Molympico, Bilanz I

Das waren sie also, die 25. Olympischen Winterspiele: Faszinierend, nervend, Freud und Leid wie immer sehr nah beieinander.

The day after: Zeit noch für eine Bilanz, die ich in zwei Teile aufdröseln werde. Ein allgemeiner Eindruck meiner (Fernseh)spiele und meine ganz persönlichen Höhepunkte und Momente. Eigentlich wollte ich noch die DeutschInnen beleuchten – ich muss passen.

Noch eine Anmerkung: Danach mache ich diese Woche Pause, melde mich vielleicht zum sog. deutschen Clasico wieder, vielleicht aber auch erst nächste Woche erst.

 

Die Spiele, wie wars, was bleibt

 

Zum ersten Mal seit 2006 wieder Winter-Olympia in Mitteleuropa, nach drei eher verheerenden Austragungen in Sotschi, Pyeongchang und Peking. Und auch wenn sicher nicht alles hunderprozentig gepasst hat mit der Stimmung, mit den Austragungsstätten: Es war ein Vergnügen, Wintersport vor einer echten Wintersportkulisse und echter Begeisterung zu verfolgen.

Nachhaltige Spiele sollten es werden, und trotz neuer Bobbahn in Cortina und arg (unnötig?) modernisierter Biathlon-Stadions in Antholz, das gelang im Großen und Ganzen. Allerdings war der Preis sehr hoch, vielleicht für Olympia sogar zu groß. Da die Veranstalter zum größten Teil auf bestehende Anlagen setzten, diese naturgemäß in den italienischen Alpen weit entfernt voneinander sind, gab es nie das große Miteinander der Sportarten. Leider war auch viel Lokal-Patriotismus und Regional-Proporz im Spiel. Der größte Fehler: Brormio sollte unbedingt dabei sein, deshalb mussten die männlichen Alpinen dorthin, obwohl sie in Cortina beste Bedingungen gehabt hätten.
Für uns als Fernsehzuschauer war das das auch nicht viel anders als ein Weltcup-Wochenende, an dem beliebig zwischen den Orten hin- und hergeschalten wird.

Ein Ausblick auf 2030 verheißt da nichts Gutes: Gastgeber sind die französischen Alpen, mit dem einen Cluster hier und dem anderen Cluster dort, mehrere Autostunden entfernt. Und offenbar wieder der Irrsinn, dass die alpinen Männer und Frauen getrennt werden.

 

Alles in allem hat die Organisation glänzend funktioniert. Auch mit Wetter-Umschwüngen von kalt zu warm zu Schneesturm und -Schmelze kam man gut zurecht (es gibt immer welche, die mosern). Die Sportstätten erwiesen sich als größtenteils absolut olympia-würdig, ausklammern würde ich die Techniker-Disziplinen in Bormio (zu flacher Hang) und der offenbar viel zu einfache Skicross-Kurs.

Auch wenn es ein paar merkwürdige und diskutable Vorfälle gab (etwa beim Curling und Skilanglauf), ich hatte das Gefühl, dass es äußerst fair zuging (Noten-Gemeckere beim Eiskunstlauf gehört einfach dazu!). Der gegenseitige Respekt war da (der Kniefall der Zweiten Stjernesund und Hector vor Triumphatorin Brignone muss jetzt nicht der erwartbare Maßstab sein) und auch die Akzeptanz der Niederlage. Beispielhaft der haushohe Favorit Ilia Malinin, der sich nach seiner komplett missglückten Kür den Medien stellte.

 

Das IOC

 

Spielte mal wieder eine höchst unwürdige Rolle. Es war ja der erste große Auftritt der neuen IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, und sie schien in all den politischen und machtpoltischen Kombinen hoffnungslos überfordert. Der unwürdige Rauswurf des Ukrainers Wladislaw Heraskeytsch, der seinen Skeleton-Helm mit Fotos von getöteten ukrianischen Sportlern versah, war nur der traurige Höhepunkt. Der größte Skandal der Spiele, eine unfassbare Entscheidung aus vorgeschobenen Gründen (Trauer wurde als politische Willensbekundung ausgelegt). Das IOC wollte keine Politik in den Spielen, und es hat so politisch gehandelt wie keine andere Instititution. Dass Frau Coventry ob dieser Entscheidung auch noch in Tränen ausbrach, obwohl allein  ihr IOC diese verantwortete, war für mich der Gipfel der Heuchelei.
Es gibt ein böses Foto mit Coventry und ihrem Vorgänger Thomas Bach im Hintergrund. Die  unsichtbaren Marionettenfäden, die der Deutsche in der Hand hatte, sprangen mir förmlich ins Auge.

Ansonsten der übliche Trump-Irrsinn, auch wenn der US-Präsident doch nicht zum Eishockey-Finale und zur Schlussfeier kam. Wie üblich hetzte er in unfassbarer Weise gegen US-Athleten, die mit dem jetzigen Zustand des Landes nicht hundertprozentig einverstanden waren. Man stelle sich vor, Friedrich Merz würde einen deutschen Rodler als Komplettversager und ganz schlimme Person beschimpfen. Keinen Tag länger würd er sein Amt behalten können. In den USA ist derlei an der Tagesordnung. Für die MAGA-Spiele im Sommer 28 in Los Angeles steht das Schlimmste zu befürchten. 1936 könnte da wie ein Kindergeburtstag erscheinen.

 

Das Fernsehen (Streams)

 

Wer wollte, konnte sich vom linearen Fernsehen komplett lösen. Man wurde zum eigenen Regisseur, hatte dank der allumfassenden Streams Zugriff zu jeder einzelnen Entscheidung, zu jedem Curling-Vorrundenspiel, gerne auch relive, also als Aufzeichnung. Das hatte den Riesen-Vorteil, dass mir das Gelaber in den öffentlich-rechtlichen erspart blieb, allerdings auch den Nachteil, dass einem auch gute Interviews (die gab es!) durch die Lappen ging. Die Streams funktionierten ohne Beanstandung, zwar war das Menü von Discovery an Unübersichtlichkeit kaum zu übertreffen, aber irgendwann hatte ich es raus. Der größte Vorteil hier: Wenn mir die deutsche Plaudertasche wie Matthias Stach („Übrigens …“) beim Eisschnelllauf zu sehr auf die Nerven ging, konnte ich zu englischen (oder holländischen) O-Ton wechseln. Ein Genuss für Ohren und Nerven (wem holländisch gefällt).

ARD und ZDF blieb ich weitestgehend fern. Deshalb erspare ich mir Anmerkungen zu den ReporterInnen und den ExpertInnen. Die leider weniger Experten sind, sondern die schlimmsten Fanboys der deutschen Athleten. Nachvollziehbar, weil sie diese gut kennen, aber komplett unjournalistisch. In Grenzen erträglich, wenn aber jemand wie beim Skicross wiederholt hofft, dass die Sportler vorne doch endlich, endlich stürzen mögen, („hoffentlich krachen die endlich zusammen!“), damit der hinterherfahrende Deutsche doch noch weiterkommt, ist es schlicht indiskutabel.

 

Molympico Giorno

Seit die Alpinen Wettbewerbe beendet sind, hat meine Olympia-Begeisterung deutlich nachgelassen, aber ein paar Momente haben mich dann doch beeindruckt (oder eben gar nicht).

 

Die überlegene Daniela Maier

 

Was die Freestylerin beim Skicross veranstaltete, hatte schon Dominanz-Ausmaße wie beim Lamgläufer Johannes Klaebo. Die Deutsche fuhr nicht nur die klar beste Qualifikationszeit, sondern landete in 4 K.-o.-Läufen 4 mehr oder deutliche Start-Ziel-Siege. Verdienteres Gold habe ich bei diesen Spielen noch selten gesehen.
Daniela Maier machte damit ihren Frieden mit Olympia, denn in Peking war sie eine der tragischen Figuren, als sie im Finale zunächst Vierte wurde, dann wegen einer Disqualifikation der Schweizerin Fanny Smith, mit der sie ins Gehege kam, auf Platz 3 vorrückte, nach einem Protest wieder auf Rang 4 zurückfiel und schließlich nach einem Gegenprotest mit geteilten Bronze bedacht wurde. Es war ein absolut unwürdiges, sich über Jahre hinziehendes  Hin und Her, das letztlich beide Medaillengewinnerinnen beschädigte.

4 Jahre arbeitete sie auf diesen Moment hin, nichts und keine konnte sie auch nur ansatzweise stoppen. Gerade am Start, der im Skicross so wichtig ist, hatte sie gezielt gearbeitet. Das Ergebnis: Keine kam so schnell auf Touren wie sie, deshalb war sie immer schon in der ersten Kurve vorn. Beinahe unfassbar: Es war erst das zweite deutsche Gold außerhalb der Eisrinne von Cortina. Na, das 2. Gold, wisst Ihr noch wer das war? *

 

Kanada weint, US Girls feiern

 

Dass das Frauen-Finale im Eishockey Kanada gegen USA heißen würde, war von vornherein klar. Noch nie in der Olympischen Geschichte (seit 1998 gibts Frauen Eishockey) hieß das Endspiel anders. Die USA waren klarer Favorit. Nicht nur demontierten sie die Kanadierinnen in der Vorrunde mit 5:0, im vergangenen Jahr hatten sie alle 4 Aufeinandertreffen zum Teil deutlich gewonnen, eine endete sogar zweistellig. Doch im Finale ging es nicht so leicht von der Hand, die Kanadierinnen stemmten sich mit allem gegen die Niederlage, gingen sogar durch einen Shorthander (Tor in Unterzahl) in Führung. Erst 2 Minuten vor der Schlusssirene glichen die US Girls aus, und in der Overtime hatten sie das bessere Ende für sich, als Spielführerin Hilary Knight in ihrem letzten großen Spiel zum 2:1 traf.
Hilary Knight und auf der anderen Seite Kanada-Kapitänin Marie-Philip Poulin – sie hatten die letzten 15 Jahre Frauen-Eishockey geprägt und auf eine neue Stufe gehoben. Poulin erzielte gleich in 3 Olympischen Finals das Siegestor. Nach dem Endspiel beließen die beiden es nicht nur beim üblichen Handshake, sie fielen sich um den Hals, als wollten sie der ganzen Welt zeigen, dass Fairness und gegenseitiger Repekt trotz der größt möglichen Rivalität noch immer das Wichtigste ist. 2 große Sportlerinnen, hierzulande auch Nerds wie mir (wenn auch nicht unbedeint im Eishockey) leider fast gänzlich unbekannt.
Bronze sicherte sich die Schweiz: Im Spiel um Platz 3 bezwangen die Eidgenössinnen Schweden mit 2:1 und wiederholten den Bronze-Coup von 2014. Best of the Rest – ein großer Erfolg des Schweizer Eishockeys.

Kanada vs USA – am Sonntag wird es eine Wiederholung geben, wenn in der letzten Entscheidung überhaupt die beiden Männer-Teams aufeinandertreffen. Ein sogenanntes Traumfinale. Viel Feuer ist im Spiel, das durch die geistesgestörten Übernahmefantasien des US-Präsidenten noch angefacht wurden (das Gute: das Mütchen ist schon gekühlt durch ein schlägerei-reiches Aufeinandertreffen vor ziemlich genau einem Jahr in Montreal). Wäre schön, wenn es auf beiden Seiten mäßigende Charaktere gäbe wie Hilary Knight und Mari-Philip Poulin.

 

Platz 4 – der deutsche Spezialplatz

 

Philipp Horn schien auf dem besten Weg zur Bronzemedaille. Nach dem letzten Schießen im Biathlon-Massenstart war er Dritter, hinter den beiden unerreichbaren Norwegern Dale und Lagreid, aber immerhin 7 Sekunden vor dem Vierten Quentin Fillon-Mallet. Vorzüglich hatte der Deutsche geschossen, ließ von insgesamt 20 Scheiben nur eine stehen. Sein französischer Konkurrent hatte 3 Strafrunden mehr absolviert, also etwa 450 Meter mehr in den Beinen. Das musste sich doch auswirken!
Doch der Vorsprung in der Schlussrunde schmolz und schmolz, etwa einen Kilometer vor dem Ziel war Horn eingeholt, und als der Franzose bei einem Anstieg alles in die Wagschale warf, hatte Horn nichts mehr entgegenzusetzen und fiel auf den bei Olympia so vermaledeiten vierten Platz zurück. Holz-Horn statt Bronze-Horn, hämte es.
Der holzige (blecherne, schokoladene) 4. Platz: Auf den sich die Deutschen spezialisiert zu haben scheinen. Gleich 12-mal landeten sie auf dem ersten Rang hinter den Medaillen, gerade die BiathletInnen hatten diesen geradezu abonniert, etwa in beiden Staffeln. Viele finden ja die deutsche Bilanz unbefriedigend (mir persönlich ist der Medaillenspiegel eher wumpe), in mancher Entscheidung ein bisschen mehr Glück (Skispringer um 0,3 Punkte verpasst samt Abbruch) oder eben auch mehr Können (klar verpasste Biathlon-Medaillen), und die Sache sähe auch außerhalb des Eiskanals sehr viel freundlicher aus.

 

Skibergsteigen – was für ein Schmarrn

 

Die neueste Olympische Sportart hat mich so was von überhaupt nicht abgeholt. Der Sinn und Zweck der Übung erschloss sich mir nicht, zumindest nicht in der Sprintversion. Die gestaltete sich derart, dass alle sechs Teilnehmer eines Laufes den Anstieg ohne große Überholmöglichkeit absolvierten und alle die Abfahrt ohne jede Überholmöglichkeit absolvierten und dazwischen noch eine Treppe absolvieren mussten (mit Überholmöglichkeit). Entschieden wurden die Rennen aber bei den Wechseln;  beim Skiabschnallen respektive Skianschnallen respektive Felle-Abziehen. Gerade da schien es für manchen erhebliche Probleme zu geben (und die Medaillen schwammen dahin wie eben Felle dahinschwimmen).
Für mich alles ein Muster ohne Wert, die Sieger haben trotzdem eine Erwähnung erwähnt: Es siegten Marianne Fatton aus der Schweiz (die Deutsche Tatjana Faller wurde, eh klar, Vierte) und Oriol Cardona. Dieser ist der erste spanische Goldmedaillengewinner bei Winterspielen aus Spanien seit Francisco Ochoas Slalom-Triumph 1972 in Sapporo.

 

* Philipp Raimund im Skispringen von der Kleinen Schanze

 

 

Das wird Molympico, Wochenende

Die letzten beiden Tage fasse ich zusammen. Ein paar vielleicht hochinteressante Entscheidungen stehen noch an

 

Pflichtprogramm

 

Sa., 11:00/So., 10:00 Skilanglauf, 50 km klassisch, Männer und Frauen

Für den echten Langlauffan der Höhepunkt, allerdings seit ein paar Jahren entschärft. Denn es wird nun  im Massenstart gelaufen, was gerade bei den Männern bedeutet, dass sich 40, 45, ja 48  Kilometer wenig bis nichts tut und sich alle auf den Endspurt verlassen. Sollte es auch diesmal dazu kommen, dürfte Johannes Klaebo das 6. Gold der Spiele nicht zu nehmen sein. Früher liefen die Athleten im Intervallstart, also jeder für sich, da haben sich die 50 Kilometer schon gewaltig gezogen, für den Langlauffan war das das Nonplusultra.

Für die Frauen ist der 50er erstmals olympisch, überhaupt laufen sie diese Distanz erst seit ein paar Jahren. Was Emazipation so ausmacht. Erfahrungswerte gibt es also wenige, zumal auch joch im klassischen Diagonalstil gelaufen wird. Man muss aber kein großer Prophet sein, um die Schwedinnen ganz vorn und die Norwegerinnen vorne zu sehen. Gespannt bin ich auf die Österreicherin Theresa Stadlober, die in den bisherigen Rennen immer besser wurde, je länger es ging. Eine Medaille wäre allerdings eine Sensation

 

Sa., 14:15: Biathlon, Massenstart Frauen

 

Der letzte Wettbewerb der Ski-Zweikämpfer. Die Männer am Freitag haben gezeigt, dass gerade in dieser Disziplin Überraschungeneinkalkiuliert werden müssen. Eine dieser Überrschungen traue ich tatsächlich der Deutschen Vanessa voit vor. Sie schoss bisher ausgezeichnet und gefiel in der Staffel auch läuferisch. Favoritsiert sind dennoch die Französinnen um Lou Jeanmonnot.
Es wird das letzte Rennen in der Karriere von Franziska Preuß sein, sie wird also die Weltcups nach Olympia nichtmehr bestreiten, auch nicht den am Holmenkollen. Warum eigentlich nicht mit einer Medaille abtrete?

 

So., 14:10: Eishockey Männer, Finale

 

Kanada ist nach dem harterkämpften 3:2 über Finnland nach 0:2 erster Endspielteilnehmer und egal ob gegen die Slowakei oder die USA Favorit. Die Reihe McDavid, Celebrini und McKinnon st außergewöhnlich, obwohl sich die Drei erst zu Olympia gefunden haben, weil sie unterschiedlichen NHL-Teams angehören.
Finnland trifft schon tags (Sa., 20:40) davor im Bronze-Match auf den Verlierer USA vs Slowakei.

 

Wird sicher spannend

 

Sa., 16:40/17:15: Eisschnelllauf, Massenstart Männer und Frauen, Finali

 

Je 16 Männer und Frauen stürzen sich gleichzeitig auf die 400-Meter-Bahn, da wird es ähnlich eng zugehen wie im Shorttrack. Alle 4 Runden gibt es Zwischensprints mit Punkten für die ersten Vier (ähnlich wie im Punktefahren im Bahnradsport. Ein Rundengewinn ist natürlich möglich und würde besonders vergütet werden.
Favoriten? Ich sag mal Hlländer und Holländerinnen, das scheint mir die Chance am größten, richtig zu liegen. Ansonsten: komplette Ahnungslosigkeit meinerseits.

 

🇩🇪👓

 

Ganz am Schluss setze ich sie jetzt doch auf, um speziell auf die beiden verbliebenen Bob-Entscheidungen hinzuweisen. Am Samstag der Zweier der Frauen (4. und entscheidnender Lauf: 21:05) mit drei aussichtsreichen Bobs made in Germany, die vor allem mit den 3 US-Bobs um die 3 Medaillen kämpfen.
Am Sonntag (12:15) der Vierer, in denen wiederum Johannes Lochner und Francesco Friedrich aussichtsreiche Crews anführen.

 

Und sonst: 

 

  • Die Finali im Curling: Bei den Männern kämpfen Großbritannien und Kanada um Gold (Sa., 19:05), bei den Frauen Schweiz und Schweden (So., 11:05).
  • Schlussfeier: Diese findet in der Arena von Verona statt. Begründung für den außergewöhnlichen Ort: Es sollen halt wirklich Winterspiele für ganz Norditalien werden. Angesichts des Ortes würde ich mir die Wiederauferstehung von Luciano Paverotti wünschen.

 

Das wird Molympico, Freitag

Ohne Schifoan ist das alles nichts. Und trotzdem.

 

Pflichtprogramm

 

14:15: Biathlon, Massenstart Männer

 

30 Läufer, die besten dieser Spiele und des Weltcups nach einem speziellen Schlüssel, starten gleichzeitig auf die 15 Kilometer Strecke. Viermal muss geschossen werden, liegend, liegend, stehend, stehend. Keine Nachlader, pro Fehlschuss die Strafrunde. Extrem spannendes, schnelles Format. Der Erste im Ziel hat auch gewonnen.
Die Favoriten? Wie immer bei diesen Spielen kommen sie aus Frankreich, Norwegen und Schweden. Ich persönlich hoffe auf den Italiener Tommasso Giacomel, für den Heim-Olympia bisher ein veitables Disaster war. Die deutschen Starter können eigentlich nur positiv überraschend, aber sie können auch positiv überraschen.

 

16:40/21:10: Eishockey Männer, Halbfinali

 

Alles redet vom Traum-Endspiel Kanada vs USA (meines ist es bestimmt nicht), aber zuvor gibt es noch die Halbfinali. Da treffen zunächst (16:40) die hohen Favoriten aus Kanada auf Finnland, die ihr Team bis auf eine Ausnahme ebenfalls ausschließlich aus NHL-Stars rekrutiert haben. Ich halte seit jeher zu finnischen Eishockey-Teams und-Spielern, aber ganz objektiv sehe ich kaum Chancen gegen Team Canada, das über 4 nfassbar starke Sturmreihen verfügt. Ich lass mich gerne überraschen.
Danach (21:10) kommt es zum Duell USA gegen Slowakei. Wws die Slowaken können, wissen jetzt auch die Deutschen, die US-Boys hatten gegen Schweden auch viel Glück.

Gibt es nach 60 Minuten keine Entscheidung, gibt es 10 Minuten  Overtime mit sogenannten Sudden Death, das erste Tor entscheidet. Wieder im Format 3 gegen 3 (plus Torhütern). Für mich ein Wahnsinn, denn das ist eine komplett andere Sportart mit komplett anderer heransgehensweise. Äußest unterhaltsam, das schon, aber mit echten Hockey hat das nicht die Bohne zu tun. Zum bewundern/freuen/ärgern schon bei 3 Viertelfinali (außer dem Deutschland-Spiel, die allesamt auf diese Art entscheiden wurde. Die NHL und andere nationale Ligen wissen schon, warum sie in Play-off-Runden nicht vom regulären 5 vs 5 abgehen, acuh wenn das gerne mal Stunden dauern darf.
Gibt es nach 10 Minuten keine Entscheidung, kommt es zum Penaltyschießen. Viel schwerer zu verwandeln als etwa ein Elfmeter beim Fußball. Dennoch unfassbar spannend, wie Draisaitl senior zu berichten weiß. Eine der epischsten Szenen in der Olympia-Geschichte, die niemand vergessen wird, der dabei war.

 

Wird sicher spannend

 

12:00: Ski Freestyle, Cross Frauen,  K.-o.-Runde

 

4 Läuferinnen starten gleichzeitig in einen Parcours mit Steilkurven und Sprüngen. Berührungen sind erlaubt, allerdings in Grenzen. Die ersten zwei jeder K.o.Runde steigt in die nächste Runde auf. Im Finale um die Medaillen dann 4 Starterinnen, man muss kein Mathe-Genie sein, um auszurecnen, dass eine die echt Dumme ist (tote Rennen sind doch sehr selten).
Insgesamt stehen ab 12 Uhr 4 K.o.Runden an, in relativ schnelle Abfloge bis zum Finale (13:10).

 

14:05: Curling, Halbfinale

 

Na endlich, der Löwe findet die Steineschubser (Spaß). Die Paarungen stehen noch fest: Die Termingötter haben beschlossen, dass beide Partien gleichzeitig stattfinden. Schön für die Zuschauer vor Ort, nicht so gut für den Fernsehzuschauer, es sei denn er wählt den Splitscreen (sieht also von beiden wenig). Immerhin können wir dank Streaming frei auswählen, welche Partie wir bevorzugen.

 

16:30: Eisschnelllauf, 1500 Meter Frauen

 

Die gefürchtete Mitteldistanz, in der die Läuferin ein zu hohes Anfangstempo schmerzlich büßt. Wie immer kommen die besten Läuferinnen am Schluss, allerdings nur der Vorleistung nach und nicht der aktuellen Form. Die holländische 500-Meter-Olympiasiegerin allerdings beginnt, wenn sie einigermaßen duchkommt, könnte sie schon eine veritable Richtzeit setzen.

 

21:30: Shorttrack, Staffel-Finale (5000 Meter)

 

4 Teams a 3 Läufer: Einer ist „on“, also maßgeblich auf der Bahn, die anderen werden fliegend per handschub eingesetzt, immer von innen kommend. Einfach anschauen und schnell begreifen. Sehr unterhaltsam

 

 

 

 

 

 

 

Molympico Giorno

Das Drama der Lena Dürr

 

Verzweiflung, leerer Blick. Da stand Lena Dürr mit dem herrlichen Panorama der Dolomiten im Hintergrund. Doch die Gedanken kreisten nur um das Unfassbare, was geschehen war.

Ein fantastischer 1. Durchgang war Lena Dürr gelungen, zweitbeste Zeit hinter der außerirdischen Mikaela Shiffrin. Als Vorletzte stand sie vorm 2. Lauf im Starthäuschen, wohlwissend, dass jetzt die Olympiamedaille und der größte Karriere-Triumph ganz nah waren. Noch mal ging sie alle kniffligen Passagen durch, eine letzte Konzentration, sie startete – und blieb noch vor dem 2. Tor stehen. Eingefädelt beim 1. Tor – das Aus. Entsetzen überall, bei mir, bei den Fans, bei den Fans unten im Ziel, sogar bei den Konkurrentinnen um die Medaillen. „Eine Katastrophe“, befand sie einigermaßen gefasst. Eine Erklärung hatte sie nicht, wie das geschehen konnte.

Die hatte niemand. Nur Erinnerungen, dass die Germeringerin nicht die Erste war, der ein solches Malheur unterlief. Markus Wasmeier fiel mir sofort ein, der als Mitfavorit im Super-G von Calgary 1988 am ersten Tor scheiterte. Oder Helmut Höflehner. Der Österreicher war 1991 klarer Favorit für die Abfahrt der Heim-WM in Saalbach und verhedderte sich schon beim Start derart katastrophal und nachhaltig, dass das Rennen de facto vorbei war. Austria weinte.

Das wird Lena Dürr nicht trösten, zumal sie „Wiederholungstäterin“ ist. 2022 war sie ebenfalls im Slalom auf dem besten Weg zu Gold mit bester Zwischenzeit, ehe sie kurz vorm Ziel durch eine Ungenauigkeit gar aus den Medaillenrängen fiel und danach bittere Tränen vergoss. Vor 3 Tagen hatte sie einen bemerkenswerten Riesenslalom abgeliefert, wiederum klar auf Medaillenkurs, ein böser Fehler kurz vorm Ende vernichtete alle Hoffnungen. Man muss jetzt kein ausgebildeter Psycologe sein, um zu konstatieren, dass all diese Missgeschicke und Unglückseligkeiten der Lena Dürr vor ihrem wichtigsten Lauf der Karriere im Kopf herumspukten. Wer aber zu viel nachdenkt, hat schon verloren.

Lena Dürr ist 34 Jahre alt, Cortina war höchstwahrscheinlich ihr letztes Olympia, vielleicht hängt sie noch ein Jahr dran mit der WM 2027 in Crans Montana. Der Katastrophenfehler ist also nicht wiedergutzumachen, das unterscheidet sie etwa von der jungen Schwedin Cornelia Öhlund, die ebenfalls aussichtsreich im 2. Durchgang ausfiel, aber mit ihren 20 Jahren mindestens noch zwei-, dreimal bei Olympia dabei sein wird. Lena Dürr wird ohne Medaille bleiben, und wir werden immer an ihr Missgeschick denken, wenn wieder ein Slalom ansteht. Wie an Wasi 1988. Der aber sein Malheur gutmachen konnte mit seinen beiden Triumphen 1994 in Lillehammer.

 

Mikaela Shiffrin überragend

 

Als überzeugter Shiffrin-Afficionao seit mehr als als ein Dutzend Jahren hatte ich kein gutes Gefühl. Denn die Amerikanerin und Olympia, das war zuletzt kein Match. In Peking startete sie gleich sechsmal, sechsmal blieb sie ohne Medaille, darunter mit mich und alle Skifans verstörenden Ausscheidern im Riesenslalom und Slalom. Sie, die nie ausfiel! Auch jetzt in Cortina verbaselte sie ihre erste Gold-Chance, als sie den Teamslalom komplett verbremste und nach Abfahrtsbestzeit ihrer Freundin Breezy Johnson auf Platz 4 zurückfiel.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Die Shiffrin von Cortina war die überlegene Weltcup-Shiffrin, die in dieser Saison 7 von 8 Slaloms zum Teil haushoch überlegen gewonnen hatte. 2 fast perfekte Läufe zauberte sie in den Schnee, hatte letztlich die Ewigkeit von 1,5 Sekunden Vorsprung auf die Zweite Camille Rast und sogar 1,71 auf die überglückliche Bronzene Anna Swenn-Larsson. Welch unfassbarer Druck auf ihr gelegen haben muss, zeigte sich nach der Zieldurchfahrt. Kein überschäumender Jubel, nur grenzenlose Erleichterung, dass sie es geschafft hat. Sie hätte niemanden mehr beweisen müssen, dass sie die mit Abstand beste Skifahrerin der Welt ist. Aber es lag ihr immens viel daran, selbst ihren Frieden, ihre Versöhnung  mit Olympia zu schließen – und das ging nach ihrer Vorstellung nur mit der verdammten Goldmedaille; immerhin auch schon der dritten nach Slalom 2014 und Riesenslalom 2018.

Lena Dürr ließ es sich übrigens nicht nehmen, bei der Siegerehrung live vor Ort zu sein. Wo sich andere verkrochen hätten, gratulierte sie fair der Siegerin und den Platzierten. Die größte Tat überhaupt an diesem strahlenden Sonnentag, und ich nehme es Mikaela Shiffrin sofort ab, als sie sagte: „Ich hätte sie am liebsten umarmt.“

 

Ein Wort noch zu Emma Aicher, de zweiten aussichtsreichen Deutschen. Im ersten Durchgang war schien sie mir zu zaghaft, trotzdem lag sie als Achte noch in Schlagdistanz zu den Medaillen. Der Beginn des 2. Durchgangs war dann sehr verheißungsvoll, doch im flachen Teil, der ihr grundsätzlich nicht so gut liegt, scheute sie das letzte Risiko (ohne das es bei einem Slalom-Großereignis nicht geht) und fiel sogar noch um einen Platz zurück. Um das zu verdeutlichen: Die Laufbeste Paula Moltzan, die nach einem irren Fehler kurz vor Schluss des 1. Laufes nur 28. gewesen war, blieb satte 1,75 Sekunden vor Aicher. Diese wird allerdings mit den beiden Silbernen aus Abfahrt und Team (mit Kira Weidle) Cortina mehr als zufrieden verlassen, zumal sie mit 22 Jahren noch immer am Anfang ihrer verheißungsvollen Karriere steht.

 

Franzi Preuß und das Murmeltierschießen

 

Ganz schlau wollte es die deutschen Trainer machen, (ver)steckten Franziska Preuß als zweite Läuferin in die Staffel. Die nachvollziehbare Übetlegung: Dort hätte sie im letzten Schießen nicht mehr die Verantwortung wie als Schlussläuferin. Schön gedacht, doch die Praxis sah dann so aus, dass Preuß wie gehabt zwar das Liegendschießen fehlerlos absolvierte, doch den Stehendanschlag eben nicht – das Murmeltier grüßte hämisch. Sie verpasste den dritten Schuss und den fünften, und auch die drei Nachlader reichten nicht, dass sie eine Strafrunde vemeiden konnte. Damit verlor das deutsche Team nicht nur die Führung, sondern auch jeglichen Kontakt zu den Medaillenrängen, den auch Janina Hettich-Walz und die vorzügliche Vanessa Voigt nicht mehr herstellen konnten. Wie die Männer landeten die Frauen nur auf Platz 4, zum ersten Mal seit 1992, seit nämlich auch die Frauen im olympischen Programm sind, blieben beide deutsche Staffeln ohne Medaille, das Bronze im Mixed bleibt da nur schwacher Trost.
Den Sieg holten sich die Französinnen, obwohl deren Startläuferin Camille Bened in die Strafrunde (wie bei den Männern Fabien Claude). Aber Lou Jeanmonnot egalisierte den Rückstand, und Oceane Michelon und die unfassbare Schützin Julia Simon (insgesamt für beide Schießübungen nur unwirkliche 38 Sekunden) brachten den Sieg souverän nach Hause – vor Schweden und Norwegen. Den Team-Aufstellern wird ein Felsbrocken vom Herzen gefallen sein, hatten sie doch Top-Läuferin Justine Braisaz-Bouchet außen vor gelassen zu Gunsten von Bened. Für Frankreich ist das schon das fünfte Biathlon-Gold, zwei Massenstarts (Männer und Frauen) stehen noch aus.

 

Olympia-Aus und viele Fragen für die Eishackler

 

Das beste deutsche Team aller Zeiten, hieß es überall vor dem Eishockey-Turnier, nachdem feststand, dass Leon Draisaitl, Tim Stützle und 7 weitere NHL-Stars die Mannschaft verstärken würden. Was extrem ambitioniert klang angesichts des Olympia-Silbers von 2018 und dem WM-Silber 2023, allerdings eben ohne die ganz großen Superstars. Um es übertrieben böse zu sagen: Dass Draisaitl die deutsche Fahne unfallfrei bei der Eröffnungsfeier trug, war die größte Leistung der deutschen Eishackler. Das deprimierende 2:6 im Viertelfinale gegen die Slowakei war nur der traurige Höhepunkt eines Turniers, das niemand als Erfolg verbuchen darf, trotz der Siege gegen Dänemark und Frankreich. Nie trat da ein Team auf, nie hatte ich das Gefühl, dass da eine Einheit auf dem Eis stand. Trainer Harold Kreis schien völlig überfordert, die NHL-Spieler einerseits und die DEL-Profis andrerseits zusammenzubringen. Misstöne waren zu hören, Beschwerden über zu viel Eiszeit der NHL-Stars und die Begründung des Sportdirektors, die besten müssten halt länger spielen. Mag richtig sein, aber am Ende wirkte gerade ein Draisaitl völlig überspielt, auch weil er als klar bester Spieler ständiger Attacken der gegnerischen Verteidigungen ausgesetzt war.
Eis durch und durch missglücktes Turnier also: auch weil die Deutschen plötzlich glaubten, mitspielen zu müssen. Nicht mehr das Verteidigen war im Fokus, sondern das schöne Spiel, das andere Nationen aber so viel besser beherrschen. Noch nicht mal der vermeintlich einfachere Gegner Slowakei (im Gegensatz zu Kanada und USA nur ein Leichtgewicht) verhalf zu jener Euphorie, die etwa das Sensationssilber von Pyeonchang (und fast das Gold, seufz) möglich gemacht hatte.

So blieb das erhoffte Halbfinale Utopie. Dort treffen Kanada auf Finnland (beide jeweils erst nach Verlängerung siegreich über Tschechien respektive Schweiz) und die Slowakei auf die USA (3:2 n. V. gegen Schweden).

 

Mit purer Willenskraft zu Langlauf-Bronze

 

Coletta Rydzek hatte bei ihrer Schlussrunde im Langlauf-Teamssprint genau ein Ziel. Wenigstens die norwegische Kontrahentin Julie Bjervig Drivenes hinter sich lassen und Bronze sichern hinter den enteilten Schwedinnen und, ich staunte, Schweizerinnen. Auf der Zielgeraden mobilisierte sie alle Kräfte („Ich kann unglaubliche Gewichte stemmen“), und am Ende hatte sie mit ihrer  Kollegin Laura Gimmler doch noch die erhoffte Langlauf-Medaille fürs deutsche Team gesichert. Einer der sich am Pistenrand die Kehle heiser schrie, war ihr Bruder Johannes Rydzek, der tags darauf für die deutschen Kombinierer für den Team-Wettbewerb gemeldet war (nach Redaktionsschluss).

Bei den Männern siegte Norwegen, und Schlussläufer Johannes Klaebo holte sein insgesamt 10. Olympia-Gold. Sonderlich anzustrengt schienen er und sein Partner Einar Hedegart nicht zu haben, um die USA und Italien zu distanzieren.