Ich kann es natürlich nicht wissen, was bei mir tatsächlich für Jahre hängen bleibt, aber ein paar Höhepunkte (welche Wettkampf hat mich geflasht) und Momente (für Jahre, wenn nicht die Ewigkeit) werden sich bestimmt über den Tag hinaus in mein Gedächtnis eingegraben haben.
Absolute Höhepunkte (ohne Abstufung)
Abfahrt der Männer
Die erste Entscheidung überhaupt. Auf der monumentalen Stelvio (eh mein Liebling – noch vor der Streif), die sich bei Kaiserwetter zwar als schwierig, aber doch fahrbar und fair präsentierte (das haben wir im Weltcup jeweils Ende Dezember schon anders gesehen). Mit dem grandiosen Sieger Franjo van Allmen und den zwei Italienern Giovanni Franzoni und Dominik Paris auf dem Podium. Besser kann es nicht (los)gehen, zumal auch keiner der Starter zu Sturz kam. Die beste Olympia-Abfahrt aller Zeiten, hatte ich geschrieben, dieser Eindruck hat sich komplett verfestigt.
Franjo van Allmen gewann dann noch zwei Gold-Medaillen, ist vielleicht der größte Olympia-Held, den die Schweiz je hervorgebracht hat.
Big Air – tollkühne Männer auch ohne verrückte Kiste
Schon die Frauen lieferten ein grandioses Sprung-Spektakel ab, doch was tags darauf die Männer zeigten, sprengte zumindest mein Vorstellungsvermögen. Allein das Ambiente, die verschneite Schanze in Livigno und die tanzenden Schneeflocken im Flutlicht. Und dann die 12 tollkühnen Männer auf ihren Skiern, die sich von der Riesenschanze in die Luft schleudern ließen und nach unzähligen Schrauben und Saltis (bis zu sechsfach, wie die Super-Slomo ergab) wieder zu landen, nicht immer sicher, aber fast immer gut drauf.
Was mir aber am besten gefiel: Wie locker die Aktiven miteinander umgingen, wie grandiose Leistungen des Anderen mit echter Freude quittiert wurden. Vielleicht manches auch aufgesetzt und geschauspielert, aber gerade hier, im eher abgelegenen Livigno, da tauchte er auf, der Olympische Geist. Jeder tat sein Bestes, freute sich, wenn ein zusätzliches Schräubchen hier und ein Salto dort gelang, und die anderen freuten sich mit und klatschten ab (im Zweifel wird der Viertplatzierte trotzdem vor Ärger in ein Kantholz gebissen haben).
Wer am Ende gewann? Ich müsste nachschauen, ist auch egal. Bleiben wird der Eindruck einer der tollsten Olympia-Stunden (die tollste?), die ich in den vergangenen 2 Wochen erleben durfte.
(Eis)Kunst, zum Weinen schön
Mit Eiskunstlauf habe ich es nun wirklich nicht, aber bei Olympia gucke ich doch gerne den Besten zu. Beinahe hätte ich die Japaner Riku Miura und Ryuichi Kihara verpasst, weil sie schon als Fünftletzte zu ihrer Kür starteten. Es folgten 4 Minuten des Glücks, der technischen Perfektion und der großen Kunst, die die beiden aufs Eis zauberten. Kein Wackler, kein Auspendeln, dafür perfekte Harmonie. Gott sei Dank auch wenig Dazwischengequatsche des Kommentators. Als es vorbei war, war Ryuichi Kihara völlig aufgelöst. Den Kampf gegen seine Tränen verlor er haushoch, aber er wusste halt, dass er und seine Partnerin einen der ganz großen Momente der olympischen Geschichte geschaffen hatten, wie die Eistänzer Jane Torvill und Christopher Deans Bolero 1984 (!).
Gut eine halbe Stunde später stand dann auch fest, dass Riku Miura und Ryuichi Kihara Gold gewonnen hatten (auch weil die Deutschen Minerva Hase und Nikita Volodin gepatzt hatten). Doch das war an diesem magischen Abend fast schon egal. Domo Arigato.
3 Tage später die Frauen-Kür. Und hier Alysa Liu aus den USA. Die sehr viel durchgemacht und zeitweise sogar mit Leistungssport aufgehört hatte. Jetzt war sie wieder zurück – und wie. Ein nahezu perfektes Programm gelang ihr, voller Esprit und sportlicher Höchstschweirigkeiten. Noch viel beeindruckender allerdings die Minuten danach. Normalerweise ist die Kiss-and-Cry-Szenerie so gar nicht mein Ding. Jetzt strahlte da eine junge Frau, vollkommen mit sich im Reinen. Sie hatte ihre Frisur aufgelöst und lange Haare mit abwechselnd braunen und platingoldenen Streifen fielen hinab („wie Jahresstreifen“, erklärte sie). „Ich liebe das Leben“, betonte Alysa Liu dann noch. Wenn ich jemanden irgendetwas glaube, dann dieser wunderbaren 22-Jährigen – und zu diesem Glück, da wette ich, bedurfte es nicht der olympischen Goldmedaille.
Hellebuyck – Kanadas Nemesis
Die letzte Entscheidung am gestrigen Sonntag: Eishockey der Männer, das Traumfinale USA gegen Kanada – noch aufgeputscht durch die Übernahmefantasien von Donald Trump. Für Kanada ist Eishockey-Gold das mit Abstand wichtigste bei jeden Spielen, manche sagen sogar: das einzige Gold, was zählt. Vor allem, weil 2026 zum ersten mal seit 2014 wieder alle NHL-Profis dabei waren.
Erzrivalen für die Ewigkeit, eine enorm umkämpfte Partie, insgesamt 62 Minuten Rasanz. Und schnell kristallliserte sich heraus: Es sollte das Match des Connor Hellebuyck werden, dem Giganten im US-Tor. Mit stoischer Ruhe wehrte er auch die gefährlichsten Schüsse ab, ließ sich nur einmal bezwingen; chancenlos war er beim 1:1, das die Kanadier im 2. Drittel erzielten.
Gerade im 3. Drittel wuchs er über sich hinaus, als die Kanadier sich im Minutentakt die besten Chancen erarbeiteten und jedes mal doch scheiterten. An Helleybuycks Schonern, an den Handschuhen, einmal sogar am Schläger (noch immer weiß niemand, wie Hellebuyck das geschafft hat. Sogar eine 3:5-Unterzahl überstanden die US Boys mehr als eine Minute, allein wegen Hellebuyck.
So retteten sich die USA in die Overtime, wo sie dann nicht mehr 5 gegen 5 spielen, sondern 3 gegen 3. Eine komplett andere Sportart ist das, zwar äußerst unterhaltsam, aber mit dem beinharten Hockey hat das absolut nichts mehr zu tun. Völlig andere Raumaufteilung. „Die USA werden gewinnen“, sagte ZDF-Expertin Kathrin Lehmann, und sie sollte recht behalten. Jack Hughes traf schon nach 1:41 Minuten – trotz zwei verlorener Zähen, wie sein Siegeslächseln verdeutlichte. Doch als strahlenden Helden und Matchwinner feierten die US Boy – Connor Hellebuyck.
Die Kanadier? Versteinert. Äußerst schweigsam. Leere Gescihter, als sie erst Silbermedaille, dann noch das Plüsch-Hermelin überreicht bekamen. Conor McDavid, der Superstar der vielen Topstars: Wieder ohne Titel nach 2 verlorenen Finals im Stanley Cup mit den Edmonton Oilers. Wieder mal eine persönliche Auszeichnung als bester Spieler, aber die sind ihm völlig egal. In Erklärungsnot sind nicht nur die Spieler, sondern auch alle Trainer. Das ganze komplett eishockey-verrückte Land verlangt Aufklärung, warum dieses Spiel verloren ging. Die naheliegende Antwort „Hellebuyck“ wird trotz aller Richtigkeit nicht genügen.
Hellebuyck verdient sein Geld übrigens in Kanada – beim NHL-Team Winnipeg Jets. Mal sehen, ob sie ihn mit seinem Gold und der Auszeichnung „bester Torwart des Turniers“ überhaupt zurück ins Land lassen.
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