Leistungssport ist mittlerweile in vielen Bereichen eine todernste Angelegenheit, durchgetaktet und -organisiert bis ins Letzte. Doch manchmal gibt es Geschichten und Geschichtchen, die das Herz erfreuen.

Anmerkung: Ich will die Hauptdarstellerin wirklich auf keinen Fall lächerlich machen.

 

Jeder Tennisspieler, jede Akteurin des Weißen Sports hat diesen Traum: Einmal bei den Profis mitwirken, zeigen, dass man kaum schlechter ist als die Wirkllichkeit. Vor der Umsetzung dieser Träume schützt (in beide Richtungen, wie ich behaupten möchte), die Weltrangliste und daraus folgende Qualifikationskriterien. In der Theorie, wie sich zeigen sollte.

Ein Frauen-Turnier Irgendwo in Afrika (das musste jetzt sein), genauer Nairobi/Kenia. Sehr untere Kategorie, sogenanntes W35 (es gibt sogar noch W15). Eine Teilnehmerin sagt ab, das geschieht. Auf der Suche nach Ersatz stoßen die Organisatoren auf Hajar Abdelkader, der sie eine Wild Card geben. Sie hatten sie gefragt, ob sie Tennis spielen könne, und die Ägypterin sagte „Ja“ und behauptete gar, ausreichende Wettkampferfahrung mitzubringen. Das genügte. (Ich erinnere mich sofort an den Witz, den mein Vater oft erzählte: „Können Sie Klavier spielen?“ – „Keine Ahnung, ich habe es noch nie probiert.“)

Nun denn, Frau Abdelkader durfte tatsächlich auf den Platz, in einem regulären Profiturnier mit Schiedsrichter und allem Drum und Dran. Und schnell beschlich die Zuschauer das Gefühl, das der Begriff „Tennis spielen können“ offenbar ein sehr dehnbarer ist. Uncharmanter gesagt: Die gute Hajar (ich darf doch Hajar sagen) hatte kaum Ahnung, wie man den Schläger hält, geschweige denn, was damit anzufangen ist. Was zugegebenermaßen auch nicht das Einfachste ist, sogar die Topstars üben stundenlang pro Tag.
Auf der anderen Seite des Feldes stand Lorena Schoedel, die deutsche Nummer 1026 in der Welt, eine 25-jährige Lehramtstudentin, wie das „Tennis Magazin“ ermittelte. Die das Ganze  offenbar recht ernst nahm. Anfangs, weil sie vielleicht keine Ahnung hatte, was da eigentlich los war, danach, um sich gegen eine Anfängerin nicht unsterblich zu blamieren.
Das Ergebnis überrascht dann nicht: 6:0, 6:0, für Schoedel versteht sich* … Ganze drei Punkte (von 51) ergatterte die überforderte Ägypterin. Zwei resultierten aus Doppelfehlern von Schoedel (die 1026 der Welt), einer aus einem leichten Fehler der Deutschen. Auf der anderen Seite fabrizierte Mrs. Hajar 20 Doppelfehler – bei insgesamt 6 Aufschlagspielen und dabei überhaupt nur 24 ausgespielten (naja) Punkten ist das eine stolze Leistung.
Immerhin 37 Minuten dauerte das Ganze: aber nur aufgrund der Tatsache, dass es keine Ballkinder gab und sich die Spielerinnen die kreuz und quer durch die Landschaft (Irgendwo nach Afrika, schenkelklopf) geschossenen Bälle erst wieder zusammenklauben mussten.
Weil heutzutage sehr wenig geheim bleibt auf dieser Welt, gibt es von der Glanzleistung auch ein Video.

https://www.youtube.com/watch?v=QsDPcwwKcZQ

Schon der kurze Schnipsel zeigt (offenbar gibt es auch die volle Version der Partie), dass mehr als bloße Aufregung die 20 Doppelfehler von Hajar Abdelkader verursachten. Eher stellt sich die Frage, wie sie überhaupt 4 Bälle regulär ins Feld gebracht hat, davon Chronisten zufolge sogar einen ersten Aufschlag. Abdelkanar schien auch die Regeln nicht zu kennen und musste von ihrer Spielpartnerin („Gegnerin“ erscheint mir hier ein sehr hartes Wort) angeleitet werden, wie die Regeln sind: wer zum Beispiel wann von wo aufschlagen muss. Ob die Ägypterin wenigstens die Zählweise (15, 30, 40) beherrschte, ist leider nicht übermittelt.

Das Netz der Netze schäumte: „Schlechtestes Profidebüt aller Zeiten“, war noch das Harmloseste, was es  zu lesen gab. Tennis Kenya sah sich genötigt, eine Entschuldigung auszusprechen. „Im Nachhinein hätte diese Wildcard nicht vergeben werden dürfen. Es wird nie wieder geschehen.“ Ob ich das bedauern solloder erfreut zur Kenntnis nehme, überlasse ich der Fantasie meiner Leserinnen und Leser.

 

* Wer jetzt noch nägelkauend auf den weiteren Turnier-Verlauf von Schoedel wartet: Sie verlor in der 2. Runde gegen Yufei Ren, und die ist immerhin schon Nr. 486 der Welt.