrige Team: Zeigte Willen nach dem 0:2-Rückstand. Die Titelverteidigung bleibt das große Ziel (es wäre die erste nach Brasiliens Doppel 1958/62). Noch immer habe ich außerdem das dumpfe Gefühl, dass ein Julian Alvarez, ein Fernandez (Siegtor gegen Ägypten), auch ein MacAllister noch viel mehr auf dem Kasten haben.
🧠 Argentinien
Messi wirds richten oder Alvarez oder, oder. Und wenn alle Stricke reißen, Schlussmann Martinez im Elferschießen. Lieber F., es tut mir Leid …
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