Der Rücktritt bleibt natürlich aus

Gestern war ich wirklich verstört, als ich las, dass Luis Rubiales, Chef des spanischen Fußball-Verbandes, aus dem Kuss-Gate nach dem spanischen WM-Triumph tatsächlich die Konsequenz ziehen würde und zurücktreten werden. Kann das wirklich sein? Ein hochstehender Sportfunktionär zieht sich tatsächlich wegen eines Fehlverhaltens, das fünf Tage den WM-Sieg von La Roja fast überdeckte, zurück? https://web.de/magazine/sport/fussball/wm/skandal-wm-finale-verbandspraesident-rubiales-kuesst-hermoso-mund-38547524

Heute bin ich dagegen sehr beruhigt. Luis Rubiales denkt überhaupt nicht daran zurückzutreten. Wo kämen wir denn da hin, freiwillig aus dem Licht der Öffentlichkeit zu verschwinden, auf Ruhm, Ansehen (naja, das war schon vorher reichlich angekratzt), Privilegien aller Art und viel Geld zu verzichten. Dabei war doch nichts weiter passiert, als dass ein Mann eine Frau ungefragt auf den Mund geküsst hat. Passiert doch andauernd, und im Überschwang des Glücks, muss man das doch dürfen, meint der stolze Senor. „Das mache ich bei meinen Töchtern auch andauernd. Ich trete nicht zurück. Ich kämpfe bis zum Ende.“ Natürlich ganz uneigennützig, denn wie werden verweigerte Rücktritte nicht nur im Sport so gerne begründet? „Ich will mich nicht aus der Verantwortung stehlen.“

Und weil Señor Rubiales so schön in Fahrt war, benannte er die wahren Schuldigen, wie es so viele vor ihm getan haben. Es sind natürlich die Medien. „Hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um eine soziale Hinrichtung“, sagte Rubiales. Es sei doch ein einvernehmlicher Kuss gewesen.

Da ließ er vornehm beiseite, der Gentleman genießt und schweigt, dass sich das Kussopfer Jenni Hermoso sich alles andere als wohlgefühlt hat beim Kuss auf dem Mund und nachdrücklich strenge Konsequenzen forderte. Allein das Hin und Her um die Aussagen der Nationalspielerin war ein Trauerspiel. Zuerst die leichte Beschwerde, dann ein Statement, dass alles nicht so schlimm sei (wobei sich hier hartnäckig das Gerücht hält, dass sie derlei nie selbst gesagt hat) und dann die unverhohlene Forderung nach dem Rücktritt. Diese äußerte praktisch expressis verbis auch die spanische Regierung. Aber das stört den stolzen Spanier nicht. „Man wollte mich öffentlich ermorden“, klagte Rubiales.

Immerhin: Für einen weiteren Fauxpas unmittelbar nach dem Schlusspfiff des Finales, entschuldigte er sich. Praktisch unmittelbar neben seiner Königin und deren Tochter hatte er sich ans Gemächt gefasst, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen. „Ich war so emotional, dass ich meine Kontrolle verloren habe.“

Auch wenn Rubiales einen freiwilligen Rücktritt ablehnt, es ist nicht sicher, ob er im Amt bleiben darf. Der Verband hat eine Untersuchung gegen den eigenen Chef angekündigt, allein diese Tatsache ist bermerkenswert. Sogar die FIFA will ermitteln. Torwart-Ikone Iker Casillas nannte das Verhalten „zum Fremdschämen“. Aber vor allem der Gegenwind der mächtigen spanischen Liga in Person von Javier Tebas dürfte nicht so leicht vom Tisch zu bekommen sein. „Beleidigungen, Angeberei, Erpressung, Drohungen, Spionage und Verfolgung, betrügerische Nutzung von Verbandsorganen, wir leiden unter vielem und haben vieles angeprangert. Die Liste der Frauen und Männer, die in diesen Jahren von Luis Rubiales geschädigt wurden, ist zu lang und das muss aufhören“, schrieb Tebas auf X. „Es ist unmöglich, sein frauenfeindliches und verabscheuungswürdiges Verhalten einer absurden Verschwörung zuzuschreiben, wenn der Rufschaden für den gesamten spanischen Fußball bereits unvermeidlich ist“, fügte Tebas hinzu.

Wie gut für Rubiales, dass es noch Fürsprecher gibt wie Kalle Rummenigge. „Ich glaube, man soll da nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen“, sagte der Ex-Nationalspieler und Bayerns Aufsichtsratsmitglied.  Der WM-Titel emotionalisiere schließlich jeden, „und was er da gemacht hat, ist – sorry, mit Verlaub – absolut okay.“ Rummenigge https://www.t-online.de/sport/fussball/frauenfussball/wm/id_100229458/aussagen-von-rummenigge-zum-kuss-eklat-bei-wm-das-kann-nicht-sein-ernst-sein-.html folgt dabei nur Beckenbauer, der sang. „Echte Freunde kann niemand trennen.“ Und da steht man eben den guten Kumpel bei, den man in verschiedenen UEFA-Gremien, wo Frauen eh praktisch nix zu suchen haben, schätzen gelernt hat, und nimmt auch den folgenden Shitstorm gerne in Kauf.

Was ist gegen das Statement eines Weltmannes vom Schlage Rummenigge dagegen die Rücktrittsankündigung eines spanischen Nationalspielers. Borja Iglesias (!) stehe erst wieder zur Verfügung, „wenn derartige Vorfälle nicht mehr straflos bleiben“. Ganz im Ernst: Es wäre sehr schön, wenn Iglesias noch weitaus prominentere Mitstreiter folgen würden.

Erwartet wird ein gemeinsames Statement der Nationalspielerinnen, nachdem sich Weltfußballerin Alexia Putellas („Das ist unakzeptabel“) schon geäußert haben. „Se acarbo“ (Das wars), lautet das Motto. Doch so einfach wird es nicht sein im vom Machismo triefenden Verband.

 

Spanien also – gegen England

Zwei zumindest in der Schlussphase ziemlich aufregende Halbfinals sind gestern und heute bei der Frauen-WM gespielt worden. Und durchgesetzt haben sich die Teams, die ich am Ende leicht favorisiert habe. Wobei es sowohl bei Spanien vs Schweden als auch bei Australien vs England auch anders herum hätte laufen können.

Spanien vs Schweden 2:1

Lange Zeit war es ein Abtasten. Kein Team wollte ins offene Messer laufen, die Stärken des Gegners wirkten sich fast lähmend auf die Aktionen aus. Echte Chancen kamen lange nicht zu Stande. Es war das die kurz zuvor eingewechselte Paralluelo – für die ziemlich blasse Putellas – die bei den Spanierinnen für frischen Wind sorgte. und fast folgerichtig die Führung erzielte. Erst jetzt legte Sverige die Fesseln ab und brachte die gegnerische Abwehr gehörig durcheinander. Der Ausgleich von Blomquist entsprach dem Spielverlauf.

Und dann entschied eine ziemlich unerklärliche Unachtsamkeit von Schweden die Partie. Bisher so sicher bei gegnerischen Ecken, „vergaßen“ sie Carmona am Strafraumeck, die die bisher so starke Torhüterin Mukovic mit einem Sonntagsschuss via Querlatte bezwang. War er haltbar? Ich will es nicht komplett ausschließen, aber die Tore sind halt verdammt groß für die vergleichsweise kleinen Keeperinnen.

Australien vs England 1:3

Das war die beste Turnierleistung der Lionesses, die sich auch von der Riesenkulisse in Sidney nicht beeindrucken ließen. Von Beginn an hatten sie die Initiative in der Hand, kamen auch zu einigen Chancen, die sie aber zunächst nicht nutzen konnten. Australien hatte dem nur großen Kampfgeist entgegenzusetzen. Die erstmals von Beginn an agierende Sam Kerr konnte zunächst keine Akzente setzen. Die Führung von Toone von der Strafraumkante war die verdiente Führung der Engländerinnen.

Nach der Pause kam Australien mit neuem Elan und verstärktem Druck besser ins Spiel, und eine grandiose Einzelleistung von Kerr samt fantastischem Abschluss ins Kreuzeck brachte den Ausgleich und die Fans schier in Raserei. Das Spiel wogte hin und her mit Chancen auf beiden Seiten, dann brachte ein übler Abwehrpatzer von Carpenter die Vorentscheidung für die Lionesses. Sie war zu unentschlossen und brachte den Ball nicht weg, Hemp ließ sich nicht lange bitten und schob überlegt zur Führung ein. Australien drängte noch mal vehement, vergab aber durch Vine und Kerr beste Chancen, ehe Russo nach feinem Steckpass von Hemp für die Entscheidung sorgte.

Jubel hier, Trauer dort, so ist das halt im Sport

Also England vs Spanien am Sonntag abermals in Sidney. Ich wage keine Vorhersage. England wirkte sehr abgezockt, und Trainerin Sarina Wiegman hat noch für jede Gegnerin die passende Taktik gefunden. Zurückkehren nach ihrer Rotsperre wird Laura James, und man darf gespannt sein, wen Wiegmann herausnimmt, wenn überhaupt. Für die holländische Trainerin ist es die vierte Endpielteilnahme bei einem großen Turnier in Folge. Zuvor wurde sie mit Holland Europameisterin 2017 und Finalistin bei der WM 2019. Mit England triumphierte sie 2022 im Finale gegen Deutschland. Spanien hat sich dagegen als spielstärkste Mannschaft etabliert mit vielen Möglichkeiten in der Offensive, die nie so ganz auszuschalten ist. Und wenn dann Putellas auch noch in Fahrt kommt …

Tags zuvor gibt es noch das Spiel um Platz 3 zwischen Australien und Schweden. Beide Teams versichern, dass sie sich mit einem Sieg aus dem Turnier verabschieden wollen, aber die Schwedinnen wollen wahrscheinlich nur noch heim. Immerhin: 2011 und 2019 gewannen sie das Spiel um Platz 3, das damals aber auch für die Olympia-Quali von Bedeutung war. Gerade die Australierinnen wollen daheim für einen für einen schönen Abschluss sorgen und die Fußballbegeisterung im Land aufrechterhalten. Das Ganze erinnert mich ein bisschen an die Männer-WM 2006 in Deutschland, als das Heimteam Deutschland es einfach mehr wollte als Portugal. Deshalb würde ich die Matildas leicht favorisieren.

Mit Gustavsson (Australien) und Gerhardsson (Schweden) kommt es zu einem schwedischen Trainerduell, was immer das bedeuten mag.

 

Das war die Woche, die war

Transferwahnsinn feiert fröhliche Umstände

Harry Kane ist jetzt also ein Bayer nach einem am Ende schier unerträglichen Hin und her. 100 Millionen plus etwaige Boni sind ein Brett.. Nicht einmal 24 Stunden nach der Vertragsunterzeichnung in der Nacht zum Samstag gab er sein Debüt. Während ihm der Münchner Boulevard zum Einstand einen Gnaden-Dreier gab, erhielt er vom Kicker eine 5. „Nur 3 Ballkontakte“, notierte das Fachblatt. Das kann also nur besser werden.

Und auch sonst ging es hoch her. Den Vogel schoss – mal wieder – der FC Chelsea ab, der den 21-jährigen Mittelfeldmann Moses Caicedo für sage und schreibe 116 Millionen Euro von Brighton loseisteund damit den ebenfalls sehr interessierten FC Liverpool ausstach. Etwaige Boni nicht eingerechnet, weswegen er zum teuersten Transfer der Premier League aufsteigen dürfte. Wohlgemerkt – Calcedo ist 21 und hat bisherinternational noch sehr wenige Spuren hinterlassen. But what shells, wie der Engländer nicht sagt.

Schließlich verdichten sich die Anzeichen, dass Frankfurts Kolo Muani sich in Richtung P’SG verabschiedet. Geschätzte Abööse wären 100 Millionen. Noch ziert sich die Eintracht, aber bei dieser Summe …

Und noch mal die Bayern, deren Torwartsuche skurille Züge annimmt. Was so ein Skiunfall von Neuer so bewirkt. Angeblich war man sich mit Kepa einig, doch dann musste sich Reals Courtois unbedingt das Kreuzband reißen, und Kepa folgte dem Ruf der spanischen Heimat und heuerte bei den Madrilenen an. Also Rulli von Ajax? War ein vielvesprechender Kandidat, doch auch er fällt mit einer schweren Verletzung erst mal aus. Jetzt ist guter Rat – vielleicht tatsächlich – teuer. Es stehen unter anderem der marokkanische WM-Held Bono, der allerdings 20 Millionen kosten würde, und David de Gea zur Verfügung. Theroretisch ist der sehr gut, aber er hat seit mehr als einem Jahr kein wichtiges Spiel mehr bestritten.

Ach ja, und Neymar zieht es in die Wüste nach Saudi Arabien. Ich würde ihm keine Träne nachweinen.

Mancini wirft hin – für 40 Millionen per anno?

Völlig überraschend ist Roberto Mancini als italienischer Nationaltrainer mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Unter seiner Ägide holte die Squadra Azurra den EM-Titel 2021, verpasste aber die WM 2022. Trotzdem war er mit allen Vollmachten bis hinunter zu den Juniorenteams ausgestattet. Kolportiert wird, dass er als saudischer Nationaltrainer anheuert, angeblich für die Kleinigkeit von 40 Millionen Euro per anno, das zehnfache, was er jetzt verdient.

Pokal macht nicht nur Freude

Für die Erstligisten Werder Bremen, VfL Bochum und dem FC Augsburg hat sich das Thema nach Pleiten gegen niederklassige Vereine bereits erledigt. Am Montag kam dann noch das desaströse 0:3 von Darmstadt 98 beim Regionalligisten FC Homburg, Spezialist im Pokal, hinzu. Da gilt es, einiges aufzuarbeiten.

Kopecky feiert drei Rad-Titel, Deutsche Rad-Künstler räumen ab.

Ein Star der am Sonntag beendeten Rad-WM in Glasgow mit fast 200 Entscheidungen war die Belgierin Laura Kopecky. Nach ihren Titel auf der Bahn im Punktefahren und dem Ausscheidungsrennen gewann sie am Sonntag auch das Straßenrennen. Sie revanchierte sich damit an Demi Voltering, die vor knapp einem Monat die Tour de France vor ihr für sich entscheiden konnte – vor Kopecky

Während die Deutschinnen auf der Straße keine Rolle spielten, räumten sie bei den Kunstrad-Wettbewerben alle Titel ab. Radball, Einer, Zweier – eine deutsche Domäne fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Remember selige Sportschau-Zeiten.

Sinner und Pegula jubeln in Kanada

Yannick Sinner hat endlich seinen ersten Msasters-Titel gewonnen. Im Endspiel von Toronto bezwang er den Australier Alex de Minaur klar in zwei Sätzen und meldete seine Ansprüche für die US Open an. Gleiches gilt für Jessica Pegula in Montreal. Sie bezwang im Finale Samsonowa, nachdem sie zuvor ihre US-amerikanische Landsfrau Coco Gauff und die Weltranglistenerste Iga Swiantek bezwungen hatte. Caroline Wozniacki feierte nach dreieinhalb Jahren ihr Comeback. Nach dem Sieg über Birell erwies sich die Hürde Vondrousova, immerhin Wimbledonsiegerin als zu hoch. Doch die zweifache Mama ist voller Ehrgeiz.

Ehrung der Woche

Dirk Nowitzki ist jetzt offiziell in der Hall of Fame im Basketball. In einer ergreifenden Zeremonie wurde er am Samstag in Sprigfield geehrt, im Beisein der gesamten Familie. Auch die europäoischen Ikonen Tony Parker unbd Pau Gasol erhielten die Ehre. Was für eine geile Generation, die unter anderem mit Giannis und Luca Magic würdige Nachfolger hat. Und Nowitzki gehört für mich zu den drei größten Sportlern, die Deutschland je hervorgebracht hat. Und der sympathiste ist er sowieso.

Das wird die Woche, die wird

Am Samstag beginnen die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Budapest. Die deutschen Medaillenhoffnungen sind an den Fingern einer Hand abzulesen, erst recht nach den Absagen von Weitspringerin Malaika Mihambo und Stabhochspringer Liga Bahre sowie Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen, die aber ohnehin ohne Form war. Mehr dazu am Donnerstag oder Freitag.

Die Frauen-WM trägt Dienstag und Mittwoch die Halbfinals zwischen Schweden und Spanien sowie Australien und England aus (siehe voriger Beitrag) Am Wochenende dann das Spiel um Platz 3 und am Sonntag in Sidney das Finale.

Die Bundesliga der Männer öffnet ihre 61. Saison mit der Partie am Freitag zwischen Werder und dem FC Bayern. Beide sind wahrlich nicht nach Wunsch in die Saison gestartet (Werder Pokalaus, Bayern-Klatsche im Super-Cup). Der Verlierer hat gleich hübsche Sorgen. Auch Italien startet in die Saison. Die Ligen in Frankreich, Spanien und England bestreiten schon den zweiten Spieltag

Im Tennis treffen sich sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen in Cincinatti. Hier wie dort ist fast die komplette Weltelite am Start -. ein letzter Formtest vor den US Open ab 28. August.

Und die Golfer biegen in die Zielgerade ihrer Fed-Ex-Saison ein. Die BMW Championships ab Donnerstag sind das vorletzte Turnier. 50 Profis sind dabei, die besten 30 qualifizieren sich fürs Finale. Geld gibt es zu Hauf.

 

Neue Weltmeisterin – aber wer?

Die Frauen-WM geht mit Halbfinale morgen und am Mittwoch  in die entscheidende Phase, und es steht fest, dass am Sonntag eine neue Titelträgerin die Trophäe in Empfang nehmen kann. Eine klare Favoritin hat sich für mich nach dem bisherigen Turnierverlauf nicht herauskristallisiert. Alle vier Teams haben ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Das versuche ich jetzt zu analysieren. Die Reihenfolge ist keine Wertung.

Spanien

Es ist wahrscheinlich die spielstärkste Mannschaft des gesamten Turniers mit glänzenden Einzelkönnerinnen wie Bonmati und Redondo sowie die pfeilschnelle Siegtorschützing gegen Holland Paralluelo (was für ein schöner Name), die auch vor einer verheißungsvollen Sprinterkarriere stand, bevor sie sich für Fußball entschied. Nicht zu vergessen die Weltfußballerin Putellas, die meist eingewechselt wird und für neuen Schwung sorgt. Dagegen scheint die Abwehr manchmal etwas leichtfertig und anfällig für Konter zu sein.

Schweden

Die körperlich wohl stärkste Mannschaft der verbliebenen Teams. Und sie haben mit Musovic die beste Torhüterin des Turniers, die sowohl die USA und Turnierfavorit Japan zur Verzweiflung gebracht hat. Eine weitere Stärke sind neben ihrer mannschaftllichen Geschlossenheit die stets gefährlichen Standards, wo Ilestedt eine zuverlässige Abnehmerin ist, die bereits viermal getroffen hat und als Abwehrspielerin tatsächlich die Torschützenwertung gewinnen könnte. Das kaschiert eigene Schwächen im Spielaufbau. Gerade die Partie gegen die USA wurde zur reinen Abwehrschlacht, die Nummer Glück überstanden wurde.

Ausblick auf die Partie Spanien vs Schweden (morgen 09.30)

Spanien hat es in der eigenen Hand, wenn sie ihr Offensivspiel ins laufen bringen, können sie die schwedische Abwehr in Not bringen. Wenn sie dann doch besser abschließen als die USA und Japan … Auf der anderen Seite kann Schweden jederzeit damit rechnen, nach einer Ecke oder so zum Erfolg zu kommen. Und Musovic ist ein echter Faustpfand. Und Selbstvertrauen müssten die Skandinavierinnen nach den Erfolgen gegen die vermeintlichen Turnierfavoriten genug haben.

Mein Verstand würfelt noch, mein Herz schlägt für Spanien

England

Als amtierende Europameisterin haben die Lionesses die größte Erfahrung in der Endphase eines Turniers. Und auch wenn sie spielerisch nicht immer überzeugt haben – man muss sie erst einmal schlagen. Trotz der vielen Ausfälle gibt es noch genug Klasse auf dem Feld wie Bayern-Legionärin Standway, die Antreibern im Mittelfeld, Bronze und Russo. Gerade die Kolumbianerinnen haben aber gezeigt, dass man mit schnellen technisch hochwertigem Spiel gegen England zu Chancen kommen kann: Die muss man dann halt nutzen.

Australien

Spätestens jetzt ist Euphorie im ganzen Land. Und diese Euphorie beflügelt die Matildas, die sich im Turnier nach einem ziemlichen Stotterstart klar gesteigert haben. Natürlich hatten sie in der Elferlotterie vs Frankreich auch das nötige Glück, aber das braucht jede Weltmeisterin (und auch jeder Weltmeister) im Laufe eines Turniers. Und die nötige Nervenstärke im Elfmeterschießen haben sie auch gezeigt, als Gorry, Yallup und Carpenter treffen mussten und es auch mehr oder weniger glücklich schafften..

Die Wundertüte heißt weiterhin Sam Kerr. Australien hat den Ausfall ihres absoluten Superstars überraschend gut weggesteckt, und vor allem in der Partie gegen Frankreich hat sie nach ihrer Einwechslung gezeigt, dass sie dass Spiel noch einmal beleben kann.

Ausblick England vs Australien

Es wird eine fantastische Stimmung sein in Sidney vor mehr als 75 000 Zuschauern. Natürlich genießen die Aussies Heimvorteil, aber England hat im Viertelfinale gegen Kolumbien gezeigt, als der Großteil der Zuschauer die Südamerikanerinnen anfeuerten, dass sie mit der Atmosphäre zurechtkommen, zumal diese nie in Feindseligkeit ausartet. Für Australien spricht die Euphorie und der Umstand, dass sie mit der größtmöglichen Drucksituation schon fertig geworden sind. England hat dagegen den unbedingten Siegeswillen und insgesamt die besseren Einzelkönnerinnen auf dem Platz stehen.

Mein Verstand neigt eher zu England, mein Herz umso klarer zu Australien.

Schaun mer mal.

Sturz des Favoriten

So kann es gehen: Die spielstärkste Mannschaft der WM wird den Titel nicht gewinnen. Die robusten Schwedinnen nahmen Nippon den Schneid ab. Mein Fußballherz weint ein bisschen, aber so ist das halt in den K.-o.-Spielen. Wobei die Schwedinnen anders als vs die USA aktiv das Spielgeschehen gestalteten und fast eine Stunde die bessere Mannschaft war. Sie spielten ihre körperliche Überlegenheit aus, und Ilestedt, bisher schon extrem torgefährlich, nutzte eine leichte Verwirrung nach einem Freistoß und netzte zum zu diesem Zeitpunkt durchaus verdienten 1:0 ein. Kurz nach der Pause ein mE ziemlich zweifelhafter Elfmeter, den die Schwedinnen verwandelten.

Erst jetzt besannen sich die Japanerinnen auf ihre Stärken gegen einen nachlassenden Gegner. Und sie hatten Chancen, zielten aber daneben oder scheiterten an der erneut großartigen schwedischen Torfrau Musolvic. Und Nippon zeigte Nerven, setzte einen erneut ziemlich zweifelhaften Elfer an die Latte.

Erst in der 87. Minute wurden die Bemühungen belohnt, doch trotz Sturm und Drang der Asiatinnen bei insgesamt 10 Minuten Nachspielzeit – Schweden rettete den Vorsprung über die Zeit.

Im Halbfinale am Dienstag treffen die Skandinavierinnen aufSpanien, die aber eine Verlängerung brauchten, um sich gegen Holland durchzusetzen. Eine Anmerkung sei gestattet. Es ist ein Armutszeugnis, dass die ARD diese Partie im Livestream versteckte. Das wurde lange Zeit anders kommuniziert. Es war die erwartet knappe Partie. Letztlich entschied die stärkere Bank der Iberer, denn sie konnten unter anderem mit Putellas und der späteren Siegestorschützin via Innenpfosten Parallueto – was für ein wunderbarer Name – nachlegen. Ob das für Schweden reicht, muss sich zeigen. Eine gesunde Bonmati wäre von Nutzen.

Powerranking: Japan weiter souverän

Vor dem Powerranking der Viertelfinalistinnen noch eine ‚Anmerkung: Wie fast erwartet ist Donald Trump über seine Lieblingsfeindin Megan Rapinoe nach ihren  Fehlschuss hergezogen. „Guter Schuss, Megan. Die USA fahren in die Hölle. Mehrere der Spieler stehen den USA feindlich gegenüber“, verkündete der Ex-Präsident. Und auch Joe Biden bekam sein Fett ab. „Die schockierende Niederlage gegen Schweden ist ein Symbol dafür, was unserem Land unter den Schurken Joe Biden widerfährt.“ Naja, wenn der Rant denn seiner Seele guttut …

Und jetzt das Powerranking

1. Japan

Weiter ist Nippon ziemlich souverän. Zwar haben die Asiatinnen vs Norwegen ihr erstes Gegentor kassiert, aber das steckten sie weg und erdrückten Norge zeitweise, so dass die Tore fast zwangsläufig fielen. In dieser Form bleiben sie mein WM-Favorit.

2. Frankreich

Es war schon beeindruckend, wie Les Bleues das Überraschungsteam aus Marokko auseinandernahm. Klar der Spielverlauf war ganz nach ihrem Geschmack und die Partie nach knapp einer halben Stunde entschieden, doch die Spielfreude das Können offensiv wie defensiv beeindruckt und haben hier wie dort Ausnahmekönnerinnen wie Renard und Diani.

3. Spanien

Aitana Bonmati ist für mich bisher die überragende Spielerin des Turniersw. Technisch perfekt, erfindungsreich und torgefährlich, was will man mehr. Und Espana hat bestimmt die Lehre aus dem 0:4 gegen Japan in der Vorrunde gezogen. Für mich sind sie deshalb leichter Favorit gegen Holland. Interessant wird sein, ob und wie Alexia Putellas eine Rolle spielt.

4. England

Immer noch ist mir nicht klar, wie stark die Lionesses wirklich sind. Aber eines steht fest: man muss sie erst mal bezwingen. Nigeria war nah dran, aber das reicht eben nicht. Auch wenn sie die spielerische Klasse des vergangenen Jahres vermissen lassen, ihr Kampfgeist ist ungebrochen. Der Ausfall von Laura James wiegt aber schwer.

5. Holland

Die gefährliche Hürde Südafrika hat Oranje mit etwas Mühe, aber letztlich verdient übersprungen. Auch wenn Miedema fehlt, mit Jill Roord, Lieke Martens und anderen haben sie genug Klasse, um Spanien einen heißen Tanz zu bieten. Auch wenn sie mE Außenseiter sind, Holland ist brandgefährlich und wird Nachlässigkeiten bestrafen.

6. Schweden

Gegen die USA waren sie klar das schlechtere Team und konnte sich nur dank der überragenden Torhüterin Zecira Musovic und einer gehörigen Portion Glück durchsetzen. Brandgefährlich bleiben die Standards, und man muss sehen, ob sie ihre körperliche Überlegenheit gegenüber Japan ausnutzen können. Das ist ihre einzige Chance gegen die flinken und vor Spielfreude sprühenden Asiatinnen.

7. Australien

Mit Mühe kamen sie ins Achtelfinale, doch spätestens jetzt ist allenthalben ‚Begeisterung im Land. Das kann die Wallabies zu noch größeren Taten inspirieren, zumal Sam Kerr jetzt tatsächlich wieder fit zu sein scheint. Dennoch sind sie vs Frankreich Außenseiter, aber ein gefährlicher Außenseiter im Hexenkessel zu Sydney vor wieder 75 000 Fans.

8. Kolumbien

Immerhin – anders als die Großmächte Frankreich und Brasien haben sie den Panzer von Jamaika geknackt. Sie bringen viel Körperlichkeit ins Spiel, hier werden sie gegen England dagegenhalten können. Wahrscheinlich werden sie es eher defensiv angehen und auf Konterchancen warten. Diese müssen sie dann halt anders als Nigeria auch nützen, dann könnten sie eine weitere Überraschung schaffen.