Um es vorwegzunehmen. Ich war immer ein klarer Verfechter des VAR, also Video Assistant Referee, der am Bildschirm die schlimmsten Fehler der Schiedrichter auf dem Feld korrigieren würde. Also keine Phantomtore hier, nicht gepfiffene Schwalben dort. an Deutlichkeit nicht zu übersehen heißt es: Nur klare Fehlentscheidungen können überprüft werden.

Meine Freude darob wird auch nach sieben Jahren Woche für Woche auf eine harte Probe gestellt. Weil die Schiedsrichter im Kölner Keller (noch: Bundesliga) und sonstwo vor ihren Bildschirmen für ständigen Unmut sorgen. Sie greifen mE viel zu oft ein (gefühlt: immer, wenn irgendetwas vermeintlich nicht passt) und oft auch falsch. ihre Entscheidungen sind nicht stringent und auch losgelöst von der Spielleitung (streng oder locker?). Millimeter-Abseits (wo ist das schöne im Zweifel für den Angreifer geblieben?) per kalibrierter Linie (die trotz Halbautomatik nicht die allein seligmachende Wahrheit ist) und die immer konfusere Handspiel-Auslegung (ich versuche gar nicht erst, sie zu verstehen) tun ihr Übriges. Die Überprüfung dauert ewig (warum kein Zeitlmit? Wenn nach 2 oder meinetwegen Minuten kein fehle feststellbar, bleibts bei der ursprünglichen Entscheidung). Niemand traut sich mehr zu jubeln, weil der Torpfiff allenfalls ein vorläufiger ist.

Immerhin ein Gutes hatte das Ganze bisher: die Eingriffe durften nur bei 3 speziellen Situationen (vereinfacht: Tor, Elfmeter, Rote Karte) erfolgen. Wer die FIFA und ihre irrlichternden Entscheider (es sind tatsächlich ausschließlich Männer) kennt und fürchtet, ahnte, dass es dabei nicht bleiben würde. Und tatsächlich: In der vergangeen Woche trat das IFAB (das Regelkomitee der FIFA, mehr siehe unten) zusammen und gebar den nächsten Blödsinn, ich kann es leider nicht anders sagen. Künftig wird der VAR auch Eckbälle überprüfen. Angeblich soll das ganz schnell gehen, also kaum länger, als es ohnehin dauert, bis der Ball wieder im Spiel ist. Auf dem ersten Blick mag es tatsächlich einfach erscheinen, ob der Verteidiger oder Stürmer zuletzt am Ball gewesen ist. Das Gegenteil sehen wir bei jedem NBA-Spiel. Dort dürfen nämlich die Trainer eine solche Aus-Entscheidung mittels Challenge anfechten. Dann sehen wir in Super-Zeitlupe einen zwischen Spieler A und Spieler B hin und her flippernden Ball und erkennen auch viel: die toll definierten Arme, die breiten Schultern und/oder die riesigen Hände der Kombatanten. Was wir meist auf keinen Fall sicher erkennen: Wer denn jetzt zuletzt am Ball war? Nicht anders wird es im Fußball sein: die wirklich strittigen Fälle wird auch der VAR nicht lösen können (aber er wird notgedrungen so tun). Der ehemalige deutsche Top-Schiedsrichter Felix Brych hatte das bewährte Mittel: Im Zweifel gibt es Abstoß. Denn ein zu Unrecht nicht gegebener Eckball (also Abstoß) wird nie so viel Ärger machen wie ein zu Unrecht gegebener Eckball, der unmittelbar zu einem Tor führen kann (wie wir grade allzuoft sehen). Und was ist mit etwaigen Regelverstößen vorm Eckball? Wie weit soll „zurückgespult“ werden? Wird dann ein nicht gegebenes Foul gepfiffen? Alles völlig unklar, wie das gehandhabt werden soll. Es ist typisch für die von Kriminellen geführte FIFA, ein eh schon komplett verfahrenes Ding wie den VAR noch komplizierter und langwieriger zu machen.

Auch die anderen Regeländerungen sind beim näheren Betrachten alles andere als zielführend.

  • So darf der VAR jetzt auch bei einer 2. Gelben Karte für den Spieler X einschreiten, die ja eine Gelb-Rote Karte und damit den Ausschluss zur Folge hat. In der Therorie muss der VAR also bei jedem Foul (eigentlich ja: Zweikampf)  eines Gelb-belasteten Spielers prüfen, ob ein Foul erneut Gelb-würdig war (das ist zumindest die letzte Konsequenz). In der Praxis soll er wohl nur einschreiten, ob eine zweite Gelbe Karte zurecht gezogen wurde (wenn ichs halbwegs richtig verstanden habe). Weiter völlig außen vor bleibt dabei, ob denn die erste Gelbe Karte, auch weiterhin nicht überprüfbar, zu Recht oder zu Unrecht gezogen wurde (wobei dieses in vielen Fällen auch eine reine Ermessensentscheidung des Schiris ist). Ich bin wirklich gespannt, wie das umgesetzt wird.
  • Um das Zeitspiel einzugrenzen, soll der Ball wieder schneller im Spiel sein, das wäre tatsächlich toll. Mit der Folge, dass künftig auch bei Einwürfen und Abstößen die 8-Sekunden-Regel gelten soll. Werden diese überschritten, soll das Recht am Ball wechseln (Einwurf der anderen Mannschaft, Ecke Team B statt Abstoß Team A). Klingt gut, aber dem Schiedsrichter obliegt jeweils die Aufgabe, die letzten 5 Sekunden per Finger anzuzeigen (zurückzählt). Also eine weitere Pflicht, obwohl die Schiris jetzt schon mit dem immer schnelleren Spiel überfordert scheinen (ich sags sehr, sehr freundlich).
    Es gäbe ja eine ganz einfache, zugegebenermaßen revolutionäre, Möglichkeit, das Zeitspiel zumindest folgenlos zu machen: die effektive Spielzeit (2x 30 oder 2x 35 Minuten). Entweder wie im Basketball bei jeder Unterbrechung oder wie im Handball bei längeren Pausen (etwa nach Verletzungen, bei Auswechslungen) auf Zeichen des Schiris (das berühmte „T“). Die effektive Spielzeit hätte den höchst erfreulichen Nebeneffekt, dass die Nachspielzeit wegfiele (und hier die Nachspielzeit der Nachspielzeit). Fußball ist weiterhin die einzige Sportart, wo es allein im Ermessen des Schiris liegt, wann wirklich Schluss ist (den Sonderfall Rugby und „letzter Angriff“ lasse ich jetzt außen vor). Das wiederum ist der Urquell von sehr vielem und sehr großem Unmut Woche für Woche.

All diese Änderungen treten ab Juni 2026 in Kraft. Die WM-Spiele 2026 ab 8. Juni sind also der erste Versuchsballon, ob und wie diese gehandhabt werden, es bleibt also null Zeit fürs Justieren, und die möglichen Problemfelder der Änderungen habe ich ja aufgezählt. Die Kombattanten des wichtigsten Turniers eines 4-Jahres-Zeitraum sind also die Versuchskaninchen, ob es klappt. „Interessant“ ist noch das freundlichste Wort, das mir dazu einfällt.

 

IFAB – ein beonderer  Fall für sich

Steht für International Football Association Board: also das internationale Gremium, das  sämtliche Regeländerungen berät und beschließt. Einmal im Jahr (Ende Februar/Anfang März) kommen die Vertreter für ein Wochenende meist in einem schicken Resort auf einer britischen Insel zusammen.
Das entscheidende Gremium besteht immer aus acht Männern (Frauen sind nicht per se ausgeschlossen, es war aber noch nie eine dabei). Gleich 4 Vertreter kommen aus Großbritannien, seit jeher je einer aus England, Schottland, Wales und Irland. Weil die Briten als Mutterland des Fußball gelten und die Grundregeln aufgestellt haben im späten 19. Jahrhundert, soll nichts über ihren Kopf entscheiden werden. Klang schon immer etwas schräg, wird umso schräger, weil die Briten im Weltfußballs schon längst die Herrschaft abgegeben haben. Aber da sieht sich die FIFA plötzlich der Tradition verpflichtet, die sie sonst so gerne mit Füßen tritt (sic). Die anderen vier Mitglieder stellt die FIFA, der Präsident (zurzeit also Gianni Infantino einer von ihnen). Um eine Regeländerung durchzusetzen bedarf es sechs Stimmen. Eine Besonderheit gibt es außerdem noch. Die 4 FIFA-Mitglieder müssen en bloc abstimmen, also mit einer Stimme sprechen, die Briten dürfen splitten.

Die Besonderheit der Zusammensetzung ist natürlich komplett antiquiert. Sie hat allerdings den unbestreitbaren Vorteil, dass Modetrends sich eben nicht sofort in veränderten Regeln wiederfinden.

Natürlich handeln diese 8 Herrschaften nicht im luftleeren Raum. Es gibt eine Unzahl von Beratern (ehemalige Spieler und Trainer). Oft gibt es tatsächlich Versuchsanordnung in einer (nicht zu wichtigen) Liga, in der auch unterschiedliche Ansätze der Regelauslegung ausprobiert werden.