Meine selbstverordnete Kurz-Pause war nur einmal ernsthaft in Gefahr: nach dem indiskutablen Auftritt des deutschen Eisschnelllauf-Chefs Matthias Große, der auch den letzten Funken Anstand und auch sämtliche Gepflogenheiten einer kritischen Auseinandersetzung vemissen ließ.
Was war passiert? Der deutsche Eisschnelllauf-Verband lud zu einer Presse-Konferenz, so weit, so normal. Diese fand im Müggelturm in Berlin-Köpenick statt, das sich im Eigentum von des Verbands-Chefs Große befindet, schon ungewöhnlicher, aber im verfilzten deutschen Funktionärstum ist auch derlei schon vorgekommen. In seiner Eigenschaft als Hausherr lud Große die beiden ARD-Journalisten Hajo Seppelt und Jörg Mebus von der Pk aus, er machte von seinem Hausrecht Gebrauch, noch ungewöhnlicher, aber mit deutschem Recht vereinbar: Niemand muss ihm nicht genehme Personen auf sein Grundstück lassen. Was eher nicht geht: Privatleben und öffentliche Funktion (das ist Große nun mal der Verbands-Chef einer olympischen Sportart, die öffentliche Gelder erhält) zu verquicken. Auf neutralem Gebiet wäre ein solcher Ausschluss schlicht undenkbar.
Hajo Seppelt und Jörg Mebus wurden nicht eingeladen, weil sie noch vor Olympia ein äußerst kritisches Stück über die DESG und deren Chef verfasst hatten. „Ein Klima der Angst“ herrsche dort, war ein Punkt, vorn absurden Zahlungen war die Rede. Genau diese kritischen Berichterstattung (und das eher dürftige Olympia-Abschneiden) sollte Thema der Pk werden. „Denunziation, Unwahrheit, Rufmord, Lügner, Hass, Kaputtmacher, Schmutzkampagne, Mist“, so beschimpfte Große aufs Übelste die beiden Abwesenden, mit denen er „nur noch per Anwalt“ kommunzieren wolle.. Er verstieg sich sogar in die irre Behauptung, allein der ARD-Bericht sei Schuld am schlechten Abschneiden der deutschen Athleten in Mailand („Sie haben uns gecrasht“), die noch hinter den eh schon geringen Erwartungen geblieben waren und im Shorttrack gar nicht erst am Start.
Es ist natürlich das gute Recht von Große, Kritiker ebenfalls zu kritisieren. Was gar nicht geht, sie mundtot zu machen aufgrund persönlicher Eitelkeiten. Hajo Seppelt ist auch nicht ein x-beliebger Journalist, er gilt als einer der wenigen in der ARD und überhaupt im deutschen Journalismus (Thomas Kistner/SZ, Jens Weinreich fallen mir spontan ein), die sich des Dopings verschrieben haben und dortige Misstände (manchmal auch nur vermeintlich) aufdecken, fast schon eine Lebensaufgabe. Unter anderen geriet Claudia Pechstein in seine Fänge, in den 2000ern nicht nur die dopingumwitterte Eisschnellläuferin, sondern eben auch die Lebensgefährtin von Matthias Große. Persönliche Fehden bestehen also seit mehr als 15 Jahren (immerhin: das Messer der Vendetta wurde noch nicht gezogen). Dieser Hass auf Seppelt dürfte der Hauptgrund der Ausladung sein.
Der Vorfall darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Immerhin wird auch die DESG vom deutschen Steuerzahler alimentiert, und dieser hat das Recht, dass nicht ein wildgewordener Verbands-Chef seine persönlichen Streitigkeiten austrägt – und zwar jenseits aller Gepflogenheiten. Das Ausladen zweier Journalisten ist in einem Rechtsstaat samt Grundrecht der Meinungsfreiheit und -Vielfalt ein absolutes No go (noch sind wir nicht in Trumpistan). Nichts anderes als ein sofortiger Rücktritt von Große (oder eben Rauswurf durchs Innenministerium) müsste die Folge sein.
Zunächst einmal wird es allerdings nur gegenseitige Klagen ARD/Große geben. Die einzigen sicheren Gewinner: Anwälte, die einzigen sicheren Verlierer: die Sportler.
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